Stein­zei­t­is­lam? Die Taliban als neu­zeit­li­ches Phänomen

Taliban in Kabul, August 2021, Foto: Voice of America News, Public domain, via Wiki­me­dia Commons

Die Taliban sind eine typisch neu­zeit­li­che, puri­ta­ni­sche Erwe­ckungs­be­we­gung, sagt der Islam­wis­sen­schaft­ler Prof. Dr. Rein­hard Schulze von der Uni­ver­si­tät Bern. Mit Mit­tel­al­ter oder Tra­di­tion habe das weniger zu tun. Viel­mehr ent­stamm­ten sie einer Gegen­be­we­gung, die auf gesell­schaft­li­che Säku­la­ri­sie­rungs­pro­zesse in Süd­asien reagierte. Die Taliban hätten zudem ein mas­si­ves Legi­ti­ma­ti­ons­pro­blem und drohten, an sich selbst zu scheitern.

Geg­ner­ana­lyse: Die Macht­über­nahme der Taliban wurde als Rück­kehr des Stein­zei­t­is­lam bezeich­net. Sie hin­ge­gen beschrei­ben die Taliban als Anhän­ger einer „neu­zeit­li­chen puri­ta­ni­schen Ortho­do­xie“. Was ist so neu­zeit­lich an den Taliban?

Prof. Dr. Rein­hard Schulze: Da wäre zuerst der his­to­ri­sche Aspekt: Die in Indien ent­stan­dene Deoband-Tra­di­tion und ihre Vor­läu­fer, auf die sich die Taliban berufen, gehen auf das 18. und 19. Jahr­hun­derts zurück. Das ist zwei­fel­los der Zeit­raum, den wir als neu­zeit­lich deuten und inter­pre­tie­ren würden.

Der zweite Aspekt betrifft die Qua­li­tät, also was als neu­zeit­lich im Unter­schied zu mit­tel­al­ter­lich oder gar antik gelten kann. Sie zeigt sich nicht nur auf kon­zep­tu­el­ler Ebene, die christ­li­che Ortho­do­xien mit denen des Islam in dieser Zeit ver­bin­det, sondern auch in den Par­al­le­len zu ähn­li­chen Erwe­ckungs­be­we­gun­gen etwa in Amerika oder in England in der Zeit des Great Awa­ke­n­ing.

Das heißt, im Kontext der Neuzeit ent­ste­hen in Europa und Amerika aber auch im Nahen Osten und in Ländern wie Indien solche Erwe­ckungs­be­we­gun­gen, die spe­zi­fisch auf die neu­zeit­li­chen Bedin­gun­gen reagier­ten und nicht etwa auf antike oder mit­tel­al­ter­li­che Traditionen.

Geg­ner­ana­lyse: Und da würden Sie auch den Wah­ha­bis­mus einordnen?

Schulze: Unbe­dingt, den Wah­ha­bis­mus sogar noch viel deut­li­cher als die Tra­di­tion indisch-mus­li­mi­scher Puri­ta­ner, die sich dann später in der soge­nann­ten Deoband-Tra­di­tion zusam­men­ge­schlos­sen haben. Das allein schon deshalb, weil der Grün­dungs­va­ter des Wah­ha­bis­mus, Muham­mad ibn ʿAbd al-Wahhāb, genau die­sel­ben Lebens­zei­ten hat, wie John Wesley, der Begrün­der der Metho­dis­ten in Amerika: 1703 bis 1791. Wir haben hier nicht nur eine bio­gra­fi­sche Par­al­lele, sondern auch eine gewisse inhalt­li­che, was die Mis­si­ons­aspekte, die spi­ri­tu­elle Haltung und einen Sit­ten­ko­dex anbe­trifft. Wir haben es offen­sicht­lich in der Neuzeit mit einer Trans­for­ma­tion des Reli­giö­sen zu tun, und zwar im Kontext einer Gesell­schaft, die sich sehr stark in die Rich­tung, in der wir heute leben, veränderte.

Geg­ner­ana­lyse: Geht es um die Säkularisierung?

Schulze: Das sind Säku­la­ri­sie­rungs­pro­zesse, die aber nicht so pro­gram­ma­tisch abge­lau­fen sind, wie wir das aus Europa mit dem Auf­kom­men der Auf­klä­rung und Ähn­li­chem kennen. Die Säku­la­ri­sie­rung vollzog sind in vielen Teilen der mus­li­mi­schen Welt eher als Prozess sozia­ler Dif­fe­ren­zie­rung, indem sowohl in den Lebens­wel­ten wie in den Vor­stel­lungs­wel­ten zwi­schen welt­li­cher und reli­giö­ser Sphäre fun­da­men­tal unter­schie­den wurde. Das heißt, man erkannte die Auto­no­mie der Welt und der Gesell­schaft gegen­über der Auto­no­mie der Reli­gion an. Das ist seit dem 16./17. Jahr­hun­dert, also in der Neuzeit, ein welt­um­span­nen­der Prozess gewesen. Und dieser neu­zeit­li­che Prozess hat dann eine Art von Gegen­neu­zeit pro­vo­ziert. Diese Gegen­neu­zeit behaup­tete genau die Auf­he­bung dieser Dif­fe­renz. Dies ist der Kern des Puri­ta­nis­mus. Wenn die Puri­ta­ner sagten, dass diese Dif­fe­renz keine Gül­tig­keit habe, zeigt dies, dass es sehr viele Leute und Gruppen gegeben hat, die für die diese Dif­fe­renz von Reli­gion und Welt die Lebens­ord­nung darstellte.

Geg­ner­ana­lyse: Muss man sich also auch die mus­li­mi­sche Welt im 18. Jahr­hun­dert so vor­stel­len, dass es damals für große Teile der Gesell­schaft eine Tren­nung zwi­schen welt­li­cher und reli­giö­ser Sphäre gab?

Schulze: Dafür gibt es sehr viele Hin­weise. Die Rol­len­ver­tei­lung von Reli­gion und welt­li­cher Herr­schafts­ord­nung war ziem­lich klar defi­niert. Man findet sie in ver­schie­de­ner Hin­sicht abge­bil­det, etwa durch die Unter­schei­dung von reli­giö­sem und welt­li­chem Wissen in der Öffent­lich­keit, durch die Unter­schei­dung von Herr­schafts­recht und reli­giö­ser Rechts­über­lie­fe­rung und durch die Rechts­ord­nung ins­ge­samt. Ein Indi­ka­tor dafür ist, dass Gruppen wie die Wah­ha­bi­ten oder die Ahl‑i Hadith, die „Tra­di­tio­na­lis­ten“, die Ahnen der spä­te­ren Deo­ban­dis und dann der Tali­bani, im Grunde auf diese Dif­fe­renz reagier­ten. Das heißt also, ihre Inter­pre­ta­tion des Islam, ihre puri­ta­ni­sche Ortho­do­xie ist kein Wie­der­be­le­ben einer alten Tra­di­tion, sondern die Reak­tion auf neu­zeit­li­che Inter­pre­ta­tio­nen und Zuord­nun­gen des Religiösen.

Geg­ner­ana­lyse: Ist die von den Puri­ta­nern pro­pa­gierte Rück­kehr zu den Ursprün­gen also eine ima­gi­nierte Ver­gan­gen­heit, die es so nie gegeben hat?

Schulze: Sie würden nie mit dem Begriff der Ver­gan­gen­heit ope­rie­ren, sondern immer mit dem Abs­trak­tum Islam oder gött­li­che Ordnung und sagen: Wir ori­en­tie­ren uns an dieser gött­li­chen Ordnung, wir haben sie durch unsere Erwe­ckungs­be­we­gung in unserer Tra­di­tion wie­der­ge­fun­den. Es sei der eigent­li­che Auftrag des Men­schen, in eben solch einer Ordnung zu leben. Die Ver­gan­gen­heit gilt ihnen nur als Abir­rung von dieser eigent­li­chen und ursprüng­li­chen Ordnung. Und es sind diese Eigent­lich­keit, diese Wesent­lich­keit, diese Ursprüng­lich­keit, also diese Per­spek­tive auf die Reli­gion, die dem Puri­ta­nis­mus ein sehr neu­zeit­li­ches Gepräge geben. Hier ähneln sich isla­mi­sche Puri­ta­ner und die eng­li­schen Puri­ta­ner im 17. Jahr­hun­dert, die zum Namens­ge­ber dieser Neu­aus­rich­tung der reli­giö­sen Welten wurden.

Geg­ner­ana­lyse: Ist der qua­li­ta­tive Unter­schied, dass es den Puri­ta­nern um Nor­men­be­fol­gung und nicht länger um Aus­le­gung reli­giö­ser Normen geht?

Schulze: Genau. Sie gründen ihre Normen nicht mehr auf einer Rechts­ab­lei­tung. Statt­des­sen for­mu­lie­ren sie die Normen als Ergeb­nis einer stren­gen Kasu­is­tik, in der fest­ge­legt wird, dass auf­grund der Ver­all­ge­mei­ne­rung einer Aussage aus der Pro­phe­ten­tra­di­tion ein bestimm­tes Gebot oder Verbot besteht. So hieß es bei den Taliban 1996, dass es fortan nicht mehr erlaubt sei, öffent­lich Musik zu hören. Diese Norm wurde nicht aus einer anderen bestehen­den Setzung abge­lei­tet, sondern als Erfül­lung einer in einer Pro­phe­ten­tra­di­tion aus­ge­drück­ten Norm.

In der Kasu­is­tik der Puri­ta­ner fallen mora­li­sche, sitt­li­che Ordnung und recht­li­che Ordnung zusam­men. Die Tren­nung von Moral und Recht, die im alten klas­si­schen isla­mi­schen Recht fun­da­men­tal war, wird auf­ge­ho­ben zuguns­ten einer nor­ma­ti­ven Aussage, in der das mora­lisch Gute mit dem Rechts­gül­ti­gem gleich­ge­setzt wird. Während in der klas­si­schen Rechts­ord­nung es als rechts­gül­tig ange­se­hen wird, wenn eine nicht­mus­li­mi­sche Amme ein mus­li­mi­sches Kind stillte, meinen die Puri­ta­ner, dies sei nicht recht­mä­ßig, weil es unmo­ra­lisch sei. Die­je­ni­gen, die sich diese Moral zu eigen machen, sehen sich deshalb berufen, selbst die Exe­ku­tive dieser Moral zu sein. Das heißt, sie können sie for­mu­lie­ren und auch durch­set­zen. Und wenn sie zum Bei­spiel beob­ach­ten, dass jemand im Café ein Bier trinkt, dann sehen sie sich unter Umstän­den legi­ti­miert ein­zu­schrei­ten und das Glas Bier umzustoßen.

Geg­ner­ana­lyse: Das klingt sehr nach einer wört­li­chen Aus­le­gung reli­giö­ser Quellen. Aber da gibt es ja durch­aus auch wider­sprüch­li­che Aussagen.

Schulze: Sie benut­zen vor allem die Pro­phe­ten­tra­di­tion, aus der eine Viel­zahl von ein­zel­nen Hand­lungs­vor­bil­der für das Indi­vi­duum gewon­nen werden. Es handelt sich um eine kom­plexe Samm­lung mit ins­ge­samt etwa 600.000 auf den Pro­phe­ten bezo­ge­nen Ein­zel­aus­sa­gen, die dann auf ihre Authen­ti­zi­tät hin geprüft wurden, so dass noch etwa 6.000 oder 14.000 als auto­ri­ta­tiv erach­tete Tra­di­tio­nen ver­blie­ben. Sie bilden keine geschlos­sene Menge, so dass sich jeder theo­re­tisch seine eigene Welt aus der Pro­phe­ten­tra­di­tion zusam­men­zim­mern könnte, wie er oder sie es braucht. Von daher gibt es da keinen nor­ma­ti­ven Kanon, aber auch keine ein­deu­tig isla­misch recht­fer­tigte Ordnung. Die Tra­di­tio­nen können genauso gut genutzt werden, um Demo­kra­tie, Libe­ra­lis­mus und viele andere Ordnung durch einen mora­li­schen Bezug auf die Pro­phe­ten­tra­di­tion zu rechtfertigen.

Geg­ner­ana­lyse: Wie sind Fotos aus den 60er Jahren in Kabul zu bewer­ten, die unver­schlei­erte Frauen in Parks in kür­ze­ren Klei­dern zeigen? War das Land damals auf dem Weg in die Moderne mit einem halb­wegs demo­kra­ti­schen System und ist der Isla­mis­mus erst später gewachsen?

Schulze: Die Antwort hängt davon ab, was wir unter Moderne ver­ste­hen. Das spie­gelt sich auch in unserer Vor­stel­lungs­welt wider, wenn wir Frauen, die im Park in Kabul her­um­ge­lau­fen sind, mit moder­ner Klei­dung sehen. Das ist unser Bild von Moder­ni­tät, eine urbane, städ­ti­sche Moder­ni­tät. Das ist unsere Vor­stel­lung von Stadt, und die Stadt­kul­tur ist der Rahmen, in dem sich dann die Moderne ent­fal­tet und voll­zie­hen soll: Öffent­lich­keit, Parks und alles was dazu­ge­hört. Aber das ist nur eine Form von Modernität.

Es gibt auch noch eine andere Form von Moder­ni­tät, die eher in den Pro­vinz­städ­ten, auf dem Land, unter bestimm­ten sozia­len Gemein­schaf­ten und Gruppen möglich gewesen ist, die gar nicht diesen sym­bo­li­schen Raum belegt haben, den sich diese Städter so gern zu eigen gemacht haben.

Der städ­ti­sche urbane Raum war in Afgha­ni­stan immer recht klein. Er expan­dierte in den 60er Jahren auf­grund auch eines sozia­len Wandels und des Bevöl­ke­rungs­wachs­tums. Die Städte wuchsen und durch die Land­flucht bil­de­ten sich neue sub­ur­bane Räume. Mit der Expan­sion der Städte ent­stand eine Vor­stel­lung, dass diese urbane Moder­ni­tät, der urbane Raum, reprä­sen­ta­tiv sei für Afgha­ni­stan. Die Städter dachten sich Afgha­ni­stan wie eine große Stadt. Das war sicher die große Lüge, weil man immer nur die Per­spek­tive der urbanen Hand­lungs­trä­ger ein­ge­nom­men hat.

Die Städter sahen sich darüber hinaus als Reprä­sen­tan­ten der Nation und deu­te­ten die Nation im Grunde als ein Abbild ihrer urbanen Lebens­wel­ten. Da haben schon Ende der 60er Jahre die­je­ni­gen, die vom Land in die Stadt gekom­men sind, nicht mit­hal­ten können. Weil ihnen der soziale Auf­stieg ver­sperrt war, haben sie ver­sucht, Gegen­wel­ten auf­zu­bauen – zuerst auf­grund ihrer Her­kunft. Dann haben sie sich von ihrer Her­kunft gelöst, konnten aber doch nicht in die neueren Räume ein­stei­gen. Dieses Schei­tern meinten sie, mit Islam zu recht­fer­ti­gen. Es war ein Islam der städ­ti­schen Neu­sied­ler, die nicht in die Pri­vi­le­gien­ord­nung der Stadt auf­stei­gen konnten. Es bil­de­ten sich erste isla­mi­schen Stu­di­en­grup­pen. Mit­be­grün­der war zum Bei­spiel Bur­ha­nud­din Rabbani, der die Idee der Mus­lim­brü­der in Kabul ver­brei­ten wollte, und Gul­bud­din Hek­mat­yar, der später die äußerst mili­tante „Isla­mi­sche Gemein­schaft“ anfüh­ren sollte.

Diese Isla­mis­ten haben genauso eine Moder­ni­tät ver­tre­ten, aber es han­delte sich eben um eine isla­misch aus­for­mu­lierte Moder­ni­tät. Und über diese Form von urbanem Lebens­raum und urbaner Lebens­in­ter­pre­ta­tion kamen dann immer mehr isla­mi­sche Themen und vor allem pasch­tu­ni­sche Themen in die Debatte rein.

In den 70er Jahren erleben wir dann, wie der urbane Raum einen expli­zi­ten Macht­an­spruch über das Land erhebt, indem er sich zur Repu­blik erklärte. Der afgha­ni­sche König stammte theo­re­tisch noch vom Land. Er war ein Durrani, der vom Land gekom­men ist, und der die Gesamt­heit, also die Nation als Einheit von Stadt und Land reprä­sen­tierte. Doch wurde er 1973 von seinem Vetter Moham­med Daoud Khan gestürzt, der die Repu­blik ausrief. Er for­mu­lierte damit den Anspruch, dass jetzt die Stadt über das Land herrscht. Es folgte die Revolte des Landes. Mit der Revo­lu­tion von 1978, durch den der Staat ideo­lo­gisch als „sozia­lis­tisch“ begrün­det wurde, radi­ka­li­sierte sich der Konflikt.

In den 70er Jahren bil­de­ten sich die ersten For­ma­tio­nen, die das Land als Gegen­welt zur Repu­blik der Stadt mobi­li­sierte. Das war zunächst von den ein­zel­nen Ethnien zwar unab­hän­gig, doch bildete sich der Wider­stand vor allem im pasch­tu­ni­schen Milieu. Und daraus baute sich ein Anti­ur­ba­nis­mus auf, der sich in den 70er Jahren immer mehr isla­mi­siert, weil der Islam als Vor­stel­lungs­raum den länd­li­chen Raum am besten zu reprä­sen­tie­ren schien, als Gegen­welt zu den säku­la­ren Städ­tern, die ihnen als Aposta­ten – vom Glauben Abge­fal­lene – gelten.

Geg­ner­ana­lyse: Ist der Begriff „Stam­mes­ge­sell­schaft“ hierbei hilfreich?

Schulze: Jein. Es gibt zwar etwas wie ein „stamm­li­ches Bewusst­sein“, das heute in der Öffent­lich­keit domi­niert. Aber das ist kein ursprüng­li­cher Zustand der isla­mi­schen Gesell­schaft, sondern ein Prozess, der sich im 19. und 20. Jahr­hun­dert ent­fal­tet hat. Es haben sich immer größere Ver­wandt­schafts­bünde her­aus­kris­tal­li­siert, die dann zu einer Kol­lek­ti­vi­den­ti­tät namens Pasch­tu­nen, Tadschi­ken, Usbeken usw. geführt haben. Was wir heute als Stam­mes­ge­sell­schaf­ten deuten, ist eigent­lich ein Produkt einer Sozi­al­ge­schichte der Moderne.

Geg­ner­ana­lyse: Gibt es eine Tendenz in dem Gegen­satz zwi­schen Stadt und Land?

Schulze: In den letzten zehn Jahren hat der urbane Raum deut­lich an Bedeu­tung gewon­nen. Der soziale Wandel war so stark, dass er eine Auf­wer­tung des urbanen Raums ermög­lichte. Man sieht das an der Zunahme der Frauen in Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­sen. Vor zehn Jahren waren sie bei unge­fähr zwölf Prozent, heute sind 22 Prozent in ganz Afgha­ni­stan beruf­lich aktiv. Das deutet darauf hin, dass der urbane Raum expandierte.

Weil mit dieser Expan­sion die Ent­wick­lung des Landes ver­nach­läs­sigt wurde, hat sich die Anti­pa­thie des Landes gegen die Stadt ver­stärkt. Der Sie­ges­zug der Taliban in Kabul, in Dscha­lal­abad und anderen Städten ist eher auf das Konto der­je­ni­gen zu buchen, die vom Land gekom­men sind. Die Haqqani-Truppe der Taliban ist so eine typi­sche Land­truppe, während die andere Gruppe, die Kan­da­har-Gruppe, noch der Nobi­li­tät ange­hört, die unter den Pasch­tu­nen eine Rolle spielt.

Geg­ner­ana­lyse: Können Sie den Begriff „Nobi­li­tät“ erklären?

Schulze: Die pasch­tu­ni­sche Gesell­schaft, die heute exis­tie­rende Stam­mes­ge­sell­schaft, ordnet sich nach sozia­lem Pres­tige. Je nachdem wie tief die Genea­lo­gien reichen, haben sie eine höhere Stel­lung in der Gesell­schaft. Und ganz oben stehen seit dem 18. Jahr­hun­dert die Durrani. Sie haben das Königs­haus gestellt, sie stell­ten mit Karsai und anderen immer die Chefs der Regie­rung. Das waren die halb ver­städ­ter­ten Leute vom Land. „Adel“ wäre eine, wenn auch schlechte Über­set­zung dafür, was im Paschtu als Nobi­li­tät bezeich­net wird. Jetzt gibt es einen Kon­flikt zwi­schen den Taliban, die vom Land kommen, und denen, die sich eher auf die Durrani-Abstam­mung beziehen.

Geg­ner­ana­lyse: Konnten die Taliban die Macht so schnell ergrei­fen, weil sie das reprä­sen­tie­ren, was die Afgha­nen eigent­lich gerne wollen?

Schulze: Über­haupt nicht. Ihre Legi­ti­ma­ti­ons­be­haup­tung beruhte darauf, dass ihre puri­ta­ni­sche Ortho­do­xie die alten Sit­ten­ord­nun­gen, die die Stämme für sich in Anspruch nahmen und die maß­geb­lich ihre Kol­lek­ti­v­i­dee bestimm­ten, wie­der­her­zu­stel­len und zu sichern schien. Diese Sit­ten­ord­nun­gen oder Sit­ten­ge­setze waren durch die langen Kriegs­jahre so zer­rüt­tet, dass sie den sozia­len Zusam­men­hang nicht mehr garan­tie­ren konnten. Der Islam der Taliban ver­sprach hier eine Restau­ra­tion der alten Ordnung, doch für viele Gemein­schaf­ten erwies sich dies als eine trü­ge­ri­sche Hoff­nung. Die Taliban aber brau­chen not­wen­dig die Zustim­mung zu ihrem isla­mi­schen Projekt.

Geg­ner­ana­lyse: Sie haben eher ein Legitimationsproblem?

Schulze: Sie haben ein rie­si­ges Legi­ti­ma­ti­ons­pro­blem und daran werden sie ver­mut­lich auch scheitern.

Geg­ner­ana­lyse: Das Taliban-Emirat hat eine ganze Reihe von Gegnern inner­halb Afgha­ni­stans. Ist damit zu rechnen, dass sie sich lange an der Macht halten können?

Schulze: Dafür müssten sie eine Politik ent­wi­ckeln, die geeig­net ist, im Land selbst hin­rei­chend Legi­ti­mi­tät zu schaf­fen. Jetzt ver­la­gern sie das Legi­ti­mi­täts­pro­blem nach außen, in dem sie sagen, Länder wie Usbe­ki­stan, China, Indo­ne­sien, Türkei, Iran erken­nen die Regie­rung in Kabul an. Und irgend­wann, so sagen sich viele Taliban-Führer, ent­steht hier­durch von außen hin­rei­chend Legi­ti­mi­tät für die poli­ti­sche Führung in Kabul, so dass das Volk allein deshalb schon gehor­sam wird, weil genü­gend aus­wär­tige Legi­ti­mi­tät exis­tiert. So ihre Idee.

Aber das wird wahr­schein­lich so nicht klappen, weil die inter­nen Wider­sprü­che, die Geg­ner­schaf­ten in der afgha­ni­schen Gesell­schaft so komplex und viel­fäl­tig sind, dass die Taliban eigent­lich dafür Sorge tragen müssten, durch ein geeig­ne­tes Reprä­sen­ta­ti­ons­sys­tem genü­gend Formen von Legi­ti­mi­tät im Land zu schaf­fen. Und da haben sie bisher im Großen und Ganzen versagt. Als Kriegs­par­tei konnten sie das Ganze bisher nur aufs Kriegs­ge­sche­hen aus­rich­ten. Und wenn jetzt der Krieg endet, müssen sie irgend­eine Raison schaf­fen, warum sie über­haupt da sind. Da genügen Islam und das alte pasch­tu­ni­sche Ideal einer Sit­ten­ord­nung nicht mehr, weil diese Sit­ten­ord­nung das Ganze nicht mehr trägt.

Einige dis­ku­tie­ren schon jetzt, ob sie dem ira­ni­schen Modell folgen sollen und eine Art von bipo­la­rer Ordnung auf­bauen, also das Emirat als reli­giös-mora­li­sche Auf­sichts­be­hörde der Regie­rung als Exe­ku­tive gegen­über­stel­len bezie­hungs­weise über­ord­nen. Oder sie werden ver­su­chen, eine insti­tu­tio­nelle Inno­va­tion im Land durch­zu­set­zen, wenn es ihnen denn gelingt, ihre inter­nen Wider­sprü­che irgend­wie zu über­win­den. Ich glaube, sie werden letzt­end­lich an sich selbst scheitern.

Geg­ner­ana­lyse: Wie groß sind die Wider­sprü­che inner­halb der Taliban zwi­schen der Kan­da­har- und der Haqqani-Fraktion?

Schulze: Selbst in den pasch­tu­ni­schen Pro-Taliban-Infor­ma­tio­nen zu dem Kon­flikt ent­steht der Ein­druck, dass es sich hierbei um einen sehr tief­ge­hen­den Meh­re­be­nen­kon­flikt handelt. Man wird nicht, wie die USA sich das vor­stel­len, die Haq­qa­nis sozu­sa­gen als Ter­ro­ris­ten­ver­band von den Taliban trennen können, um dann mit den „eigent­li­chen“ Taliban agieren zu können. Das wird wahr­schein­lich so nicht funk­tio­nie­ren, weil die Haq­qa­nis über eine Haus­macht ver­fü­gen und eine soziale Macht­stel­lung vor allem unter den sich als deklas­siert füh­len­den Ghilzai-Pasch­tu­nen haben. Sie haben ein bestimm­tes sozia­les Netz, in dem sie erfolg­reich sind und dann auch ihre Macht ent­fal­ten können. Es sind die Haq­qa­nis, die bei­spiels­weise derzeit die Poli­zei­macht in Kabul ausüben. Es wird ein großer Wider­spruch zu den Kan­da­har-Tra­di­tio­na­lis­ten auf­kom­men, die sich viel stärker auf die Ideale der alten Tali­b­an­be­we­gung orientieren.

Geg­ner­ana­lyse: Den Taliban wird unter­stellt, dass sie keine inter­na­tio­nale isla­mi­ti­sche Agenda betrei­ben würden. Aller­dings wurde den Haq­qa­nis in der Ver­gan­gen­heit enge Ver­bin­dun­gen zu Al-Qaida nach­ge­sagt. Besteht mit der Macht­be­tei­li­gung der Haq­qa­nis die Gefahr, dass von Afgha­ni­stan wieder isla­mis­ti­scher Terror expor­tiert wird?

Schulze: Die Agenda der Haqqani wird eher sein, sich von der Ober­ho­heit Paki­stans zu lösen. Das ist wahr­schein­lich deren Haupt­an­lie­gen. Das heißt, wenn es einen Export ihrer Akti­vi­tä­ten gibt, dann richtet sich dieser eher in Rich­tung Paki­stan. Und das es ist ja, was die paki­sta­ni­schen Behör­den im Moment sehr befürchten.

Al-Qaida selbst sind nicht mehr viele Leute. Die UNO schätzt sie auf noch maximal 500 bis 2000 Leute. Das sind also keine starken Truppen mehr. Von daher würde ich ver­mu­ten, dass dort keine stra­te­gi­sche Aus­rich­tung auf Ter­ror­ex­port in Rich­tung Westen stattfindet.

Hin­ge­gen gibt es immer noch genü­gend Roman­ti­ker in der west­li­chen Welt, die sich durch diese Ermäch­ti­gung der Taliban ihre eigene Islam­fan­ta­sie zurecht­le­gen und sich dann ermäch­tigt sehen, die „Got­tes­feinde“ direkt in der Welt, in der sie leben, anzu­grei­fen. Aber das wird nicht mehr als eine Art Befehls­kette aus Afgha­ni­stan anzu­se­hen sein, sondern als eine Form von Selbst­er­mäch­ti­gung, die hier in den Kon­tex­ten der euro­päi­schen Gesell­schaf­ten entsteht.

Geg­ner­ana­lyse: Sind ISIS‑K eine rele­vante Größe in Afgha­ni­stan oder war der Anschlag am Flug­ha­fen ein Zufalls­er­folg? Muss man mit denen rechnen?

Schulze: Auf jeden Fall. Sie sind jeden­falls für die afgha­ni­sche Situa­tion rele­vant. Das wissen die Taliban sehr genau. Der IS ist ihr Haupt­feind Nummer eins, gar nicht so sehr die afgha­ni­sche Wider­stands­front. Es sind diese ultra­re­li­giö­sen Ver­bände, die in Ost­af­gha­ni­stan soziale Nischen gefun­den haben. Und weil sie – diese Ultra­re­li­giö­sen – eine so starke Anti­these zu den Taliban auf­ge­baut haben, und auch unter den Leuten, die von außen aus Usbe­ki­stan oder Tadschi­ki­stan kommen, ein attrak­ti­ves Nest, eine Nische anbie­ten, stellen sie als trans­na­tio­nal agie­ren­der Verband für Taliban eine Gefahr dar. Wenn dort die Aus­ein­an­der­set­zung zunimmt, haben wir Ver­hält­nisse wie in Syrien. Dann könnte es durch­aus pas­sie­ren, dass wieder in Europa rekru­tiert wird, jetzt nach Wasi­ris­tan zu gehen und dort im Namen des Isla­mi­schen Staates den Kampf gegen die Taliban auf­zu­neh­men. Und dann könnte es zu einer Wie­der­ho­lung der Situa­tion von 2015, 2016 kommen.

Geg­ner­ana­lyse: Ist die Anti­these gegen­über den Taliban, dass diese zu lasch seien?

Schulze: Aus der Sicht des Isla­mi­schen Staats sind das Abtrün­nige, Aposta­ten, Ungläu­bige und ganz fürch­ter­li­che Men­schen. Sie haben eine völlig andere Isla­min­ter­pre­ta­tion als die Taliban und diese voll­kom­mene, fun­da­men­tale Dif­fe­renz drückt sich eben darin aus, dass sie die Taliban direkt als Got­tes­feinde angrei­fen und umzu­brin­gen versuchen.

Geg­ner­ana­lyse: Steht Paki­stan der Kan­da­har-Frak­tion der Taliban poli­tisch am nächsten?

Schulze: Paki­stans Spiel ist undurch­sich­tig. Zum einen wird der Regie­rung ein enger Kontakt zu den Kan­da­har-Tra­di­tio­na­lis­ten nach­ge­sagt, zum anderen scheint aber der paki­sta­ni­schen mili­tä­ri­sche Geheim­dienst ISI mit den Haq­qa­nis zu koope­rie­ren. Hier ist viel im Fluss. Die jüngs­ten Ereig­nisse deuten darauf hin, dass Paki­stan auf Distanz zu den Kan­da­ha­ris geht.

Geg­ner­ana­lyse: Kann also Paki­stan mit der aktu­el­len Situa­tion zufrie­den sein, weil sie mit der Macht­er­grei­fung der Taliban ihr Ziel erreicht haben?

Schulze: Ähnlich wie die Türkei in Syrien ver­sucht auch Paki­stan eine Auf­sichts­macht über die Gruppen im Nach­bar­land Afgha­ni­stan dar­zu­stel­len. Warum? Ähnlich wie in der Türkei besteht die Gefahr, dass die Pasch­tu­nen anfan­gen, ihren Natio­na­lis­mus so zu eth­ni­sie­ren, dass er sich auch gegen Paki­stan richtet. Die Pasch­tu­nen leben bei­der­seits der Grenze. Es ist für Paki­stan der größte Alp­traum, dass die 1893 gezo­gene Durand-Grenz­li­nie zwi­schen beiden Ländern irgend­wann in Frage gestellt wird. Von daher müssen sie Kon­trolle über Afgha­ni­stan ausüben, um auch im eigenen Haus Ruhe zu haben. Das erklärt, warum die Gegner Paki­stans in Afgha­ni­stan die Paki­stani als Punjabi inter­pre­tie­ren. Diese Gegner gibt es auch unter denn Pasch­tu­nen, die nun vehe­ment für ein Pasch­tu­ni­stan als neuen Staat werben; dieser könne getrost auf den Norden Afgha­ni­stans ver­zich­ten und brauche die Tadschi­ken und Usbeken nicht mehr. Das ist genau das, was Paki­stan befürch­tet. Und da Indien dieses Feuer in Afgha­ni­stan schürt, fühlen sich die Paki­sta­nis der­ma­ßen ein­ge­zwängt, dass sie ver­su­chen, in Afgha­ni­stan eine Art von Pro­tek­to­rats­macht aufzubauen.

Das alles wird noch kom­pli­zier­ter, sollten Iran oder Russ­land ver­su­chen, eine ähn­li­che Posi­tion auf­zu­bauen, wie sie in Syrien oder Jemen exis­tiert. Wenn sich die Revo­lu­ti­ons­gar­den ent­schei­den, dass sie die tadschi­ki­sche Natio­nale Wider­stands­front in Afgha­ni­stan unter­stüt­zen müssen und viel­leicht sogar eigene Ver­bände wie die von ihnen aus­ge­bil­de­ten Fatemi­youn-Bri­ga­den, die noch in Syrien sta­tio­niert sind, dorthin ent­sen­den, dann haben wir genau die­selbe Situa­tion, wie wir es jetzt in Syrien, im Irak oder in Jemen haben.

Geg­ner­ana­lyse: Warum sollte auch Russ­land die schii­ti­schen Kräfte in Afgha­ni­stan unterstützen?

Schulze: Erstens haben sie schon lange die Allianz mit Iran auf­ge­baut. Und zwei­tens ver­sucht Russ­land auf diese Art und Weise sowohl die Ver­bin­dung zwi­schen den Taliban und China zu tor­pe­die­ren als auch klar­zu­ma­chen, wer eigent­lich in Zen­tral­asien in diesem neuen Great Game das Sagen hat.


Prof. Dr. Rein­hard Schulze ist Direk­tor des Forum Islam und Naher Osten (FINO) an der Uni­ver­si­tät Bern. Er ist sehr aktiv auf Twitter (@SchulzeRein) und kom­men­tiert hier regel­mä­ßig aktu­elle Ent­wick­lun­gen in Afghanistan.

Das Inter­view führte Chris­toph Becker.

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