Ernst Nie­kisch

Preuße und Nationalbolschewist

von Wolf­gang Templin

Sebas­tian Haffner stellte in einer Por­trät­reihe „Preu­ßi­sche Profile“ die dop­pelte Frage, an welcher er seine Zeit­ge­nos­sen schei­tern sah: „Wer war der letzte große Preuße?“ und „Wer war Hitlers wirk­li­cher Gegen­spie­ler?“ Es war für ihn Ernst Nie­kisch, der als Geschei­ter­ter und Ver­ges­se­ner starb. Seine Syn­these von revo­lu­tio­nä­rem Sozia­lis­mus und preu­ßi­schem Staats­den­ken sei ein­ma­lig gewesen. Dazu habe er als her­aus­ra­gen­der Stilist ein „kleis­ti­sches Deutsch“ geschrie­ben, wohl das groß­ar­tigste Deutsch in diesem Jahr­hun­dert. (1)
In lexi­ka­li­schen Ein­trä­gen der frühen DDR, die um Sti­lis­tik nicht so sehr bemüht sind, wird Nie­kisch als auf­rech­ter Anti­fa­schist und Ver­tre­ter des pro­gres­si­ven Erbes gewür­digt. Gegen­wär­tig strei­ten Ideen­his­to­ri­ker und Sozio­lo­gen darum, welchen Platz der preu­ßi­sche Natio­nal­bol­sche­wist inner­halb der Prot­ago­nis­ten der Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­tion ein­nimmt. (2)
Neu­rechte Intel­lek­tu­elle sind seit Beginn der sieb­zi­ger Jahre darum bemüht, den, wie Haffner for­mu­liert: „ver­gra­be­nen Schatz, gehütet von einer Hand­voll alter Kampf­ge­fähr­ten und dank­ba­rer Schüler“ für sich zu rekla­mie­ren. Ernst Nie­kisch wird zu einem ihrer poli­ti­schen Vor­bil­der und Vor­den­ker erklärt. Für Björn Höcke und andere Expo­nen­ten des „Flügels“ inner­halb der AfD bis hin zu den rechts­ra­di­ka­len Iden­ti­tä­ren zählen zahl­rei­che seiner Thesen zum festen Kanon ihrer poli­ti­schen Dem­ago­gie. In der „Blauen Nar­zisse“, einer an junge Leser gerich­te­ten rechten Zeit­schrift aus Chem­nitz, wird Nie­kisch zum „blinden Seher“ sti­li­siert. (3)
Umge­kehrt griff ein kleiner Teil ursprüng­lich linker Acht­und­sech­zi­ger immer wieder auf die natio­nal­re­vo­lu­tio­näre Fixie­rung von Ernst Nie­kisch zurück. Sie sahen in ihm einen der Ahn­her­ren der natio­na­len Befrei­ungs­be­we­gun­gen der Dritten Welt. Bernd Rabehl, der in den 70er Jahren ein enger Mit­strei­ter Rudi Dutsch­kes war, bezeich­nete Nie­kisch als einen rechten Anti­ka­pi­ta­lis­ten ohne Wurzeln in der Arbei­ter­be­we­gung. Bernd Rabehl rückte später mit rechts­ex­tre­men und völ­kisch-natio­na­lis­ti­schen Posi­tio­nen in die Nähe der NPD.
Alex­an­der Dugin, der Haus­phi­lo­soph Wla­di­mir Putins, nimmt unter anderem Ernst Nie­kisch in Anspruch, wenn er dem Sumpf der euro­pä­isch-west­li­chen Welt die Alter­na­tive einer euro-asia­ti­schen Gemein­schaft gegenüberstellt.
Bei der ver­wir­ren­den Viel­falt und Wider­sprüch­lich­keit all dieser Wür­di­gun­gen, Bezug­nah­men und Ver­ein­nah­mungs­ver­su­che, die sich auf den Men­schen, Poli­ti­ker und Intel­lek­tu­el­len Ernst Nie­kisch richten, hilft der genauere Rück­griff auf seine Bio­gra­fie. Hier lassen sich ent­schei­dende Prä­gun­gen und Erfah­run­gen fest­hal­ten, die sein poli­ti­sches Handeln und intel­lek­tu­el­les Wirken dau­er­haft bestimm­ten. (4)

1. Bio­gra­fi­scher Hintergrund

Ein Preuße in Bayern

Der 1889 gebo­rene Ernst Nie­kisch war knapp zwei Jahre alt, als seine Eltern aus dem schle­si­schen Treb­nitz in das baye­ri­sche Nörd­lin­gen umsie­del­ten. Der Süden Deutsch­lands, Bayern, wurde ihm nie zur Heimat. Er fühlte sich lebens­lang als Preuße. Fami­li­en­ge­schichte, Über­lie­fe­rung und frühe Lektüre spiel­ten hier eine wich­tige Rolle. In der Schul­zeit, beim spä­te­ren kurzen Mili­tär­dienst und während der Leh­rer­aus­bil­dung ließen ihn die Fragen nach der Bedeu­tung und geschicht­li­chen Stel­lung Preu­ßens, dem Platz Preu­ßens in Deutsch­land und Europa nicht los. Ein erstes, lebens­prä­gen­des Motiv wird sicht­bar. Die Bände Leopold von Rankes „Preu­ßi­scher Geschichte“ beglei­te­ten ihn überallhin.

Der Vater, ein Fei­len­hau­er­meis­ter, kämpfte um seinen sozia­len Platz in der von Bauern, Hand­wer­kern und Händ­lern bestimm­ten Klein­stadt. Früh musste er ein­se­hen, dass sein ein­zi­ger Sohn nicht zum Hand­wer­ker taugte. In der Schule war Karl May die heim­li­che Lektüre Nie­kischs, später auf dem kirch­li­chen Leh­rer­se­mi­nar wurde bei ihm ein Band von Fried­rich Nietz­sche konfisziert.

Auf die Vor­hal­tung, dass er mit dieser Lektüre nicht zum Lehrer tauge, merkte er in seiner Auto­bio­gra­phie lako­nisch an: „Das regte mich nicht auf, denn ich teilte diese Meinung“.

Mangels anderer Alter­na­ti­ven nahm er dann doch die Tätig­keit als Lehrer in Kauf. Alles Mili­tä­ri­sche war ihm eher zuwider und er war froh, dass ihn durch eine Augen­schwä­che der Mili­tär­dienst nur für kurze Zeit fest­hielt. Anders als zahl­rei­che seiner Zeit­ge­nos­sen ließ sich Nie­kisch nicht vom patrio­ti­schen Kriegs­rausch anste­cken. Seine Hoch­schät­zung sol­da­ti­scher Tugen­den war von preu­ßi­schem Dienst-Ethos geprägt und hatte nichts mit der ästhe­ti­schen Kriegs­ver­klä­rung des frühen Ernst Jünger zu tun. Der Ver­fas­ser der „Stahl­ge­wit­ter“ rückte für ihn erst wesent­lich später näher. Ab den späten zwan­zi­ger Jahren fühlten sich beide durch ihre Ver­ach­tung und Geg­ner­schaft zu Adolf Hitler ver­bun­den. (5)

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Soziale Frage und Rus­si­che Revolution

Her­kunft und all­täg­li­che Erfah­rung kon­fron­tier­ten Nie­kisch mit sozia­ler Unge­rech­tig­keit und Klas­sen­dün­kel. Als Mit­glied der SPD ab 1917 strebte er einen anderen Weg zur Lösung der sozia­len Frage an, als es der demo­kra­ti­sche Reform­ei­fer zahl­rei­cher sozi­al­de­mo­kra­ti­scher Poli­ti­ker vorsah.

Preu­ßi­sche Geschichte und Tra­di­tion wiesen ihm einen eigenen Weg, der durch den Okto­ber­putsch der Bol­sche­wiki bestärkt wurde. Für ihn war das eine Jahr­hun­dert­re­vo­lu­tion, deren inter­na­tio­nale Aus­strah­lung die Kriegs­nie­der­lage Deutsch­lands besie­geln musste. Die mit dieser Nie­der­lage ver­bun­de­nen Unruhen und Kämpfe ließen für ihn einen Moment lang die Macht auf der Straße liegen. Die Sozi­al­de­mo­kra­ten und Kom­mu­nis­ten Preußen-Deutsch­lands hatten für kurze Zeit die Chance eines his­to­ri­schen Bünd­nis­ses mit den sieg­rei­chen aber vom Westen bedroh­ten Bol­sche­wiki. Deren nach Deutsch­land gesand­ter Emissär Karl Radek suchte immer wieder den Kontakt zu Niekisch.

Der sah sich als Ver­fech­ter preu­ßi­schen Staats­geis­tes, eines fest geglie­der­ten und doch homo­ge­nen Staates, der von arbei­ten­den Schich­ten getra­gen war. Ein Staats­ge­bilde, welches im Gegen­satz zu den liberal, indi­vi­dua­lis­tisch und par­la­men­ta­risch-demo­kra­tisch ver­fass­ten Staaten und Gesell­schaf­ten des Westens stand, konnte auf eine Sym­biose mit seinem öst­li­chen Gegen­über zugehen. Preußen wur­zelte für Nie­kisch his­to­risch im öst­li­chen Teil Europas. Die west­li­che Flanke des zaris­ti­schen Impe­ri­ums, dessen Erbe die Bol­sche­wiki antra­ten, grenzte unmit­tel­bar an. Für ein dazwi­schen lie­gen­des, sou­ve­rä­nes – gar noch west­lich ori­en­tier­tes – Polen blieb hier kein Platz.

Staats­do­mi­nanz und Plan­wirt­schaft – im anti­bür­ger­li­chen Sinne – waren für Nie­kisch und die Bol­sche­wiki die Zau­ber­for­meln zur Lösung der sozia­len Frage. 

Deut­sche Sozi­al­de­mo­kra­ten, aber auch deut­sche Arbei­ter, welche die zeit­wei­lige Räte­herr­schaft und das Bündnis mit den Bol­sche­wiki zuguns­ten einer par­la­men­ta­ri­schen Demo­kra­tie auf­ga­ben, machten für Nie­kisch diese Chance zunichte. Sie lie­fer­ten sich, trotz allen Wider­stan­des gegen den Vertrag von Ver­sailles, den west­li­chen Sie­ger­mäch­ten aus, ver­such­ten deren Staats- und Gesell­schafts­ord­nun­gen zu kopie­ren. In der Bindung an den katho­li­schen und anglo-roma­ni­schen Westen drohten der pro­tes­tan­ti­sche Kern und der eigene euro­päi­sche Macht­an­spruch Preu­ßens unterzugehen.

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Der „Wider­stand“

Alle poli­ti­schen Weg­sta­tio­nen von Ernst Nie­kisch waren in den Fol­ge­jah­ren von dieser Aus­ein­an­der­set­zung geprägt. Seine Akti­vi­tä­ten in der SPD und USPD, die kurz­zei­tige Betei­li­gung an der Münch­ner Räte­re­pu­blik, die darauf fol­gende Fes­tungs­haft, die Arbeit als baye­ri­scher Land­tags­ab­ge­ord­ne­ter und Sekre­tär im Deut­schen Tex­til­ar­bei­ter­ver­band und die Betei­li­gung am Unter­neh­mun­gen natio­na­lis­ti­scher Sozi­al­de­mo­kra­ten, wie dem Hof­geis­ma­rer Kreis, zeugten davon. Seine wich­tigste Aufgabe sah er in der Samm­lung aller natio­na­len Abwehr­kräfte gegen die mit Ver­sailles ver­bun­dene neue euro­päi­sche Ordnung und Politik.
Bereits par­tei­los, kon­zen­trierte sich Ernst Nie­kisch ab 1926 auf die Her­aus­gabe der Zeit­schrift „Wider­stand“. Die Blätter für sozia­lis­ti­sche und natio­nal­re­vo­lu­tio­näre Politik waren ein intel­lek­tu­el­les Dis­kus­si­ons­or­gan, dienten jedoch vor allem der Gewin­nung eigener neuer Anhän­ger, der Bildung poli­ti­scher Kreise, offener und ver­deck­ter Ein­fluss­grup­pen. Wichtig war hier der Inhalt des Widerstandsbegriffs.

Nie­kisch war Realist genug, um nicht aktiven Wider­stand in jeder Form und jedem Moment zu pro­pa­gie­ren. Für ihn war Wider­stand ein Warten in höchs­ter Anspan­nung und stän­di­ger Bereit­schaft hin auf den erneu­ten his­to­ri­schen Moment mit der „Brand­fa­ckel in Bereitschaft“.

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Hitler und die Nazizeit

Ernst Nie­kisch hatte den frühen Hitler auf­merk­sam wahr­ge­nom­men, sich nach 1926 mit „Mein Kampf“ ver­traut gemacht und schätzte dessen Ver­fas­ser als gefähr­lichs­ten Kon­kur­ren­ten und Gegner ein. Was sie trennte, war Hitlers Anti­bol­sche­wis­mus und dessen Bereit­schaft für ein Bündnis mit Schwer­indus­trie, Jun­ker­tum und Teilen der Mili­tär­kaste sowie seinen sozia­len Anspruch und die damit ver­bun­de­nen Kampf­trupps der frühen Jahre zu opfern. Ebenso die Bereit­schaft, den ursprüng­lich anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen und anti­west­li­chen Cha­rak­ter der NSDAP auf­zu­ge­ben. Hitlers tief­sit­zen­der Anti­se­mi­tis­mus und Ras­sis­mus ist so bei Nie­kisch nicht vor­han­den, obwohl sich auch bei ihm immer wieder anti­se­mi­ti­sche und ras­sis­ti­sche Äuße­run­gen finden. (6)

Nach der Macht­er­grei­fung Hitlers ver­wandte Nie­kisch seine gesamte Energie darauf, Gegner der Neuen Ordnung von Links und Rechts zu mobilisieren.

In seinen poli­ti­schen Urtei­len über das NS-Per­so­nal und deren ver­häng­nis­volle Politik war er hart und ein­deu­tig. Für ihn ris­kierte Hitler mit seinem gegen die Sowjet­union gerich­te­ten Kriegs­kurs die Exis­tenz Deutsch­lands. (7)

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In der SED, Rückzug

Kon­takte zu deut­schen Kom­mu­nis­ten seit den zwan­zi­ger Jahren und während der Haft­zeit, stärker noch das Auf­flam­men neuer Hoff­nun­gen, beför­der­ten nach 1945 seinen Weg in die SED und machten ihn für einige Jahre zum anti­fa­schis­ti­schen Aus­hän­ge­schild. Eigen­sinn und die Wei­ge­rung, seinen „natio­nal­re­vo­lu­tio­nä­ren Ver­ir­run­gen“ abzu­schwö­ren, führten in den fünf­zi­ger Jahren nicht zum offenen Bruch mit der SED. Er blieb zunächst deren stilles Mit­glied, legte aber alle Funk­tio­nen nieder und zog sich in seine Wil­mers­dor­fer Wohnung zurück. In den letzten Jahren wurde es still um ihn. Er starb an seinem 78. Geburts­tag am 23. Mai 1967.

2. Poli­ti­sches Wirken

Mehrere zen­trale Momente in Nie­kischs poli­ti­scher und intel­lek­tu­el­ler Arbeit können seine spätere Wirkung und Aktua­li­tät deut­lich machen:

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Preu­ßi­scher Sozialismus

Das Konzept eines Preu­ßi­schen Sozia­lis­mus ent­wi­ckelte Nie­kisch in zahl­rei­chen seiner Werke und Schrif­ten. Wie er die Unter­schiede und Gegen­sätze zu modi­schen „Sozia­lis­men“ sah, die in den Jahren der Wei­ma­rer Repu­blik immer popu­lä­rer wurden, fasste er in einem Abschnitt des ersten Bandes seiner Auto­bio­gra­phie zusam­men. (8) Hier machte er es sich zu einfach, wenn er die bür­ger­li­che Intel­li­genz im Dienste der Groß­bour­geoi­sie zur Beschwich­ti­gung und Irre­füh­rung am Werke sah. Auf­ge­zählte Werke und Per­so­nen helfen jedoch beim bes­se­ren Ver­ständ­nis von Gemein­sam­kei­ten und Unter­schie­den in den jewei­li­gen Sozialismusvorstellungen.

Mit Oswald Speng­ler zog er einen Autor heran, dessen his­to­rio­gra­phi­schem Monu­men­tal­werk „Der Unter­gang des Abend­lan­des“ (9) er selbst sehr viel ver­dankte. Mit seiner Schrift „Preu­ßen­tum und Sozia­lis­mus“ begab sich jedoch Speng­ler auf Nie­kischs urei­gens­tes Terrain. Beide einte die Ver­bin­dung von Preu­ßen­tum und Sozia­lis­mus, bei der sich Speng­ler jedoch viel bür­ger­nä­her zeigte, als dies Nie­kisch akzep­tie­ren konnte. Speng­ler machte den preu­ßi­schen Büro­kra­ten zum sozia­lis­ti­schen Mus­ter­men­schen, sah Sozia­lis­mus als Gemein­schafts­bil­dung aus der Ethik des Preu­ßen­tums erwach­sen. Nie­kisch hin­ge­gen wollte mit seiner Anleh­nung an die Bol­sche­wiki einen neuen Typus des sozial breiter gefass­ten Arbei­ters als werk­tä­ti­gem Men­schen schaffen.

Moeller van den Bruck hin­ge­gen, war in seiner Vari­ante des Sozia­lis­mus für Nie­kisch von jun­ker­li­chem Patri­ar­cha­lis­mus und Visio­nen des Mit­tel­al­ters besetzt. Noch schlech­ter kam Werner Som­barts „Deut­scher Sozia­lis­mus“ weg. Der war mit seinem Plan- und Aut­ar­kie­kon­zept nicht dem Arbei­ter, sondern dem mitt­le­ren Bauern und Unter­neh­mer auf den Leib geschnit­ten. Damit stellte er für Nie­kisch nur ein Ablen­kungs­ma­nö­ver vom wesent­li­chen Problem dar – der Befrei­ung und Neu­schaf­fung des Arbei­ters. Kate­go­risch war das Urteil von Nie­kisch, wenn es um seinen Lieb­lings­feind ging. Hitlers „Mein Kampf“ über­setzte für ihn Speng­lers preu­ßi­schen und Moel­lers deut­schen Sozia­lis­mus in die „Sprache der geistig Armen“.

Durch­aus mit Respekt wurde Karl Marx behan­delt. Dennoch war er für Nie­kisch letzt­lich inak­zep­ta­bel, mit seiner Bindung an die Werte der Auf­klä­rung und west­li­che öko­no­mi­sche Ratio­na­li­tät. Der bol­sche­wis­ti­sche Staats­des­po­tis­mus Lenins – wenn­gleich nur als Über­gang gedacht – stand ihm da wesent­lich näher.

Der „Wider­stand“ und sein Charakter

Der „Wider­stand“ war für Nie­kisch viel stärker eine Bewe­gung als eine bloße Zeit­schrift, die von 1926 bis 1934 exis­tierte. Die Akti­vi­tä­ten seiner Anhän­ger reichen weit über die Macht­er­grei­fung Hitlers hinaus. Aus nie zwei­fels­frei geklär­ten Gründen konnte die Zeit­schrift bis 1934 weiter erschei­nen und wurde dann von einem bereits illegal ver­trie­be­nen Infor­ma­ti­ons­dienst abgelöst.

Das Risiko wei­te­rer aktiver Betä­ti­gung stieg für alle Betei­lig­ten und erlegte Nie­kisch eine beson­dere Ver­ant­wor­tung auf. In Ent­schei­dungs­si­tua­tio­nen konnte er sich durch­aus zurück­hal­tend zeigen. Er bremste die radi­kals­ten Feu­er­köpfe an der Spitze der Münch­ner Räte­re­pu­blik und ent­hielt sich bei Abstim­mun­gen dort mehr­fach der Stimme. In den ent­schei­den­den Tagen der Novem­ber­re­vo­lu­tion, während der Dezem­ber- und Janu­ar­kämpfe zog es ihn nach Berlin und er wusste, dass es zum Bür­ger­krieg kommen konnte. Inner­lich zögerte er, obwohl er den Erfolg der Bol­sche­wiki zutiefst wünschte.

Prin­zi­pi­ell gegen die Folgen des Ver­sail­ler Ver­tra­ges für Deutsch­land ein­ge­stellt, gab er in einem Gespräch zu, dass er ihn wohl selbst unter­schrie­ben hätte, jedoch mit zusam­men­ge­bis­se­nen Zähnen und abge­wand­tem Gesicht.

Ein guter Tak­ti­ker war Nie­kisch nie und darum fehlte ihm auch einiges zum erfolg­rei­chen Politiker.

Wo waren ab 1926 die Grenzen des „gespann­ten Wartens“, wann rückten ent­schei­dende Momente, die Handeln erfor­der­ten, heran? Wer konnten dann die Akteure sein?

Die Zeit­schrift von Nie­kisch wurde in allen Kreisen gelesen und fand auch ihren Weg in das Offi­ziers­korps der Reichs­wehr. Er selbst hatte zahl­rei­che Kon­takte dahin, traf sich auch immer wieder mit Mit­glie­dern der Reichs­wehr­füh­rung. Was er ihnen am meisten ver­übelte, war das tak­ti­sche Ver­hält­nis zur Sowjet­union. Sie schätz­ten und betrie­ben die offene und ver­deckte Mili­tär­ko­ope­ra­tion mit der Sowjet­union, sahen diese aber ledig­lich als vor­über­ge­hen­den Bünd­nis­part­ner. (10)

Als noch sträf­li­cher rügte Nie­kisch die per­ma­nente Unter­schät­zung Hitlers, vor dem er unab­läs­sig warnte. 

Hitlers Anhän­ger­schaft wuchs zuse­hends. Nie­kisch wollte die Jugend­bünde, das Militär, das natio­nale Bür­ger­tum gegen die NSDAP orga­ni­sie­ren, spannte alle Anhän­ger und Kräfte seines Wider­stands dafür ein, alles ver­ge­bens. Er suchte, sich mit Georg Stras­ser und den pro­le­ta­ri­schen Expo­nen­ten der Hit­ler­an­hän­ger zu ver­bin­den, um diese von ihm abzu­zie­hen. Ebenso wenig Halt machte er vor Ver­tre­tern des gehass­ten und abge­lehn­ten Bür­ger­tums. Dort machten die Glei­chen, welche ihm inter­es­siert zuhör­ten, im Rahmen der Harz­bur­ger Front gemein­same Sache mit Hitler. Es kam auch zu einer Begeg­nung mit Luden­dorff und dessen Frau Mat­hilde. Den von beiden pro­pa­gier­ten Weg „eigener deut­scher Got­tes­er­kennt­nis“ hielt Nie­kisch für wirre Spinnerei.

Er hoffte bis zur letzten Minute auf eine Alter­na­tive zu Hitler. Der Reichs­wehr­ge­ne­ral und Hit­ler­geg­ner, Hermann von Schlei­cher, wurde von Hin­den­burg im Dezem­ber 1932 als Reichs­kanz­ler ein­ge­setzt. Er stand Nie­kisch mit dem Konzept einer links-rechten Quer­front­re­gie­rung nahe. Schlei­cher hätte es nach seiner Über­zeu­gung noch im Januar 1933 in der Hand gehabt, die nazis­ti­sche Füh­rer­schaft fest­zu­set­zen und unschäd­lich zu machen. Im Juni 1934 büßte Schlei­cher seine Geg­ner­schaft zu Hitler im Zuge der Röhm-Affäre mit dem Leben.

Fort­ge­setzte Samm­lung der Hit­ler­geg­ner, Ver­haf­tung und Gefängnis

So inten­siv Nie­kisch nach Hit­ler­geg­nern in allen poli­ti­schen Par­teien und Ten­den­zen suchte, so inten­siv wurde er von Anhän­gern der Linken und der Rechten, von Kom­mu­nis­ten und Natio­nal­so­zia­lis­ten glei­cher­ma­ßen umwor­ben. Was ihn und seine Anhän­ger im Abstand zu den deut­schen Kom­mu­nis­ten hielt, war deren Bereit­schaft sich Moskau bedin­gungs­los unter­zu­ord­nen. Für Nie­kisch ging es um ein Bündnis, das in eine dau­er­hafte preu­ßisch- sowjet­rus­si­sche Zusam­men­ar­beit münden konnte, bei Wahrung der natio­na­len Inter­es­sen. Die des­po­ti­sche Ver­fasst­heit und Bru­ta­li­tät seiner Gegen­über schreck­ten ihn dabei nicht im Min­des­ten. Er sah sie als vor­über­ge­hend und, dem höheren preu­ßi­schen Ein­fluss aus­ge­setzt, künftig schwin­dend. Für die Begeg­nung mit kom­mu­nis­ti­schen Funk­tio­nä­ren galt die Formulierung:

Wir sind keine Kom­mu­nis­ten aber wir sind, wenn es das natio­nale Lebens­in­ter­esse erfor­dert, des Kom­mu­nis­mus fähig“. 

Unter diesem Vor­zei­chen stand 1932 auch eine Reise in die Sowjet­union, welche Nie­kisch mit deut­schen Öko­no­men zum Studium der sowje­ti­schen Plan­wirt­schaft nach Moskau führte. Sowje­ti­sche Lebens­rea­li­tä­ten nahm er dabei nur sehr selek­tiv zur Kennt­nis, die inneren poli­ti­schen Zustände inter­es­sier­ten ihn nur am Rande. Dafür traf er sich mit seinem alten Freund Radek, den er als guten Pro­phe­ten erlebte:

Er [Radek] sah den Sieg Hitlers voraus und meinte, die fried­lie­bende Sowjet­union werde sich not­falls auch mit einem Hit­ler­deutsch­land ver­tra­gen. Frei­lich halte er Hitler und die Nazis über­haupt für poli­tisch viel zu dumm, um die Chance ermes­sen zu können, die eine deutsch-rus­si­sche Zusam­men­ar­beit in sich begrei­fen würde.“ 

Hier war Nie­kisch aus guten Gründen anderer Meinung. Hitler zu unter­schät­zen lag ihm nicht. (11)

Der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Füh­rungs­cli­que um Hitler ging es darum, mit Nie­kisch einen ihrer gefähr­lichs­ten öffent­li­chen Gegner zu neu­tra­li­sie­ren. Die Macht­über­nahme hatte noch keine end­gül­tige Ent­schei­dung zu ihren Gunsten erbracht, der Kampf mit den Wider­sa­chern in den eigenen Reihen war noch nicht abge­schlos­sen. Ande­rer­seits gab es zahl­rei­che intel­lek­tu­elle und poli­ti­sche Akteure, die über­ge­lau­fen waren und dem Führer die Treue schwo­ren. Warum nicht auch Niekisch?

Goe­b­bels per­sön­lich ver­suchte es mehr­fach mit ver­lo­cken­den Ange­bo­ten und schei­terte an der Haltung seines Gegen­übers. Ernst Nie­kisch blieb bei seiner strikt ableh­nen­den Haltung und hatte die Genug­tu­ung, dass sich nun auch Oswald Speng­ler auf seine Weise ver­wei­gerte. Der sollte auf Wunsch Goe­b­bels eine Rede zur Ver­söh­nung von Preu­ßen­tum und Sozia­lis­mus zum Tag von Potsdam am 31. März 1933 halten und kam diesem Wunsch nicht nach.

Wenn der Empor­kömm­ling, Dem­agoge und Katho­lik Hitler nun auch noch nach dem Geist des Preu­ßen­tums griff, konnte das den Wider­stands­geist Nie­kischs nur befeu­ern. Ange­sichts der all­ge­mei­nen Rück­grat­lo­sig­keit, die ihn umgab, for­mu­lierte er bitter:

In Zukunft wird es heißen: Cha­rak­ter­los wie ein deut­scher Beamter, gottlos wie ein pro­tes­tan­ti­scher Pfaffe, ehrlos wie ein preu­ßi­scher Offizier.“

In den Jahren bis zu seiner Ver­haf­tung im Sommer 1937 war Nie­kisch in Deutsch­land und Europa uner­müd­lich unter­wegs, feuerte die eigenen Anhän­ger an, hatte Kon­takte zu Mit­glie­dern der Roten Kapelle, des kom­mu­nis­ti­schen und sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Wider­stands, mon­ar­chis­ti­schen und kon­ser­va­ti­ven Hitlergegnern.

Als er von der Ermor­dung von Erich Mühsam, seines Kampf­ge­fähr­ten aus den Zeiten der Münch­ner Räte­re­pu­blik, erfuhr, kom­men­tierte er das mit den ihm eigenen Worten: „Die SA-Scher­gen gönnten dem armen Mühsam das Leben nicht. Sie hängten ihn auf.“ Die Gefah­ren seines Tuns waren Nie­kisch durch­aus bewusst. In Rom schaffte er es, zu Mus­so­lini vor­ge­las­sen zu werden, ver­suchte den zur gemein­sa­men Geg­ner­schaft gegen Hitler zu über­re­den. Auch das war ver­geb­lich. (12)

Auf seinen Reisen traf er sich erneut mit Ernst Jünger und nahm die oppor­tu­nis­ti­schen Ele­mente in dessen selbst erklär­ter inneren Emi­gra­tion sehr wohl war. Dennoch ver­tei­digte er ihn später gegen den Vorwurf, ein Par­tei­gän­ger Hitlers gewesen zu sein. Mit dem ursprüng­lich wesens­ver­wand­ten Carl Schmitt, der sich mitt­ler­weile als Kron­ju­rist des Führers sah, konnten beide nicht mehr viel anfan­gen. Bei aller ihm inne­woh­nen­den Stärke und Stur­heit musste Nie­kisch zuneh­mend fest­stel­len, dass das wider­stän­dige Wei­ter­le­ben in Deutsch­land „an der Ner­ven­kraft fraß“.

Im Juni 1937 kam es zur Ver­haf­tung von Ernst Nie­kisch und meh­re­ren Dutzend Betei­lig­ter an seiner Wider­stands­be­we­gung. Um ihn zu brechen und gefügig zu machen, wurde auch seine Frau wegen Bei­hilfe zur Vor­be­rei­tung des Hoch­ver­rats in Unter­su­chungs­haft genom­men und sein Sohn für längere Zeit festgesetzt.

Nie­kisch ging auf keine Koope­ra­ti­ons- und Still­hal­te­an­ge­bote ein und wurde wegen Vor­be­rei­tung zum Hoch­ver­rat zu lebens­lan­ger Haft ver­ur­teilt. Der „auf­rechte Gang unter das Fall­beil“, den er einigen seiner Mit­häft­linge anemp­feh­len musste, blieb ihm erspart. 

Er kam nach meh­re­ren Haft­sta­tio­nen in das Gefäng­nis Bran­den­burg-Göhren. Dabei hatte er das Glück, auf den Trans­port­we­gen und Sta­tio­nen der Unter­brin­gung immer wieder auf Polizei- und Kri­mi­nal­be­amte zu stoßen, die sich als frühere Leser des „Wider­stands“ zu erken­nen gaben und mit anstän­di­ger Behand­lung revanchierten.

Sein immer schlech­te­rer Gesund­heits­zu­stand – Läh­mungs­er­schei­nun­gen und das fast zur völ­li­gen Erblin­dung füh­rende Augen­lei­den – machte die Unter­brin­gung im Haft­kran­ken­haus not­wen­dig, in dem er auch die letzten Momente Hit­ler­deutsch­lands erlebte. Bis zum letzten Moment nutzte er die Gele­gen­heit zu Studien und zur Vor­be­rei­tung künf­ti­ger Manu­skripte. Mit­ge­fan­gene lasen ihm dafür stunden- und tage­lang vor. Mit einem Kran­ken­trans­port konnte er Bran­den­burg ver­las­sen, als dort bereits die Kämpfe tobten, irrte dann tage­lang im zer­stör­ten Berlin umher, bis es seiner Frau gelang, ihn zu finden.

3. Nach 1945

Der deut­sche Weg zum Sozialismus

Ernst Nie­kischs Zusam­men­ge­hen mit den Kom­mu­nis­ten um Walter Ulb­richt und Wilhelm Pieck hielt rund zehn Jahre an. Für ihn war es der Versuch, seine ursprüng­li­chen Hoff­nun­gen auf ein preu­ßisch-natio­nal­bol­sche­wis­ti­sches Bündnis in eine völlig ver­än­derte Zeit hinüber zu retten. Er hatte die Rea­li­tä­ten der Kriegs­nie­der­lage Deutsch­lands und den damit ver­bun­de­nen Unter­gang Preu­ßens vor Augen.

Nie­kisch musste ohn­mäch­tig zur Kennt­nis nehmen, dass sich in den west­li­chen Besat­zungs­zo­nen Deutsch­lands ein ihm zutiefst fernes west­li­ches Wirt­schafts­mo­dell, eine west­li­che poli­ti­sche Ordnung etablierten. 

Im All­tags­le­ben kapi­tu­lierte die von ihm ver­ehrte deut­sche Hoch­kul­tur vor den zer­set­zen­den Ein­flüs­sen der west­li­chen Deka­denz. Preußen und der Geist Preu­ßens waren nicht mehr zu retten. Deutsch­land lag am Boden und hatte sich die Gründe für seine Nie­der­lage und Auf­tei­lung selbst zuzu­schrei­ben. Was konnte unter diesen Umstän­den noch möglich sein, um die Zukunft eines grund­le­gend ver­än­der­ten und derzeit macht­lo­sen Deutsch­lands zu retten?

Nie­kisch nahm, so schnell es ihm möglich war, Kontakt zu hoch­ran­gi­gen Ver­tre­tern der sowje­ti­schen Besat­zungs­macht auf, nutzte seine Bekannt­heit und weit zurück­lie­gende Bezie­hun­gen. Er forschte seine Gesprächs­part­ner nach den Plänen für ein künf­ti­ges Deutsch­land aus. In den ersten Nach­kriegs­jah­ren gab es die ver­schie­dens­ten Vor­stel­lun­gen dazu. Die Mög­lich­keit eines wie­der­ver­ei­nig­ten neu­tra­len Deutsch­lands in der Mitte Europas stand im Raum. Stalin wurden der­ar­tige Plan­spiele zuge­schrie­ben. (13)

Ernst Nie­kisch konnte und wollte sich mit einer solchen Situa­tion nicht anfreun­den. Zu fest sah er die west­li­chen Teile Deutsch­lands bereits im Klam­mer­griff der dor­ti­gen Alli­ier­ten. Die Sowje­ti­sche Besat­zungs­zone und spätere DDR litt unter der Last der Kriegs­zer­stö­run­gen und Repa­ra­tio­nen, sie war von der Mar­shall­plan-Hilfe aus­ge­schlos­sen. Konnte nicht in dieser dop­pel­ten Benach­tei­li­gung die eigent­li­che Chance liegen? Schließ­lich kam die west­li­che Hilfe nicht aus Unei­gen­nüt­zig­keit, sondern hatte deut­sche Selbst­auf­gabe zum Preis. In der west­deut­schen Wohl­stands­si­che­rung der Wirt­schafts­wun­der­jahre erstarb für Nie­kisch der Wille zu einem eigenen deut­schen Dasein. Im Rahmen der Wie­der­be­waff­nung sah er Deut­sche zu „Lands­knech­ten, Söld­nern und Reis­läu­fern in ame­ri­ka­ni­schen Diens­ten“ werden.

Nie­kisch suchte nach wie vor das Gegen­mo­dell und konnte die sieg­rei­che Sowjet­union auf neue Weise als aktu­el­len und künf­ti­gen Bünd­nis­part­ner sehen. Als Partner, der aber nicht ein ewiger Hegemon sein musste. Poli­ti­scher Terror, Über­griffe und die hem­mungs­lose Aus­plün­de­rung der SBZ /​ DDR, für die er als Kriegs­folge sogar noch Ver­ständ­nis auf­brachte, hin­ter­lie­ßen ihre Spuren. Er sah einen heim­li­chen, ver­deck­ten Protest, der sich regte und für ihn sogar wieder preu­ßi­sche Züge annahm.

War es nicht so, dass die ver­häng­nis­volle Ver­su­chung zur Selbst­auf­gabe im Westen dem Osten die opfer­rei­che Prüfung zur Selbst­be­haup­tung auf­er­legte? Dass im Osten der wahre Deut­sche über­dau­erte? (14)

Offen blieb nur die Frage, ob der deut­sche Osten seine Prüfung bestehen würde. Die vielen Repu­blik­flüch­ti­gen waren Bürger, die der Prüfung ent­lie­fen, sie waren ihr nicht gewachsen.

Wenn es nicht Preußen sein konnte, was seinen Weg zu alter Größe ging, dann war viel­leicht ein eigener deut­scher Weg zum Sozia­lis­mus möglich – zunächst unter dem Schutz­man­tel der Sowjet­union. Warum sollte man dem kriegs­mü­den Westen mit dem Ver­spre­chen der Neu­tra­li­tät nicht die Wie­der­ver­ei­ni­gung und den Abzug der Ame­ri­ka­ner abhan­deln können? Warum musste West­ber­lin ein Agen­ten­nest und ein Stachel im Fleisch des fried­li­chen Auf­bau­werks der DDR bleiben?

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Poli­ti­sche Visionen

Der Umgang mit diesen Fragen und eine mög­li­che eigene Antwort darauf führte den gesund­heit­lich schwer ange­schla­ge­nen Ernst Nie­kisch im ersten Jahr­zehnt der Nach­kriegs­zeit erneut in ein unru­hi­ges Reise- und Vor­trags­le­ben. Er sam­melte über­le­bende und ver­streute Anhän­ger um sich, doch sein Ehrgeiz ging weiter. Als Nahziel stand ihm die gesamt­deut­sche Ver­ei­ni­gung von SPD und KPD vor Augen. Im Bewusst­sein des bes­se­ren Orga­ni­sa­ti­ons­gra­des der in der Emi­gra­tion dezi­mier­ten aber zugleich gestähl­ten Kom­mu­nis­ten böte das die Chance, ori­gi­när sozia­lis­ti­sche Ansätze in allen Besat­zungs­zo­nen zu stärken. In der Per­spek­tive, zu einer gesamt­deut­schen gesell­schaft­li­chen Umwäl­zung zu gelan­gen, statt der Restau­ra­tion des Kapi­ta­lis­mus anheimzufallen.

Als sich die Ber­li­ner Sozi­al­de­mo­kra­ten und die Kurt Schuh­ma­cher-Anhän­ger in den West­zo­nen erfolg­reich wehrten, wurden sie für ihn erneut zu Arbei­ter­ver­rä­tern. Nie­kisch trat in die KPD ein und wurde SED-Mit­glied. Er musste sich als Vor­zeige-Anti­fa­schist mit seiner Präsenz in der SBZ begnü­gen und mit den eigent­lich unge­lieb­ten Funk­tio­nä­ren der ent­ste­hen­den SED arrangieren.

Es fiel Nie­kisch schwer, sich Illu­sio­nen über Walter Ulb­richt und den über­wie­gen­den Teil der Mos­kauer Emi­gran­ten zu machen, die in Füh­rungs­funk­tio­nen ein­rück­ten. Er hoffte auf die Zukunft, setzte auf Intel­lek­tu­elle und poli­ti­sche Partner mit Rückgrat.

Alle Ebenen auf denen er tätig wurde, so seine Funk­tio­nen in der Natio­na­len Front, im Kul­tur­bund, seine spätere Mit­glied­schaft in der Volks­kam­mer, mussten ihn letzt­lich eines Bes­se­ren, viel­mehr Schlech­te­ren beleh­ren. An der Ber­li­ner Hum­boldt-Uni­ver­si­tät und mit einer Pro­fes­sur, die man ihm dort antrug, hielt die anti­fa­schis­ti­sche Offen­heit des Anfangs nur kurz an.

Auf der anderen Seite genoss er die Ehrun­gen und letzt­lich auch Pri­vi­le­gien, die ihm zu Teil wurden. Zu seinem sech­zigs­ten Geburts­tag im Mai 1947 waren echte Anhän­ger und beflis­sene Funk­tio­näre ver­sam­melt. Alles Gespro­chene wurde in Berich­ten festgehalten.

Auf einer Reise in die Sowjet­union, die ihn mit hoch­ran­gi­gen Regie­rungs­ver­tre­tern, dar­un­ter Hilde Ben­ja­min und Walter Egge­rath, im Novem­ber 1949 wochen­lang in die Sowjet­union führte, blieb die dortige Wirk­lich­keit kon­se­quent aus­ge­blen­det und auch Nie­kisch drang keinen Moment zu ihr vor. Ihm stand vor Augen, dass die deut­sche Repu­blik Hand in Hand mit Russ­land einer groß­ar­ti­gen Zukunft ent­ge­gen­se­hen konnte. Die Stol­per­steine auf dem Weg dorthin sah er sehr wohl, zog es aber vor, seine Beden­ken in Denk­schrif­ten, Memo­ran­den und Tage­bü­chern fest­zu­hal­ten. Er unter­stützte intern Anton Acker­mann, der mit seinen Über­le­gun­gen eines beson­de­ren deut­schen Weges zum Sozia­lis­mus zum Wider­sa­cher Walter Ulb­richts wurde und Glück hatte, nur als Abweich­ler und nicht als Feind ver­ur­teilt zu werden.

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Die frus­trie­rende Wirklichkeit

Den Volks­auf­stand von 1953 sah Ernst Nie­kisch zwie­späl­tig. Auf der einen Seite sah er den poli­ti­schen und öko­no­mi­schen Kurs der DDR-Füh­rungs­spitze unter Walter Ulb­richt als ver­fehlt an, betrach­tete die Ver­ant­wort­li­chen als Bank­rot­teure. Auf der anderen Seite war er fel­sen­fest davon über­zeugt, dass es sich hier nicht um einen Arbei­ter­au­stand handeln konnte. Wirk­li­che Arbei­ter würden sich nicht gegen eine bei allen Fehlern letzt­lich sozia­lis­ti­sche Ordnung auf­leh­nen. Hier waren ame­ri­ka­nisch-impe­ria­lis­ti­sche Pro­vo­ka­teure am Werk, die aus der Front­stadt West­ber­lin gelenkt wurden. Im Zwie­spalt zwi­schen Bank­rot­teu­ren und Pro­vo­ka­teu­ren schlug sich Nie­kisch auf die Seite der Bank­rot­teure. Noch ein­deu­ti­ger war seine Sicht auf den Ungarn­auf­stand von 1956.

Die Sowjet­union hatte alles Recht, hatte die Pflicht, ihre inter­na­tio­nale Präsenz zu schüt­zen – mit dem Ziel der aus wei­te­ren natio­na­len Befrei­ungs­re­vo­lu­tio­nen erwach­sen­den Welt­re­vo­lu­tion vor Augen.

Hoch­flie­gende Hoff­nun­gen auf derlei Per­spek­ti­ven erlös­ten Ernst Nie­kisch nicht aus der Erbärm­lich­keit all­täg­li­cher DDR-Erfah­run­gen. Er wurde für einen Groß­teil der Ver­ant­wort­li­chen und Funk­tio­näre immer läs­ti­ger, da er häufig genug nicht bereit war, den letzten Preis der Anpas­sung zu bezah­len, sich von Freun­den los­zu­sa­gen oder Verrat zu begehen. Bei einer Über­prü­fung seiner Par­tei­mit­glied­schaft erwachte die alte Wider­bors­tig­keit in ihm und er entzog sich einfach dem Ver­fah­ren. Da er den demons­tra­ti­ven Bruch scheute, wählte er ab 1957 den Rückzug in seine nie auf­ge­ge­bene Wohnung in Wil­mers­dorf und damit in die unge­liebte „Front­stadt“ Westberlin.

Ein quälend langes Ver­fah­ren um die Aner­ken­nung einer Haft­ent­schä­di­gung für die Gefäng­nis­jahre in der NS-Zeit zog sich in den fünf­zi­ger und frühen sech­zi­ger Jahren durch alle Instan­zen der West­ber­li­ner Justiz. Ihm wurde der Anspruch auf eine Ent­schä­di­gung ver­wehrt, da er sich nach dem Krieg in den Dienst einer tota­li­tä­ren Macht gestellt habe. Erst ein spätes, per­sön­li­ches Ein­grei­fen Willy Brandts als Regie­ren­der Bür­ger­meis­ter machte diesem unwür­di­gen Vorgang ein Ende.

Über den Autor: Wolf­gang Templin ist Publi­zist und Autor und schreibt zu Themen der deut­schen Zeit­ge­schichte und Osteuropa.
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  1. Sebas­tian Haffner/​Wolfgang Venohr: „Preus­si­sche Profile“, Königstein/​Ts. 1980. S.247–259
  2. Hier gibt Volker Weiß mit seiner Dar­stel­lung zur Ent­wick­lung der neuen Rechten einen wich­ti­gen Überblick:
    Volker Weiß: „Die auto­ri­täre Revolte – Die neue Rechte und der Unter­gang des Abend­lan­des“, Stutt­gart 2017.
  3. Da Ernst Nie­kisch – ver­schlim­mert durch die Haft­si­tua­tion – im Alter tat­säch­lich weit­ge­hend erblin­det war, mutet die Über­hö­hung eher geschmack­los an.
  4. Die beiden Bände der Auto­bio­gra­phie von Ernst Nie­kisch haben die Irr­fahrt durch mehrere Verlage hinter sich, bis sie letzt­lich in Köln erschei­nen konnten: Ernst Nie­kisch: „Erin­ne­run­gen eines deut­schen Revo­lu­tio­närs“, Band 1: „Gewag­tes Leben 1889–1945“; Band 2: „Gegen den Strom 1945–1967“, Köln 1974.
  5. Der Streit um die Nähe oder Distanz Jüngers zum Natio­nal­so­zia­lis­mus zieht sich durch die bio­gra­phi­sche Debatte und die lite­ra­ri­sche Aus­ein­an­der­set­zung um seine Person. Ihn zum engen Par­tei­gän­ger Hitlers zu machen ist jedoch verfehlt.
  6. Immer wieder rückt Ernst Nie­kisch Juden in den Mit­tel­punkt öko­no­mi­scher Exis­tenz: „wo Wirt­schaft ist, da ist der Jude obenauf … Der Jude liebt es, seine exis­ten­zi­elle Gebun­den­heit an die öko­no­mi­sche Ratio­na­li­tät zu ver­schlei­ern, er möchte das gute Ver­hält­nis, das er zu dieser unter­hält, dem Zufall in die Schuhe schie­ben.“, in: Ernst Nie­kisch: „Die dritte impe­riale Figur“, Berlin 1935, S. 23.
  7. Neben zahl­rei­chen Auf­sät­zen und Flug­schrif­ten sind es hier zwei Publi­ka­tio­nen, die vor und nach der Macht­er­grei­fung Hitlers ent­stan­den, illegal zir­ku­lier­ten und zur Grund­lage der Anklage der Vor­be­rei­tung zum Hoch­ver­rat wurden: Ernst Nie­kisch: „Hitler – Ein deut­sches Ver­häng­nis“, Berlin 1932; Ernst Nie­kisch: „Das Reich der nie­de­ren Dämonen – Eine Abrech­nung mit dem Natio­nal­so­zia­lis­mus“, Berlin 1953.
  8. Ernst Nie­kisch: „Erin­ne­run­gen eines deut­schen Revo­lu­tio­närs“, Band 1: „Gewag­tes Leben 1889–1945“, Köln 1974, S. 134–138.
  9. Oswald Speng­ler: „Der Unter­gang des Abend­lan­des – Umrisse einer Mor­pho­lo­gie der Welt­ge­schichte“, Berlin 1917.
  10. Wie diese Kon­takte, Kalküle und Inkon­se­quen­zen aus­se­hen konnten, zeigt der Autor Hans Magnus Enzens­ber­ger am Bei­spiel des Reichs­wehr­chefs Kurt von Ham­mer­stein. Hans Magnus Enzens­ber­ger: „Ham­mer­stein oder der Eigen­sinn – Eine deut­sche Geschichte“, Frankfurt/​M. 2008.
  11. Die Schil­de­rung seiner Rei­se­er­leb­nisse in der Sowjet­union ver­bin­det Nie­kisch mit Pro­jek­tio­nen über die schöp­fe­ri­sche Kraft des Arbei­ters und die ord­nende Funk­tion des Arbei­ter- und Bau­ern­staa­tes. Ernst Nie­kisch: „Erin­ne­run­gen eines deut­schen Revo­lu­tio­närs“, Band 1: „Gewag­tes Leben 1889–1945“, Köln 1974, S.216–226.
  12. Der Inhalt der Begeg­nung mit Mus­so­lini ist natür­lich nur durch Nie­kisch selbst doku­men­tiert. Er schwankt hier zwi­schen Selbst­über­schät­zung und der ver­zwei­fel­ten Hoff­nung, doch noch den Gang der Dinge beein­flus­sen zu können.
  13. Die Rea­li­tät dieser Pläne Stalins ist in der zeit­his­to­ri­schen Lite­ra­tur seit Jahr­zehn­ten umstrit­ten. Man kann davon aus­ge­hen, dass Stalin und Mit­glie­der der sowje­ti­schen Füh­rungs­spitze solche Über­le­gun­gen lan­cier­ten, dabei aber am stra­te­gi­schen Fern­ziel kom­mu­nis­ti­schen Vor­drin­gens in Europa und welt­weit fest­hiel­ten. West­li­che Frie­dens­freunde und Neu­tra­li­täts­an­hän­ger galten dabei als „nütz­li­che Idioten“.
  14. Sol­cher­art for­mu­lierte Hoff­nun­gen auf die deut­sche Daseins­be­haup­tung im Osten liefern den Prot­ago­nis­ten der Neuen Rechten nach dem Ende der DDR eine ideale Argu­men­ta­ti­ons­grund­lage. Das wahre deut­sche Wesen ist für sie unter der Eis­de­cke und den Trüm­mern der Dik­ta­tur zu finden und strebt zu neuer Größe.