Alain de Benoist

Nouvelle Droite – Antikapitalismus von rechts

von Ellen Daniel

Der Franzose Alain de Benoist (*1943) gilt als führender Kopf der „Nouvelle Droite“. Öffentlich bekannt wurde der Pariser Publizist mit der Gründung des ultrarechten Think Tank GRECE im Jahr 1968. Benoist versteht sich als Theoretiker einer Neuen Rechten, die anti-egalitär, anti-liberal, anti-kapitalistisch und anti-westlich orientiert ist.
Das jüdisch-christliche Erbe Europas mit seinem individualistischen Menschenbild wird abgelehnt. An dessen Stelle soll ein neu-heidnisches Bewusstsein treten, das an die Götterwelt der Antike anknüpft. Benoist plädiert für eine neue „Kultur des Maßhaltens“ und für einen „Abschied vom Wachstum“. Er kann als Vertreter eines rechts-esoterischen Öko-Sozialismus betrachtet werden.
Europa soll sich als eine neue, von den USA losgelöste Macht etablieren, die sich ethnisch definiert und Einwanderer nicht-europäischen Ursprungs aus ihren Reihen ausschließt. Diese neue Ordnung soll völkisch, aber staatenübergreifend sein. Die „Nouvelle Droite“ redet also keinem neuen Nationalismus das Wort, sondern fordert dessen Überwindung mit dem Ziel einer großeuropäischen Lösung.
Benoist ist Verfechter einer von ihm als „Ethnopluralismus“ bezeichneten Trennung von Rassen und Kulturen. Danach findet der Mensch nur auf dem ihm angestammten Territorium und in Einklang mit der ihm eingeschriebenen Kultur zu einem sinnerfüllten Leben. „Mischehen“ führen zum Verschwinden der Rassen und kulturellen Unterschiede und werden deshalb abgelehnt.
Die Existenz eines Individuums „an und für sich“ wird bezweifelt, weil der Mensch seine Identität stets aus seiner Ethnie und Kultur bezieht. Identität wird besessen, nicht erworben. Sie ist schicksalhaft vorgegeben und sollte Richtschnur für die gesellschaftliche und politische Ordnung sein. Auf diesen Ansatz haben in jüngster Zeit u.a. die „identitären Bewegungen“ zugegriffen.
Alain de Benoist war in Deutschland lange Zeit unbekannt. Mit dem Erstarken einer deutschen Neuen Rechten und dem Versuch einer Intellektualisierung rechtsradikalen Denkens auch hierzulande gewinnt er an Bedeutung. Einige seiner Bücher sind auf Deutsch erschienen. Er ist ständiger Mitarbeiter der Wochenzeitung „Junge Freiheit“.

1. Biografisches

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Alain de Benoist wurde 1943 in der Nähe von Tours geboren und wuchs in Paris auf, wo er bis heute lebt. Sein Vater stammte aus verarmtem Adel und verdiente sein Geld in der Parfum-Industrie. Die Vorfahren seiner Mutter waren Bauern und Eisenbahner, „einfache Leute“, wie er betont. Auf diesen gemischten familiären Hintergrund legt Benoist Wert, denn es sind die vermeintlichen edlen Werte des Adels und jene des einfachen Volkes, die er glorifiziert und die er im Zentrum einer neuen Ordnung sehen möchte. Seine ganze Verachtung gilt dem Bürgertum. Er ist stolz darauf, dass sich unter seinen Vorfahren angeblich kein einziger Vertreter dieser Gesellschaftsschicht findet. In seinen Texten vereinen sich die Ränder des politischen Spektrums. Er ist ein bemerkenswerter Vordenker von Querfront-Phänomenen, wie man sie gegenwärtig immer häufiger beobachtet.

Alain de Benoists Weltbild ist ein Amalgam.
Er verabscheut die „Herrschaft des Geldes“, aber auch die Idee universell gültiger Menschenrechte.

Mit Gründung des Think Tanks GRECE (Groupement de recherche et d‘études de la civilisation europénne – frei übersetzt Forschungs- und Studiengruppe zur europäischen Zivilisation) im Jahr 1968 gilt Alain de Benoist als führender Theoretiker der „Nouvelle Droite“, einer neuen französischen Rechten. Dieses Etikett hatte sich die Gruppe freilich nicht selbst ausgesucht, und Benoist war damit nie vollkommen einverstanden. Um zu verdeutlichen, dass seine Weltanschauung in Wirklichkeit „weder rechts noch links“ sei, hat er unzählige Texte geschrieben. Dabei trifft durchaus zu, was viele seiner Kritiker nicht erkennen können oder wollen: Alain de Benoists Weltbild ist ein Amalgam. Der Pariser Intellektuelle verabscheut die „Herrschaft des Geldes“, aber auch die Idee universell gültiger Menschenrechte. Er kritisiert die Globalisierung als Gegner des Kapitals, aber auch deshalb, weil sie zu einer „Vermischung der Rassen und Kulturen“ führt.

In seinen als Interview-Buch erschienen Memoiren „Mein Leben. Wege eines Denkens.“ gesteht er, dass seine Sympathien während der Pariser Studentenunruhen durchaus auch den Kommunisten, den Maoisten und den Trotzkisten gegolten hätten. Schließlich seien diese Gruppen wie er als Gegner General de Gaulles auf die Straße gegangen. Den Geruch von Tränengas und die Auseinandersetzungen mit der Polizei habe er geliebt. Bei der „Nouvelle Droite“ und der Gründung von GRECE handelte es sich also keineswegs um eine konservative Gegenreaktion auf die Studentenrevolte, wie öfter zu lesen ist. Schon eher war es das rechtsextreme Angebot in einem gesellschaftlichen Klima, in dem das „System“ von jungen Menschen infrage gestellt wurde. Die politische Stoßrichtung der „Nouvelle Droite“ hatte sich deutlich vor 1968 herausgebildet und war eng mit dem Algerien-Krieg verknüpft.

Befragt, was ihn an der traditionellen Rechten am meisten störe, nennt er deren stupides Lagerdenken und ihre geistige Trägheit.

In dieser blutigen und für Frankreich traumatischen Auseinandersetzung um das koloniale Erbe wächst der Schüler Benoist zu einem politischen Aktivisten heran. In diesen Jahren bildet sich seine geistige und politische Matrix. Heute bedauert er, dass er mit seiner Parteinahme für ein „französisches Algerien“ allzu plump rassistisch und kolonialistisch argumentiert habe. Auch den Terror nationalistischer Untergrundgruppen habe er damals zwar gutgeheißen, ihn aber in erster Linie als Zündstoff gegen die ihm verhasste Republik betrachtet. Unter dem Pseudonym Fabrice Laroche gründet er 1960 die neofaschistische Studenten-Organisation FEN, die sich ausgiebige Straßenschlachten mit der Polizei liefert.

Ein paar Jahre später, als die 68er den Marsch durch die Institutionen antreten, zieht sich Alain de Benoist aufs Schreiben zurück. Er heiratet eine Deutsche und wird Vater. Er studiert Recht, Philosophie und Religionswissenschaften und entwickelt sich zu dem, was man in Frankreich respektvoll einen „homme de lettres“ nennt. Er veröffentlicht Dutzende Bücher, organisiert Kongresse, wird Herausgeber der Zeitschriften „Nouvelle Ecole“ und „Krisis“ und ständiger Mitarbeiter bei „Eléments“. Er publiziert nicht nur in den hauseigenen Blättern der „Nouvelle Droite“, sondern ist auch als Gastautor in der bürgerlich-konservativen Presse gefragt. Sein geisteswissenschaftliches Wissen gilt als enzyklopädisch. Befragt, was ihn an der traditionellen Rechten am meisten störe, nennt er deren stupides Lagerdenken und ihre geistige Trägheit. Schon deshalb habe es die „alte Rechte“ verdient, unterzugehen.

2. Weltbild

Benoist ist ein eitler Autor und Gesprächspartner. Es ist ihm wichtig, sein Denken nicht als irgendeine Meinung zu Markte zu tragen und verstanden zu wissen. Er ist will die Zwangsläufigkeit beweisen, mit der ein intelligenter Zeitgenosse zu seinen Schlussfolgerungen gelangen muss. Vor allem aber möchte er der radikalen Rechten Geist einhauchen, ihr das intellektuelle Marschgepäck verpassen, das ihr in seinen Augen bis heute fehlt. Zu politischen Parteien hält er in der Öffentlichkeit sorgsam Distanz. Das gilt auch für den rechtspopulistischen Rassemblement National (ehemals Front National), von dem er sagt, er habe ihn nie gewählt. Mit pöbelnden Neonazis möchte Benoist schon gar nicht in Verbindung gebracht werden. Auf einen Artikel des Autorenblogs „Salonkolumnisten“, in dem er als „Mastermind der Völkischen“ bezeichnet wurde, reagierte er prompt und hasserfüllt. (1) Dazu muss man wissen, dass es zu „völkisch“ im Französischen keine Entsprechung gibt und Benoist diesen Begriff mit einem sektiererischen Milieu verbindet.

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Kritik an den universalen Menschenrechten

Sein kunstvoll komponiertes, hybrides Weltbild vereint zahlreiche rechte und linke Klassiker des politischen Denkens. Er lobt Karl Marx für dessen klarsichtige Analyse der kapitalistischen Marktgesellschaft und für den Topos der Entfremdung, der auch im Zentrum seiner eigenen Kapitalismus-Kritik steht. Gleichzeitig teilt er die völkischen Denkfiguren eines Oswald Spengler: Der Mensch „an und für sich“ existiert nicht. Es gibt ihn nur als Inkarnation einer Kultur, einer Ethnie, eines Volkes, einer Nation. Die „Ideologie der Menschenrechte“ ist falsches Bewusstsein. Ein universales Recht des Individuums auf Schutz und Entfaltung seiner Individualität widerspricht der menschlichen Natur.

Im Sinne des von ihm verehrten nationalsozialistischen Staatsrechtlers Carl Schmitt beschreibt Benoist den „Hauptfeind“ seiner Weltanschauung folgendermaßen: „Der Kapitalismus und die Konsumgesellschaft auf ökonomischer Ebene, der Liberalismus auf politischer Ebene, der Individualismus auf philosophischer Ebene, die Bourgeoisie auf gesellschaftlicher Ebene und die USA auf geopolitischer Ebene.“ (2)

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Homogenes Staatsvolk

Wie soll die neue Ordnung aussehen, die die liberale Demokratie ablöst? Zunächst soll sie auf eine Weise verfasst sein, wie es Carl Schmitt und andere Autoren der Konservativen Revolution in Deutschland vorgezeichnet haben: Das Staatsvolk muss sich von fremden Einflüssen reinigen und wieder homogen werden. Nur dann kann es sich als Demos selbst regieren und ist nicht mehr auf verfälschende Konstrukte wie politische Parteien und Parlamente angewiesen. Der „Volkswille“ kann durch Wahlen, aber auch auf andere Weise ermittelt werden. Auch eine neue, volksverbundene Elite oder eine einzelne Führergestalt könnte sich an die Spitze dieses Staates setzen und dem Willen des Volkes Geltung verleihen. Diese Demokratie ist erbarmungslos: Sie kennt weder einen Schutz von Minderheiten, noch billigt sie Abwehrrechte des Einzelnen gegenüber der Staatsgewalt.

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Anti-Egalitarismus und die Chimäre einer indogermanischen Ur-Kultur

Die neue Gesellschaft soll sich von den jüdisch-christlichen Einflüssen lossagen, die den Westen prägen, und sich stattdessen auf das „heidnische Erbe“ der europäischen Antike zurückbesinnen. Nicht ein Gott, sondern viele Götter sollen das menschliche Bedürfnis nach Transzendenz und seine Hoffnung auf Unsterblichkeit bedienen. Die Kritik an Juden- und Christentum zielt auf ihr individualistisches Menschenbild, aber auch auf das, was Benoist als einen pathologischen Kult um Sünde, Schuld und Leid geißelt. Er selbst hat sich vom glühenden Atheisten zum Agnostiker entwickelt, der vom Überdauern „heidnischer“ Muster und Bräuche überzeugt ist und in den esoterischen Moden der Gegenwart einen Beweis dafür sieht.

.Außerdem gilt es, die „Fortschrittsideologie“ des Westens zu überwinden. In diesem Punkt hat eine erstaunliche Entwicklung stattgefunden, in der sich Benoist vom faustischen Bezwinger zum Wachstums-Kritiker gewandelt hat. Jetzt soll die Natur aus einer bloßen Zweck-Mittel-Beziehung herausgerissen, ihre „Eigenwürde“ soll wiederhergestellt werden. In seiner Rolle als ökologischer Zerstörer und bloßer Konsumautomat verfehle der Mensch seine anthropologische Bestimmung. Vor allem in seinen in jüngster Zeit erschienen Büchern fordert Benoist eine „Kultur des Maßhaltens“ und eine „gezielte Wachstumsrücknahme“. Zweitausend Jahre „Entgötterung“ und Inbesitznahme der Materie hätten zu den Umweltdesastern geführt, mit der die Gegenwart konfrontiert sei. Die biblische Aufforderung, sich die Erde Untertan zu machen, ist der Startschuss für die ökologische Katastrophe.

„Zwischen dem ökologistischen Denken und der Philosophie Heideggers sehe ich ebenfalls große Affinitäten. Der ‚Einsatz für das Sein‘ impliziert die Ablehnung des Gestells, der technisch-wissenschaftlichen Rationalisierung der Welt. Seit die Verfügbarmachung der Welt die progressive Zerstörung all ihrer Grundlagen (…) erforderlich macht, entwickelt sich diese Welt immer mehr zur reinen ‚Machenschaft‘.” (3)

Dabei vergisst Benoist nicht zu betonen, dass es allen voran die USA mit ihrem Turbokapitalismus und ihrem infantilen Konsumverhalten seien, die die Welt in diese Sackgasse geführt hätten. So ist es nur folgerichtig, dass er die Abkehr Europas vom Westen im Sinne einer westlich orientierten Wertegemeinschaft fordert. Dabei beschwört er eine ominös vorgeschichtliche, indo-europäische Vergangenheit herauf, in der einst weder das Streben nach individuellem Besitz, noch die Vorstellung vom Menschen als Einzelwesen geherrscht habe. Diesen sehr spekulativen Teil seines Weltbildes stützt Benoist auf den französischen Religionswissenschaftler Georges Dumézil, der zu einer „Ideologie der Indo-Europäer“ geforscht hatte und sich dazu linguistischer Methoden bediente.

Bei der Rekonstruktion einer vermeintlich indo-europäischen Kultur mittels „linguistischer Paläontologie“ ist Georges Dumézil weiter gegangen als seine Fachkollegen und wurde dafür scharf kritisiert. Seine Theorie entwickelte er unter anderem durch die Auswertung der „poetischen Phraseologie“ alter Mythensammlungen wie der Edda, der iranischen (sic!) Avesta und antiker griechischer und römischer Sagen. Dabei nahm er an, dass insbesondere Mythen einen „volksspezifischen“ Geist transportieren und die sonst im Unbewussten der Kulturträger verborgene „Ideologie“ einer wissenschaftlichen Analyse zugänglich machen.

„Die Mythologie verkörpert, betrachtet man sie in ihrer Gesamtheit, in all ihren Schichten und Strukturen, die Totalität aller sozialen Fakten eines Volkes.“ (4)

Es würde zu weit führen, die Instrumentalisierung dieses sehr speziellen Feldes linguistischer Forschung durch die „Nouvelle Droite“ hier detailliert nachzuzeichnen. Entscheidend ist, dass sie zweierlei Funktionen erfüllt: Zum einen dient sie Benoist dazu, eine in grauer Vorzeit existierende Ur-Gesellschaft zu postulieren: Adel, Krieger und Bauern wussten sich jeder an seinem Platze. Es herrschten die „hohen Werte“ des Adels wie Stolz, Ehre und Mut, aber auch die am Zyklus der Natur orientierten und „nährenden“ Wertvorstellungen der Bauern. Diese Gemeinschaft lebte in Harmonie, weil sie sich in „vollkommener Übereinstimmung mit ihrer kulturellen Matrix“ befand. Die Vorstellung von einer urzeitlich-harmonischen Standesgesellschaft, in der Besitz und Macht stets nur nachrangige Werte waren, mutet naiv an und gehört zu den schwächsten Punkten in Benoists Theoriegebäude.

Zum anderen dient ihm die linguistische Forschung dazu, die Existenz eines europäischen Urvolks zu behaupten, zu dessen Wurzeln Europa zurückkehren kann und soll. Zwar haben Wissenschaftler wie Dumézil stets betont, dass die indo-europäische Sprache ein Konstrukt ist und es ein indo-europäisches Urvolk niemals gegeben hat. Diese Einwände hält der Kopf der Nouvelle Droite indes für nicht maßgeblich. Die Vorstellung von einem solchen europäischen Urvolk ist vielmehr die Basis eines neuen kollektiven Bewusstseins, zu dem er mit seinem publizistischen Schaffen beitragen will.

3. Rezeption in der aktuellen Debatte

Die neue Ordnung soll also einerseits völkisch, andererseits europäisch sein. Die „Nouvelle Droite“ redet keinem französischen oder deutschen Nationalismus das Wort, sondern fordert im Gegenteil dessen Überwindung mit dem Ziel einer großeuropäischen Lösung. Die Gemetzel auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs bezeichnet Benoist als „Bruderkrieg“. Man mag einwenden, dass eine solche „Internationale“ völkisch gestimmter Menschen ein Widerspruch in sich ist und jeder Erfahrung widerspricht. Benoist selbst hat eingeräumt, dass man auf diesem Weg noch nicht weit gekommen sei, hält aber an seiner Vision fest. Dabei versteht er sich als Vordenker einer „Metapolitik“, die das das kulturelle und geistige Klima einer Gesellschaft langfristig verändert und auf diese Weise die Basis für große politische Paradigmenwechsel und Revolutionen schafft.

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Ethnopluralismus vs multikulturelle Gesellschaft

Es ist darüber gestritten worden, ob der von der „Nouvelle Droite“ vertretene „Ethnopluralismus“ genuin rassistisch oder „nur“ ausgrenzend sei. Schon in den 70er Jahren ist Benoist davon abgerückt, die Überlegenheit einer bestimmten Rasse oder Ethnie zu behaupten. Stattdessen postuliert er die Überlegenheit „jeder Rasse und jeder Ethnie“, solange sie auf dem ihr angestammten Territorium bleibt und die ihr eigene Kultur lebt. „Mischehen“ führen zum Verschwinden der Rassen und kulturellen Unterschiede und werden deshalb abgelehnt. Zu den vordringlichen politischen Aufgaben der Gegenwart zählt die „Nouvelle Droite“ deshalb das Ende der außer-europäischen Einwanderung und die Rückkehr nicht-europäischer Immigranten in ihre Herkunftsländer. Dabei bleibt offen, wie dies praktisch geschehen soll und wo genau die geographischen Grenzen dieses Nicht-Europas liegen.

Fernziel der Politik des „Ethnopluralismus“ ist die globale territoriale Trennung von Gemeinschaften, die sich als eine Ethnie verstehen und ein gemeinsames kulturelles Erbe pflegen. Wie diese segregierte Welt auf ökonomischer Ebene existieren soll, wird nicht präzisiert. Es wird davon ausgegangen, dass angeborenes Territorialverhalten Menschen in einen immensen kulturellen Stress versetzt, je mehr die Verstädterung voranschreitet. Ghetto-Bildung ist die unweigerliche Folge, wobei rivalisierende Gruppen niemals aufhören, ihr Territorium vergrößern und verteidigen zu wollen. Auch deshalb ist das Konzept des Ethnopluralismus in den Augen Benoists nicht nur nicht rassistisch, sondern im Gegenteil zutiefst human.

Gemäß dem Denken der „Nouvelle Droite“ wird Identität besessen, nicht erworben. Sie ist schicksalhaft vorgegeben.

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In diesem Punkt kommt erneut die Vorstellungswelt des deutschen Schriftstellers Oswald Spengler zum Vorschein, der davon ausging, dass sich einander fremde Kulturen niemals wirklich verstehen und in einem tieferen Sinn austauschen können. Benoist dagegen bestreitet nicht, dass sich die Kulturen der Welt von einem frühen Zeitpunkt an vermischt und auch gegenseitig bereichert haben. Dennoch gibt er einer klaren Trennung den Vorzug. Denn ethnisch segregierte Gesellschaften ersparen sich nicht nur kulturellen Stress. Sie haben auch den Vorteil, dass sich niemand einem herrschenden, ihm einem fremden Kulturmodell unterwerfen muss.

Das Konzept der pluralistischen oder multikulturellen Gesellschaft will Benoist als Chimäre entlarven. Denn zum einen seien die westlichen Gesellschaften keineswegs multikulturell im Sinne einer kulturellen Vielfalt, sondern verdrängten diese im Gegenteil zusehends. Das Propagieren universal gültiger Menschenrechte diene dem Westen nur als Vorwand für Expansion. Die eigentlichen Ziele seien wirtschaftliche Ausbeutung, die Sicherung von Rohstoffquellen und der Einsatz von „Wallstreet-Kapital“ in vielversprechende Unternehmungen weltweit.

Man würde der umfassenden Radikalität dieses Denkens nicht gerecht, wenn man es „nur“ als zutiefst antisemitisch bezeichnete. Natürlich steht hinter der Kritik am merkantilen Geist des Westens mit seinen jüdisch-christlichen Wurzeln auch die Vorstellung vom weltweit herrschenden „jüdischen Kapital“. Die „Nouvelle Droite“ ist aber auch anti-klerikal und auf geistige Eleganz bedacht. Plumpe antisemitische Vorurteile wird man in ihren Schriften ebenso wenig finden, wie eine offene Verteidigung des Nationalsozialismus.

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Der Vordenker der Identitären

Weil jeder Mensch vor allem als Erbe seiner Kultur geboren wird, ist die Frage nach Identität im Konzept der „Nouvelle Droite“ keine individuelle Angelegenheit, sondern eine zutiefst politische. Es liegt auf der Hand, wie attraktiv die Schriften Benoists für die identitäre Bewegung sein müssen, die seit einigen Jahren Teil einer neuen Jugendkultur ist. Die pubertäre Suche nach Sinn und einem unverwechselbaren Ich kann danach auf wundersame Weise abgekürzt und mit einem klaren Bekenntnis beendet werden. Identität wird besessen, nicht erworben. Sie ist schicksalhaft vorgegeben und steht jedem zur Verfügung, der ihre wahre Natur erkennt.

So überrascht es nicht, dass Benoist nach einem langen Schattendasein als „Geheimtipp“ zunehmend in den Fokus rechtsextremer Kreise auch in Deutschland rückt. Seit einigen Jahren ist er ständiger Mitarbeiter der Wochenzeitung „Junge Freiheit“. Der Publizist und Vertreter der deutschen Neuen Rechten, Karlheinz Weißmann, veröffentlichte im „Junge Freiheit Verlag“ ein Interviewbuch, das Benoists Werdegang ausführlich aus dessen Sicht beschreibt. (3) Der von GötzKubitschek geleitete Antaios-Verlag brachte unter anderem seine internationale Carl-Schmitt-Bibliographie sowie ein kleineres Werk über seine Person und die Grundzüge seines Denkens heraus.

Eine Reihe von aktuelleren Büchern von Benoist ist im „Junge Freiheit Verlag“ in deutscher Übersetzung erschienen, darunter „Am Rande des Abgrunds – Eine Kritik der Herrschaft des Geldes“ (2012) und „Abschied vom Wachstum – Für eine Kultur des Maßhaltens“ (2009). Wenn der AfD-Politiker Björn Höcke berichtet, dass er sich bei Kamingesprächen mit dem Publizisten Kubitschek die geistige Nahrung für sein Wirken hole, dürfte mit einiger Wahrscheinlichkeit auch über Alain de Benoist gesprochen werden.

Deutlich später als in Frankreich hat man in Deutschland mit dem Projekt einer „zeitgemäßen“ Theoriebildung für rechtsradikale Positionen begonnen. Der Rückgriff auf die deutschen Klassiker der „Konservativen Revolution“ ist eine naheliegende und fruchtbare Basis für beide Seiten. Alain de Benoist ist nicht nur in der Lage, die Texte eines Carl Schmitt, Oswald Spengler oder Ernst Jünger im Original zu lesen. Er reist auch gerne nach Deutschland und wird zu Treffen im Dunstkreis von Karlheinz Weißmann und Götz Kubitschek geladen.
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Benoist liefert den Stoff für ein besonders besorgtes Bürgertum, das nach Argumenten für sein Unbehagen an der liberalen Demokratie sucht.

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Trotzdem ist Benoist noch nicht zum Idol auch der deutschen Neuen Rechten avanciert. Das mag damit zusammenhängen, dass sein Traum von der Wiederauferstehung eines heidnisch-europäischen Demos auch von politisch Nahestehenden als verschroben und konstruiert abgetan wird. Zudem handelt es sich bei den meisten seiner Bücher um eine recht sperrige Lektüre. Rechtsradikale Straßenkämpfer wird man damit nicht begeistern können. Schon eher liefert er Stoff für ein besonders besorgtes Bürgertum, das nach Argumenten für sein Unbehagen an der liberalen Demokratie sucht.

Alain de Benoist bezeichnet sich als „germanophil“. Ob das von ihm adressierte deutsche Publikum im Gegenzug bereit ist, einem französischen Vordenker zu folgen, sei dahingestellt. Grenzüberschreitende Ethnien, die weder eine gemeinsame Sprache, noch gemeinsame Alltagsriten und Bräuche teilen, wären ein Novum in der Geschichte der Völker. Eine am rechten Rand verortete Massenbewegung, in der sich Deutsche, Franzosen, Italiener usw. als einemVolk zugehörig fühlen, existiert bis jetzt nicht. Es bleibt abzuwarten, welche Rolle die europaweit geführte Debatte um muslimische Flüchtlinge und Einwanderer für die zukünftige Entwicklung und den Erfolg der Neuen Rechten in Europa spielen wird.

Zum Schluss soll Benoist noch einmal selbst zu Wort kommen. In diesem Passus paraphrasiert er den italienischen Schriftsteller und Kommunisten Antonio Gramsci (1891-1937), dessen „Gefängnishefte“ zu den Klassikern marxistischer Literatur gehören. Es geht um die Frage, welche Rolle der vorpolitische Raum für gesellschaftliche Paradigmenwechsel und revolutionäre Umbrüche spielt:

Alle großen Revolutionen der Geschichte haben nichts anderes getan, als eine Entwicklung in die Tat umzusetzen, die sich zuvor schon unterschwellig in den Geistern vollzogen hatte. Man kann keinen Lenin haben, bevor man einen Marx hatte. Das ist die Revanche der Theoretiker – die nur scheinbar die großen Verlierer der Geschichte sind. Eines der Dramen der Rechten ist ihre Unfähigkeit, die Notwendigkeit zu begreifen, dass auf lange Frist geplant werden muss.“ (5)


  1. https://www.salonkolumnisten.com/salonkolumnisten-zu-doof-fuer-benoist/
  2. Alain de Benoist: „Am Rande des Abgrunds – Eine Kritik der Herrschaft des Geldes“,
    Junge Freiheit Verlag, Berlin 2012, S. 175.
  3. Alain de Benoist: ”Mein Leben – Wege eines Denkens“ mit einem Vorwort von Karlheinz Weißmann,
    Junge Freiheit Verlag, Berlin 2014.
  4. Georges Dumézil: „L’idéologie tripartie des Indo-Européens“, Brüssel 1958, S. 68
  5. Alain de Benoist: „Kulturrevolution von rechts: Gramsci und die Nouvelle Droite“, Jungeuropa Verlag, Dresden 2017, S. 38.

Die Autorin:
Ellen Daniel ist Journalistin mit den Themenschwerpunkten Europa und Kultur. Sie war u.a. EU-Korrespondentin in Brüssel und Redakteurin beim “Focus”. Außerdem hat sie als Pressesprecherin der SPD-Abgeordneten im europäischen Parlament gearbeitet. Ellen Daniel hat sich im Rahmen ihres politikwissenschaftlichen Studiums intensiv mit Alain de Benoist befasst und ihn persönlich interviewt.