Ernst Jünger

Der Amoralismus des Ästheten

von Irmela von der Lühe

In der Geschichte des anti-liberalen, moderne-kritischen Denkens nimmt der hochdekorierte Offizier und vielfach geehrte Schriftsteller, Publizist und Insektenforscher Ernst Jünger (1895–1998) einen besonderen Platz ein. Er wurde zum Zeitgenossen und literarischen Chronisten aller großen Katastrophen und Zäsuren des 20. Jahrhunderts, erlebte Kaiserreich und Ersten Weltkrieg, Weimarer Republik, Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg, schließlich den Kalten Krieg, den bundesrepublikanischen Wiederaufbau bis zur Wiedervereinigung. Bestimmend blieb dabei seine scharfe Ablehnung von Idee und Wirklichkeit einer liberalen Demokratie, seine Verehrung des Soldatischen und des Elitären, seine Haltung kalter Beobachtung und Verachtung alles Gesellschaftlich-Politischen.
Sofort nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs meldete sich Ernst Jünger an die Front; in Frankeich wurde er mehrfach schwer verwundet und 1917 mit dem Eisernen Kreuz 1.Klasse, ein Jahr später mit dem Orden Pour le mérite ausgezeichnet. Aus den während des Krieges angefertigten Tagebuch-Aufzeichnungen entstanden mehrere Veröffentlichungen („In Stahlgewittern“, 1920; „Der Kampf als inneres Erlebnis“, 1922; „Sturm“, 1923; „Feuer und Blut“, 1925 sowie „Das Wäldchen“, 1925).
Die durchweg kriegsapologetischen Texte feiern Blut und Tod auf dem Schlachtfeld, kritisieren aber zugleich die zerstörerische Macht einer Kriegstechnik, die den wahren Heldentod unmöglich macht. Nach seiner Entlassung aus der Reichswehr macht sich Ernst Jünger als nationalistischer Publizist einen Namen, in Essays und Büchern attackiert er Republik und Demokratie, Liberalismus und Aufklärung; mit dem 1932 erschienen Groß-Essay „Der Arbeiter“ liefert er eine geschichts-politische Zusammenfassung seiner Ansichten, die im Denken der „Konservativen Revolution“ bis in die Gegenwart hinein eine große Wirkung ausgelöst hat.
Im „Arbeiter“ skizziert Jünger einen autoritär-imperialen Staat, der das bürgerliche Zeitalter hinter sich gelassen, der mit den „bürgerlichen Kunst-, Kultur und Bildungsbetrieb“ aufgeräumt hat und in der „Gestalt“ des Arbeiters zu elementaren Bindungen von Führer und Gefolgschaft, Befehl und Gehorsam zurückkehren wird. Man hat in den prophetisch-apokalyptischen Schilderungen des Buches sowohl den Vorgriff auf den Staat Hitlers als auch den Rückblick auf die Russische Revolution und den Staat der Bolschewiki gesehen.
Ernst Jünger selbst ist freilich sehr schnell nach 1933 auf radikale Distanz zum nationalsozialistischen Regime gegangen; freilich geschah dies weniger aus Gründen bewusster Opposition, sondern aus jener Haltung heraus, die auch nach 1945 für Jüngers Position charakteristisch sein sollte: Er selbst nannte sie die Position eines „Anarchen“ (nicht Anarchisten), der auf Abstand, auf Distanz hält; dem die Beobachtung und Beschreibung der Welt und des Geschehens aufgegeben ist; der heroisch ausharrt und beschreibt, und dies auch noch unter persönlich bedrohlichen und politisch empörenden Bedingungen.
Als Angehöriger der deutschen Besatzungsmacht in Paris wird Jünger diese Position des Ästheten im Offiziersrang besonders pflegen. Die in diesen Jahren entstandenen Tagebücher, 1949 unter dem Titel „Strahlungen“ veröffentlicht, bezeugen dies und sorgten für erheblichen Wirbel.
Seit Anfang der 50er-Jahre lebte Jünger zurückgezogen in einem alten Forsthaus in Wilfingen, erfreute sich großer Anerkennung bis in höchste politische Kreise in Deutschland und Frankreich; als ihm 1982 der Goethe-Preis zuerkannt wurde, sorgte dies für einen Skandal. Dem 90 Jährigen gratulierten Bundeskanzler Helmut Kohl und der französische Staatspräsident Mitterand persönlich zum Geburtstag.
Mit  seinen Schriften, vor allem aber mit seiner Haltung der „desinvolture“, der Nicht-Zuständigkeit und Unberührbarkeit, wurde Ernst Jünger, der 1998 im Alter von fast 103 Jahren starb, zum Vorbild und Leitbild für einen neuen autoritären, antiliberalen und dabei stets stilbewusstem Rechts-Intellektualismus.  

1. Jugend

Der 1895 in Heidelberg als Sohn eines Chemikers geborene Ernst Jünger probte noch als Gymnasiast den Aufstand gegen die Ödnis bürgerlicher Verhältnisse und die Langeweile des schulischen Alltags, indem er sich 1913 zur französischen Fremdenlegion meldete. Aufgrund väterlicher Intervention und wegen seines Alters wurde er freilich schnell wieder entlassen und der Obhut eines preußischen Internats übergeben. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 und bestandenem Notabitur durchlief er als Kriegsfreiwilliger die militärische Grundausbildung, wurde an der Westfront in Frankreich eingesetzt und schlug die Offizierslaufbahn ein. Mehrfach schwer verwundet, erlebte Jünger den Krieg in seiner ganzen Brutalität, freilich auch als Sieg der Kriegstechnik über den individuellen Kampfgeist.

Ausgezeichnet mit dem Eisernen Kreuz Erster Klasse (1917) und dem Orden Pour le mérite (1918), entwickelte sich Ernst Jünger nach Kriegsende zu einem radikalen Gegner der Republik.

2. Jüngers heroische Idealisierung des Kriegs

Seine passagenweise entschieden kriegsapologetischen Texte stilisieren das Frontkämpfer-Erlebnis und die Idee vom Heldentod fürs Vaterland auch als ästhetisches Erlebnis. Bereits während des Krieges hatte Jünger Tagebuch geführt. Daraus gingen seit 1920 mehrere Veröffentlichungen hervor: „In Stahlgewittern“ (1920), „Der Kampf als inneres Erlebnis“ (1922); „Sturm“ (1923); „Feuer und Blut“ (1925) sowie „Das Wäldchen“ (1925).

Gemeinsam ist diesen Texten, dass sie weit mehr sind als autobiographisch verbürgte Schilderungen von Stellungskrieg, Materialschlachten und grausamem Sterben an der Front. Vielmehr bringen sie das persönlich und faktisch Erlebte in eine literarische Form und verleihen dem Gewaltgeschehen des Krieges, dem soldatischen Überlebenskampf auf den Schlachtfeldern eine philosophisch-weltanschauliche Substanz, die weit über den Tag hinaus Wirkung entfalten sollte. Sie resultiert nicht zuletzt aus einem Darstellungsstil, der zwischen lakonisch-sachlicher Berichterstattung über Granateinschläge, feindliche Feuerstürme und verstümmelte Leichen und expressionistisch-surrealen Bildern changiert:

Die Straße war von großen Blutlachen gerötet; durchlöcherte Helme und Koppel lagen umher … Ich fühlte meine Augen wie durch einen Magneten an diesen Anblick geheftet, gleichzeitig ging eine tiefe Veränderung in mir vor.“ (1)

Das blutige Kriegsgeschehen, das Leben im Schlamm und Schmutz der Unterstände, im Wechsel von Apathie und Angriff, von Abstumpfung und Aufregung, Lethargie und Leidenschaft wird in Jüngers Kriegsschriften zu einem „ästhetischen“ Erlebnis, das mit dem real Erfahrenen nicht einfach nur versöhnen, dass es nicht lediglich „konsumierbar“ machen, sondern dass ihm eine „Gestalt“ geben soll. Die Erfahrung von Tod und Zerstörung im Krieg wird zum Objekt einer formgebenden Beobachtung, einer ästhetischen Wahrnehmung, die nicht den Normen der Moral, sondern den Grundsätzen des heroischen Lebens zu gehorchen hat.

Zugleich verbindet sich mit der Überführung der Kriegserlebnisse in poetische Texte der Anspruch, einem Geschehen Sinn und Dauer zu verleihen, das diesen Sinn durch die moderne Kriegstechnik einerseits und den modernen demokratischen Pazifismus andererseits einzubüßen drohte.

Folgerichtig erscheint der Krieg in Jüngers Frühwerk als schicksalhaftes Geschehen und zugleich als ein großes Naturschauspiel, in dem Gewalt und Technik sich vereinigen. Titel wie „In Stahlgewittern“oder „Der Kampf als inneres Erlebnis“zeigen dies sehr deutlich. Freilich verbinden sich Wahrnehmung und Darstellung des Krieges als eines gewaltigen, mythisch-kosmischen und zugleich schicksalhaften Naturgeschehens stets mit der Vorstellung von Reinigung und Erlösung, Katharsis und Wiedergeburt. Der Krieg befreit und erlöst aus einer ereignislosen und doch dekadenten, technisierten und doch monotonen Wirklichkeit; im Krieg wachen die Urkräfte des Menschen ( vor allem des Mannes!) endlich wieder auf, er stiftet wahre Gemeinschaft, er aktiviert ein brachliegendes Triebleben. In der stilistischen und semantischen Ästhetisierung und Erotisierung des Krieges wird man die Besonderheit der frühen Schriften Jüngers sehen müssen. So wenn es z. B. in „Der Kampf als inneres Erlebnis“ heißt:

So lebten wir dahin und waren stolz darauf. Als Söhnen einer vom Stoffe berauschten Zeit schienen Fortschritt uns Vollendung, die Maschine der Gottähnlichkeit Schlüssel, Fernrohr und Mikroskop Organe der Erkenntnis. Doch unter immer glänzender und polierter Schale, unter allen Gewändern, mit denen wir uns wie Zauberkünstler behängten, blieben wir nackt und roh wie die Menschen des Waldes und der Steppe.
Das zeigte sich, als der Krieg die Gemeinschaft Europas zerriß, als wir hinter Fahnen und Symbolen, über die mancher längst ungläubig gelächelt, uns gegenübertraten zu uralter Entscheidung. Da entschädigte sich der Mensch in rauschender Orgie für alles Versäumte. Da wurden seine Triebe, zu lange schon durch Gesellschaft und ihre Gesetze gedämmt, wieder das Einzige und Heilige und die letzte Vernunft. Und alles, was das Hirn im Laufe der Jahrhunderte in immer schärfere Formen gestaltet hatte, diente nur dazu, die Wucht der Faust ins Ungemessene zu steigern.“

3. „Ich hasse die Demokratie wie die Pest“ –
Das offene Kokettieren mit den Nationalsozialisten

Nach seiner Entlassung aus der Reichswehr (1923) begann Jünger ein Studium der Zoologie und Philosophie in Leipzig, gleichzeitig machte er sich als Kriegsschriftsteller und politischer Publizist mit antidemokratischen und extrem nationalistischen Positionen einen Namen. Offen sympathisierte er mit Freikorpsverbänden und den Beteiligten am Hitler-Putsch; Hitler selbst nannte er, nachdem er eine Rede von ihm gehört hatte, ein „Elementarereignis“. Seinen ersten im engeren Sinne politischen Artikel  („Idee und Revolution“) hatte Jünger kurz vor dem Hitler-Putsch im „Völkischen Beobachter“, dem Parteiorgan der NSDAP publiziert. Er plädierte hier für eine „wirkliche Revolution“, deren Symbol und Ausdruck das Hakenkreuz und die Diktatur sein sollten.

Bis zum Ende der Weimarer Republik hat Ernst Jünger zahllose nationalistische, aggressiv-anti-liberale Artikel verfasst, die in (unter anderem auch von ihm begründeten) Zeitschriften der extremen Rechten („Die Standarte“, „Arminius“, „Die Kommenden“, „Vormarsch – Blätter der nationalistischen Jugend“) erschienen. Seine Beiträge intonieren das Bekenntnis „Ich hasse die Demokratie wie die Pest“ (Das Wäldchen) und die Botschaft „Wir können gar nicht national, ja nationalistisch genug sein“. Kaum überraschend finden sich heftige antisemitische Invektiven (u. a. in „Über Nationalismus und Judenfrage“, 1930). Im „Zivilisationsjuden“ erkennt Jünger die zentrale Figur der liberalen Moderne, die freilich inzwischen auch das bürgerlich-konservative Lager kontaminiert habe. Auch sei „der Stoß gegen die Juden“ im Lager der national-revolutionären Bewegungen schlichtweg „zu flach“. Im September 1930  – es war der Monat, da die NSDAP mit 107 Mandaten zur zweitstärksten Fraktion im Deutschen Reichstag wurde – prophezeite Jünger:

Im gleichen Maße, in dem der deutsche Wille an Schärfe und Gestalt gewinnt, wird für den Juden auch der leiseste Wahn, in Deutschland Deutscher sein zu können, unvollziehbarer werden, und er wird sich vor seiner letzten Alternative sehen, die lautet: in Deutschland entweder Jude zu sein oder nicht zu sein.“

4. „Der Arbeiter“ – Jüngers Vision
eines autoritär-imperialen Staates

So antiliberal und revolutionär-nationalistisch Jünger sich in seinem publizistischen Werk der Weimarer Republik präsentierte, so antibürgerlich-dandyhaft war sein Lebenswandel. Seit 1927 lebte er in Berlin, verkehrte in der linken und rechten Bohème gleichermaßen; vitalistische Vorstellungen in der Tradition Nietzsches und antihumane und anti-egalitäre Ideen völkischen Zuschnitts ließen sich als Modelle eines Lebens in Extremen durchaus verbinden; die Faszination für literarische Autoritäten wie Ariost, Baudelaire und Rimbaud, vor allem aber für Nietzsche und Spengler widersprach nicht den Ideen einer Militarisierung der Gesellschaft, der Etablierung vorbürgerlicher Gefolgschaftsmodelle und dem Plädoyer für einen autoritären Führerstaat, durch den der wahre Nationalismus (und nicht ein parlamentarisch verwässerter Konservatismus) Realität werden würde.

Die Summe seiner bisherigen politischen Publizistik lieferte Ernst Jünger im Herbst 1932 mit dem dreihundertseitigen Großessay „Der Arbeiter“. In Form prophetisch-apokalyptischer Feststellungen liefert der Text eine geschichtspolitische Diagnose und zugleich eine Zukunftsvision. Sie gilt einem autoritär-imperialen Staat, der nach dem unvermeidlichen und zwingend gebotenen Untergang der bürgerlichen Kultur entstehen wird; der mit dem bürgerlichen Sicherheitsdenken, mit seinem Vernunft- und Moralverständnis aufgeräumt haben und in der Gestalt des Arbeiters eine totale Herrschaft errichten wird. Der bürgerliche „Kunst-, Kultur- und Bildungsbetrieb“ wird der Vergangenheit angehören, an seine Stelle wird ein Staat treten, der auf der Gestalt des „Arbeiters“ basiert. Damit ist indes nicht der Proletarier gemeint, auch nicht die Arbeiterklasse.

Vielmehr skizziert Jünger poetisch vage und politisch sarkastisch einen „Typus“, der elementar und anti-individualistisch ist; der im Verhältnis von Herrschaft und Gehorsam eine notwendige, natürliche Konstellation sieht, in die sich einzuordnen Erfüllung bedeutet.

Jüngers „Arbeiter“ ist gerade keine individuelle Persönlichkeit, sondern eine kollektive „Gestalt“; er repräsentiert ein archaisches, darin aber tief wahres anthropologisches Prinzip. Im „Arbeiter“ kehrt der Mensch zu wahrem Abenteuer, zur Konfrontation mit den Gefahren zurück und eben darin folgt er den dämonischen Trieben seines Herzens und seiner Natur.

In seiner sarkastischen Demontage bürgerlicher Kultur und Humanität plädiert der Text zugleich für Grausamkeit und Barbarei, wenn es gilt mit dieser Kultur aufzuräumen und eine Herrschaft aufzurichten, durch die Freiheit und Gehorsam identisch werden. Um zu einer wirklichen Neugestaltung der Welt zu kommen, muss der „Arbeiter“ sich eingliedern und unterordnen; er tut dies aus freien Stücken, opferfreudig und als Teil großer, organisch geordneter Verbände, wie sie im Militär oder auch in Ordensgemeinschaften vorgebildet sind. Autorität und Askese bilden den Lebensmodus, um eine welthistorische, ein planetarische Aufgabe zu erfüllen: nämlich die „totale Mobilmachung“ der Erde, ihre „ restlose Verwandlung in einen technisch aufgerüsteten Raum“ (2). Die geschlossene, totalitäre Gesellschaft der Zukunft, wie Ernst Jünger sie in „Der Arbeiter“ entwirft, verdankt sich einer „organischen Konstruktion“, der Rückkehr zu elementaren, reinen und darin eben auch schöpferischen Verhältnissen.

Auch im „Arbeiter“ begegnet man im übrigen einem literarischen Stil, der zwischen blutiger Metaphorik und eiskalter Beschreibung oszilliert, der politische Zerstörungspostulate und poetische Zukunftsvisionen ineinander übergehen lässt.

Sofort nach seinem Erscheinen und bis in die Gegenwart hinein wurde „Der Arbeiter“ entweder als Programmschrift des Dritten Reiches oder als Reflexion auf die Russische Revolution und den Bolschewismus gelesen; als Entwurf einer planwirtschaftlich beziehungsweise totalitär organisierten Gesellschaft.

In seinen Aufzeichnungen zum „Arbeiter“ notierte Martin Heidegger 1934, es handele sich in Jüngers Text um eine „Metaphysik des recht verstandenen, das heißt von allen bürgerlichen Vorstellungen gereinigten imperialen Kommunismus“. Bereits im Oktober 1932 war im Völkischen Beobachterindes eine sehr negative Besprechung erschienen; dass Jünger kein„rassisch-völkisches“ Zeitalter heraufbeschwöre, offenbar auch keinem biologischen Rassenbegriff folge, wurde scharf kritisiert.

5. Zwischen Distanzierung und elitärem Dandytum – Der Amoralismus des Ästheten

Ernst Jünger selbst ging nach dem 30. Januar 1933 sehr schnell auf Distanz zum nationalsozialistischen Regime; als Schriftsteller hielt er entschieden auf Abstand, trat der „gesäuberten“ Akademie für Dichtung nicht bei, verkehrte weiter mit dem national-kommunistischen Revolutionär Ernst Niekisch, erlebte zwei Hausdurchsuchungen und zog sich bis zum Kriegsausbruch an seinen Schreibtisch zurück. Freilich meldete er sich 1939 sofort wieder an die Front. Die Essays und Tagebücher aus seiner Zeit als Besatzungsoffizier in Paris („Strahlungen“) gehören zu den umstrittensten Teilen seines Werkes: Aus ihnen spricht der kalte Beobachter (Hinrichtungen  und Geiselerschießungen), der dandyhafte Genussmensch (mit Sinn für schöne Gebäude, gute Weine und attraktive Frauen) und der heroische Ästhet, dem die Nachrichten von Massenerschießungen im Osten, die Begegnung mit Juden in Paris, die den gelben Stern tragen müssen, zur argen Zumutung werden.

Und dennoch: Der Amoralismus des Ästheten und der Antihumanismus des nationalen Revolutionärs trübt den Blick auf die Realität in einer besetzten Stadt, in der Jünger zur Okkupationsmacht gehört, durchaus nicht; sie stimulieren einen heroischen Realismus, von dem die Schriften der Pariser Jahre beredtes, sprachlich hoch veredeltes Zeugnis ablegen. Der gebildete Besatzungsoffizier streift durch die Pariser Gärten und Straßen, besucht Antiquariate, frequentiert Salons von Angehörigen der kollaborierenden Vichy-Regierung, begegnet berühmten Schriftstellern wie Cocteau und Céline; er beobachtet die Deportation von Juden („man trennte die Eltern zunächst von ihren Kindern, so daß das Jammern in den Straßen zu hören war …“) und will sich fortan daran erinnern, „daß ich von Unglücklichen, von bis in das Tiefste Leidenden umgeben bin“ (18. Juli 1942).
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Auch wenn Jünger die kriegsapologetischen Positionen seiner frühen Schriften nicht fortschreibt, so bleibt die Fixierung auf den Posten des Beobachters, des Ästheten doch dominant.

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Auch dies sind Bekenntnisse zu einem Heroismus des Beharrens, zu einer „höheren Neugier“; mit Person und Werk empfand Jünger die Verpflichtung zu emotionsloser Wahrnehmung und kalter Beobachtung auch eigener Regungen und Gefühle. All dies sind nicht nur Gebote, die für den Autor gelten, es sind Prinzipien für die Lebensform des heroischen Menschen. Als Person und mit seinem Werk ist der Schriftsteller dieser Lebensform unwiderruflich verpflichtet. Freilich stehen einer solchen Existenzform des kalten Heroismus die moderne Demokratie, die gleichheitsfixierte moderne Gesellschaft, es stehen ihr Pazifismus und Massengesellschaft ebenso entgegen wie Technik, Materialismus und Maschinenwelt. Auch wenn der Besatzungsoffizier Ernst Jünger die kriegsapologetischen Positionen seiner frühen Schriften nicht fortschreibt, so bleibt die Fixierung auf den Posten des Beobachters, des Ästheten und des soldatischen Widergängers doch dominant. So betrachtet er vom Dach des Hotels „Raphael“ aus mit einem Glas Burgunder in der Hand die Bombardierung von Paris und notiert anschließend im Tagebuch:

Die Stadt mit ihren roten Türmen und Kuppeln lag in gewaltiger Schönheit, gleich einem Kelche, der zu tödlicher Befruchtung überflogen wird.“ (27. 5. 1944)

Jahre später in einem Interview des „Spiegel“auf diese Passage angesprochen, erläutert Jünger solche todeserotischen Bilder im Verweis auf ein soldatisches Ethos, dem er stets die Treue gehalten habe. Die feindlichen Flieger hätten wohl vermutet, er gehe angesichts der Gefahr in den Bunker:

… aber das ist meine Sache nicht. Ich gehe in die oberste Etage und sehe mir den Luftangriff an. Und sehe vielleicht durch das Sektglas. Dann ist das noch ein gewisses Bruderschaftstrinken mit dem Tode. Das ist der Anarch. Das ist der Mann, der sich überhaupt nicht kümmert um die, die da oben Angst machen wollen, und um die, die da unten Angst haben, sondern der, der da gemütlich am Fenster steht und sieht: die Erdbeere kristallisiert.“

6. Ikone eines antiliberalen
Konservatismus nach 1945

Nach Ende des Krieges erhielt Jünger, der sich geweigert hatte, den Fragebogen der Alliierten zur Entnazifizierung auszufüllen, zunächst Publikationsverbot. Die 1949 erschienenen „Strahlungen“– von Hannah Arendt als Zeugnis „unzweifelhafter Integrität“ und von Alfred Andersch als „Logbuch“ gelobt – und der im gleichen Jahr erschienene Roman „Heliopolis“ wurden schnell zu Bestsellern und begründeten den bis zu seinem Tode anhaltenden Ruhm des Schriftstellers Ernst Jünger nicht nur in der Bundesrepublik, sondern auch in Frankreich. Seit 1951 bis zu seinem Tode im Jahr 1998 lebte Jünger zurückgezogen in einem alten Forsthaus in Wilfingen, widmete sich ausgiebig seiner Insekten-Sammlung, experimentierte mit Drogen und legte mit dem 1951 erschienenen Essay „Der Waldgang“ eine geschichtsphilosophisch-politische Zusammenfassung seines Denkens vor, das im elitären Rückzug und in aristokratischer Distanz zur Welt einen Akt des Widerstands gegen die totalitären Versuchungen und Verwerfungen der Moderne proklamiert. Zwischen 1949 und 1953 arbeitete Armin Mohler (1920–2003), der 1949 von Hermann Schmalenbach und Karl Jaspers mit der Studie „Die Konservative Revolution in Deutschland 1918–1932“ promoviert worden war und in den 70er-Jahren zum Vordenker der „Republikaner“ und der intellektuellen Rechten in der Bundesrepublik werden sollte, als Privatsekretär Ernst Jüngers. Zum Zerwürfnis kam es, als Jünger seine frühe politische Publizistik nur in überarbeiteter Form zur Publikation freigeben wollte.

Als stilbewusster Kritiker der technischen Moderne, Repräsentant eines solitär-heroischen Lebenswandels, der bis ins hohe Alter morgendliche kalte Bäder nahm und sich einem strikten Tageslauf unterwarf, jede Frage nach seiner Rolle in den beiden Weltkriegen und der Wirkung seiner Schriften als Zumutung empfand, avancierte Jünger in Politik und Öffentlichkeit der 70er und 80er Jahre zur Ikone eines antiliberalen Konservatismus mit entschieden reaktionären Zügen. Das ästhetische Prinzip der Distanz und das ethisch-politische Gebot des Abstands dienten der Bekräftigung jener überzeitlichen Werte, die in der Gegenwart durch einen hemmungslosen Glauben an Technik und Fortschritt, an moderne Massendemokratie und damit im Sieg einer maschinenförmigen, totalitären Moderne verloren zu gehen drohten.

Kaum überraschend wurde denn auch die Zuerkennung und Verleihung des Frankfurter Goethes-Preises an Ernst Jünger im Jahre 1982 zum Skandal. Im berühmt gewordenen Interview mit dem „Spiegel“ antwortete Jünger auf die Frage, ob er seine Aversion gegen die Weimarer Republik auch gegen die bürgerliche Demokratie richte, in der er heute lebe:

Was heißt Demokratie? Demokratie ist ja kein feststehender Begriff. Wenn ich in Griechenland lebe unter dem guten Perikles, dann bin ich Demokrat, wenn ich in der DDR lebe, die sich Demokratische Republik nennt, dann bin ich ein Antidemokrat!“ (3)

Symbolträchtig und öffentlichkeitswirksam wurde die im September 1984 an Ernst Jünger ergangene Einladung durch Helmut Kohl, als „Veteran zweier Weltkriege“ an den deutsch-französischen Versöhnungsfeiern in Verdun teilzunehmen.

Der promovierte Historiker und Kanzler der Bundesrepublik Deutschland Helmut Kohl und der literarisch hoch interessierte französische Präsident François Mitterrand trafen sich in ihrer Verehrung für einen Autor, dem sie denn auch beide persönlich zum 90. Geburtstag gratulierten. Auf die zahlreichen hochkarätigen Einladungen und öffentlichen Ehrungen in seinem letzten Lebensjahrzehnt reagierte Ernst Jünger mit der für ihn charakteristischen Distanz: Einerseits heißt es im Tagebuch „Oft frage ich mich, was ich mit dem allen zu tun habe“ (Kiesel, 654), andererseits ließ sich die Einladung zu den Feiern in Verdun als Erfüllung einer Vision aus seiner 1946 erschienenen „Friedensschrift“ verstehen, nämlich als Beitrag zur deutsch-französischen Aussöhnung.

Mit fast 103 Jahren starb Ernst Jünger im Februar 1998, zu seiner Beerdigung, die dem Wunsche des Verstorbenen, der wenige Jahre vor seinem Tode konvertiert war, nach katholischem Ritus stattfand, kamen mehr als zweitausend Menschen; darunter Prominenz aus Politik und Kultur, fünf Generäle der Bundeswehr.

7. Fazit

Person und Werk Ernst Jüngers stehen wie kaum ein anderes für die Zäsuren und Aporien, die Katastrophen und Konflikte der deutschen und der europäischen politischen Geschichte, nicht zuletzt der politischen Ideengeschichte. Als bedingungslos und ausschließlich dem eigenen Werk verpflichteter Autor verkörpert er ästhetisch und existenziell die anspruchsvoll-kreative Gegen-Moderne; eine Haltung des Überdauerns und Aushaltens, die weder von historischen Katastrophen noch von persönlichen Schmerzen übermannt zu werden vermag; die „auf verlorenem Posten“ den Verwerfungen einer kränklichen Moderne, einer anti-heroischen Moral und einer unwürdigen Unterordnung unter die Gesetze der Technik die Stirn bietet.

In den Augen seiner Anhänger und Verehrer aus Wissenschaft, Kultur und Politik gilt Ernst Jünger als Autorität, als Vorbild für eine soldatische Haltung, für den „Waldgänger“ und den „Anarchen“, der auf Abstand und Distanz hält; als begnadeter Autor eines heroischen Realismus, als Repräsentant eines anti-modernen Ethos, dessen Wiederkehr überfällig und dessen literarisch-sprachliche Gestalt vorbildlich sei.

Man kann dem Stilisten und Magier des Wortes Anerkennung zollen, ohne seine politischen, weltanschaulichen, seine rundum antiliberalen Auffassungen zu billigen. Man hat solche Auffassungen mit Verweis auf den Zeitgeist, auf ein kulturelles Klima zurückgeführt, das eine sog. political correctness noch nicht kannte und seinen Überdruss gegenüber einer leerlaufenden Fortschritts-und Humanitätsrhetorik als rauschhafte Kriegsbegeisterung und proto-erotische Untergangssehnsucht artikulierte. Auch kann man in der zerstörungsaffinen Diagnostik Jüngers die Symptome eben jener Moderne ausmachen, für deren endgültiges Ende sie plädiert. Dass Ernst Jünger mit seinen Schriften, vor allem aber mit seiner Haltung der „desinvolture“, der Nicht-Zuständigkeit und Unberührbarkeit, Vorbild und Leitbild für einen neuen autoritären, antiliberalen und doch stets stilbewusstem Rechts-Intellektualismus wurde, steht außer Frage.

Bereits 1931 hatte Klaus Mann (1906–1949), Thomas Manns ältester Sohn, treffend konstatiert:

Dass er schreiben kann, erst das macht ihn gefährlich. Seinen Gaben nach gehört er zu uns (…). Aber ein Geist von der finsteren Glut Jüngers kann Unheil stiften. Eine geheimnisvolle Perversion des Gefühls hat ihn auf die Seite getrieben, wo notorische Böswilligkeit und Menschenfeindlichkeit sich als Tugend blähen.“


  1. Ernst Jünger: „In Stahlgewittern“, Stuttgart 2014 / 2017, S. 9.
  2. Helmut Kiesel: „Ernst Jünger – Die Biographie“, München 2009., S.390
  3. www.spiegel.de/spiegel/print/d-14347117.html
  • Ernst Jünger: „Der Arbeiter – Herrschaft und Gestalt“ (EA 1932)  Stuttgart 1982
  • Ernst Jünger: „Betrachtungen zur Zeit“, Sämtliche Werke Bd.9 (Essays I), Stuttgart 2015.
  • Ernst Jünger: „Strahlungen I“, Stuttgart 2015

Die Autorin:
Prof. Dr. Irmela von der Lühe ist emeritierte Professorin für Neuere deutsche Literatur an der Freien Universität Berlin. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Literatur des 18. bis 20. Jahrhunderts, Schriftstellerinnen der Moderne, deutsch-jüdische Literatur im 20. Jahrhundert, Exilliteratur sowie Holocaust und Literatur. Sie gilt als Spezialistin für Thomas Mann. Gemeinsam mit Uwe Naumann gibt sie die Werke Erika Manns heraus. Seit 2013 ist sie Senior Professorin am Selma Stern Zentrum für Jüdische Studien Berlin-Brandenburg.