Ernst Jünger

Der Amo­ra­lis­mus des Ästheten

von Irmela von der Lühe

In der Geschichte des anti-libe­ra­len, moderne-kri­ti­schen Denkens nimmt der hoch­de­ko­rierte Offi­zier und viel­fach geehrte Schrift­stel­ler, Publi­zist und Insek­ten­for­scher Ernst Jünger (1895–1998) einen beson­de­ren Platz ein. Er wurde zum Zeit­ge­nos­sen und lite­ra­ri­schen Chro­nis­ten aller großen Kata­stro­phen und Zäsuren des 20. Jahr­hun­derts, erlebte Kai­ser­reich und Ersten Welt­krieg, Wei­ma­rer Repu­blik, Natio­nal­so­zia­lis­mus und den Zweiten Welt­krieg, schließ­lich den Kalten Krieg, den bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Wie­der­auf­bau bis zur Wie­der­ver­ei­ni­gung. Bestim­mend blieb dabei seine scharfe Ableh­nung von Idee und Wirk­lich­keit einer libe­ra­len Demo­kra­tie, seine Ver­eh­rung des Sol­da­ti­schen und des Eli­tä­ren, seine Haltung kalter Beob­ach­tung und Ver­ach­tung alles Gesellschaftlich-Politischen.
Sofort nach Aus­bruch des Ersten Welt­kriegs meldete sich Ernst Jünger an die Front; in Frank­eich wurde er mehr­fach schwer ver­wun­det und 1917 mit dem Eiser­nen Kreuz 1.Klasse, ein Jahr später mit dem Orden Pour le mérite aus­ge­zeich­net. Aus den während des Krieges ange­fer­tig­ten Tage­buch-Auf­zeich­nun­gen ent­stan­den mehrere Ver­öf­fent­li­chun­gen („In Stahl­ge­wit­tern“, 1920; „Der Kampf als inneres Erleb­nis“, 1922; „Sturm“, 1923; „Feuer und Blut“, 1925 sowie „Das Wäld­chen“, 1925).
Die durch­weg kriegs­apo­lo­ge­ti­schen Texte feiern Blut und Tod auf dem Schlacht­feld, kri­ti­sie­ren aber zugleich die zer­stö­re­ri­sche Macht einer Kriegs­tech­nik, die den wahren Hel­den­tod unmög­lich macht. Nach seiner Ent­las­sung aus der Reichs­wehr macht sich Ernst Jünger als natio­na­lis­ti­scher Publi­zist einen Namen, in Essays und Büchern atta­ckiert er Repu­blik und Demo­kra­tie, Libe­ra­lis­mus und Auf­klä­rung; mit dem 1932 erschie­nen Groß-Essay „Der Arbei­ter“ liefert er eine geschichts-poli­ti­sche Zusam­men­fas­sung seiner Ansich­ten, die im Denken der „Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­tion“ bis in die Gegen­wart hinein eine große Wirkung aus­ge­löst hat.
Im „Arbei­ter“ skiz­ziert Jünger einen auto­ri­tär-impe­ria­len Staat, der das bür­ger­li­che Zeit­al­ter hinter sich gelas­sen, der mit den „bür­ger­li­chen Kunst‑, Kultur und Bil­dungs­be­trieb“ auf­ge­räumt hat und in der „Gestalt“ des Arbei­ters zu ele­men­ta­ren Bin­dun­gen von Führer und Gefolg­schaft, Befehl und Gehor­sam zurück­keh­ren wird. Man hat in den pro­phe­tisch-apo­ka­lyp­ti­schen Schil­de­run­gen des Buches sowohl den Vor­griff auf den Staat Hitlers als auch den Rück­blick auf die Rus­si­sche Revo­lu­tion und den Staat der Bol­sche­wiki gesehen.
Ernst Jünger selbst ist frei­lich sehr schnell nach 1933 auf radi­kale Distanz zum natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Régime gegan­gen; frei­lich geschah dies weniger aus Gründen bewuss­ter Oppo­si­tion, sondern aus jener Haltung heraus, die auch nach 1945 für Jüngers Posi­tion cha­rak­te­ris­tisch sein sollte: Er selbst nannte sie die Posi­tion eines „Anar­chen“ (nicht Anar­chis­ten), der auf Abstand, auf Distanz hält; dem die Beob­ach­tung und Beschrei­bung der Welt und des Gesche­hens auf­ge­ge­ben ist; der hero­isch aus­harrt und beschreibt, und dies auch noch unter per­sön­lich bedroh­li­chen und poli­tisch empö­ren­den Bedingungen.
Als Ange­hö­ri­ger der deut­schen Besat­zungs­macht in Paris wird Jünger diese Posi­tion des Ästhe­ten im Offi­ziers­rang beson­ders pflegen. Die in diesen Jahren ent­stan­de­nen Tage­bü­cher, 1949 unter dem Titel „Strah­lun­gen“ ver­öf­fent­licht, bezeu­gen dies und sorgten für erheb­li­chen Wirbel.
Seit Anfang der 50er-Jahre lebte Jünger zurück­ge­zo­gen in einem alten Forst­haus in Wil­fin­gen, erfreute sich großer Aner­ken­nung bis in höchste poli­ti­sche Kreise in Deutsch­land und Frank­reich; als ihm 1982 der Goethe-Preis zuer­kannt wurde, sorgte dies für einen Skandal. Dem 90 Jäh­ri­gen gra­tu­lier­ten Bun­des­kanz­ler Helmut Kohl und der fran­zö­si­sche Staats­prä­si­dent Mit­te­rand per­sön­lich zum Geburtstag.
Mit  seinen Schrif­ten, vor allem aber mit seiner Haltung der „des­in­vol­ture“, der Nicht-Zustän­dig­keit und Unbe­rühr­bar­keit, wurde Ernst Jünger, der 1998 im Alter von fast 103 Jahren starb, zum Vorbild und Leit­bild für einen neuen auto­ri­tä­ren, anti­li­be­ra­len und dabei stets stil­be­wuss­tem Rechts-Intel­lek­tua­lis­mus.  

1. Jugend

Der 1895 in Hei­del­berg als Sohn eines Che­mi­kers gebo­rene Ernst Jünger probte noch als Gym­na­si­ast den Auf­stand gegen die Ödnis bür­ger­li­cher Ver­hält­nisse und die Lan­ge­weile des schu­li­schen Alltags, indem er sich 1913 zur fran­zö­si­schen Frem­den­le­gion meldete. Auf­grund väter­li­cher Inter­ven­tion und wegen seines Alters wurde er frei­lich schnell wieder ent­las­sen und der Obhut eines preu­ßi­schen Inter­nats über­ge­ben. Nach Aus­bruch des Ersten Welt­kriegs 1914 und bestan­de­nem Not­ab­itur durch­lief er als Kriegs­frei­wil­li­ger die mili­tä­ri­sche Grund­aus­bil­dung, wurde an der West­front in Frank­reich ein­ge­setzt und schlug die Offi­ziers­lauf­bahn ein. Mehr­fach schwer ver­wun­det, erlebte Jünger den Krieg in seiner ganzen Bru­ta­li­tät, frei­lich auch als Sieg der Kriegs­tech­nik über den indi­vi­du­el­len Kampfgeist.

Aus­ge­zeich­net mit dem Eiser­nen Kreuz Erster Klasse (1917) und dem Orden Pour le mérite (1918), ent­wi­ckelte sich Ernst Jünger nach Kriegs­ende zu einem radi­ka­len Gegner der Republik.

2. Jüngers heroi­sche Idea­li­sie­rung des Kriegs

Seine pas­sa­gen­weise ent­schie­den kriegs­apo­lo­ge­ti­schen Texte sti­li­sie­ren das Front­kämp­fer-Erleb­nis und die Idee vom Hel­den­tod fürs Vater­land auch als ästhe­ti­sches Erleb­nis. Bereits während des Krieges hatte Jünger Tage­buch geführt. Daraus gingen seit 1920 mehrere Ver­öf­fent­li­chun­gen hervor: „In Stahl­ge­wit­tern“ (1920), „Der Kampf als inneres Erleb­nis“ (1922); „Sturm“ (1923); „Feuer und Blut“ (1925) sowie „Das Wäld­chen“ (1925).

Gemein­sam ist diesen Texten, dass sie weit mehr sind als auto­bio­gra­phisch ver­bürgte Schil­de­run­gen von Stel­lungs­krieg, Mate­ri­al­schlach­ten und grau­sa­mem Sterben an der Front. Viel­mehr bringen sie das per­sön­lich und fak­tisch Erlebte in eine lite­ra­ri­sche Form und ver­lei­hen dem Gewalt­ge­sche­hen des Krieges, dem sol­da­ti­schen Über­le­bens­kampf auf den Schlacht­fel­dern eine phi­lo­so­phisch-welt­an­schau­li­che Sub­stanz, die weit über den Tag hinaus Wirkung ent­fal­ten sollte. Sie resul­tiert nicht zuletzt aus einem Dar­stel­lungs­stil, der zwi­schen lako­nisch-sach­li­cher Bericht­erstat­tung über Gra­nat­ein­schläge, feind­li­che Feu­er­stürme und ver­stüm­melte Leichen und expres­sio­nis­tisch-sur­rea­len Bildern changiert:

Die Straße war von großen Blut­la­chen gerötet; durch­lö­cherte Helme und Koppel lagen umher ... Ich fühlte meine Augen wie durch einen Magne­ten an diesen Anblick gehef­tet, gleich­zei­tig ging eine tiefe Ver­än­de­rung in mir vor.“ (1)

Das blutige Kriegs­ge­sche­hen, das Leben im Schlamm und Schmutz der Unter­stände, im Wechsel von Apathie und Angriff, von Abstump­fung und Auf­re­gung, Lethar­gie und Lei­den­schaft wird in Jüngers Kriegs­schrif­ten zu einem „ästhe­ti­schen“ Erleb­nis, das mit dem real Erfah­re­nen nicht einfach nur ver­söh­nen, dass es nicht ledig­lich „kon­su­mier­bar“ machen, sondern dass ihm eine „Gestalt“ geben soll. Die Erfah­rung von Tod und Zer­stö­rung im Krieg wird zum Objekt einer form­ge­ben­den Beob­ach­tung, einer ästhe­ti­schen Wahr­neh­mung, die nicht den Normen der Moral, sondern den Grund­sät­zen des heroi­schen Lebens zu gehor­chen hat.

Zugleich ver­bin­det sich mit der Über­füh­rung der Kriegs­er­leb­nisse in poe­ti­sche Texte der Anspruch, einem Gesche­hen Sinn und Dauer zu ver­lei­hen, das diesen Sinn durch die moderne Kriegs­tech­nik einer­seits und den moder­nen demo­kra­ti­schen Pazi­fis­mus ande­rer­seits ein­zu­bü­ßen drohte.

Fol­ge­rich­tig erscheint der Krieg in Jüngers Früh­werk als schick­sal­haf­tes Gesche­hen und zugleich als ein großes Natur­schau­spiel, in dem Gewalt und Technik sich ver­ei­ni­gen. Titel wie „In Stahl­ge­wit­tern“oder „Der Kampf als inneres Erleb­nis“zeigen dies sehr deut­lich. Frei­lich ver­bin­den sich Wahr­neh­mung und Dar­stel­lung des Krieges als eines gewal­ti­gen, mythisch-kos­mi­schen und zugleich schick­sal­haf­ten Natur­ge­sche­hens stets mit der Vor­stel­lung von Rei­ni­gung und Erlö­sung, Kathar­sis und Wie­der­ge­burt. Der Krieg befreit und erlöst aus einer ereig­nis­lo­sen und doch deka­den­ten, tech­ni­sier­ten und doch mono­to­nen Wirk­lich­keit; im Krieg wachen die Urkräfte des Men­schen ( vor allem des Mannes!) endlich wieder auf, er stiftet wahre Gemein­schaft, er akti­viert ein brach­lie­gen­des Trieb­le­ben. In der sti­lis­ti­schen und seman­ti­schen Ästhe­ti­sie­rung und Ero­ti­sie­rung des Krieges wird man die Beson­der­heit der frühen Schrif­ten Jüngers sehen müssen. So wenn es z. B. in „Der Kampf als inneres Erleb­nis“ heißt:

So lebten wir dahin und waren stolz darauf. Als Söhnen einer vom Stoffe berausch­ten Zeit schie­nen Fort­schritt uns Voll­endung, die Maschine der Gott­ähn­lich­keit Schlüs­sel, Fern­rohr und Mikro­skop Organe der Erkennt­nis. Doch unter immer glän­zen­der und polier­ter Schale, unter allen Gewän­dern, mit denen wir uns wie Zau­ber­künst­ler behäng­ten, blieben wir nackt und roh wie die Men­schen des Waldes und der Steppe.
Das zeigte sich, als der Krieg die Gemein­schaft Europas zerriß, als wir hinter Fahnen und Sym­bo­len, über die mancher längst ungläu­big gelä­chelt, uns gegen­über­tra­ten zu uralter Ent­schei­dung. Da ent­schä­digte sich der Mensch in rau­schen­der Orgie für alles Ver­säumte. Da wurden seine Triebe, zu lange schon durch Gesell­schaft und ihre Gesetze gedämmt, wieder das Einzige und Heilige und die letzte Ver­nunft. Und alles, was das Hirn im Laufe der Jahr­hun­derte in immer schär­fere Formen gestal­tet hatte, diente nur dazu, die Wucht der Faust ins Unge­mes­sene zu steigern.“

3. „Ich hasse die Demo­kra­tie wie die Pest“ –
Das offene Koket­tie­ren mit den Nationalsozialisten

Nach seiner Ent­las­sung aus der Reichs­wehr (1923) begann Jünger ein Studium der Zoo­lo­gie und Phi­lo­so­phie in Leipzig, gleich­zei­tig machte er sich als Kriegs­schrift­stel­ler und poli­ti­scher Publi­zist mit anti­de­mo­kra­ti­schen und extrem natio­na­lis­ti­schen Posi­tio­nen einen Namen. Offen sym­pa­thi­sierte er mit Frei­korps­ver­bän­den und den Betei­lig­ten am Hitler-Putsch; Hitler selbst nannte er, nachdem er eine Rede von ihm gehört hatte, ein „Ele­men­tar­ereig­nis“. Seinen ersten im engeren Sinne poli­ti­schen Artikel  („Idee und Revo­lu­tion“) hatte Jünger kurz vor dem Hitler-Putsch im „Völ­ki­schen Beob­ach­ter“, dem Par­tei­or­gan der NSDAP publi­ziert. Er plä­dierte hier für eine „wirk­li­che Revo­lu­tion“, deren Symbol und Aus­druck das Haken­kreuz und die Dik­ta­tur sein sollten.

Bis zum Ende der Wei­ma­rer Repu­blik hat Ernst Jünger zahl­lose natio­na­lis­ti­sche, aggres­siv-anti-libe­rale Artikel ver­fasst, die in (unter anderem auch von ihm begrün­de­ten) Zeit­schrif­ten der extre­men Rechten („Die Stan­darte“, „Armi­nius“, „Die Kom­men­den“, „Vor­marsch – Blätter der natio­na­lis­ti­schen Jugend“) erschie­nen. Seine Bei­träge into­nie­ren das Bekennt­nis „Ich hasse die Demo­kra­tie wie die Pest“ (Das Wäld­chen) und die Bot­schaft „Wir können gar nicht natio­nal, ja natio­na­lis­tisch genug sein“. Kaum über­ra­schend finden sich heftige anti­se­mi­ti­sche Invek­ti­ven (u. a. in „Über Natio­na­lis­mus und Juden­frage“, 1930). Im „Zivi­li­sa­ti­ons­ju­den“ erkennt Jünger die zen­trale Figur der libe­ra­len Moderne, die frei­lich inzwi­schen auch das bür­ger­lich-kon­ser­va­tive Lager kon­ta­mi­niert habe. Auch sei „der Stoß gegen die Juden“ im Lager der natio­nal-revo­lu­tio­nä­ren Bewe­gun­gen schlicht­weg „zu flach“. Im Sep­tem­ber 1930  – es war der Monat, da die NSDAP mit 107 Man­da­ten zur zweit­stärks­ten Frak­tion im Deut­schen Reichs­tag wurde – pro­phe­zeite Jünger:

Im glei­chen Maße, in dem der deut­sche Wille an Schärfe und Gestalt gewinnt, wird für den Juden auch der lei­seste Wahn, in Deutsch­land Deut­scher sein zu können, unvoll­zieh­ba­rer werden, und er wird sich vor seiner letzten Alter­na­tive sehen, die lautet: in Deutsch­land ent­we­der Jude zu sein oder nicht zu sein.“

4. „Der Arbei­ter“ – Jüngers Vision
eines auto­ri­tär-impe­ria­len Staates

So anti­li­be­ral und revo­lu­tio­när-natio­na­lis­tisch Jünger sich in seinem publi­zis­ti­schen Werk der Wei­ma­rer Repu­blik prä­sen­tierte, so anti­bür­ger­lich-dan­dy­haft war sein Lebens­wan­del. Seit 1927 lebte er in Berlin, ver­kehrte in der linken und rechten Bohème glei­cher­ma­ßen; vita­lis­ti­sche Vor­stel­lun­gen in der Tra­di­tion Nietz­sches und anti­hu­mane und anti-ega­li­täre Ideen völ­ki­schen Zuschnitts ließen sich als Modelle eines Lebens in Extre­men durch­aus ver­bin­den; die Fas­zi­na­tion für lite­ra­ri­sche Auto­ri­tä­ten wie Ariost, Bau­de­laire und Rimbaud, vor allem aber für Nietz­sche und Speng­ler wider­sprach nicht den Ideen einer Mili­ta­ri­sie­rung der Gesell­schaft, der Eta­blie­rung vor­bür­ger­li­cher Gefolg­schafts­mo­delle und dem Plä­doyer für einen auto­ri­tä­ren Füh­rer­staat, durch den der wahre Natio­na­lis­mus (und nicht ein par­la­men­ta­risch ver­wäs­ser­ter Kon­ser­va­tis­mus) Rea­li­tät werden würde.

Die Summe seiner bis­he­ri­gen poli­ti­schen Publi­zis­tik lie­ferte Ernst Jünger im Herbst 1932 mit dem drei­hun­dert­sei­ti­gen Groß­essay „Der Arbei­ter“. In Form pro­phe­tisch-apo­ka­lyp­ti­scher Fest­stel­lun­gen liefert der Text eine geschichts­po­li­ti­sche Dia­gnose und zugleich eine Zukunfts­vi­sion. Sie gilt einem auto­ri­tär-impe­ria­len Staat, der nach dem unver­meid­li­chen und zwin­gend gebo­te­nen Unter­gang der bür­ger­li­chen Kultur ent­ste­hen wird; der mit dem bür­ger­li­chen Sicher­heits­den­ken, mit seinem Ver­nunft- und Moral­ver­ständ­nis auf­ge­räumt haben und in der Gestalt des Arbei­ters eine totale Herr­schaft errich­ten wird. Der bür­ger­li­che „Kunst‑, Kultur- und Bil­dungs­be­trieb“ wird der Ver­gan­gen­heit ange­hö­ren, an seine Stelle wird ein Staat treten, der auf der Gestalt des „Arbei­ters“ basiert. Damit ist indes nicht der Pro­le­ta­rier gemeint, auch nicht die Arbeiterklasse.

Viel­mehr skiz­ziert Jünger poe­tisch vage und poli­tisch sar­kas­tisch einen „Typus“, der ele­men­tar und anti-indi­vi­dua­lis­tisch ist; der im Ver­hält­nis von Herr­schaft und Gehor­sam eine not­wen­dige, natür­li­che Kon­stel­la­tion sieht, in die sich ein­zu­ord­nen Erfül­lung bedeutet.

Jüngers „Arbei­ter“ ist gerade keine indi­vi­du­elle Per­sön­lich­keit, sondern eine kol­lek­tive „Gestalt“; er reprä­sen­tiert ein archai­sches, darin aber tief wahres anthro­po­lo­gi­sches Prinzip. Im „Arbei­ter“ kehrt der Mensch zu wahrem Aben­teuer, zur Kon­fron­ta­tion mit den Gefah­ren zurück und eben darin folgt er den dämo­ni­schen Trieben seines Herzens und seiner Natur.

In seiner sar­kas­ti­schen Demon­tage bür­ger­li­cher Kultur und Huma­ni­tät plä­diert der Text zugleich für Grau­sam­keit und Bar­ba­rei, wenn es gilt mit dieser Kultur auf­zu­räu­men und eine Herr­schaft auf­zu­rich­ten, durch die Frei­heit und Gehor­sam iden­tisch werden. Um zu einer wirk­li­chen Neu­ge­stal­tung der Welt zu kommen, muss der „Arbei­ter“ sich ein­glie­dern und unter­ord­nen; er tut dies aus freien Stücken, opfer­freu­dig und als Teil großer, orga­nisch geord­ne­ter Ver­bände, wie sie im Militär oder auch in Ordens­ge­mein­schaf­ten vor­ge­bil­det sind. Auto­ri­tät und Askese bilden den Lebens­mo­dus, um eine welt­his­to­ri­sche, ein pla­ne­ta­ri­sche Aufgabe zu erfül­len: nämlich die „totale Mobil­ma­chung“ der Erde, ihre „ rest­lose Ver­wand­lung in einen tech­nisch auf­ge­rüs­te­ten Raum“ (2). Die geschlos­sene, tota­li­täre Gesell­schaft der Zukunft, wie Ernst Jünger sie in „Der Arbei­ter“ ent­wirft, ver­dankt sich einer „orga­ni­schen Kon­struk­tion“, der Rück­kehr zu ele­men­ta­ren, reinen und darin eben auch schöp­fe­ri­schen Verhältnissen.

Auch im „Arbei­ter“ begeg­net man im übrigen einem lite­ra­ri­schen Stil, der zwi­schen blu­ti­ger Meta­pho­rik und eis­kal­ter Beschrei­bung oszil­liert, der poli­ti­sche Zer­stö­rungs­pos­tu­late und poe­ti­sche Zukunfts­vi­sio­nen inein­an­der über­ge­hen lässt.

Sofort nach seinem Erschei­nen und bis in die Gegen­wart hinein wurde „Der Arbei­ter“ ent­we­der als Pro­gramm­schrift des Dritten Reiches oder als Refle­xion auf die Rus­si­sche Revo­lu­tion und den Bol­sche­wis­mus gelesen; als Entwurf einer plan­wirt­schaft­lich bezie­hungs­weise tota­li­tär orga­ni­sier­ten Gesellschaft.

In seinen Auf­zeich­nun­gen zum „Arbei­ter“ notierte Martin Hei­deg­ger 1934, es handele sich in Jüngers Text um eine „Meta­phy­sik des recht ver­stan­de­nen, das heißt von allen bür­ger­li­chen Vor­stel­lun­gen gerei­nig­ten impe­ria­len Kom­mu­nis­mus“. Bereits im Oktober 1932 war im Völ­ki­schen Beob­ach­ter­in­des eine sehr nega­tive Bespre­chung erschie­nen; dass Jünger kein„rassisch-völkisches“ Zeit­al­ter her­auf­be­schwöre, offen­bar auch keinem bio­lo­gi­schen Ras­sen­be­griff folge, wurde scharf kritisiert.

5. Zwi­schen Distan­zie­rung und eli­tä­rem Dan­dy­tum – Der Amo­ra­lis­mus des Ästheten

Ernst Jünger selbst ging nach dem 30. Januar 1933 sehr schnell auf Distanz zum natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Régime; als Schrift­stel­ler hielt er ent­schie­den auf Abstand, trat der „gesäu­ber­ten“ Aka­de­mie für Dich­tung nicht bei, ver­kehrte weiter mit dem natio­nal-kom­mu­nis­ti­schen Revo­lu­tio­när Ernst Nie­kisch, erlebte zwei Haus­durch­su­chun­gen und zog sich bis zum Kriegs­aus­bruch an seinen Schreib­tisch zurück. Frei­lich meldete er sich 1939 sofort wieder an die Front. Die Essays und Tage­bü­cher aus seiner Zeit als Besat­zungs­of­fi­zier in Paris („Strah­lun­gen“) gehören zu den umstrit­tens­ten Teilen seines Werkes: Aus ihnen spricht der kalte Beob­ach­ter (Hin­rich­tun­gen  und Gei­sel­er­schie­ßun­gen), der dan­dy­hafte Genuss­mensch (mit Sinn für schöne Gebäude, gute Weine und attrak­tive Frauen) und der heroi­sche Ästhet, dem die Nach­rich­ten von Mas­sen­er­schie­ßun­gen im Osten, die Begeg­nung mit Juden in Paris, die den gelben Stern tragen müssen, zur argen Zumu­tung werden.

Und dennoch: Der Amo­ra­lis­mus des Ästhe­ten und der Anti­hu­ma­nis­mus des natio­na­len Revo­lu­tio­närs trübt den Blick auf die Rea­li­tät in einer besetz­ten Stadt, in der Jünger zur Okku­pa­ti­ons­macht gehört, durch­aus nicht; sie sti­mu­lie­ren einen heroi­schen Rea­lis­mus, von dem die Schrif­ten der Pariser Jahre bered­tes, sprach­lich hoch ver­edel­tes Zeugnis ablegen. Der gebil­dete Besat­zungs­of­fi­zier streift durch die Pariser Gärten und Straßen, besucht Anti­qua­riate, fre­quen­tiert Salons von Ange­hö­ri­gen der kol­la­bo­rie­ren­den Vichy-Regie­rung, begeg­net berühm­ten Schrift­stel­lern wie Cocteau und Céline; er beob­ach­tet die Depor­ta­tion von Juden („man trennte die Eltern zunächst von ihren Kindern, so daß das Jammern in den Straßen zu hören war ...“) und will sich fortan daran erin­nern, „daß ich von Unglück­li­chen, von bis in das Tiefste Lei­den­den umgeben bin“ (18. Juli 1942).
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Auch wenn Jünger die kriegs­apo­lo­ge­ti­schen Posi­tio­nen seiner frühen Schrif­ten nicht fort­schreibt, so bleibt die Fixie­rung auf den Posten des Beob­ach­ters, des Ästhe­ten doch dominant.

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Auch dies sind Bekennt­nisse zu einem Hero­is­mus des Behar­rens, zu einer „höheren Neugier“; mit Person und Werk empfand Jünger die Ver­pflich­tung zu emo­ti­ons­lo­ser Wahr­neh­mung und kalter Beob­ach­tung auch eigener Regun­gen und Gefühle. All dies sind nicht nur Gebote, die für den Autor gelten, es sind Prin­zi­pien für die Lebens­form des heroi­schen Men­schen. Als Person und mit seinem Werk ist der Schrift­stel­ler dieser Lebens­form unwi­der­ruf­lich ver­pflich­tet. Frei­lich stehen einer solchen Exis­tenz­form des kalten Hero­is­mus die moderne Demo­kra­tie, die gleich­heits­fi­xierte moderne Gesell­schaft, es stehen ihr Pazi­fis­mus und Mas­sen­ge­sell­schaft ebenso ent­ge­gen wie Technik, Mate­ria­lis­mus und Maschi­nen­welt. Auch wenn der Besat­zungs­of­fi­zier Ernst Jünger die kriegs­apo­lo­ge­ti­schen Posi­tio­nen seiner frühen Schrif­ten nicht fort­schreibt, so bleibt die Fixie­rung auf den Posten des Beob­ach­ters, des Ästhe­ten und des sol­da­ti­schen Wider­gän­gers doch domi­nant. So betrach­tet er vom Dach des Hotels „Raphael“ aus mit einem Glas Bur­gun­der in der Hand die Bom­bar­die­rung von Paris und notiert anschlie­ßend im Tagebuch:

Die Stadt mit ihren roten Türmen und Kuppeln lag in gewal­ti­ger Schön­heit, gleich einem Kelche, der zu töd­li­cher Befruch­tung über­flo­gen wird.“ (27. 5. 1944)

Jahre später in einem Inter­view des „Spiegel“auf diese Passage ange­spro­chen, erläu­tert Jünger solche todes­ero­ti­schen Bilder im Verweis auf ein sol­da­ti­sches Ethos, dem er stets die Treue gehal­ten habe. Die feind­li­chen Flieger hätten wohl ver­mu­tet, er gehe ange­sichts der Gefahr in den Bunker:

... aber das ist meine Sache nicht. Ich gehe in die oberste Etage und sehe mir den Luft­an­griff an. Und sehe viel­leicht durch das Sekt­glas. Dann ist das noch ein gewis­ses Bru­der­schaft­s­trin­ken mit dem Tode. Das ist der Anarch. Das ist der Mann, der sich über­haupt nicht kümmert um die, die da oben Angst machen wollen, und um die, die da unten Angst haben, sondern der, der da gemüt­lich am Fenster steht und sieht: die Erd­beere kristallisiert.“

6. Ikone eines antiliberalen 
Kon­ser­va­tis­mus nach 1945

Nach Ende des Krieges erhielt Jünger, der sich gewei­gert hatte, den Fra­ge­bo­gen der Alli­ier­ten zur Ent­na­zi­fi­zie­rung aus­zu­fül­len, zunächst Publi­ka­ti­ons­ver­bot. Die 1949 erschie­ne­nen „Strah­lun­gen“– von Hannah Arendt als Zeugnis „unzwei­fel­haf­ter Inte­gri­tät“ und von Alfred Andersch als „Logbuch“ gelobt – und der im glei­chen Jahr erschie­nene Roman „Helio­po­lis“ wurden schnell zu Best­sel­lern und begrün­de­ten den bis zu seinem Tode anhal­ten­den Ruhm des Schrift­stel­lers Ernst Jünger nicht nur in der Bun­des­re­pu­blik, sondern auch in Frank­reich. Seit 1951 bis zu seinem Tode im Jahr 1998 lebte Jünger zurück­ge­zo­gen in einem alten Forst­haus in Wil­fin­gen, widmete sich aus­gie­big seiner Insek­ten-Samm­lung, expe­ri­men­tierte mit Drogen und legte mit dem 1951 erschie­ne­nen Essay „Der Wald­gang“ eine geschichts­phi­lo­so­phisch-poli­ti­sche Zusam­men­fas­sung seines Denkens vor, das im eli­tä­ren Rückzug und in aris­to­kra­ti­scher Distanz zur Welt einen Akt des Wider­stands gegen die tota­li­tä­ren Ver­su­chun­gen und Ver­wer­fun­gen der Moderne pro­kla­miert. Zwi­schen 1949 und 1953 arbei­tete Armin Mohler (1920–2003), der 1949 von Hermann Schma­len­bach und Karl Jaspers mit der Studie „Die Kon­ser­va­tive Revo­lu­tion in Deutsch­land 1918–1932“ pro­mo­viert worden war und in den 70er-Jahren zum Vor­den­ker der „Repu­bli­ka­ner“ und der intel­lek­tu­el­len Rechten in der Bun­des­re­pu­blik werden sollte, als Pri­vat­se­kre­tär Ernst Jüngers. Zum Zer­würf­nis kam es, als Jünger seine frühe poli­ti­sche Publi­zis­tik nur in über­ar­bei­te­ter Form zur Publi­ka­tion frei­ge­ben wollte.

Als stil­be­wuss­ter Kri­ti­ker der tech­ni­schen Moderne, Reprä­sen­tant eines solitär-heroi­schen Lebens­wan­dels, der bis ins hohe Alter mor­gend­li­che kalte Bäder nahm und sich einem strik­ten Tages­lauf unter­warf, jede Frage nach seiner Rolle in den beiden Welt­krie­gen und der Wirkung seiner Schrif­ten als Zumu­tung empfand, avan­cierte Jünger in Politik und Öffent­lich­keit der 70er und 80er Jahre zur Ikone eines anti­li­be­ra­len Kon­ser­va­tis­mus mit ent­schie­den reak­tio­nä­ren Zügen. Das ästhe­ti­sche Prinzip der Distanz und das ethisch-poli­ti­sche Gebot des Abstands dienten der Bekräf­ti­gung jener über­zeit­li­chen Werte, die in der Gegen­wart durch einen hem­mungs­lo­sen Glauben an Technik und Fort­schritt, an moderne Mas­sen­de­mo­kra­tie und damit im Sieg einer maschi­nen­för­mi­gen, tota­li­tä­ren Moderne ver­lo­ren zu gehen drohten.

Kaum über­ra­schend wurde denn auch die Zuer­ken­nung und Ver­lei­hung des Frank­fur­ter Goethes-Preises an Ernst Jünger im Jahre 1982 zum Skandal. Im berühmt gewor­de­nen Inter­view mit dem „Spiegel“ ant­wor­tete Jünger auf die Frage, ob er seine Aver­sion gegen die Wei­ma­rer Repu­blik auch gegen die bür­ger­li­che Demo­kra­tie richte, in der er heute lebe:

Was heißt Demo­kra­tie? Demo­kra­tie ist ja kein fest­ste­hen­der Begriff. Wenn ich in Grie­chen­land lebe unter dem guten Peri­kles, dann bin ich Demo­krat, wenn ich in der DDR lebe, die sich Demo­kra­ti­sche Repu­blik nennt, dann bin ich ein Anti­de­mo­krat!“ (3)

Sym­bol­träch­tig und öffent­lich­keits­wirk­sam wurde die im Sep­tem­ber 1984 an Ernst Jünger ergan­gene Ein­la­dung durch Helmut Kohl, als „Veteran zweier Welt­kriege“ an den deutsch-fran­zö­si­schen Ver­söh­nungs­fei­ern in Verdun teilzunehmen.

Der pro­mo­vierte His­to­ri­ker und Kanzler der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land Helmut Kohl und der lite­ra­risch hoch inter­es­sierte fran­zö­si­sche Prä­si­dent Fran­çois Mit­ter­rand trafen sich in ihrer Ver­eh­rung für einen Autor, dem sie denn auch beide per­sön­lich zum 90. Geburts­tag gra­tu­lier­ten. Auf die zahl­rei­chen hoch­ka­rä­ti­gen Ein­la­dun­gen und öffent­li­chen Ehrun­gen in seinem letzten Lebens­jahr­zehnt reagierte Ernst Jünger mit der für ihn cha­rak­te­ris­ti­schen Distanz: Einer­seits heißt es im Tage­buch „Oft frage ich mich, was ich mit dem allen zu tun habe“ (Kiesel, 654), ande­rer­seits ließ sich die Ein­la­dung zu den Feiern in Verdun als Erfül­lung einer Vision aus seiner 1946 erschie­ne­nen „Frie­dens­schrift“ ver­ste­hen, nämlich als Beitrag zur deutsch-fran­zö­si­schen Aussöhnung.

Mit fast 103 Jahren starb Ernst Jünger im Februar 1998, zu seiner Beer­di­gung, die dem Wunsche des Ver­stor­be­nen, der wenige Jahre vor seinem Tode kon­ver­tiert war, nach katho­li­schem Ritus statt­fand, kamen mehr als zwei­tau­send Men­schen; dar­un­ter Pro­mi­nenz aus Politik und Kultur, fünf Gene­räle der Bundeswehr.

7. Fazit

Person und Werk Ernst Jüngers stehen wie kaum ein anderes für die Zäsuren und Aporien, die Kata­stro­phen und Kon­flikte der deut­schen und der euro­päi­schen poli­ti­schen Geschichte, nicht zuletzt der poli­ti­schen Ideen­ge­schichte. Als bedin­gungs­los und aus­schließ­lich dem eigenen Werk ver­pflich­te­ter Autor ver­kör­pert er ästhe­tisch und exis­ten­zi­ell die anspruchs­voll-krea­tive Gegen-Moderne; eine Haltung des Über­dau­erns und Aus­hal­tens, die weder von his­to­ri­schen Kata­stro­phen noch von per­sön­li­chen Schmer­zen über­mannt zu werden vermag; die „auf ver­lo­re­nem Posten“ den Ver­wer­fun­gen einer kränk­li­chen Moderne, einer anti-heroi­schen Moral und einer unwür­di­gen Unter­ord­nung unter die Gesetze der Technik die Stirn bietet.

In den Augen seiner Anhän­ger und Ver­eh­rer aus Wis­sen­schaft, Kultur und Politik gilt Ernst Jünger als Auto­ri­tät, als Vorbild für eine sol­da­ti­sche Haltung, für den „Wald­gän­ger“ und den „Anar­chen“, der auf Abstand und Distanz hält; als begna­de­ter Autor eines heroi­schen Rea­lis­mus, als Reprä­sen­tant eines anti-moder­nen Ethos, dessen Wie­der­kehr über­fäl­lig und dessen lite­ra­risch-sprach­li­che Gestalt vor­bild­lich sei.

Man kann dem Sti­lis­ten und Magier des Wortes Aner­ken­nung zollen, ohne seine poli­ti­schen, welt­an­schau­li­chen, seine rundum anti­li­be­ra­len Auf­fas­sun­gen zu bil­li­gen. Man hat solche Auf­fas­sun­gen mit Verweis auf den Zeit­geist, auf ein kul­tu­rel­les Klima zurück­ge­führt, das eine sog. poli­ti­cal cor­rect­ness noch nicht kannte und seinen Über­druss gegen­über einer leer­lau­fen­den Fort­schritts-und Huma­ni­täts­rhe­to­rik als rausch­hafte Kriegs­be­geis­te­rung und proto-ero­ti­sche Unter­gangs­sehn­sucht arti­ku­lierte. Auch kann man in der zer­stö­rungs­af­fi­nen Dia­gnos­tik Jüngers die Sym­ptome eben jener Moderne aus­ma­chen, für deren end­gül­ti­ges Ende sie plä­diert. Dass Ernst Jünger mit seinen Schrif­ten, vor allem aber mit seiner Haltung der „des­in­vol­ture“, der Nicht-Zustän­dig­keit und Unbe­rühr­bar­keit, Vorbild und Leit­bild für einen neuen auto­ri­tä­ren, anti­li­be­ra­len und doch stets stil­be­wuss­tem Rechts-Intel­lek­tua­lis­mus wurde, steht außer Frage.

Bereits 1931 hatte Klaus Mann (1906–1949), Thomas Manns ältes­ter Sohn, tref­fend konstatiert:

Dass er schrei­ben kann, erst das macht ihn gefähr­lich. Seinen Gaben nach gehört er zu uns (...). Aber ein Geist von der fins­te­ren Glut Jüngers kann Unheil stiften. Eine geheim­nis­volle Per­ver­sion des Gefühls hat ihn auf die Seite getrie­ben, wo noto­ri­sche Bös­wil­lig­keit und Men­schen­feind­lich­keit sich als Tugend blähen.“


  1. Ernst Jünger: „In Stahl­ge­wit­tern“, Stutt­gart 2014 /​ 2017, S. 9.
  2. Helmut Kiesel: „Ernst Jünger – Die Bio­gra­phie“, München 2009., S.390
  3. www.spiegel.de/spiegel/print/d‑14347117.html
  • Ernst Jünger: „Der Arbei­ter – Herr­schaft und Gestalt“ (EA 1932)  Stutt­gart 1982
  • Ernst Jünger: „Betrach­tun­gen zur Zeit“, Sämt­li­che Werke Bd.9 (Essays I), Stutt­gart 2015.
  • Ernst Jünger: „Strah­lun­gen I“, Stutt­gart 2015

Die Autorin:
Prof. Dr. Irmela von der Lühe ist eme­ri­tierte Pro­fes­so­rin für Neuere deut­sche Lite­ra­tur an der Freien Uni­ver­si­tät Berlin. Ihre For­schungs­schwer­punkte sind Lite­ra­tur des 18. bis 20. Jahr­hun­derts, Schrift­stel­le­rin­nen der Moderne, deutsch-jüdi­sche Lite­ra­tur im 20. Jahr­hun­dert, Exil­li­te­ra­tur sowie Holo­caust und Lite­ra­tur. Sie gilt als Spe­zia­lis­tin für Thomas Mann. Gemein­sam mit Uwe Naumann gibt sie die Werke Erika Manns heraus. Seit 2013 ist sie Senior Pro­fes­so­rin am Selma Stern Zentrum für Jüdi­sche Studien Berlin-Brandenburg.