Martin Heidegger

Vom wahren Sein zur Volksgemeinschaft

von Micha Brumlik

Martin Heidegger (1889-1976) ist mehr als nur der Begründer der Existenzphilosophie. Im Frühjahr 1933 tritt er in die NSDAP ein und unterstreicht mit der Übernahme des Rektorats der Universität Freiburg seine Nähe zu den Nationalsozialisten. Adolf Hitlers Machtantritt umschreibt Heidegger als „Unvergleichlichkeit der Weltstunde“. Gerade seine als „Schwarze Hefte“ postum erschienen Gedankenskizzen geben diese Nähe preis. Sie findet sich allerdings auch in seinen philosophischen Schriften.
Was macht Heideggers Denken so attraktiv für die antidemokratische Rechte? Rechte Intellektuelle beziehen sich gerne auf dessen frühes Jahrhundertwerk, das 1927 erschienene, als Markstein der Existenzphilosophie geltende Buch „Sein und Zeit“. Es kann als Inbegriff einer völkischen Philosophie gelten.
„Wenn aber“, so heißt es dort in § 74, „das schicksalhafte Dasein als In-der-Welt-sein wesenhaft im Mitsein mit anderen existiert, ist sein Geschehen ein Mitgeschehen und bestimmt als Geschick.“ Indem Heidegger auf den Umstand hinweist, dass sich Menschen die Bedingungen, unter denen sie geboren werden, nicht auswählen können und sie in soziale, mitmenschliche Umfelder hineingeboren werden, die sie ebenfalls zunächst nicht wählen konnten, sind sie einem Schicksal ausgesetzt, das Heidegger als Geschick bezeichnet.
„Damit“, so fährt Heidegger fort, „bezeichnen wir das Geschehen der Gemeinschaft, des Volkes. Das Geschick setzt sich nicht aus einzelnen Schicksalen zusammen, sowenig als das Miteinandersein als ein Zusammenkommen mehrerer Subjekte begriffen werden kann.“
Wenn man so will, stellt diese Erläuterung wenig anderes als eine soziologische Trivialität dar – scheint sie doch auf den ersten Blick nur das zu bestätigen, was bereits Karl Marx meinte, wenn er davon schrieb, dass es das gesellschaftliche Sein sei, das das Bewusstsein bestimme. Umgekehrt sagt Heidegger, dass es den Einzelnen, sogar wenn sie sich zusammentun, nicht möglich sei, die Bedingungen und Vorgaben ihrer Existenz wesentlich zu verändern. Was individuell und gemeinschaftlich geschieht, ist – anders lässt sich der Heidegger von 1927 nicht verstehen – vorherbestimmt:
„In der Mitteilung und im Kampf“ so Heidegger im § 74 fort „wird die Macht des Geschickes erst frei. Das schicksalhafte Geschick des Daseins in und mit seiner „Generation“ macht das volle, eigentliche Geschehen des Daseins aus“. Damit sind die zentralen Begriffe jene des Kampfes und der Generation. Heidegger redete damit der heroischen, aus Einsicht in die Schicksalhaftigkeit der Existenz der damaligen Deutschen das Wort: „Damit bezeichnen wir das Geschehen der Gemeinschaft, des Volkes.“
 Mitgeschehen und Geschick verweisen weder auf die Klassenlage noch etwa die Geschlechtszugehörigkeit der einzelnen Individuen, sondern auf ihre ethnische Zugehörigkeit – einer ethnischen Zugehörigkeit, die Heidegger zugleich, ohne dies weiter zu entfalten, als Volksgemeinschaft bestimmt.
Damit aber nimmt Heidegger einen weiteren Fehlschluss in Kauf, auf den ihn die Lektüre des Soziologen Ferdinand Tönnies (1855-1936) hätte hinweisen können, der schon früh kategorial zwischen der organischen Gemeinschaft und der vertraglich konstituierten Gesellschaft unterscheidet. Und zwar so, dass Gemeinschaften dadurch charakterisiert sind, dass sie über die zwischenmenschliche Kommunikation der Teilnehmer konstituiert sind und Gesellschaften dadurch, dass ihre Subsysteme wie Recht, Wissenschaft, Wirtschaft und Kultur über spezifische Kommunikationsmedien und deren Codes – so der Soziologe Niklas Luhmann – miteinander verkoppelt sind.
Heideggers heroischer Begriff des Volkes als einer generationsgebundenen Ethnie und seine Ausblendung sozialer Gruppen-, Geschlechts- und Klassendifferenzen bereiteten schon sechs Jahre vor Hitlers Machtübernahme dessen Herrschaft mit philosophischen Mitteln vor und führten folgerichtig zu seiner Begeisterung für Hitler und den Nationalsozialismus. Seine Mitgliedschaft in der NSDAP behielt Heidegger – anderweitigen Gerüchten zum Trotz – bis zum Ende des Dritten Reiches bei.
Geschick, Gemeinschaft, Volk – die Identitäre Bewegung greift Heideggers Schlüsselbegriffe gerne auf. Auch der russische Philosoph Alexander Dugin, einer der Chefideologen der europäischen Rechten im Dunstkreis des Kremls, beruft sich in seiner „vierten politischen Theorie“ auf Heidegger. Er sieht in ihm einen Ahnherren des notorischen Antiamerikanismus, der wiederum nur eine Chiffre für die wütende Ablehnung der liberalen Moderne ist. Universelle Werte wie die Menschenrechte und die Prinzipien der liberalen Demokratie sind für Dugin nur Tarnung für den globalen Machtanspruch des Westens. Wie für Heidegger ist auch sein Hauptgegner der Liberalismus, der die auf Religion und Tradition gebauten „organischen Kulturen“ bedroht.

Vorbemerkung

Eines der wichtigsten Glaubensbekenntnisse der „Identitären“, in diesem Falle der Autoren Martin Sellner und Walter Spatz erschien unter dem Titel „Gelassen in den Widerstand“ – ein Titel, der sich auf Martin Heideggers späte Arbeiten zur „Gelassenheit“ beruft. Dort lesen wir:

„Unser Ziel ist die geistige Verschärfung. Wir wollen die Herzen in Brand setzen, etwas in Bewegung bringen, die entscheidenden Fragen erneut, tiefer und mit politischen Folgen stellen. Die geistige Unruhe, der schlafende Furor teutonicus, das ewig unzivilisierbare, urdeutsche Fieber, das uns aus germanischen Urwäldern wie aus gotischen Kathedralen entgegenstrahlt, versammelt sich in uns.
Unsere Gegner wissen das, und sie haben Angst. Sie wissen von der Möglichkeit der spontanen Eruption und Regeneration. Und sie wissen, dass wir nicht mehr in ihre Fallen laufen, dass wir ihren Schablonen und Gängelbändern entwachsen sind. Ich glaube“, so beschließt Sellner dieses politische Glaubensbekenntnis, „wir leben in einer Zeit der Entscheidung. Ich glaube, dass unsere Arbeit als Kreis, im Denken und Hören auf das Sein, organisch in den politischen Kampf einer Massenbewegung, in die politische Arbeit einer Partei eingebunden ist.“ (1)

Warum? Warum beziehen sich auch noch heute Autorinnen und Autoren auf einen immerhin weltbekannten Philosophen, an dessen Bedeutung für die Philosophie des 20. Jahrhunderts weder sein Eintreten für Hitler noch seine zuletzt unübersehbar gewordene antisemitische Haltung etwas ändern dürfte. Das liegt vor allem an seinem 1927 erschienenen, als Markstein der Existenzphilosophie geltenden Buch „Sein und Zeit“. Das Erscheinen dieses Buches stellte tatsächlich eine philosophische Revolution dar: nach Jahren eher trockener, wissenschafts- und erkenntnistheoretisch ausgerichteter neokantianischer Philosophie erschien hier ein Philosoph, dem der Ruf vorauseilte, ein „heimlicher König im Reiche des Denkens“ – so seine zeitweilige Geliebte Hannah Arendt – zu sein. Er schien sich dem anzunehmen, was eine ganze Generation von Studenten, die den Ersten Weltkrieg und die Niederlage Deutschlands als Kinder erlebt hatten, umtrieb, nämlich: die Frage, was es heissen könnte, ein Leben zu führen.

Heidegger, bei Erscheinen von „Sein und Zeit“, 1927, mit achtunddreißig Jahren Professor in Marburg, griff uralte Fragen der abendländischen Philosophie auf. Er fragte nach dem Sinn von „Sein“, unterschied kategorial und kategorisch zwischen dem „Sein“ und „Seiendem“ und gelangte so schließlich zu einer neuen Bestimmung dessen, was gemeinhin als „Mensch“ galt: Menschen in ihrem Leben und in ihrer Individualität galten seiner neuen Lehre nach als grundlos in die Welt geworfene Existenzen, mit Heideggers Worten als „Dasein“. „Dasein“ aber definierte er als „dasjenige Seiende, dem es in seinem Sein um sein Sein geht“, das also vor allem im Modus der „Sorge“ existiert. In „Sein und Zeit“ heißt es im § 74:

Wenn aber das schicksalhafte Dasein als In-der-Welt-sein wesenhaft im Mitsein mit anderen existiert, ist sein Geschehen ein Mitgeschehen und bestimmt als Geschick. Damit bezeichnen wird das Geschehen der Gemeinschaft, des Volkes. Das Geschick setzt sich nicht aus einzelnen Schicksalen zusammen, sowenig als das Miteinandersein als ein Zusammenkommen mehrerer Subjekte begriffen werden kann. Im Miteinandersein in derselben Welt und in der Entschlossenheit für bestimmte Möglichkeiten sind die Schicksale im vorhinein schon geleitet. In der Mitteilung und im Kampf wird die Macht des Geschickes erst frei. Das schicksalhafte Geschick des Daseins in und mit seiner „Generation“ macht das volle, eigentliche Geschehen des Daseins aus.“ (2)

Diese Sätze sind schon seit längerem – von dem französischen Philosophen Emmanuel Faye  bereits 2005 (3) sowie – später – bei Johannes Fritsche (4) als tragende Motive einer völkischen Philosophie erkannt worden, einer völkischen Philosophie, die heute im Gewande der sogenannten „identitären Bewegung“ ihre Renaissance erfährt. Indem sich die in Österreich starken, in Deutschland zahlenmäßig nur geringen Identitären auf Heideggers Denken berufen, verorten sie sich auch ideologisch-politisch in dieser Tradition.
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2. Analyse

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Das ist im Einzelnen mit Blick auf „Sein und Zeit“ zu erläutern – und zwar durch eine sequentielle, Absatz für Absatz folgende Analyse des bereits zitierten § 74 aus „Sein und Zeit“: „Wenn aber“, so hieß es im § 74, „das schicksalhafte Dasein als In-der-Welt-sein wesenhaft im Mitsein mit anderen existiert, ist sein Geschehen ein Mitgeschehen und bestimmt als Geschick.“ Wenn man dem Heidegger von 1927 einen gerne geübten Vorwurf nicht machen kann, dann jenen, ein solipsistisches Modell des einzelnen, nur denkenden Subjekts entworfen zu haben. Anders als die Subjektphilosophie des Deutschen Idealismus weiß Heidegger, daß vom Menschen nur im Modus der Pluralität sinnvoll gesprochen werden kann. Freilich: die zitierte Passage zeigt zwar, daß Heidegger die Pluralität der Menschen gedacht hat, nicht aber ihre Intersubjektivität, ihre grundlegende Verschiedenheit. Indem Heidegger auf den nicht bezweifelbaren Umstand hinweist, daß sich Menschen die Bedingungen, unter denen sie geboren werden, nicht auswählen können und sie – mehr noch – in soziale, mitmenschliche Umfelder hineingeboren werden, die sie sich ebenfalls zunächst nicht wählen konnten, sind sie einem „Schicksal“ ausgesetzt, das Heidegger als „Geschick“ bezeichnet. Die Frage, die sich dann aus der Perspektive von Teilnehmern stellt, kann dann nur lauten, wie Menschen sich zu diesem „Geschick“ verhalten sollen und wollen.

So fährt Heidegger nun fort:

Damit bezeichnen wir das Geschehen der Gemeinschaft, des Volkes. Das Geschick setzt sich nicht aus einzelnen Schicksalen zusammen, sowenig als das Miteinandersein als ein Zusammenkommen mehrerer Subjekte begriffen werden kann.“

Wenn man so will, stellt diese Erläuterung wenig anderes dar als eine soziologische Trivialität dar – scheint sie doch auf den ersten Blick nur das zu bestätigen, was bereits Karl Marx in seinem Vorwort zur Kritik der politischen Ökonomie meinte, wenn er davon schrieb, daß es das (allerdings!!!) gesellschaftliche Sein sei, dass das Bewußtsein bestimme. Umgekehrt sagt Heidegger damit aber auch, daß es den Einzelnen, sogar wenn sie sich zusammentun, nicht möglich ist, die Bedingungen und Vorgaben ihrer Existenz wesentlich zu verändern. Was individuell und gemeinschaftlich geschieht, ist – anders lässt sich der Heidegger von 1927 nicht verstehen – vorherbestimmt:

Im Miteinandersein in derselben Welt und in der Entschlossenheit für bestimmte Möglichkeiten sind die Schicksale im vorhinein schon geleitet.“

Menschen – so viel räumt Heidegger ein – haben bestimmte, verschiedene Möglichkeiten des Handelns vor sich, Möglichkeiten freilich, die als „bestimmte Möglichkeiten“ begrenzt sind. Zu diesen Möglichkeiten aber sind Menschen entschlossen, was bei Heidegger allemal heisst: „ent-schlossen“, d.h. geöffnet, bewußt wählbar. Mit anderen Worten: es steht von Anfang an schicksalhaft fest, welche – durchaus unterschiedlichen – Möglichkeiten des Handelns überhaupt ergriffen werden können – auch das eine durchaus nachvollziehbare sogar sozialwissenschaftliche Einsicht.

Heidegger fährt fort:

In der Mitteilung und im Kampf wird die Macht des Geschickes erst frei. Das schicksalhafte Geschick des Daseins in und mit seiner „Generation“ macht das volle, eigentliche Geschehen des Daseins aus.“

Hier werden die zentralen „metapolitischen“ Begriffe aufgerufen: jene des „Kampfes“ und der „Generation“: „Mitteilungen“ sind einseitig gegebene Informationen oder Anweisungen, aber nicht Vorschläge, Hypothesen, Fragen oder Antworten – auch Dialoge stellen mehr und anderes dar als „Mitteilungen“. Der Einseitigkeit von Mitteilungen korrespondiert dann der freilich unbestimmte Begriff des Kampfes, also einer streitigen, auf Sieg oder Niederlage gepolten Auseinandersetzung, in der überhaupt erst deutlich wird, worum es geht: hier erst wird – so Heidegger – die Macht des Geschickes frei. In jenen Kämpfen mitzukämpfen, die der eigenen Altersgruppe – der jeweiligen historischen Generation –aufgegeben sind, führt zu einer erfüllten menschlichen Existenz – „das volle, eigentliche Geschehen des Daseins“.

Eines Daseins, das geschieht und nicht, wie man vielleicht hätte meinen können, einer Existenz, die Menschen sich bewußt wählen. Diese Deutung der Existenzphilosophie wurde erst einige Jahre später von Jean Paul Sartre entfaltet. Heidegger aber redete der heroischen Einsicht in die Schicksalhaftigkeit der Existenz der damaligen Deutschen philosophisch das Wort: „Damit bezeichnen wir das Geschehen der Gemeinschaft, des Volkes.“

Mitgeschehen und Geschick verweisen hier weder auf die Klassenlage noch etwa die Geschlechtszugehörigkeit der einzelnen Individuen, sondern auf ihre ethnische Zugehörigkeit – einer ethnischen Zugehörigkeit, die Heidegger zugleich, ohne dies weiter zu entfalten, als „Volksgemeinschaft“ bestimmt.

Damit aber nimmt Heidegger einen weiteren soziologischen Fehlschluß in Kauf, auf den ihn schon die Lektüre der Arbeiten des Soziologen Ferdinand Tönnies (1855-1936) hätte hinweisen können, der schon früh kategorial zwischen „Gemeinschaft“ und „Gesellschaft“ unterschieden hat und zwar so, daß „Gemeinschaften“ dadurch charakterisiert sind, daß sie über die zwischenmenschliche Kommunikation der Teilnehmer konstituiert sind und „Gesellschaften“ dadurch, daß ihre Subsysteme wie Recht, Wissenschaft, Wirtschaft und Kultur über spezifische Kommunikationsmedien und deren Codes – so Niklas Luhmann – miteinander verkoppelt sind. Heideggers heroischer Begriff des „Volkes“ als einer generationsgebundenen Ethnie und seine Ausblendung sozialer Gruppen-, Geschlechts- und Klassendifferenzen bereiteten schon sechs Jahre vor Hitlers Machtübernahme dessen Herrschaft mit philosophischen, aber sachlich unangemessenen Mitteln vor und führten fast zwangsläufig zu seiner Begeisterung für den Nationalsozialismus und Adolf Hitler sowie zu seiner Parteiangehörigkeit der NSDAP, die er – anderweitigen Gerüchten zum Trotz – bis zum Ende des Dritten Reiches beibehielt.
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3. Heidegger in der Gegenwart

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Es ist vor allem ein heutiger russischer Philosoph und früherer geistiger Wegbegleiter von Wladimir Putin, Alexandr Dugin, über den dies völkische, von Heidegger inspirierte Denken seinen Eingang in die Ideologie der Neuen Rechten, der identitären Bewegung gefunden hat – u.a. auf dem Umweg über den Publizisten Jürgen Elsässer, der früher der sog. „antideutschen“ Bewegung angehörte. So veröffentlichte Elsässer ein Interview mit dem Philosophen, in dem Dugin auf die Frage, warum er die sog. „Eurasische Idee“ propagiere, folgendes zu Protokoll gab:

„Weil es sich dabei um ein Konzept handelt, welches den Herausforderungen Russlands und der russischen Gesellschaft begegnet. Was sind die Alternativen? Es gibt den westlich-liberalen Kosmopolitismus, doch die russische Gesellschaft wird diese Idee niemals akzeptieren. Dann gibt es den Nationalismus, der sich für das multiethnische Russland ebenfalls nicht eignet. Auch der Sozialismus eignet sich nicht als tragendes Ideal für Russland, im Prinzip hat er auch in der Vergangenheit dort nie wirklich funktioniert. Die eurasische Idee ist daher ein realistisches und idealistisches Konzept. Es ist nicht nur irgendeine romantische Idee, es ist ein technisches, geopolitisches und strategisches Konzept, welches von all jenen Russen unterstützt wird, die verantwortungsbewusst denken.“ (5)

Dugin gilt als Vertreter geopolitischen Denkens und Theoretiker eines „eurasischen“ im Gegensatz zum „atlantischen“ Kulturraums und propagiert deshalb eine „vierte politische Theorie“, die nach Liberalismus, Faschismus und Kommunismus am ehesten geeignet sei, das Überleben der Menschheit im Zeitalter der Globalisierung zu sichern. Seine theoretischen Gewährsleute hierfür sind neben der bereits erwähnten Heidegger-Referenz der französische Begründer der „Nouvelle Droite“ Alain de Benoist sowie der sehr viel weniger bekannte italienische Ideologie Julius Evola. Zuletzt freilich wurde Evola dadurch bekannt, daß er zur Hintergrundlektüre von Präsident Trumps weit rechts stehendem Berater Steve Bannon gehört. (6) In dem von Dugin verfassten „Manifesto of the global revolutionary Alliance“ stellt er fest, daß die Phase des Kapitalismus an ihre natürlichen Grenze gestoßen, die Ressourcen erschöpft seien, der westlich liberale, kosmopolitische Lebensstil sowie die Kälte des Internets zum Zerbrechen aller gesellschaftlichen Bindungen geführt haben und damit auch das herkömmliche Bild von Individualität und Individuen zerstört sei:

„Never before has individualism been glorified so much, yet at the same time, never before have people all over the world been so similar to each other in their behavior, habits, appearances, techniques, and tastes. In the pursuit of individualistic ’human rights’ humanity has lost itself. Soon man will be replaced by the post-human: a mutant, cloned android.“ (7)

Demnach führten Globalisierung und „Global Governance“ zum Ende von Völkern und Nationen, zum Ende eines gehaltvollen Wissens zugunsten einer von den Medien verbreiteten „Realität“ sowie zum Ende eines jeden Fortschritts. Bei Weiterentwicklung der Zustände im gegebenen Maß – so Dugin – sei nichts anderes als eine apokalyptische Katastrophe zu erwarten. All diese Phänomene zeigen seiner Überzeugung nach das Ende eines langen historischen Zyklus an, der durch Aufstieg und Niedergang der westlichen Welt seit der Antike, spätestens seit der Renaissance gekennzeichnet ist.

Am Ende, so Dugin, stehe der Selbstmord der Gattung. Eine Rettung sei nur durch eine radikale Umkehr, eine grundlegende Neubesinnung auf andere Kategorien des Denkens möglich, eine Besinnung, die schließlich zur Bildung politischer Formationen führen, die den Niedergang des Westens und der USA so beschleunigen können, daß sie ihn überlebten: raumgebundene Völker ohne jeden wechselseitigen Überlegenheitsanspruch. Es ist dieser Gedanke einer radikalen Umkehr, einer „Kehre“, weswegen Dugin neben dem geopolitischen Denken der Eurasier im frühen Zwanzigsten Jahrhundert besonders auf Martin Heidegger verweist. 2011 publizierte er auf russisch das Buch „Heidegger: Die Möglichkeit der russischen Philosophie.“
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4. Die Identitären

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Alexander Dugin und immer wieder Martin Heidegger: Das sind die Theoretiker, auf die sich die intellektuellen Vertreter der identitären Bewegung beziehen – der „Neuen Rechten“, die in Österreich stark sind, in Deutschland aber nur eine vom Verfassungsschutz beobachtete Sekte darstellen – etwa die Autoren Martin Sellner und Walter Spatz.

Das Theorieangebot der Identitären ist nicht zuletzt deshalb erfolgreich, weil es intellektuell interessierten, jüngeren, politisch rechts stehenden AkademikerInnen die Möglichkeit eröffnet, eine im engeren Sinne national-sozialistische Orientierung jenseits des historisch diskreditierten Hitlerismus zu artikulieren. Indem die „Identitären“ auf durch homogene Kulturen gekennzeichnete Völker – und nicht mehr Rassen – setzen, sie darüber hinaus die Gleichwertigkeit all dieser Kulturen betonen, gewinnen sie argumentativen Raum, um gegen Immigration und eine „kultur-„ und „raumfremde“ Religion wie den Islam zu agitieren. Indem sie darüber hinaus in klassischer Weise den Begriff der Gemeinschaft über den Begriff der Gesellschaft setzen und politische Größen wie Staaten als „Gemeinschaften“ postulieren, können sie das Programm von politischen Gemeinschaften in ihrem angestammten geographischen, landschaftlichen Raum postulieren und gewinnen damit Anschluß an das oben dargestellte „eurasische“ Denken.

Schließlich nehmen die Identitären eine von Peter Sloterdijk philosophisch ausgedrückte (10), von seinem ehemaligen Assistenten Marc Jongen politisierte Forderung auf (11), nämlich auch intensive Emotionen im politischen Diskurs gegen vermeintlich abgeklärte Nüchternheit und damit auch Langeweile zu rehabilitieren. Unter Rückgriff auf  das altgriechische Wort „Thymos“ fordert Sloterdijk eine „thymotische“ Politik. Ob und in welchem Ausmaß diese Theorien den politischen Raum erobern und beim Volk, dem demokratischen Souverän Anklang finden, ist noch offen. Als gesichert kann allenfalls gelten, daß diese Strömungen nicht wieder von heute auf morgen verschwinden werden. Sie sind vielmehr eine beinahe notwendige Begleiterscheinung von Globalisierung und Digitalisierung und dem damit einhergehenden Niedergang der Arbeiterklasse in westlichen Industriestaaten.
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Am Ende jeder Berufung auf Heidegger steht auch bei den heutigen Rechtsintellektuellen ein mystisches Raunen, das keinerlei Anschlussmöglichkeit an irgend eine Form rationaler Politik mehr aufweist.

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Der Wiener Martin Sellner und der Bundesbürger Walter Spatz publizierten in Kubitscheks Antaios Verlag (12) ein Gespräch über Heidegger, in dem sie seine aktuelle Relevanz für die „Neue Rechte“ ausloten. In durchaus kenntnisreichen Gesprächen, zumal über den Heidegger der „Schwarzen Hefte“, loten die beiden Autoren einer intellektuellen Rechten die Handlungs- und Zukunftsmöglichkeiten einer entsprechenden Bewegung aus. Die Ziele der identitären Bewegung sind klar: Neben einer ethnischen Schließung des Nationalstaats soll vor allem Immigration verhindert werden, der Islam ausgeschlossen und eine liberale und daher multikulturelle Gesellschaft bekämpft werden. Dazu gehört in erster Linie eine Ablehnung des Gedankens der Menschenrechte. Walter Spatz schreibt:

Der Sammelbegriff ‚Mensch’ ist in seiner identitären Bedeutsamkeit nur für die jeweiligen Völker angebracht. Einen weltweiten An- und Zuspruch gibt es nicht. Dieser ist letztlich Ausdruck der Machenschaft einer abstrahierten Idealität, die uns vom Eigenen trennt.“ (13)

Mit dem Heidegger von 1927 weiß sich die identitäre Bewegung daher einig in ihrem Widerstand gegen die „angloamerikanisch dominierte Lebensart“, gegen Globalisierung, „Kulturindustrie“ und „Mediokratie“, eine Bewegung, die dazu führte, „die Vielfalt der Völker zu negieren und ihre Selbstbehauptung und Selbstbesinnung zu verhindern.“

Das Gespräch der beiden Rechtsintellektuellen offenbart eine strategische Differenz zwischen einer Politik öffentlichen Aufbegehrens – wie bei Pegida und zahlreichen AfD-Politikern – und eines im Sinne von Gramsci geduldig kulturelle Hegemonie anstrebenden „gelassenen Widerstandes“, der freilich das Bündnis auch mit gewalttätigen Aktivisten nicht scheut. Indem etwa Martin Sellner an Heidegger dessen mangelnde Kritik am nationalistischen Auserwähltheitswahn, an der Personalisierung politischen Denkens (ein Hinweis auf Heideggers Glaube an Hitler) sowie dessen Glaube an eine „kämpferische Erringung“ eines bedeutsamen politischen „Ereignisses“ kritisiert, bezieht er im ethnopluralistischen Sinne Stellung gegen jeden chauvinistischen Nationalismus. Das ändert freilich nichts am politischen Ziel des Widerstands gegen Immigration, Islam und multikulturelle Gesellschaft.

Sellners Bezug auf Heidegger und seine Philosophie erweist sich mithin als eine Diskursstrategie, die auf völkische Emotionalisierung setzt sowie an die Stelle eines aufgeklärten Begriffs menschlichen Fortschritts den heroischen Realismus einer schicksalhaften Bewährung im „Eigenen“ eines nur ethnisch und herkunftsbezogen verstandenen „Volkes“ setzt.

Es war der rechtskonservative Autor Erik Lehnert, der im Februar 2015 in der im Netz publizierten Zeitschrift „Sezession“ einen Artikel unter dem Titel „Heideggers Metapolitik“ publizierte und sich dort mit der philosophischen Kritik an Heidegger nach dem Erscheinen der „Schwarzen Hefte“ auseinandersetzte. Dass Heidegger – so Lehnert – den Nationalsozialismus bejahte, hat denselben Grund, warum er Nietzsche bejahte. In ihm sah er den Vollender der Metaphysik, im Nationalsozialismus die Vollendung der Neuzeit – beides konnte seiner Überzeugung nach nicht einfach verschwinden, sondern musste auf die Spitze getrieben und damit beendet werden. Dass Heidegger den Deutschen dabei eine besondere Rolle zudachte, ist nur für heutige Leser verwunderlich.

Am Ende jeder Berufung auf Heidegger steht auch bei den heutigen Rechtsintellektuellen ein mystisches Raunen, das keinerlei Anschlussmöglichkeit an irgend eine Form rationaler Politik mehr aufweist.


  1. M.Sellner/W.Spatz: „Gelassen in den Widerstand – Ein Gespräch über Heidegger“  Antaios, Schnellroda 2015,  S. 90
  2. M.Heidegger: „Sein und Zeit“, Elfte, unveränderte Auflage, Tübingen 1967, S. 384/
  3. E.Faye: „Heidegger – Die Einführung des Nationalsozialismus in die Philosophie“, Berlin 2005
  4. „Geschichtlichkeit und Nationalsozialismus in Heideggers ,Sein und Zeit‘ “, Baden-Baden 2014
  5. Compact, Heft 10/2013
  6. www.nytimes.com/2017/02/10/world/europe/bannon-vatican-julius-evola-fascism.html
  7. A. Dugin: The Manifest of the global revolutionary alliance, in ders. „Eurasian Mission. An introduction to Neo-Eurasianism“, United Kingdom 2014, S.129-133
  8. Alexander Dugin: „Heidegger: Die Möglichkeit der russischen Philosophie“ (Chajdegger: Wosmoshnost russkoj filosofii), Moskau 2011
  9. J.Bruns u. a. (Hg.): „Die Identitären – Handbuch zur Jugendbewegung der Neuen Rechten in Europa“, Unrast, Münster 2017
  10. P.Sloterdijk: „Zorn und Zeit – Politisch-psychologischer Versuch“, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2006
  11. www.zeit.de/2016/23/marc-jongen-afd-karlsruhe-philosophie-asylpolitik
  12. Nebenbei – der Name dieses rechtsextreme Literatur publizierenden Verlages aus Schnellroda bezieht sich auf eine Gestalt der griechischen Mythologie, eines Riesen, den der Halbgott Herakles immer wieder beim Ringen zu besiegen suchte, der aber stets – sobald er wieder auf dem Boden lag – aus eben diesem Boden neue Kräfte empfing und deshalb unbesiegbar war. Ein irdischer Gigantensohn, den selbst der Halbgott Herakles nicht besiegen konnte. Erst als Herakles den Riesen solange in der Luft hielt, bis er unwiderruflich all seine Kräfte verloren hatte, konnte Herakles siegen. Diese über dem Boden schwebende Luft aber ist – so liesse sich die Sage deuten – die Luft der Vernunft.
  13. M.Sellner/W.Spatz: „Gelassen in den Widerstand – Ein Gespräch über Heidegger“ S. 33, Antaios, Schnellroda 2015
  14. a.a.O. S. 51

Der Autor:
Prof. Dr. Micha Brumlik ist emeritierter Professor am Institut für Allgemeine Erziehungswissenschaft der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt/Main, seit Oktober 2013 Senior Advisor am Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg.

Von 2000 bis 2005 Leiter des Fritz-Bauer-Institut Frankfurt am Main, Studien- und Dokumentationszentrum zur Geschichte und Wirkung des Holocaust. Stadtverordneter der GRÜNEN in Frankfurt am Main von 1989-2001; Mitherausgeber von „BABYLON – Beiträge zur jüdischen Gegenwart“; Mitherausgeber der „Blätter für deutsche und internationale Politik“; Autor und regelmäßiger Kolumnist der taz : „Gott und die Welt“