Armin Mohler

Jünger-Schüler, Netzwerker und selbsterklärter Faschist

von Hajo Funke

Armin Mohler, 1920 in Basel geboren, war einer der einflussreichsten Vordenker und Netzwerker der extremen Neuen Rechten in Deutschland.
Mit seiner Sammlung „Die konservative Revolution von 1918 – 1932“ (1949) (1) schuf er ein wirksames Bild der antidemokratischen Radikal-Nationalisten der Weimarer Republik, die er als „Trotzkisten“ zu Gegnern des Nationalsozialismus drapierte, obwohl viele, ja die ihm wichtigsten – wie Ernst Jünger und Carl Schmitt – engstens mit der nationalsozialistischen Bewegung verwoben waren.
Er realisierte in seiner „konservativen Revolution“, was Jünger in seinen Schriften angesichts der absoluten Niederlage 1945 andachte: die Neugründung der Rechten dadurch, dass er sie vom Nationalsozialismus zu entbräunen versuchte – lange Zeit mit beträchtlichen Erfolg wie die Entwicklung der Neuen Rechten in Deutschland zeigt. Inzwischen zeugen die theoretisch-ideologischen Spannungen von ihrem Radikalisierungspotenzial und den dadurch ausgelösten Bruchlinien, wie sie sich gegenwärtig zwischen der „Jungen Freiheit“ (JF) und der extremen neuen Rechten um Kubitschek und Höcke abzeichnen.
Diese Radikalisierungspotenziale sind jedoch integrierter Teil des Mohler‘schen Erbes insbesondere in seiner Spätphase: Anfang der Neunzigerjahre näherte er sich den Holocaustleugnern und war öffentlich daran interessiert, als Faschist verstanden zu werden.
Als Netzwerker gelangen ihm im rechten Münchner Milieu beachtliche Karrieresprünge. Sein Ziel indes, durch Einflussnahme auf den rechtskonservativen Franz-Josef Strauß in den 60er Jahren und auf den rechtsextremen Franz Schönhuber und seiner „republikanischen“ Partei in den 80er Jahren, eine einflussreiche Partei rechts der Konservativen zu etablieren, erreichte er Zeit seines Lebens nicht. 2003 starb er in München.

1. Biografisches

Der am 12. April 1920 in der Schweizer Stadt Basel geborene Mohler studierte zunächst in Basel und überquerte im Februar 1942 illegal die Grenze nach Deutschland. Er stellte sich – so seine eigenen Angaben – als Kriegsfreiwilliger der SS, zog dann aber seinen Einsatz zurück und bevorzugte es, einige Monate in Berlin in der Staatsbibliothek Ernst Jünger und weitere Autoren zu lesen, die er später in seiner Dissertation zur „Konservativen Revolution“ (KR) zusammenfasste.

Nachdem er einigermaßen geschickt nach Basel zurückgekehrt war, promovierte Mohler bei Hermann Schmalenbach und Karl Jaspers zum Dr. phil. Fasziniert von Ernst Jünger wurde er für vier Jahre, von 1949 bis 1953, sein Privatsekretär und verließ diese Position, um in Paris, wo er zwischen 1953 und 1961 lebte und ein glühender Anhänger de Gaulles wurde, für deutsche Zeitungen wie die Zeit, Christ und Welt, die Furche und die Tat zu schreiben.

In den 60er Jahren beriet er in München Franz-Josef Strauß, schrieb Reden für ihn und entschied sich Anfang der 80er Jahre, Franz Schönhuber zu unterstützen, der die Partei „Die Republikaner“ gewissermaßen aus der CSU heraus mitgründete. Gleichzeitig unterstützte er seinen Schüler, den neurechten Caspar von Schrenck-Notzing, und schrieb unter anderem für die 1970 gegründete Zeitschrift Criticon.

Zudem hielt er stets Kontakt nach Frankreich, insbesondere zu dem Vertreter der Neuen Rechten in Frankreich, zu Alain de Benoist. Er war in Kolloquien der neurechten Denkschule Benoists, bei GRECE aktiv – und bekam in der Neuen Rechten den Status eines für lange Zeit unumstrittenen Gurus. Von der Neuen Rechten um die Junge Freiheit, Karl-Heinz Weißmann und Götz Kubitschek vielfach verehrt und verlegt, starb er mit 83 Jahren 2003 in München. Seine Grabrede hielt Götz Kubitschek.

2. Weltanschauung, Werk und Wirkung

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Mohlers politisches Erweckungserlebnis vom 22. Juni 1941: Initiation mit der SS

Über sein politisches Erweckungserlebnis am Tag des Unternehmens Barbarossa, dem Angriff Hitlers auf die Sowjetunion, berichtete Mohler eher passager. In seiner Kampfschrift gegen die Aufarbeitung der Verbrechen des Nationalsozialismus „Der Nasenring“ (1989b) (2) findet sich auf Seite 41:

In der Frühe des 22. Juni weckte mich meine Mutter mit dem Zuruf: ‚Die Deutschen sind in Russland einmarschiert!‘ (…)

Von diesem Tage an war alles anders als bisher. (…) Irgendetwas in mir sagte: Du musst dich jetzt entscheiden – wenn du diese Gelegenheit fahren lässt, wird das Leben an dir vorbeirauschen!“

Aber erst über ein halbes Jahr später, in den ersten Februartagen 1942, ging Mohler „schwarz über die Grenze ins Reich, um sich als Freiwilliger bei der Waffen-SS zu melden“ (ebd. S. 43), verzichtete aber alsbald auf ein Fronterlebnis mit der SS und las stattdessen in der Staatsbibliothek in Berlin weiter Ernst Jünger.

Das Leben im Berlin des Jahres 1942 beschrieb er als vielfältig und normal, von den Verfolgungen und der totalitären Atmosphäre kaum ein Wort – allerdings mit der Ausnahme eines kurzen und nicht weiter interpretierten Berichts seines Vermieters „Achim“ im Spätherbst 1942, der von der Ostfront zurück kam und ihm mitteilte, dass er „dienstlich Zeuge eines Massenmordes an Juden“ geworden sei (ebd. S. 90).

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Mohlers „konservative Revolution“ (KR) – Eine selektive Kompilation

Fasziniert von der Größe und Herausforderung, die für ihn das nationalsozialistische Deutschland bedeutet hatte, wendete er sich gegen die liberale Moderne. Es war für ihn das Empfinden einer schicksalhaften Verbundenheit mit Deutschland und der unmittelbare Eindruck der Lektüre von Ernst Jüngers „Der Arbeiter“ (3), aus der er seinen Übertritt ins nationalsozialistische Deutschland erklärte.

In seinem 1948 veröffentlichten Werk „Die konservative Revolution in Deutschland 1918 – 1932“ ging es ihm um das Bild einer Strömung politischen Denkens, welche er mit dem Namen „konservativ-revolutionär“ oder „Deutsche Bewegung“ zu benennen versucht (Mohler 1989: 3). Seine Schrift erscheint in inzwischen sechs Auflagen, zunächst 1950, 1972 in einer erweiterten Fassung und schließlich 1989, seit 2005 – nach seinem Tod – mit einer Einleitung und Überarbeitung durch den neurechten Historiker Karl-Heinz Weißmann (4). Es waren vor allem sechs Autoren, die sich gegen die Traditionen der Aufklärung und der liberalen Moderne wendeten und die er zu herausragenden erklärt: der reaktionäre Kulturphilosoph des „Untergangs des Abendlandes“ Oswald Spengler; der Thomas Mann, der die „Betrachtungen eines Unpolitischen“ 1918 verfasste; der autoritäre Staatstheoretiker und spätere „Kronjurist“ des Dritten Reichs, Carl Schmitt; der bündische Hans Blüher sowie die radikalen „neuen Nationalisten“ Friedrich Georg und Ernst Jünger (Mohler 1989: IX). Als ursprünglich für seine Bewegung betrachtete Mohler zudem Gruppen wie die Völkischen, Jungkonservative, Nationalrevolutionäre, Bündische, die Landvolkbewegung und die Restbestände des Wilhelminismus (ebd).

Es ist Ernst Jünger, von dem Armin Mohler Zeit seines Lebens fasziniert bleibt. (5)

Während seines Aufenthalts im nationalsozialistischen Deutschland in Berlin 1942 hatte Mohler u. a. die Schriften Ernst Jüngers in der Staatsbibliothek zur Kenntnis genommen und sie zum Kern seiner Anschauung gemacht (Weißmann 2011: S. 53). Besonders prägend, so Weißmann, war der Aufsatz Jüngers aus dem Jahr 1927: „Das Sonderrecht des Nationalismus“ (Nummer 1927/4 der von Jünger herausgegebene Zeitschrift Arminius). In diesem heißt es unter anderem:

Wir (Nationalisten) glauben an keine allgemeinen Wahrheiten. Wir glauben an keine allgemeine Moral. Wir glauben an keine Menschheit als an ein Kollektivwesen mit zentralem Gewissen und einheitlichen Recht. Wir glauben vielmehr an ein schärfstes Bedingtsein von Wahrheit, Recht und Moral durch Zeit, Raum und Blut. Wir glauben an den Wert des Besonderen.“ (6)

Die Beschwörung der Kampf- und Todeserlebnisse, ihre heroische Überbietung und die damit verbundene Abblendung tödlicher Angst zugunsten eines heroischen Realismus und Nationalismus finden wir insbesondere bei Ernst Jünger. In seinen Schriften „Der Kampf als inneres Erlebnis“ (Berlin 1922) oder „Der Arbeiter – Herrschaft und Gestalt“ (Hamburg 1932) entfaltete er seine Propaganda als „unbestrittener geistiger Führer des jungen Nationalismus“, der er die zivile Welt verächtlich gegenüberstellte:

Dem Elementaren aber, das uns im Höllenrachen des Krieges seit langen Zeiten zum ersten Male wieder sichtbar wurde, treiben wir zu. Wir werden nirgends stehen, wo nicht die Stichflamme uns Bahn geschlagen, wo nicht der Flammenwerfer die große Säuberung durch das Nichts vollzogen hat. Weil wir die echten, wahren und unerbittlichen Feinde des Bürgers sind, macht uns seine Verwesung Spaß. Wir aber sind keine Bürger. Wir sind Söhne von Kriegen und Bürgerkriegen, und erst wenn dies alles, dieses Schauspiel der im Leeren kreisenden Kreise, hinweggefegt ist, wird sich das entfalten können, was noch an Natur, an Elementarem, an echter Wildheit, an Fähigkeit zu wirklicher Zeugung mit Blut und Samen in uns steckt. Dann erst wird die Möglichkeit neuer Formen gegeben sein.“ (7)

Armin Mohler versucht sich in seinem Text an einer Definition dessen, was er als konservative Revolution bezeichnet: „Unsere Bewegung nennt sich aber ‚Konservative Revolution‘. (…) Das einzelne, dessen Zeit vorbei ist, soll nicht, wie der Reaktionär das täte, krampfhaft festgehalten werden. Es soll vielmehr fallen, und dem hilft man nach. Besser ist ein schneller Schnitt als langsames Faulen, wenn der Untergang ohnehin beschlossen ist“ (Mohler 1989: S. 116). Revolution sei also, dem, der ohnehin dem Untergang geweiht ist, einen letzten Stoß zu versetzen und durchaus im Sinne Ernst Jüngers – als selbsterklärter Repräsentant einer Generation der Zerstörung – einen neuen Nationalismus gegen die angeblich zum Untergang verdammte Weimarer Republik zu verfechten und ihm einen neuen großen gewalttätigen Raum zu geben. So heißt es bei Mohler weiter: „Gemeint ist ein Beschneiden von lebenshemmenden Wucherungen“ (vgl. ebd.).

In der Verbindung mit diesem neu mobilisierten Nationalismus, dem, wie Kurt Sontheimer schreibt, „produktiven Kern des antidemokratischen Denkens der Weimarer Republik“, erhielt dann auch „die völkische Ideologie des Nationalsozialismus etwas mehr Format“ (vgl. Sontheimer 1962: S. 37). Es war dann die Macht einer Massenbewegung großen Stils, die auch die Sympathien derer anzog, die als neue Nationalisten für einen revolutionären Sturz der Weimarer Republik eintraten. Der in Italien 1922 siegreiche Faschismus war in vielem ein Vorbild der antidemokratischen, antiliberalen Gruppierungen der Weimarer Republik, auch Adolf Hitlers und seiner Bewegung. Mussolini hatte Gewalt und Charisma entfesselt und mit seinem Marsch auf Rom 1922 die Macht an sich gerissen. (9) Er war gerade wegen des fulminanten Erfolgs, der Massenentfesselung und der ultimativen Gewalt für viele das entscheidende Vorbild, wie „das Recht der jungen Völker“ (so der Titel eines Buchs von Moeller van den Bruck) durchgesetzt werden kann. Viele „konservativen Revolutionäre“ waren vom Faschismus Italiens fasziniert.

„Trotzkisten“ (Mohler) des NS –
Eine Irreführung

Mohler beschwört dagegen die Träger der Konservativen Revolution gleich auf der zweiten Seite als die „Trotzkisten des Nationalsozialismus“ (vgl. Mohler 1989, S. 4), die tödlichen Feinde des NS und begreift sie als „Gegner“ – eine irreführende und abwegige Konstruktion. Viele der von Mohler Zitierten waren – wie Carl Schmitt, Hans Grimm oder Max Hildebert Böhm – über Jahre glühende Anhänger des NS. Oswald Spengler und Edgar Julius Jung waren fasziniert vom Sieg des Faschismus in Italien und der von Mohler besonders verehrte Jünger ein eifriger Kolumnist des nationalsozialistischen Völkischen Beobachters während der „Kampfzeit“. Sie alle waren eher durch „Nähe und Verwobenheit“ (Helmut Kellershohn, zit. nach Volker Weiß) gekennzeichnet, mit einer mit dem Sieg des NS verbundenen antidemokratisch-nationalsozialistischen Bewegung. Und nicht wenigen, unter den Jungkonservativen zum Beispiel Moeller van den Bruck, erschien der NS nicht radikal genug. (10)

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Thomas Mann als Torso

Die von Mohler dargestellten und propagierten Radikalnationalisten waren keineswegs abtrünnige Trotzkisten, sondern faszinierten Mohler wegen ihrer Radikalität, vorneweg die Brüder Jünger und Carl Schmitt. Sie als Gegner des NS zu beschwören, ist nichts anderes als ein „Trick“.

Um Mohlers These zu plausibilisieren, finden wir bei der Konservativen Revolution Thomas Mann, obwohl dieser sich schon 1922 zu einem entschiedenen Republikaner gewandelt hatte: Thomas Mann als Torso – eben nur den, der in den „Betrachtungen eines Unpolitischen“ (1918) noch von der Faszination des Deutsch-Nationalen schwärmte, ehe er genau dies in seiner berühmten Rede aus dem Jahr 1922 „Von deutscher Republik“ als furchtbaren Irrweg beschrieb – zur Wut eines Moeller van den Bruck. Mann gehört noch in der jüngsten Ausgabe (2005) nach dem Tod von Armin Mohler zu den neben Carl Schmitt, Ernst Jünger, Oswald Spengler, Karl Haushofer, Ernst Niekisch und Stefan George auf dem Cover abgebildeten Säulenheiligen; der bündische Hans Bühler wurde allerdings durch den Jungkonservativen Edgar Julius Jung ausgetauscht.

Armin Mohlers Ende der 40er Jahre fertiggestellter Text zur „konservativen Revolution“ beschwört 20 Jahre nach dem Auftreten seiner Gewährsleute ausdrücklich eine „Bewegung“: Dabei ist sein Text, wenn auch wirkungsgeschichtlich erheblich, ein eher spekulativer Versuch, ganz unterschiedliche und gegenläufige Autoren des deutschen „neuen“ Radikalnationalismus der 20er Jahre als eigenständige „Bewegung“ zusammenzubringen und als wesentlich apart vom Nationalsozialismus, eben als dessen „Trotzkisten“ zu beschreiben (vgl. Stefan Breuer 1998).

Mit Jünger nach 1945: Entkoppelung der extremen Rechten vom Holocaust

(10) Mohler unternahm mit seiner „Konservativen Revolution“ etwas, was er bei seinem Vorbild Jünger hatte abschauen können. Nach der absoluten Kriegsniederlage aller Radikalnationalisten und Nationalsozialisten war es Jünger, der darauf sann, das gegenaufklärerisch-gegenliberale Projekt der radikalen Nationalisten zu retten. Seine zu Kriegsende redigierte Schrift „Der Friede“ ist keine Abbitte Jünger’scher Radikalität, sondern der Versuch, Deutschland aus der Verantwortung zu nehmen und in einem entlastenden Diskurs über Kriegsverbrechen und Kriegsverbrecher die Grundzüge einer europäischen Neuordnung unter maßgeblicher Beteiligung Deutschlands abzuleiten (Seferens 1997). Das „Heilswort“, das den Grundton der Schrift angibt, lautet demgemäß:

„Der Krieg muß für alle Frucht bringen. Eine hoch anonyme Schicksalsmacht sei die Trägerin des Geschehens gewesen, die vage als Zug des großen Werdens oder als das Walten des Weltgeistes bezeichnet wird.“

In diesem gleichsam organischen Prozess, so Horst Seferens in seiner klugen Analyse der Jünger’schen Nachkriegsschriften, werden alle Beteiligten zu passiven Werkzeugen innerhalb eines Rekreationsakts der Schöpfung. Dort heißt es: „Mannigfaltigkeit der Fronten verhüllte den Tätern und den Leidenden die Einheit des großen Werkes, in dessen Bann sie wirkten – doch wird sie durch ihre Zeugung, durch ihre Verwandlung zum Opfer offenbar.“

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Die These von der kollektiven Unschuld

Es ist ein entdifferenzierender Opfermythos, der vor allem den Effekt hat, dass die Deutschen stillschweigend von ihrer Verantwortung exkulpiert werden. Jünger attackiert „nicht die Kollektivschuldthese, sondern vertritt mit Entschiedenheit die These kollektiver Unschuld“ (Seferens: ebd.). Eine Nachkriegsrechte habe von der Tatsache auszugehen, dass die „Namen der großen Residenzen des Mordes auf alle Zeiten im Gedächtnis der Menschen“ haften bleiben und man daher die Verknüpfung der Rechten mit dem Holocaust entkoppeln müsse. Ihm geht es, so Horst Seferens, um Verwandlung, um eine Metamorphose, von der die Substanz unberührt bleibt.

Mohler hatte in KR exakt dieses ihnen gemeinsame Motiv umgesetzt, die radikalen Nationalisten gegen die Empirie von der „Verwobenheit“ in die nationalsozialistische Bewegung und ihrem späteren Sieg abzukoppeln. Carl Schmitt und Ernst Jünger waren eben keine tödlichen Feinde des Nationalsozialismus, schon gar nicht in dessen „Kampfzeit“ am Ende der Weimarer Republik, sondern glühende Kritiker der liberalen Demokratie.

Die Karriere des Armin Mohler im rechten Münchener Milieu um Strauß, Schönhuber
– und alte Nationalsozialisten

Aber es ist diese Beschwörung – wir sind stolze Nationalisten und wehren uns gegen jede Art der Aufarbeitung – die Mohler die Türen der Institutionen öffnete, die von ehemaligen Nationalsozialisten beeinflusst waren. Er schrieb bis 1961 von Paris aus, wo er ein glühender Gaullist geworden war, für Giselher Wirsing in Christ und Welt, für den Antidemokraten der Weimarer Republik, Hans Zehrer, bei der Welt und erhält dann ab 1961 in München – eine beispiellose Karriere eines Rechtsradikalen – den Chefposten der gerade gegründeten Siemens Stiftung für Deutschland. Vermittelt hatte hier der ehemalige SS-Obersturmbannführer Franz Riedweg, den Mohler aus der Zeit seiner SS-Identifizierung aus Stuttgart im Jahre 1942 persönlich – auch er ein Schweizer – kennt. Unter dem Pseudonym Michael Hintermwald schreibt er für die Deutsche Nationalzeitung. (vgl. Weißmann 2011). In dieser Zeit kommt es im Zuge des Eichmann-Prozesses in Jerusalem und des Auschwitz-Prozesses in Frankfurt gegen den fulminanten Widerstand der Nationalkonservativen in CDU (Alfred Dregger) und CSU (Franz Josef Strauß) zu einer ersten öffentlichen Welle der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus.

Das ist Mohlers Chance. In einer im Jahre 1965 erschienenen wütenden Polemik „Was die Deutschen fürchten“ hält er dagegen, macht einen deutschen „Nationalmasochismus“ aus, ist fasziniert von dem englischen Historiker David L. Hoggan, der „den anderen die Schuld am Ausbruch des zweiten Weltkriegs“ gibt, und plädiert für eine Politik, die am „Ernstfall“ (Carl Schmitt) orientiert ist. Seine Polemik ist durchzogen von Vorstellungen, dass man sich angesichts innerer und äußerer Feinde auf den Carl Schmitt’schen Ernstfall einstellen müsse und sich schon gar nicht im sich selbst aufgebenden „Gärtnerkonservatismus“ der Bonner Republik einrichten dürfe.

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Berater von Franz Josef Strauß

Im rechten Milieu der Münchner feinen Gesellschaft wird Mohler schließlich Berater von Franz Josef Strauß. Er hatte Strauß nach seinem Rücktritt als Verteidigungsminister im Zuge der Spiegelaffäre 1962 verteidigt und versucht nun, ihn und die Öffentlichkeit in der Form eines auf ein größeres Deutschland gerichteten Radikal-Gaullismus davon zu überzeugen, dass Deutschland seine Souveränität durchsetzen müsse und dazu die Atomwaffe brauche. (Der CSU-Politiker Hans Maier sagte seinerzeit dazu: „Mohler – vom Unbehagen im Kleinstaat (Schweiz) zur ‚Force de frappe‘ (der französischen Atombewaffnung)“ (zit. nach Mohler 1989, S. 26). Nach innen war Franz Josef Strauß, durchaus mit der Hilfe Armin Mohlers und des von Mohler lancierten weiteren Beraters Marcel Hepp, auf Konfrontation nicht nur mit der studentischen Protestbewegung, sondern auch mit der Sozialdemokratie. Und gerüchteweise ließ sich hören, dass es im Falle innenpolitischer Eskalation in München einen Plan B gebe (so nach Informationen des späten Soziologieprofessors aus Konstanz, Horst Baier).

Armin Mohler ist in der demokratischen Rechten so integriert, dass er 1967 trotz öffentlicher Kritik den ersten Konrad Adenauer Preis für Publizistik der Deutschland Stiftung erhält – vom 91-jährigen Konrad Adenauer persönlich, wie Biograph Weißmann vermerkt (vgl. Weißmann 2011). Für Armin Mohler ist es wenige Jahre später eine tiefe Enttäuschung, als die Aufkündigung der Fraktionsgemeinschaft nach der Niederlage der CDU/CSU bei der Bundestagswahl 1976 durch die CSU nicht zu einer neuen Rechtspartei führt. Spätere Versuche wie etwa den Franz Schönhubers hat er entsprechend unterstützt. Und es ist, als habe er Pate gestanden, als vor einigen Jahren dieser Versuch erneut unternommen wurde und nun jene Radikalität aufzubieten versucht wird, die sich Mohler vorgestellt hat.

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Transfers nach Frankreich und zurück

Gleichzeitig unterstützt er die von seinem Schüler Caspar von Schrenck-Notzing 1970 gegründete neurechte Zeitschrift Criticon und ist seit 1970 im Komitee der Nouvelle Ecole, der Institution der sogenannten Nouvelle Droite, und referiert bei nationalen Kolloquien der von seinem Freund Alain de Benoist mitbetriebenen Denkschule für den Kulturkampf GRECE (Groupement de Recherche et Etudes pour la Civilisation Europeenne). (11) Dieser hatte für die Neue Rechte in Frankreich das beliehen, was Mohler als KR kompiliert und ihm angetragen hatte: diesseits des NS, aber ultraradikaler Nationalismus. Und er exportierte der Neuen Rechten in Deutschland diese Taktik, die auf Seriositätsgewinn zielte – eine neue Form einer Neuen Rechten, ohne offene Kontakte zu neonazistischen Gruppen.

Als Mohler in den 80er Jahren erneut versuchte, eine bundesdeutsche „Neue Rechte“ entstehen zu lassen, tat er das „über den französischen Umweg, gleichsam als Re-import. (…) Dass die damalige ‚Neue Rechte‘ (der 20er Jahre) in diskreter oder offener Kumpanei Hitler den Weg bereitete, störte weder Mohler noch Benoist.“ (Assheuer 1992: S. 140) Sie seien die wirklichen Antipoden gewesen, eben die Trotzkisten, wie Mohler sie schon in seinem Buch über die konservative Revolution 1949 beschworen hatte. Und erneut ging es um organische Gesellschaftsideen, den Antiliberalismus, Anti-Universalismus, gegen die liberale, demokratisch-politische Kultur und es sind die gleichen Säulenheiligen Moeller van den Bruck, Edgar Julius Jung, Hans Freyer, Othmar Spann und vor allem: Carl Schmitt (vgl. ebd., S. 142).

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Mit Schönhuber in den Rechtsextremismus der 80er Jahre:
„Man muß die Leute in den Eingeweiden bewegen.“ (Mohler) – Der NS als Erfolgsrezept

Als sich die Chance einer Partei rechts der CSU mit der Abspaltung der Republikaner von der CSU Anfang der achtziger Jahre unter anderem mit Franz Schönhuber erneut ergibt, ist Mohler sofort dabei. In Dezember 1983 zählt er zu den Mitbegründern des „Deutschlandrates“ um Franz Schönhuber, ist mit anderen dessen ideologischer Souffleur und gilt als Mitverfasser des ersten großen programmatischen Textes der Republikaner, dem sogenannten „Siegburger Manifests“ von 1985, als Schönhuber die Macht in der Partei übernimmt und sie radikalisiert. (12)

Armin Mohler sagte im Hinblick auf Franz Schönhuber, den Chef der neugegründeten rechtsextremen Re­publikaner:

Er spricht aus, was die Leute denken. Die (neue) Rechte muss mit dem vor­herrschenden Sicherheitsbedürfnis des Volkes kalkulieren und daraus Kapital schlagen. (…) Man muß die Leute in den Eingeweiden bewegen. Der Nationalsozialismus hatte den Leuten seelische Erlebnisse vermittelt, die heute kaum noch denkbar sind, darin bestand sein Erfolgsrezept. Das dringender werdende Asylproblem könnte eine populistische Rechte stark machen“. (7)

Unter dem „charismatischen“ Anführer Schönhuber gelangen den Republikanern, mit Themen wie Ausländerkriminalität sowie der angeblich massenhaften unkontrollierten und illegalen Einwanderung, mehrere Wahlerfolge, u. a. 1989 in Westberlin, wo die Partei 7,5 Prozent der Stimmen holte.

„Liberalenbeschimpfung“ und
„Faschistischer Stil“ –

die entfesselte Radikalisierung des späten Mohler in den neunziger Jahren

Die 1990 im rechtsradikalen Verlag Heitz und Höffkes (Essen) veröffentlichte Kampfschrift „Liberalenbeschimpfung“ (14) ist dem „Freund Franz Schönhuber, der als erster die andere Mauer, die aus Kautschuk, durchbrochen hat“, gewidmet. Das erste Mal seit 1945, so erklärt er im Stil absoluter Verachtung im Vorwort, „bläst der deutschen Rechten der Wind nicht steif von vorne ins Gesicht“. Mit der Wende 1989 wachse „nach langer Dürre in Westdeutschland wieder eine Generation junger Rechter heran, die unbequem zu denken wagen. Ihre Väter stellten jene ‚weißen Jahrgänge‘, auf welche die Sieger ihre Gehirnwäsche konzentrierten. Die Sieger von 1945 hielten für den deutschen Konservatismus ein für sie pflegeleichten Laufstall bereit, den eines weinerlich-betulichen Gärtner- und Demutskonservatismus, der sich in Antikommunismus und Proamerikanismus erschöpfen sollte“ (Mohler 1990, S. 5). Er plädiert für eine Politik der „Feindbestimmung“ im Sinne des von ihm nach Jünger meistgeschätzten Carl Schmitt.

Nichts liegt näher, als dass Mohler das zum Thema macht, was er „Vergangenheitsbewältigung“ nennt, und in durchaus einflussreichen, doch in der Regel rechtsextremen Verlagen propagiert. Der von dem knapp 70-jährigen Wahl-Münchener veröffentlichte „Nasenring – Im Dickicht der Vergangenheitsbewältigung“ (1989) ist eine vehemente Abrechnung mit allen Versuchen einer Auseinandersetzung mit dem Verbrechen des Nationalsozialismus und der nationalsozialistischen Herrschaft. Eingeschoben in diese Abrechnung ist eine lange Passage seiner Erfahrung mit dem nationalsozialistischen Deutschland vom Februar 1942 bis zum Spätherbst des gleichen Jahres, die auf dem Buch-Cover einigermaßen bombastisch als „Strukturanalyse des Dritten Reichs“ bezeichnet wird (ebd., S. 90).

Es sind vor allem Ereignisse in der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in den achtziger Jahren, die Gegenstand des umfangreichsten Kapitels im „Nasenring“ sind: Das reicht vom Verriss der Ausstrahlung des Films Holocaust über die Verachtung gegenüber der breiten Kritik an der Ehrung der SS-Runen auf dem Bitburger Soldatenfriedhof durch Reagan und Kohl bis hin zum „Kitsch der Bewältigungsklischees“.

Vor allem aber weist er allen Ernstes dem „Leuchter-Report“, der die Vergasung in Auschwitz bestreitet, eine klärende öffentliche Funktion zu. Hierzu heißt es:

Sollte es auch an den in Polen liegenden KZs (den sogenannten ,Vernichtungs­lagern‘) nicht zu Massentötungen in Gaskammern gekommen sein, so wäre das das Ende der These von der ,Singularität der deutschen Verbrechen‘, die sich ja vor allem aus den Horror-Visionen von den Gaskammern nährt. Die nicht anzweifelbaren Massenmorde der Ohlendorfschen Einsatzgruppen (über deren Opferzahl noch gestritten wird) sind zwar schauerlich – aber sie unterscheiden sich nicht (auch quantitativ nicht) von dem, was sich andere kriegführende Nationen im Zweiten Weltkrieg geleistet haben. Und die Gas-Autos scheinen nicht über vereinzelte Versuche hinaus entwickelt worden zu sein.“ (7)

Die Wirkung des Leuchter-Reports ist kennzeichnend für die Lage des Revisionismus. Seit Mitte 1988 zirkuliert der amerikanische Text des Reports in der Bundesrepublik, desgleichen eine autorisierte französische Fassung des ganzen Textes. In deutscher Sprache liegt im Buchhandel mindestens die etwa 30 Seiten starke zusammenfassende Einleitung des Reports vor, allerdings bei einem kleineren, im sogenannten „nationalen Ghetto“ beheimateten Verlag (Verlag für Volkstum und Zeitgeschichtsforschung) (13).

Die Verachtung, mit der er die Bemühungen um eine angemessene Wahrnehmung der Naziverbrechen in der deutschen Öffentlichkeit begleitet, zeigt sich auch an seinem Interesse daran, Deutschland entlastende zeitgeschichtliche Forschung zuteil werden zu lassen und dies durch das Mitte der 80er Jahre im Bundestag entschiedene Gesetz gegen das Leugnen und Billigen des nationalsozialistischen Völkermordes (Gesetz gegen die Auschwitz-Lüge) blockiert zu sehen (Mohler 1989b, S. 230). Zwar verweist sein Schüler und Biograph Weißmann auf Mohlers Radikalisierung, schwächt sie aber mit dem allzu sanften Blick des Jüngeren zugleich ab und erwähnt – sonst gut informierend – die darauf bezogene Kontroverse mit der Jungen Freiheit nur in schwachen Andeutungen.

Mohler bleibt sich treu: Späte Überbietungen. Faschismus als Faszination der Gewalt und der direkten Aktion – Plädoyers für den „faschistischen Stil“

In den 90er Jahren schließlich erklärt der nun 70-jährige sich mehrfach zum „Faschisten“. Das beginnt mit einem Interview aus dem Jahr 1991 mit dem Historiker Elliot Neaman (1998). Als dieser ihn fragt, ob er Faschist sei, bejaht Mohler: Faschismus sei vor allem eine Frage des faschistischen Stils, und verweist auf den Chef der rumänischen Eisernen Garde, Corneliu Zelea Codreanu, aus der Zwischenkriegszeit. Als er die Frage in einem Interview mit der Zeit 1995, ob er Faschist sei, erneut positiv beantwortet, erklärt er hierzu bündig:

Faschismus ist für mich, wenn enttäuschte Liberale und enttäuschte Sozialisten sich zu etwas Neuem zusammenfinden. Daraus entsteht, was man konservative Revolution nennt.“ (x)

1990 legt Mohler in „Liberalenbeschimpfung“ sein 1973 entstandenes Traktat „Der faschistische Stil“ wieder auf. Hier skizziert er die verschiedenen Faschismen aus der Zwischenkriegszeit, mit besonderer Verve die von Codreanu geführte Eiserne Garde in Rumänien. (vgl. Mohler 1990, S. 87). Es gehe, so Mohler, „um den Kampf an sich“, eine „Art Krieg“, die eine „besondere Brüderlichkeit der gegeneinander Kämpfenden“ schaffe (ebd., S. 90). Es seien – so Mohler mit Gottfried Benn – die Formen, die entscheidend seien: „Das Schwarzhemd in der Farbe des Schreckens und des Todes, der Kampfruf „a noi“ (= herüber zu uns!) und das Schlachtenlied, die Giovinezza (= Jugend).“ Ihm sei eine Ästhetik wichtig, die gegen das Chaos, die Dekadenz in Anschlag gebracht werde.

Vor allem aber bietet Mohler erneut „seinen“ Jünger als Zeugen auf für das, was faschistisch sei. Für Mohler sind es insbesondere die Texte „Das abenteuerliche Herz“ (1929), das Buch „Der Arbeiter“ (1932) sowie „Die totale Mobilmachung“ (1931) und „Über den Schmerz“ (1934), die seines Erachtens eine bestimmte Geisteshaltung, einen bestimmten Stil prägen (Mohler 1990: S. 97). Gegen die Tradition der Aufklärung und der französischen Revolution gehe es darum, den „verlorenen Krieg zu Ende zu verlieren“, den Nihilismus bis zum notwendigen Punkt zu treiben, um aus dieser Zerstörung etwas ganz Neues anderes mit Stil zu entfesseln. Er beschwört die Sehnsucht nach einer anderen, unbedingten Lebensform, gebrochen durch die Allgegenwart des Todes und die, die überleben, brächten diese Spannung von Jugend und Tod gegen die liberal gebliebene Umwelt in Anschlag (ebd. S. 100). Mohler assoziiert schließlich den für ihn emotionalen Höhepunkt des europäischen Faschismus, den Wahlspruch des nationalen Lagers im spanischen Bürgerkrieg 1936–1939: „Viva la muerte“ (Es lebe der Tod) (ebd. S. 101).

Schließlich liegt für Mohler die direkte Aktion, die plötzliche symbolische Gewalt im „gezielten Attentat, im Putsch, im spektakulären Marsch auf Rom, in den Strafexpeditionen gegen konkrete Ballungen von Feinden – in all diesen Szenarien politischer Gewalt, wie wir sie vor allem aus dem Aufstieg des italienischen Faschismus kennen“ (ebd. S. 104). Für ihn ist in der Tradition von Georges Sorel faschistische Gewalt die „direkte plötzliche, sichtbare, demonstrative Gewalt, die immer zugleich auch symbolisch wirken soll: der schon genannte Sternmarsch auf ein Zentrum der alten, zu stürzenden Macht; das Aufpflanzen der eigenen Fahne auf dem feindlichen Hauptquartier oder etwa das Halten eines als sinnbildlich geltenden Gebäudes um jeden Preis, auch wenn es militärischen Fachleuten als sinnlos erscheint und sinnlose Opfer kostet“ (ebd. S. 104).

Pathetische Worte eines Zeit seines Lebens schreibenden, netzwerkenden Epigonen, der vom wilden Getümmel fasziniert, aber nie „dabei“ war.

Diadochenkämpfe der Mohler-Erben heute

Dieter Stein (Junge Freiheit) gegen Götz Kubitschek, Björn Höcke und vom Neofaschismus Faszinierte

Inzwischen nutzen Identitäre die Energiezufuhr aus historischen Ideen, die sie neu zusammenstellen – insbesondere aus der Riege der Jungkonservativen und der Antidemokraten der Weimarer Republik. Sie beschwören eine ostdeutsche ethnische Kontinuität, die sich gegen die Totalitarismen des Nationalsozialismus, des Stalinismus und des Westens bewährt habe, nicht der „Charakterwäsche“ westlicher Umerziehung in die Falle gelaufen sei, sondern „gelassen in den Widerstand“ gegen die Republik und den Westen gehe. Die verschiedenen Gruppen der extremen Neuen Rechten – darunter vor allem das Institut für Staatspolitik Götz Kubitscheks und die Identitäre Bewegung – vermitteln das Gefühl, sie seien an der Geburtsstunde einer großen völkischen Revolutionsbewegung beteiligt. Und über den Besuch in Rom im März 2016 berichtet die neurechte Ellen Kositza in der Sezession:

Die gigantische Kundgebung der Lega Nord am Wochenende in Rom war faszinierend. (…) Pathetische Bombast-Musik, dann der wuchtige Einzug der Casa-Pound-Hundertschaften von der höhergelegenen Viale Gabriele d’ Annunzio auf den bereits dicht gefüllten Platz. Tosender Beifall, undenkbar dies alles in Deutschland!“ (9)

Sich ausweitende Bruchlinien in der Rechten – das Ende des Gurus

Mohler hatte keine Mühe und keine Radikalisierung gescheut, um „seinen“ Deutschen nationalistisches Selbstbewusstsein für neue imperialen Höhenflüge einzuträufeln. Er war über Jahrzehnte ein unumstrittener Guru der extremen Rechten um Weißmann, Kubitschek und die Junge Freiheit. Er blieb vom frühen Jünger, seiner SS-Initiation und dem faschistischen Stil fasziniert.

Aber mit der spezifischen Radikalisierung in Stil und Ideologie gerät die extreme Neue Rechte in ernste Konflikte mit sich selbst. Während sich die national-soziale, „völkische“ Rechte weiter radikalisiert, machen die um Bündnisse mit Konservativen bemühten Autoren der Jungen Freiheit, selbst über Jahrzehnte Agitatoren der KR, inzwischen gegen jene „Abenteurer“ massiv Front (vgl. Dieter Stein: Der Geist ist aus der Flasche. Junge Freiheit vom 28.2.2019).

Anfang der 90er hatte sich die JF wegen der Holocaust-Debatte von Mohler getrennt, Anfang 2019 wirft Dieter Stein, Chefredakteur der JF, den bis dato wichtigsten Erben um Götz Kubitschek, Jürgen Elsässer, den Identitären und Björn Höcke mit einem Fundamental-Verriss eines Gesprächsbands von Höcke den Fehdehandschuh hin. Der Zenit der vom Neofaschismus Faszinierten ist offenbar überschritten.


  • Vom Autor erschien im März 2019: Hajo Funke: „Der Kampf um die Erinnerung – Hitlers Erlösungswahn und seine Opfer“, Hamburg 2019
  1. Armin Mohler: „Die konservative Revolution in Deutschland 1918-1932 – Ein Handbuch“, Darmstadt 1989
  2. Armin Mohler: „Der Nasenring – Im Dickicht der Vergangenheitsbewältigung”, Essen 1989b
  3. Karlheinz Weißmann: „Armin Mohler. Eine politische Biografie“, Schnellroda 2011
  4. Armin Mohler, Karlheinz Weißmann: „Die konservative Revolution in Deutschland, 1918–1932 – Ein Handbuch“ Sechste, völlig überarbeitete und erweiterte Auflage. Ares Verlag, Graz 2005
  5. Vergleiche das Porträt Ernst Jüngers durch Irmela von der Lühe in den „Gegneranalysen“
  6. Jünger, zitiert nach Weißmann 2011, S. 53
  7. „Tagebuch“ vom 21.9.1929, zitiert nach Sontheimer 1962, S. 104.
  8. Vgl. Volker Weiß: „Hitler und Mussolini. Brüder im Geiste“ in: ZEIT Geschichte Nr. 3/2013.
  9. Vgl. Weiß: „Die autoritäre Revolte“ 2017, S. 44ff
  10. Zur Erinnerung an die Verbrechen des NS: Hajo Funke: „Der Kampf um die Erinnerung. Hitlers Erlösungswahn und seine Opfer“ Hamburg, 2019
  11. Thomas Assheuer/Hans Sarkowicz: „Rechtsradikale in Deutshland“, München 1992, S. 166–169
  12. Um die Bedrohung der Nation durch „Überfremdung“ – wie es im Siegburger Manifest von 1985 heißt – zu lösen, wird der Entrechtung der in der Bundesrepublik lebenden Ausländer das Wort geredet und das Bild einer modernen Sklavenhaltergesellschaft entworfen.
  13. Dieser „Verlag“ wurde von dem extrem rechten Werner Georg Haverbeck betrieben. Dessen Frau Ursula Haverbeck ist eine prominente Holocaustleugnerin und Spitzenkandidatin der rechtsradikalen Kleinstpartei „Die Rechte“ zur Europawahl 2019.
  14. Es ist durchaus interessant zu sehen, dass der Verlag Götz Kubitscheks zwar den Text von Mohler gegen die Liberalen 2010 erneut veröffentlicht, aber von den anderen in der „Liberalenbeschimpfung“ ebenfalls veröffentlichten Texten des Jahres 1990 von Armin Mohler, nicht zuletzt über den faschistischen Stil, absieht.

Literatur

  • Thomas Assheuer/Hans Sarkowicz: „Rechtsradikale in Deutschland“, München 1992
    Stefan Breuer: „Anatomie der konservativen Revolution“, Darmstadt 1995
    Ernst Jünger: „Sämtliche Werke“, 18 Bände, Stuttgart 1978-1982
    Helmut Kellershohn: „Zwischen Wissenschaft und Mythos. Einige Anmerkungen zu Armin Mohlers ,Konservativer Revolution’“ in: Kaufmann et al (Hrsg.): Völkische Bande, Münster 2005
    Claus Leggewie: „Der Geist steht rechts. Ausflüge in die Denkfabriken der Wende“, Berlin 1987
    Armin Mohler: „Die konservative Revolution in Deutschland 1918-1932 – Ein Handbuch“ Darmstadt 1989
    Armin Mohler: „Der Nasenring. Im Dickicht der Vergangenheitsbewältigung“, Essen 1989b
    Armin Mohler, Karlheinz Weißmann: „Die konservative Revolution in Deutschland 1918–1932 – Ein Handbuch“, Sechste, völlig überarbeitete und erweiterte Auflage. Ares Verlag. Graz 2005
    Armin Mohler: „Liberalenbeschimpfung. Sex und Politik. Der faschistische Stil. Gegen die Liberalen“, Heitz und Höffkes Verlag. Essen 1990
    Armin Mohler.: „Gegen die Liberalen“, Schnellroda 2010 (mit einem Nachwort von Martin Lichtmesz)
    Elliot Neaman: „A Dubious Past“, Berkeley 1999
    Horst Seferens: „Und hier gab es viel, was zu überspielen war – Ernst Jüngers ,Vergangenheitsbewältigung’“, in: Die neue Gesellschaft / Frankfurter Hefte, 44. Jg., 1997, Heft 6, S. 548–553
    Horst Seferens: „Leute von übermorgen und von vorgestern – Ernst Jüngers Ikonographie der Gegenaufklärung und die deutsche Rechte nach 1945“, Bodenheim 1998
    Kurt Sontheimer: „Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik“, München 1962
    Volker Weiß: „Die autoritäre Revolte – Die neue Rechte und der Untergang des Abendlandes“, Stuttgart 2017
    Karlheinz Weißmann: „Armin Mohler – Eine politische Biografie“, Schnellroda 2011