Heim­chen an der Front

Ellen Kositza auf der Frank­fur­ter Buch­messe 2019. Foto: Jonas Fedders

In der neu­rech­ten Bewe­gung agieren viele Frauen nach femi­nis­ti­schen Prin­zi­pien, die sie qua Ideo­lo­gie eigent­lich ableh­nen. Wie geht das zusammen?


Es ist ein geleb­tes Paradox: Frauen in der Politik seien eher kri­tisch zu betrach­ten, so die iden­ti­täre Akti­vis­tin und beken­nende Anti­fe­mi­nis­tin Annika Stahn im Inter­view mit Martin Sellner, selbst­er­nann­ter Kopf der rechts­ex­tre­men Iden­ti­tä­ren Bewe­gung auf YouTube. Schließ­lich sei Politik ratio­nal, Frauen hin­ge­gen emo­tio­nal. Stahn geht zwar nicht so weit, das Frau­en­wahl­recht wieder auf­he­ben zu wollen – doch sollten sich Frauen ihrer Ansicht nach auf ihre „spe­zi­fi­schen“ Themen kon­zen­trie­ren und den poli­ti­schen Prozess lieber den Männern über­las­sen. Ganz anders sieht dies ihre Kol­le­gin Melanie Schmitz, eben­falls Iden­ti­tä­ren-Akti­vis­tin, die sich vom anti­fe­mi­nis­ti­schen Gehabe Stahns pein­lich berührt zeigt, wie sie in einem Beitrag auf ihrem Blog schreibt.

Ähnlich wie Schmitz haben sich in letzter Zeit starke und selbst­be­wusste Frauen an vor­ders­ter Front rechter Par­teien und Grup­pie­run­gen eta­bliert. Poli­ti­ke­rin­nen wie Alice Weidel oder Beatrix von Storch in der AfD bekla­gen laut­stark den ver­meint­li­chen „Gen­der­wahn“, und auch in anderen euro­päi­schen Ländern wie Frank­reich oder Belgien über­neh­men Frauen pro­mi­nente Posi­tio­nen in rechten Par­teien. Das Kli­schee des „Heim­chens am Herd“ ist schon seit Jahr­zehn­ten nicht mehr das einzig denk­bare Frau­en­bild und Akti­vis­mus unter rechten Frauen kein neues Phänomen.

Bemer­kens­wert ist damals wie heute das wider­sprüch­li­che, ja fast schon eman­zi­pierte Auf­tre­ten dieser rechten Front­frauen. Wie die US-ame­ri­ka­ni­sche Autorin Susan Faludi in ihrem 1991 erschie­ne­nen Buch „Back­lash“ (Dt. „Die Männer schla­gen zurück“) beschrieb, ver­tre­ten Frauen der soge­nann­ten Neuen Rechten eine anti­fe­mi­nis­ti­sche Haltung, nehmen jedoch zugleich Werte wie Selbst­be­stim­mung, Gleich­be­rech­ti­gung oder Ent­schei­dungs­frei­heit in Anspruch und inte­grie­ren sie sowohl in ihr pri­va­tes als auch poli­ti­sches Leben. In diesem Para­do­xon bedie­nen sich die rechten Theo­re­ti­ke­rin­nen und Akti­vis­tin­nen einer­seits an – von femi­nis­ti­scher Seite erkämpf­ten – Werten und Frei­hei­ten, ande­rer­seits wollen sie genau diese in ihre Schran­ken weisen und die ver­meint­lich „natür­li­chen“ Geschlech­ter­rol­len von Mann und Frau aufrechterhalten.

Ellen Kositza, neu­rechte Publi­zis­tin und Ver­le­ge­rin, liefert immer wieder Input für die geschlech­ter­po­li­ti­sche Denk­weise der Iden­ti­tä­ren. In ihrem Buch „Gender ohne Ende oder Was vom Manne übrig­blieb“ von 2008 phi­lo­so­phiert sie über die Ent­wer­tung von Mut­ter­schaft – der „natür­li­chen“ Rolle von Frauen – und beklagt den Verfall „echter“ Männ­lich­keit. Ihre Fan­ta­sie eröff­net den stein­zeit­lich anmu­ten­den Wunsch nach einem starken Mann als Beschüt­zer und Jäger. In die gleiche Kerbe schlägt die den Iden­ti­tä­ren nahe­ste­hende, pro­mo­vierte Phi­lo­so­phin Caro­line Som­mer­feld-Lethen aus Österreich.

Doch auch die junge weib­li­che Genera­tion der Neuen Rechten drängt nach vorne. Melanie Schmitz oder Paula Win­ter­feldt in Deutsch­land greifen zum Mikro­fon und prä­sen­tie­ren sich in den sozia­len Medien, um ihre poli­ti­sche Bot­schaft so zu ver­kün­den, wie es Britt­any Pet­ti­bone oder Lauren Sou­thern für die Alt-Right im eng­lisch­spra­chi­gen Raum tun. Stark und selbst­be­wusst stehen sie für eine ras­sis­ti­sche und miso­gyne Ideo­lo­gie ein, die Frauen im Grunde genom­men immer noch am liebs­ten Kin­der­lie­der singen hört.

Obwohl sich die Neue Rechte sicht­lich darum bemüht, dieser „alten Leier“ einen neuen Anstrich zu geben, bleibt sie im Kern gleich. Jedoch bietet die Redu­zie­rung von Frauen auf ihre Rolle als Mutter und lie­bende Ehefrau heut­zu­tage nur unge­nü­gende Iden­ti­fi­zie­rungs­mög­lich­kei­ten für junge Frauen. Neben begriff­li­chen Ver­än­de­run­gen zählt demnach auch die Akzep­tanz ver­schie­de­ner gesell­schaft­lich exis­tie­ren­der Frau­en­bil­der zu den Moder­ni­sie­rungs­stra­te­gien der Neuen Rechten. Trotz dieser vor­der­grün­di­gen Erneue­run­gen halten auch die eman­zi­piert wir­ken­den Akti­vis­tin­nen ebenso wie ihre theo­re­ti­schen Impuls­ge­be­rin­nen am geschlech­ter­po­li­ti­schen Credo der rechten Ideo­lo­gie der „Gleich­wer­tig­keit, jedoch nicht Gleich­ar­tig­keit“ von Männern und Frauen fest. Aus diesem ist wie­derum eine spe­zi­fisch weib­li­che und männ­li­che Rol­len­ver­tei­lung ableit­bar, in der Frauen auf ihre „natür­li­che“ Aufgabe als Mutter fest­ge­schrie­ben werden. Dieses gedank­li­che Fun­da­ment zemen­tiert nicht nur starre Geschlech­ter­bil­der, sondern legi­ti­miert para­do­xer­weise auch das Enga­ge­ment poli­tisch aktiver rechter Frauen.

Vor allem die ideo­lo­gisch wider­sprüch­lich auf­tre­ten­den rechten Front­frauen klam­mern sich an diese Grund­über­zeu­gung. Gerade jene, die sich ein starkes und eman­zi­pier­tes Auf­tre­ten her­aus­neh­men, sind zugleich ständig damit beschäf­tigt, die geschlech­ter­po­li­ti­schen Über­zeu­gun­gen der Rechten über­zu­be­to­nen und ihre „natür­li­che“ Weib­lich­keit zu unter­strei­chen. Die Iden­ti­täre Melanie Schmitz etwa teilt femi­nis­ti­sche Ansätze wie das „Nein heißt-Nein“-Konzept, kri­ti­siert Schön­heits­nor­mie­run­gen und das sexis­ti­sche Ver­hal­ten in den eigenen Reihen. Sie ist gerne Teil einer Jungscrew und fordert dort einen gleich­be­rech­tig­ten Platz im poli­ti­schen Kampf ein. Gleich­zei­tig posiert sie in ihren Insta­gram-Bildern lasziv räkelnd auf ihrem Bett oder zeigt sich stark geschminkt in Groß­auf­nah­men. Sie ver­sucht ihrem kämp­fe­ri­schen, „aggres­si­ven“ (sprich „männ­li­chen“) Ver­hal­ten eine ste­reo­typ „weib­li­che“ Seite gegen­über­zu­stel­len. Als müsste sie bewei­sen, trotz ihrer poli­ti­schen Tätig­keit ihre „weib­li­chen Pflich­ten“ nicht zu ver­nach­läs­si­gen, lässt sie ihre Instagram-Follower*innen immer wieder an den neu­es­ten Kuchen­back-Aktio­nen teilhaben.

Ältere rechte Theo­re­ti­ke­rin­nen wie Kositza oder Som­mer­feld-Lethen hin­ge­gen kul­ti­vie­ren weniger eine sexua­li­sierte Dar­stel­lung ihrer Person als viel­mehr eine Über­be­to­nung der eigenen Mut­ter­schaft und der hin­ge­bungs­vol­len Rolle als Ehefrau. Ellen Kositza, die mit dem rechts­ex­tre­men Antaios-Ver­le­ger Götz Kubit­schek ver­hei­ra­tet ist, trägt ihre sie­ben­fa­che Mut­ter­schaft stolz wie eine Aus­zeich­nung vor sich her, und auch Som­mer­feld-Lethen wird nicht müde, ihre drei Kinder zu erwäh­nen. Auch in diesem Umstand steckt eine Legi­ti­ma­tion der eigenen poli­ti­schen Akti­vi­tät. Ist die „ideo­lo­gisch vor­ge­se­hene Rolle“ als Mutter bereits mehr­fach und mit Stolz aus­ge­füllt worden, dürfen Frauen im sonst „männ­li­chen“ Métier der Politik mitmischen.

Gerade Kositza schafft es dies­be­züg­lich beson­ders gut, vor­sich­tig auf­zu­tre­ten, um den geschätz­ten männ­li­chen Denkern der Neuen Rechten nicht auf die Füße zu treten. Sie ver­steht es, ihren Ein­fluss und ihre Posi­tion inner­halb der neu­rech­ten Denk­zir­kel kleiner dar­zu­stel­len als er ist. Wie auch die Iden­ti­tä­ren-Akti­vis­tin Stahn bedie­nen sich die rechten Front­frauen häufig der Argu­men­ta­tion der angeb­lich höheren Emo­tio­na­li­tät des weib­li­chen Geschlechts, um so die eigenen intel­lek­tu­el­len Fähig­kei­ten zu ver­ber­gen und über ihre durch­aus ein­fluss­neh­mende Posi­tion hin­weg­zu­täu­schen. Die Autorin Kositza bezeich­net ihre Kolumne auf der rechten Platt­form sezession.de daher auch als „Näh­käst­chen­plau­de­reien“ und setzt sie damit bewusst in Oppo­si­tion zu einer „männ­li­chen“ ana­ly­ti­schen Denkweise.

Um sich selbst und die anderen rechten Frauen über ihren Platz­ver­weis in der Liga der Herren nicht allzu traurig zu stimmen, bietet sich die Argu­men­ta­ti­ons­hilfe der „spe­zi­fi­schen weib­li­chen Macht“ als Ersatz an. Frauen hätten, so die rechten Akteu­rin­nen, die Fähig­keit zur Mani­pu­la­tion der Väter oder Ehe­män­ner und dadurch ohnehin seit jeher die Zügel in der Hand. In ihrer tra­gen­den Rolle als Mutter würden Frauen schon längst die Welt­ge­schi­cke lenken, das Streben nach einer „männ­li­chen Macht“ sei daher absurd und unnötig. Statt in den „männ­li­chen“ Arenen will­kom­men gehei­ßen zu werden, sollten sich die rechten Frauen daher auf ihre ganz eigenen „natur­ge­ge­be­nen“ Fähig­kei­ten berufen, pro­kla­mie­ren Ellen Kositza und Annika Stahn sinngemäß.

Um den Blick zusätz­lich von der eigenen Posi­tion abzu­len­ken, passt die Fest­stel­lung eines „Unter­gangs der echten Männer“ perfekt in die Recht­fer­ti­gungs­stra­te­gie rechter Frauen. So lassen neu­rechte Den­ke­rin­nen keine Gele­gen­heit aus, über den desas­trö­sen Zustand (weißer) Männer und deren Ver­weib­li­chung durch den Femi­nis­mus zu schimp­fen. Denn das Phan­tasma eines „Aus­nah­me­zu­stands“ ermög­licht es ihnen, ihre „wehr­hafte Femi­nini­tät“ zu legitimieren.

Die Fan­ta­sien über die Gefah­ren einer „Mas­sen­ein­wan­de­rung und Über­frem­dung Europas“ und damit ein­her­ge­hen­den „Bedro­hung“ durch ver­mehrte sexua­li­sierte Gewalt lassen die eigene Kampf­an­sage not­wen­dig erschei­nen. Ange­sichts der angeb­li­chen Krise von Weib­lich­keit, dem gras­sie­ren­den „Gen­der­wahn“ und der Gefahr durch die Plu­ra­li­sie­rung von Geschlechts­iden­ti­tä­ten scheint vieles möglich. Das Konzept der „wehr­haf­ten Femi­nini­tät“ ermög­licht es den Akti­vis­tin­nen, sich nach meh­re­ren Seiten hin abzu­gren­zen und zu ver­tei­di­gen: Nach innen kämpfen sie gegen die Infra­ge­stel­lung der „natür­li­chen“ Geschlech­ter­hier­ar­chie, nach außen gegen die Angriffe des „Fremden“.

Mit ihrem ideo­lo­gisch non­kon­for­men Ver­hal­ten erregen die rechten Akti­vis­tin­nen nicht nur Auf­merk­sam­keit von femi­nis­ti­scher und linker Seite – auch in den eigenen Reihen ernten die Frauen nicht nur Beifall. So empörte sich bei­spiels­weise die bri­ti­sche Alt-Right-Akti­vis­tin Tara McCar­thy Ende 2017 auf Twitter öffent­lich über das sexis­ti­sche Ver­hal­ten seitens männ­li­cher Mit­strei­ter. Auch ihre Alt-Right-Kol­le­gin Lauren Sou­thern aus Kanada oder die Iden­ti­täre Melanie Schmitz beschwer­ten sich öffent­lich über Anfein­dun­gen aus dem eigenen Lager, in denen sie für ihre Kin­der­lo­sig­keit oder kurzen Haare ange­grif­fen wurden. Die frau­en­feind­li­chen Bemer­kun­gen stammen von rechten Männern, die „ihre“ Frauen lieber beim Hemden bügeln und Windeln wech­seln sehen wollen statt hinter poli­ti­schen Redner*innenpulten.

Solche Angriffe aus der eigenen Szene nutzen die rechten Akti­vis­tin­nen, um sich von den Frau­en­bil­dern der klas­si­schen Rechten abzu­gren­zen, und prä­sen­tie­ren sich als Rechte, die – zumin­dest ober­fläch­lich betrach­tet – für Frauen nicht nur den Platz hinterm Herd bereit­hält. Die augen­schein­li­che Wider­sprüch­lich­keit, die sich im Auf­tritt dieser starken rechten Frauen aus­drückt, ist neben einer indi­vi­du­el­len Selbst­ver­wirk­li­chung auch auf die stra­te­gi­sche Aus­rich­tung der Neuen Rechten zurück­zu­füh­ren. Denn Moder­ni­sie­rungs­pro­zesse in ihr eigenes Pro­gramm auf­zu­neh­men macht sie gesamt­ge­sell­schaft­lich anschluss­fä­hi­ger und attrak­ti­ver – auch gerade für Frauen, die ten­den­zi­ell immer noch sel­te­ner rechte Par­teien wählen.

Der Artikel erschien zuerst auf: https://missy-magazine.de/blog/2019/02/27/heimchen-an-der-front/