Poli­ti­sche Visio­nen von Björn Höcke: Gewalt als Option

Foto: Vincent Eisfeld [CC BY-SA 4.0]

Teil 2 einer Rezen­sion des Gesprächs­bands mit Björn Höcke. Im ersten Teil ging es um sein Welt­bild. Was aber sind die poli­ti­schen Impli­ka­tio­nen seines Denkens? Was hat er vor?

Höckes Politik richtet sich in erster Linie gegen das „Estab­lish­ment“, das sich gegen das deut­sche Volk ver­schwo­ren habe. Er macht sich dabei zum Für­spre­cher der „sozial schwä­che­ren Schich­ten“ gegen „die eta­blierte bür­ger­li­che Klasse“, der er „Klas­senar­ro­ganz“ unter­stellt. (S. 237) Er füttert damit popu­lis­ti­sche Res­sen­ti­ments gegen „die da oben“. Seine Ver­ach­tung gilt den libe­ra­len Eliten. An anderer Stelle fordert er ganz in bol­sche­wis­ti­scher Tra­di­tion die Bildung einer revo­lu­tio­nä­ren Avant­garde. Es brauche diese poli­ti­sche Elite, die die „Volks­geis­ter wieder weckt“. In diesem Zusam­men­hang spricht er von „Gegen­elite“ und „Eli­ten­wech­sel“ und über eine „plurale Führung“, die in „enge[r] Kom­mu­ni­ka­tion und Zusam­men­ar­beit mit dem Volk“ arbei­ten solle. (S. 286)

Sozi­al­po­li­tik? Fehlanzeige.

Aus dem antie­li­tä­ren Ein­tre­ten für den „kleinen Mann“ (S. 237) folgt kein nen­nens­wer­tes sozi­al­po­li­ti­schen Pro­gramm. Der­glei­chen lässt sich im Buch  nicht finden. Das Sozi­al­po­li­ti­sche erstreckt sich bei Höcke einzig und allein auf eine grund­le­gende Geg­ner­schaft zur Glo­ba­li­sie­rung, die er als „Reichen-Projekt“ (S. 237) bezeich­net. In dieser glo­ba­li­sie­rungs­feind­li­chen Front­stel­lung ist er zu stra­te­gi­schen Bünd­nis­sen mit der Linken bereit. „Wie man sich um diese Kli­en­tel [des „kleine Manns“; Anm. d. Vf.] kümmert, können wir teil­weise von der tra­di­tio­nel­len Linken lernen, genauso wie mancher sys­tem­loyale Kon­ser­va­tive sich ein Scheib­chen von deren Herr­schafts­kri­tik abschnei­den kann.“ (S. 241) Im Sinne eines Sys­tem­um­stur­zes gilt die Linke als Ori­en­tie­rungs­punkt. Aller­dings steht einem echten Bündnis das gespal­tene Ver­hält­nis der Linken zum Natio­na­lis­mus im Weg. Höcke unter­stellt ihr deshalb, sich in den Dienst der „glo­ba­lis­ti­schen Elite“ gestellt und unglaub­wür­dig gemacht zu haben: „mit der Über­nahme der libe­ra­lis­ti­schen No-Border-No-Nation-Ideo­lo­gie heftet man [d.i. die Linke; Anm. d. Vf.] sich heute an ein wei­te­res absur­des Projekt, das schei­tern wird. Es ist ein abso­lu­ter gei­stig­mo­ra­li­scher Tief­punkt der Linken, sich als Hilfs­kräfte des Glo­bal­ka­pi­tals anzu­die­nen und dabei die eigent­li­che Kli­en­tel – die deut­schen Arbei­ter und die sozial Schwa­chen – schmäh­lich im Stich zu lassen.“ (S. 243) „Ihre bis­he­ri­gen Posi­tio­nen gegen US-Impe­ria­lis­mus, gegen eine Kon­fron­ta­tion mit Rußland, gegen Glo­ba­li­sie­rung, Raub­tier­ka­pi­ta­lis­mus und Sozi­al­ab­bau werden gerade von den eta­blier­ten Par­teien bekämpft, zu denen sie ja mitt­ler­weile auch gehört oder gehören möchte.“ (S. 242)

Es sei deshalb nur fol­ge­rich­tig, dass die AfD die Linke in der sozia­len Frage beerben werde. Sahra Wagen­knecht und Oskar Lafon­taine erfah­ren von Höcke dagegen Wert­schät­zung, weil sie seine Migra­ti­ons­kri­tik teilen. Bei Bernie Sanders und Sahra Wagen­knecht könne man „einige Anre­gun­gen erhal­ten, um unser sozia­les Profil in der AfD zu stärken.“ (S. 245)

Höcke folgt der völ­ki­schen Idee von der Über­win­dung der Klassen durch die Volks­ge­mein­schaft: „ich sehe keinen Wider­spruch zwi­schen einer patrio­ti­schen und einer dezi­diert sozia­len Posi­tion, im Gegen­teil: Es ist die Ver­ant­wor­tung, die man als Patriot für das ganze Volk hat und nicht nur für eine bestimmte Ober­schicht. Wir haben […] dafür den Begriff des soli­da­ri­schen Patrio­tis­mus geprägt.“ (S. 245) Und wenn die Linke in der sozia­len Frage nicht liefere, werde man dieses Terrain beset­zen. Wenn hin­ge­gen die Linke ihre Aver­sion gegen den Natio­na­lis­mus ablegt, steht für Höcke auch einem Rechts-Links-Bündnis nichts im Weg: „Natür­lich werden wir wohl kaum die gesamte Linke von ihren anti-natio­na­len Über­zeu­gun­gen abbrin­gen können, aber wir sollten den noch rett­ba­ren Teilen helfen, ihre künst­li­che und sinn­lose Kluft zum Volk zu über­win­den.“ (S. 249)

Der unver­meid­li­che Systemumsturz

Um seine völ­ki­schen Vor­stel­lun­gen durch­zu­set­zen, hält Björn Höcke einen radi­ka­len Sys­tem­um­sturz für not­wen­dig. „Ein paar Kor­rek­tu­ren und Reförm­chen werden nicht aus­rei­chen. Aber die deut­sche Unbe­dingt­heit wird der Garant dafür sein, daß wir die Sache gründ­lich und grund­sätz­lich anpa­cken werden. Wenn einmal die Wen­de­zeit gekom­men ist, dann machen wir Deut­schen keine halben Sachen.“ (S. 257) Auch wenn die Deut­schen als obrig­keits­hö­rig gelten, sei „irgend­wann […] auch bei uns die Geduld am Ende, dann bricht der legen­däre »Furor teu­to­ni­cus« hervor, vor dem die alten Römer schon gezit­tert haben.“ (S. 212) Und da sich dieser Furor nicht nur gegen den äußeren Feind, sondern auch gegen die eigenen Führer richte, gebe es „Ein Grund mehr für die heu­ti­gen Macht­ha­ber, vor dem eigenen Volk zu zittern!“ (S. 213) Zwar wirkten die „üblen Beschimp­fun­gen und rigiden Maß­nah­men der Macht­ha­ber“ noch ein­schüch­ternd „und schre­cken bislang noch die meisten unzu­frie­de­nen Bürger vor einem offenen Auf­stand ab.“ Aller­dings erhöhe das nur den „Druck im Kessel“ (S. 219).

Ein radi­ka­ler Sys­tem­wech­sel ist für Höcke unver­meid­bar. Es geht ihm um „die fun­da­men­tale Kritik des Bestehen­den“ und nichts gerin­ge­res als „die Rettung des Volkes“ (S. 230). Die bis­he­ri­gen Eliten könnten nur auf eine Zukunft hoffen, wenn sie die Kon­ver­sion des Systems mit­mach­ten, ein neues Bekennt­nis ableg­ten, sich einer rei­ni­gen­den Kathar­sis unter­zö­gen: „Über­le­gung über ein Zusam­men­ge­hen oder Koalie­ren mit Teilen des poli­ti­schen Estab­lish­ments setzt deren Läu­te­rung und prin­zi­pi­elle Neu­jus­tie­rung voraus. Das ist erst zu erwar­ten, wenn das Alt­par­tei­en­kar­tell unter der stei­gen­den Kri­sen­last zer­bro­chen ist.“ (S. 230)

Die Ver­wen­dung apo­ka­lyp­ti­schen Voka­bu­lars ist hier nicht zufäl­lig. Er sieht sich nicht nur vor einem poli­ti­schen Umsturz, sondern vor einer Wende his­to­ri­schen Aus­ma­ßes: „Die Krisen der Moderne eska­lie­ren heute viel­mehr, statt gedämpft oder gar bewäl­tigt zu werden. Es wird unsere his­to­ri­sche Aufgabe sein, nach dem finalen Aus­to­ben der Moderne eine wirk­li­che neue Ära vor­zu­be­rei­ten und ein­zu­läu­ten: Die Nach-Moderne.“ (S. 258)

Auf diesem Weg zu einer rei­ni­gen­den Kathar­sis bleiben not­ge­drun­gen Teile auch des deut­schen Volkes auf der Strecke. Hierbei ver­wen­det Höcke For­mu­lie­run­gen, die „schwa­che“ und „gesunde“ Teile des Volkes unter­schei­den: „Auch wenn wir leider ein paar Volks­teile ver­lie­ren werden, die zu schwach oder nicht willens sind, sich der fort­schrei­ten­den Afri­ka­ni­sie­rung, Ori­en­ta­li­sie­rung und Isla­mi­sie­rung zu wider­set­zen.“ (S. 257) Für die Zukunft sieht Höcke die Mög­lich­keit für unge­kannte poli­ti­sche Kon­stel­la­tio­nen, „aus der sich dann mit den gesun­den Teilen der Staats­ver­wal­tung eine neue poli­tisch-admi­nis­tra­tive Führung her­aus­bil­den könnte.“ (S. 232) Hinter diesen Macht­phan­ta­sien zeigt sich ein alt­be­kann­tes sozi­al­dar­wi­nis­ti­sches Denken, das das Volk als Körper mit gesun­den und kranken, starken und schwa­chen Glie­dern. Ziel solchen Denkens war stets, einen gesun­den und starken Körper zu erlan­gen, indem das Kranke und Schwa­che aus­ge­merzt wird.

Über­win­dung der par­la­men­ta­ri­schen Demokratie

Björn Höcke deutet an, dass er das Par­tei­en­sys­tem ablösen will und ein instru­men­tel­les Ver­hält­nis zur Demo­kra­tie pflegt. Die AfD soll die Par­la­mente nutzen, um deren Ende her­bei­zu­füh­ren: „Die Über­win­dung des Par­tei­geis­tes und die enge Ver­bin­dung mit den neu­tra­len, sach­kom­pe­ten­ten staat­li­chen Insti­tu­tio­nen halte ich für ent­schei­dend bei der Lösung der anste­hen­den Pro­bleme. Bis dahin ist es die Aufgabe der AfD, eine unüber­hör­bare par­la­men­ta­ri­sche Stimme und Ver­tre­tung der Volks­op­po­si­tion im Land zu sein.“ (S. 232) Es geht um eine völ­ki­sche Über­win­dung der Demo­kra­tie, die er als Spal­tung des Volkes begreift. Der „Par­tei­geist“ ist für ihn mit der ersehn­ten Volks­ein­heit nicht ver­ein­bar. Darin folgt er dem Denken von Carl Schmitt, der in der par­la­men­ta­ri­schen Demo­kra­tie nur den Kampf von Par­ti­ku­lar­in­ter­es­sen sah und von der Idee der Homo­ge­ni­tät des poli­ti­schen Systems über­zeugt war, in dem es nicht mehr um Mehr­hei­ten und Min­der­hei­ten, sondern nur noch um die Zuord­nung von Freund oder Feind, von Innen und Außen geht: „Der Par­tei­geist muß über­wun­den, die innere Einheit her­ge­stellt werden“, heißt es bei Höcke (S. 288) „Wer ist Freund, wer ist Feind? Freund ist, wer den Inter­es­sen der Nation dient, Feind ist, wer diesen ent­ge­gen­steht – fest­ge­macht ganz im Sinne des poli­ti­schen Begriffs von Carl Schmitt, also ohne jeden Haß und Res­sen­ti­ments.“ (S. 247)

Der von Höcke ange­führte „Flügel“ sei 2015 gegrün­det worden, um sicher zu stellen, dass die AfD als Sys­te­mal­ter­na­tive erhal­ten bleibe. Es gelte zu ver­hin­dern, dass die Partei zu einer sys­tem­tra­gen­den Kraft dege­ne­riere: „Wir ver­ste­hen den »Flügel« ganz einfach als einen guten Geist, der darüber wacht, daß wir eine echte Alter­na­tive zu den eta­blier­ten Par­teien bleiben.“ Es gehe darum, „die Partei vor einer Anpas­sung ans Estab­lish­ment zu bewah­ren und sie als wirk­li­che Erneue­rungs­kraft zu eta­blie­ren.“ (S. 228)

Bündnis mit der Straße

Dass Höcke mit „Erneue­rung“ tat­säch­lich die Besei­ti­gung der par­la­men­ta­ri­schen Demo­kra­tie meint, daran lässt er keine Zweifel. Es ver­wun­dert deshalb auch nicht, dass er die „pein­li­che Abgrenze­ri­tis“ (S. 233) seiner Partei zu Pegida, rechts­ex­tre­men und radi­ka­len Gruppen für falsch hält. Man dürfe keine Angst haben „sich durch das bis­wei­len rus­ti­ka­lere Auf­tre­ten der Prot­ago­nis­ten und Demons­tran­ten »schmut­zig« zu machen.“ (S. 233) Wenn er von der „derben Natur“ und „rohen Form“ der Stra­ßen­pro­teste spricht, die es gelte, „geistig zu ver­edeln und in eine ver­nünf­tige par­tei­po­li­ti­sche Pro­gram­ma­tik und Stra­te­gie zu inte­grie­ren“, muss das als zwei­glei­sige Stra­te­gie aus gewalt­be­rei­tem Stra­ßen­kampf und deren par­la­men­ta­ri­schem Arm ver­stan­den werden. Wer sich dabei an die Macht­stra­te­gie der Natio­nal­so­zia­lis­ten erin­nert fühlt, liegt durch­aus richtig.

Der Einsatz von Gewalt

Bei der Über­win­dung der Demo­kra­tie sind staat­li­che Insti­tu­tio­nen und ins­be­son­dere der Sicher­heits­be­reich wich­tige Ver­bün­dete der AfD. Die par­la­men­ta­ri­sche Oppo­si­tion sei nur der erste Schritt einer poli­ti­schen Wende. Man müsse sich mit allen „legalen“ Mitteln wehren: „Die »Festung der Eta­blier­ten« muß von min­des­tens zwei Seiten in die Zange genom­men werden: von der pro­tes­tie­ren­den Bür­ger­ba­sis her und von uns als par­la­men­ta­ri­scher Speer­spitze der Bür­ge­r­op­po­si­tion. Wichtig wäre noch eine weitere Front aus den frus­trier­ten Teilen des Staats- und Sicher­heits­ap­pa­ra­tes heraus, …“ (S. 233). Das ist wört­lich zu nehmen.  Die Berichte über rechts­ex­treme Netz­werke in den Sicher­heits­kräf­ten, die Waffen, Muni­tion und Todes­lis­ten für den „Tag X“ bereit­hal­ten, wecken kon­krete Asso­zia­tio­nen von bewaff­ne­ten Auf­stän­den. Der Verweis Höckes auf die Lega­li­tät der anzu­wen­den­den Mittel erscheint wie ein tak­ti­sches Manöver. Und mit der auch in neu­rech­ten Kreisen belieb­ten Losung „wo Recht zu Unrecht wird, wird Wider­stand zur Pflicht“ ist die Frage, was legal und illegal ist, eine bloße poli­ti­sche Defi­ni­ti­ons­frage gewor­den. Wer behaup­tet, die Bun­des­re­gie­rung betreibe per­ma­nen­ten Rechts­bruch, kann auch eigene Vor­stel­lun­gen davon ent­wi­ckeln, was „legale“ Mittel sind.

Für den Not­stand ent­wirft Höcke fol­ge­rich­tig das Sze­na­rio eines bewaff­ne­ten Auf­stands, der von länd­li­chen Rück­zugs­or­ten in Ost­deutsch­land die Rück­erobe­rung antritt: „Ich erwähnte vorhin den mög­li­chen Rückzug auf Län­der­ebene, wo beson­ders im Osten noch großes Poten­tial vor­han­den ist, daß inhu­mane Projekt einer Migra­ti­ons­ge­sell­schaft zu stoppen. – Und wenn das nicht gelin­gen sollte? – Dann haben wir immer noch die stra­te­gi­sche Option der »gal­li­schen Dörfer«. Wenn alle Stricke reißen, ziehen wir uns wie einst die tapfer-fröh­li­chen Gallier in unsere länd­li­chen Refu­gien zurück und die neuen Römer, die in den ver­wahr­los­ten Städten resi­die­ren, können sich an den teu­to­ni­schen Aste­ri­xen und Obeli­xen die Zähne aus­bei­ßen! Wir Deut­schen – zumin­dest die, die es noch sein wollen – sind dann zwar nur noch ein Volks­stamm unter anderen. Die Re-Tri­ba­li­sie­rung im Zuge des mul­ti­kul­tu­rel­len Umbaus wird aber so zu einer Auf­fang­stel­lung und neuen Keim­zelle des Volkes werden. Und eines Tages kann diese Auf­fang­stel­lung eine Aus­fall­stel­lung werden, von der eine Rück­erobe­rung ihren Ausgang nimmt.“ (S. 253)

Rache und poli­ti­sche Gewalt als Option

Diese Extrem­si­tua­tion wolle er ver­mei­den und  ihr durch eine poli­ti­sche Wende zuvor­kom­men: „Aber auch in der erhoff­ten Wen­de­phase stünden uns harte Zeiten bevor, denn umso länger ein Patient die drän­gende Ope­ra­tion ver­wei­gert, desto härter werden zwangs­läu­fig die erfor­der­li­chen Schnitte werden, wenn sonst nichts mehr hilft.“ (S. 254) Eine neue poli­ti­sche Führung müsse dann „aller Vor­aus­sicht nach Maß­nah­men ergrei­fen, die ihrem eigent­li­chen mora­li­schen Emp­fin­den zuwider laufen.“ (S. 254)

Wie soll man diese Äuße­rung anders lesen, denn als Legi­ti­ma­tion poli­ti­scher Gewalt oder gar einer Politik der Ver­nich­tung? Höcke bemüht hier erneut das Bild vom Volk als Körper, in diesem Fall des Körpers eines kranken Pati­en­ten, an dem zur Gesun­dung in einer Ope­ra­tion Schnitte erfor­der­lich seien. Dies erin­nert an die Sprache des Natio­nal­so­zia­lis­mus, der mit der Ver­nich­tung „min­der­wer­ti­ger Rassen“, von „Volks­schäd­lin­gen“ und „erb­kran­ken Nach­wuch­ses“ eine „Gene­sung des deut­schen Volks­kör­pers“ erzwin­gen wollte.

…exis­tenz­be­dro­hende Krisen erfor­dern außer­ge­wöhn­li­ches Handeln. Die Ver­ant­wor­tung dafür tragen dann die­je­ni­gen, die die Not­wen­dig­keit dieser Maß­nah­men mit ihrer unsäg­li­chen Politik her­bei­ge­führt haben.“ (S. 255) Damit ist eine Ent­las­tungs­lo­gik gleich parat, wenn die Ver­ant­wor­tung für das eigene Vor­ge­hen auf die alten Eliten abge­wälzt werden kann. „Ich stehe für eine grund­le­gende Wende in unserem Land und bei der – wenn sie denn Wirk­lich­keit wird – werden diese abge­wirt­schaf­te­ten Eliten keine Rolle mehr spielen.“ (S. 221) Höcke warnt für diesen Fall vor der Rache am poli­ti­schen Gegner. Das mag als milde Geste erschei­nen, stellt diese Mög­lich­keit aber über­haupt erst in den Raum: „…für den Fall, daß sich das Blatt in unserem Land einmal poli­tisch wenden sollte: Etwai­gen Rache­ge­füh­len darf man dann keinen Raum geben. Das christ­li­che Ver­ge­bens- und Gna­den­ge­bot wird viel­leicht einmal viel von uns abver­lan­gen.“ (S. 223) Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Régime vorgibt, den (angeb­lich berech­tig­ten) Volks­zorn nicht bän­di­gen zu können, während es sich dahin­ter ver­steckt und gewäh­ren lässt, weil es von poli­ti­schem Nutzen ist.

wohl­tem­pe­rierte Grau­sam­kei­ten“ gegen Migranten

Auch in der Migra­ti­ons­frage ist nach dem von Höcke ersehn­ten Umsturz nicht mit juris­ti­schen Spitz­fin­dig­kei­ten zu rechnen. Kur­zer­hand und unab­hän­gig von der Staats­bür­ger­schaft, dem recht­li­chen Status oder huma­ni­tä­ren Schutz­be­dürf­nis sollen „nicht­in­te­grier­bare Migran­ten“ rück­ge­führt werden (S. 195). Mus­li­men sei „unmiß­ver­ständ­lich klar[zu]machen, dass ihre reli­giöse Lebens­weise nicht zu unserer […] Kultur passt“. Die ehe­ma­lige Inte­gra­ti­ons­be­auf­tragte der Bun­des­re­gie­rung, Aydan Özoğuz, die jen­seits der Sprache keine deut­sche Kultur erken­nen wolle, habe „in unserem Land tat­säch­lich nichts ver­lo­ren.“ (S. 198) Die Bot­schaft ist klar. Wenn es nach Höcke geht, wird nicht lang gefa­ckelt bei dem Projekt, das die Neue Rechte als „Remi­gra­tion“ bezeich­net. „Es wird ein groß­an­ge­leg­tes Remi­gra­ti­ons­pro­jekt not­wen­dig sein. Und bei dem wird man, so fürchte ich, nicht um eine Politik der »wohl­tem­pe­rier­ten Grau­sam­keit«, wie es Peter Slo­ter­dijk nannte, her­um­kom­men. Das heißt, daß sich mensch­li­che Härten und unschöne Szenen nicht immer ver­mei­den lassen werden.“ (S. 254)

Füh­rer­staat

Mit dem Bar­ba­rossa-Mythos vom schla­fen­den Kaiser begrün­det er einen Hang der Deut­schen zu starken Führern: „…die Sehn­sucht der Deut­schen nach einer geschicht­li­chen Figur, welche einst die Wunden im Volk wieder heilt, die Zer­ris­sen­heit über­win­det und die Dinge in Ordnung bringt, ist tief in unserer Seele ver­an­kert, davon bin ich über­zeugt.“ (S. 161) Viel­leicht sieht er sich selbst als diese Füh­rer­per­sön­lich­keit. Mit Blick auf eine Regie­rungs­ver­ant­wor­tung seiner Partei spricht er sich gegen die Dop­pel­spitze und für eine straffe, auf einen auto­ri­tä­ren, cha­ris­ma­ti­schen Führer aus­ge­rich­tete Orga­ni­sa­tion aus: „… es bedarf dann einer zen­tra­len Füh­rungs­fi­gur, die auch als ein­zelne Person in der Lage ist, die innere Einheit der Partei her­zu­stel­len. […] Kurzum: es braucht eine starke Per­sön­lich­keit und eine feste Hand an langer Leine, um die zen­tri­fu­ga­len Kräfte zu bän­di­gen und zu einer poli­ti­schen Stoß­kraft zu bündeln.“ (S. 231; Her­vor­he­bung vom Vf.)

Ein ver­ant­wor­tungs­vol­ler Staats­mann dürfe sich nicht von den schwan­ken­den Stim­mun­gen des Volkes abhän­gig machen, „zumal diese mani­pu­liert sein können. Auch bei einer wie­der­her­ge­stell­ten inneren Einheit muß er ein Sen­so­rium für die »volonté gene­rale« besit­zen und not­falls auch gegen die aktu­el­len öffent­li­chen Befind­lich­kei­ten und für das Volk die rich­ti­gen Ent­schei­dun­gen treffen – also nicht selbst­herr­lich-auto­kra­tisch, sondern im die­nen­den Sinne.“ (S. 236) Was dem Volk dient, ent­schei­det demnach der Führer allein. Er ist mit einem uner­klär­li­chen Geheim­wis­sen aus­ge­stat­tet und so gegen jeg­li­che Kritik gewappnet.

Fazit

Höckes Welt­sicht prä­sen­tiert nicht einfach Gemein­plätze eines kul­tur­pes­si­mis­ti­schen Schwarz­se­hers. Der zum Teil hane­bü­chene Eklek­ti­zis­mus des vor­lie­gen­den Gesprächs­bands sollte nicht über die Wirkung hin­weg­täu­schen, die die Bot­schaf­ten Höckes ent­fal­ten können. Gerade seine kul­tur­pes­si­mis­ti­schen Zeit­dia­gno­sen werden in den Teilen der Bevöl­ke­rung Anklang finden, die sich von der beschleu­nig­ten Moderne  über­for­dert fühlen. Ihm bietet er mit dem Volk als Mythos neue Ver­or­tung, Iden­ti­tät und damit Sinn­stif­tung an.

Der Sound der „Wie­der­ver­zau­be­rung der Welt“ (S. 163), der Remy­tho­lo­gi­sie­rung der Moderne ist nicht unge­fähr­lich. Höcke kann nur schlecht ver­ber­gen, dass er radikal anti­de­mo­kra­tisch ein­ge­stellt ist. Ihm geht es um eine Über­win­dung der par­la­men­ta­ri­schen Demo­kra­tie. Gewalt ist eine poli­ti­sche Option, sowohl beim anvi­sier­ten Sys­tem­um­sturz als auch in der danach geplan­ten Ver­fol­gung poli­tisch Anders­den­ken­der und solcher, die als bluts­mä­ßig Nicht­an­ge­hö­rige des Volks ange­se­hen werden.

Die Radi­ka­li­tät seiner poli­ti­schen Vor­stel­lun­gen ent­springt seiner Welt­sicht. Wer das durch Bluts­bande defi­nierte Volk zum höchs­ten Prinzip erklärt, die Werte der Auf­klä­rung und uni­ver­selle Werte ablehnt, ver­liert den Maßstab für die Ange­mes­sen­heit der Mittel. Wer die Volks­ge­mein­schaft absolut setzt, kann weder wider­strei­ten­den Inter­es­sen noch viel­fäl­tige Lebens­ent­würfe akzep­tie­ren. Auch wenn Björn Höcke sich bemüht, einen Schein von Zivi­li­tät zu wahren, gelingt es ihm nicht.


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