Landschaften des Verschweigens

Ines Geipels neues Buch „Umkämpfte Zone“ beginnt mit einer bedrückenden Familiengeschichte und weitet sich zum Panorama einer bis heute beschädigten und passiv-aktiv aggressiven Gesellschaft.

Am 6. Januar 2018 starb der Bruder von Ines Geipel an den Folgen eines Gehirntumors. Die Schriftstellerin – einst Spitzensportlerin, die im Sommer 1989 die DDR verlassen hatte und seitdem die seelischen und physischen Folgen der Diktatur immer wieder sondiert – hat sein Sterben begleitet, erinnert sich an die gemeinsame Kindheit in einer moralisch strangulierenden Stasifamilie, an das gemeinsame Aufatmen nach ´89 und all die Reisen, die man dann zusammen unternommen hatte. Sie beide waren vom Vater, einem Spitzen-Auslandsagenten des MfS, als Kinder wiederholt Torturen ausgesetzt gewesen, und wie intensiv Ines Geipel dies in ihrem jüngsten Buch „Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass“ beschreibt, ist ganz und gar beispielhaft für eine Ästhetik und Ethik, die weder wortreich prunkt noch die Geschehnisse in jenem Christa-Wolf-artig Vagen belässt, das typisch war für eine bestimmte Art „DDR-Literatur“. Stattdessen: „Robby und ich waren die Stechpuppen des Vaters, seine Trainingsobjekte, über Jahre. Ich will mich daran nicht aufhalten. Ich will nicht mehr darüber schreiben, als nötig ist. Es ist hart, es tut weh, aber es muss hier stehen. Genau hier, an dieser Stelle. Was damals geschehen ist, darf an keine andere Stelle. Nur hier, jetzt und hier ist es richtig. Es war hier und lässt sich nicht wegreden. Durch nichts. Es bleibt da und geht nicht weg, kann nicht weggehen. Ich will nichts beschreiben, nichts ausfüllen. Ich will nur, dass klar ist, dass es gewesen ist. Es hat stattgefunden. Unsere Kindheit war eine Kindheit im Terror. Es muss gesagt sein. Man versteht es sonst nicht.“

Weshalb aber hält dann Jahrzehnte später der Bruder eine unerträglich beschönigende Grabrede auf den Vater und weigert sich, den erlittenen Schmerz anzuerkennen? Liegt darin womöglich ein Mitgrund für seinen eigenen frühen Tod – und könnte das womöglich stellvertretend sein für eine bis heute amnesiegetränkte Ostgesellschaft? Ines Geipel forciert jedoch nichts. Gerade deshalb macht ihr augen-öffnendes Buch wütend. Wie kommt es nämlich, dass ein gesamtdeutsches (Medien-)Milieu bis heute lieber den Hohlformeln des ostdeutschen Opferdiskurses zu folgen scheint, die DDR zu einem Hort der Solidarität verklärt und die wenig erbaulichen Mentalitätsmuster der Post-DDR gar mit den „Auswirkungen des Neoliberalismus“ erklärt? Gerade weil Ines Geipel weder sich noch den Lesern etwas erspart, wird offenbar, wie süßlich verlogen, durch und durch ahistorisch und vor allem: kaltschnäuzig opfer-fern der gegenwärtige Diskurs ist – ein plapperndes Verschweigen. Dabei ist doch keineswegs abseitig, was Ines Geipel über das bereits zu DDR-Zeiten in der Familie Verdrängte herausgefunden hat – so etwa über den Großvater mütterlicherseits, der im Herbst 1941 seinen Dienst „beim Reichskommissar für das Ostland“ angetreten hatte und damit zu jener Zeit in der lettischen Hauptstadt war, als Rigas Juden im Holocaust ermordet wurden.

„Und Großvater? War ihm klar, wo er sich befand? Wie erlebte er die Vernichtungsorgien in seiner unmittelbaren Nähe? War er beteiligt? Gesprochen hat er nie darüber, Selbstzeugnisse gibt es keine, und Mutter verteidigt Riga wie eine Krypta. Kein klärendes Wort geht nach außen. Die Abwehr steht, bis heute. Also nur die Akten. Was mir sofort ins Auge fällt, ist die Sache mit Großvaters Magen. Ab Herbst 1941 spielte der nicht mehr mit. Eine lederne Unverdaulichkeit. Oder auch: die Geschichte der Bürokraten des Terrors und ihrer inneren Organe. Ist das eigentlich schon mal beschrieben worden, was Magen, Herzen, Lungen, Nieren im Terror machen?“

Nein, das ist nicht beschrieben in den gängigen ostdeutschen Erinnerungen, schon gar nicht in jenen, die mit dem Verweis auf den in der DDR höchst populären (und parteiideologisch zensierten) Buchenwald-Roman „Nackt unter Wölfen“ noch heute vom „antifaschistischen Fundament“ jenes Staates schwadronieren. Dass in dem gleich dreifach verfilmten Buch die Mithilfe kommunistischer Kapos bei den Morden der SS verschwiegen wird und der vom Romanautor Bruno Apitz einmal sarkastisch als „mein Lektor“ beschriebene Walter Ulbricht zu den ganz wenigen deutschen Spitzenkommunisten zählte, die in der Sowjetunion Stalins Massenterror überlebt hatten und deshalb – seelisch beschädigte und beschädigende Denunzianten und Mittäter – die DDR auf ihre Weise bereits zu Beginn prägten: Es ist bislang nirgendwo reflektiert und verankert im kollektiven Gedächtnis. „Wo liegt der Schnittpunkt zwischen dem privaten Trauerarchiv und den öffentlichen Gedächtnisarchiven? Gibt es ihn? Ja. Braucht es ihn? Ja.“ Freilich scheint kein Zufall, dass all die vergangenen bundesdeutschen Debatten etwa über die Wehrmachtsausstellung, das Holocaust-Mahnmal, die NS-Verstrickung der Ministerien oder über Martin Walsers Paulskirchenrede ohne die Beteilung des Ostens, das heißt auch: ostdeutscher Intellektueller, Politiker, Publizisten stattgefunden hatten. „Der Osten, der sich gegenüber dem Westen immer als die solidarischere Gesellschaft verstand, als ein Hort der Wärme, der Hilfe, des Miteinanders, blendete in Wissenschaft, Bildung und Öffentlichkeit die Verfolgung und Ermordung von sechs Millionen Juden weitgehend aus, ja zog sie nicht einmal ernsthaft in Betracht. Sein Mehrheitsbewusstsein tut das bis heute nicht. Wie ist das erklärbar?“

Seit dem frühen Tod des 1977 aus der DDR zwangsausgebürgerten Schriftstellers und Psychologen Jürgen Fuchs im Mai 1999 waren solche Fragen immer weniger zu hören gewesen. Ines Geipel stellt sie nun neu und erinnert gleichzeitig an Fuchs´ Insistieren auf ein individuelles und gesellschaftliches Gedächtnis, das ganz konkret Schuld und Schmerz anerkennt, ohne sich in hektische Betriebsamkeit zu stürzen oder nach Sündenböcken zu suchen. Noch 1997 berichtete Jürgen Fuchs an seinem ehemaligen Studienort Jena eindringlich von den Erfahrungen seines eine Generation älteren jüdischen Kollegenfreundes, des Schriftstellers und Individualpsychologen Manés Sperber – und Ines Geipel versucht daraufhin, auch ihren Bruder Robby, der auf „positivem Verdrängen“ besteht, davon zu erzählen; vergeblich. „Ich erreichte ihn nicht. Die Panzer der Kriegsenkel, die sich unter den Panzern der Kriegskinder verhakt hatten. Mir liegt daran zu sagen, dass es eine Kausalität nicht gibt. Direkte Zusammenhänge bestehen nie, aber eben indirekte. Der Nebel, die Welt der Tabus.“

Was in jenem Herbst 1997 noch niemand weiß: In eben diesem Jena hantieren zu dieser Zeit die zwei ehemaligen Thälmann-Pioniere und FDJler Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt mit TNT und brüten den Plan ihres mörderischen „NSU“ aus. Und Thüringen und Sachsen, die beiden oberflächen-prosperierenden Nachwende-Länder, deren paternalistische CDU-Langzeit-Ministerpräsidenten bereits damals längst sichtbare Strömungen geflissentlich ignorierten? Und die Stasi, die zu DDR-Zeiten rechtsradikale Skinheads hatte gewähren lassen, da diese – Aktenzitat – zumindest „in ihrer überwiegenden Mehrheit dem Wehrdienst nicht ablehnend gegenüberstehen“?

Ines Geipel trägt hier weit mehr als historische Funde und Bruchstücke zusammen, sondern beschreibt Mentalitätslandschaften, die heute in weiten Teilen von der AfD bewirtschaftet werden. Auch das ist eine Konsequenz aus vorausgegangener Inkonsequenz oder schlimmer: perfidem Kalkül: „Es störte kaum, dass die Linke eine Unzahl Stasileute beherbergte, es fiel auch nicht wirklich auf, auf welche Weise sie bis heute ihre Opfer verhöhnt, es wurde auch viel zu wenig Thema, dass es die Linke gewesen ist, die es ausdrücklich versäumte, die Ostdeutschen in die Demokratie zu führen. Sie spielte den Kümmerer, sie brauchte Wähler, sie bekam ihr Heimspiel. Im Rückblick ist es auch diese politische Verantwortungslosigkeit, die die AfD vorbereitet und großgemacht hat. Insofern hat es seine Logik, dass es die AfD ist, die die Linke als Protestpartei im Osten beerbt hat und dass auf den Linken Gysi im Osten der Rechte Gauland folgte.“

Viele Leser sind diesem Buch zu wünschen – nicht zuletzt in jenen Amtsstuben, in denen man vermutlich just in diesen Tagen bereits wieder die alten abgenutzten Textbausteine zusammen klaubt, um den dreißigsten Jahrestag des Mauerfalls abzufeiern. Wer indessen Ines Geipel liest, verlernt das Geschwätz.


Ines Geipel: Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2019, 277 S., geb. Euro 20,-