Die AfD ist sehr geschickt darin, das ost­deut­sche Bin­nen­kol­lek­tiv neu zu beatmen“

Ines Geipel auf der Leip­zi­ger Buch­messe 2019. Foto: Amrei-Marie/­Wiki­me­dia, CC BY-SA 4.0

Woher kommt die große Wut im Osten? Die Schrift­stel­le­rin Ines Geipel über Gewalt­lust, ver­drängte Dik­ta­tur­er­fah­run­gen und den Erfolg der AfD.

Ines Geipel ist Schrift­stel­le­rin, stu­dierte Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin und Phi­lo­so­phin. Sie unter­rich­tet an der Ber­li­ner Hoch­schule für Schau­spiel­kunst „Ernst Busch“. Im Früh­jahr 1989 floh sie über Ungarn aus der DDR in den Westen. Ihr 2019 erschie­ne­nes Buch „Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass“ vereint Fami­li­en­ge­schichte, Gesell­schafts­dia­gnose, Zeit­ge­schichte und kol­lek­tive Psy­cho­lo­gie. Ralf Fücks sprach mit ihr vor den Land­tags­wah­len über die Ursa­chen für die spe­zi­fi­sche Anfäl­lig­keit des Ostens für Natio­na­lis­mus, Rechts­ex­tre­mis­mus und Gewalt.

Ralf Fücks: Frau Geipel, Sie spre­chen in Ihrem Buch von der beson­de­ren „Gewalt­lust“ des Ostens. Im Ver­hält­nis zur Bevöl­ke­rungs­größe gab es dort seit der Einheit dreimal mehr neo­na­zis­ti­sche und ras­sis­ti­sche Straf­ta­ten als im Westen. Kann man deshalb von einer beson­de­ren Anfäl­lig­keit sprechen?

Ines Geipel: Die Fakten spre­chen zumin­dest für sich. Mir ging es in dem Buch vor allen Dingen darum, die lange his­to­ri­sche Linie von Gewalt und Ver­drän­gung anzu­schauen und auf einer tiefen Ebene bis in die Familie hinein zu befra­gen. Es gab nach ‚89 ver­schie­denste Ent­las­tungs­er­zäh­lun­gen. Mir scheint, dass sich dieses Massiv der Unauf­ge­löst­hei­ten zu etwas zusam­men­ge­scho­ben hat, was jetzt im Moment wie ein Eiter­pi­ckel aufgeht. Mein Buch sucht nach der Tie­fen­ver­glet­scherung des Ostens und seinem Schlin­gern zwi­schen Trauma und Mythisierung.

Ralf Fücks: Das Buch liefert eine Kon­tras­ter­zäh­lung zu dem, was en vogue ist. Wir erleben gerade eine Art Ost­al­gie, eine post­hume Ver­klä­rung der DDR als große Wär­me­stube, als ein Ort inten­si­ver mensch­li­cher Bezie­hun­gen, von Soli­da­ri­tät und Authen­ti­zi­tät. Und Sie ent­wer­fen ein ganz anderes, ziem­lich düs­te­res Bild von Gewalt, Angst, Anpas­sung, Denun­zi­an­ten­tum bis hin zu einer Kon­ti­nui­tät auto­ri­tä­rer Denk­for­men und Rituale, die aus dem Natio­nal­so­zia­lis­mus adap­tiert wurden. Woher kommt diese Dis­kre­panz in der Sicht auf den Osten?

Ines Geipel: Es geht mir nicht um Düs­ter­nisse, sondern um die Annä­he­rung an eine Erfah­rungs­welt. Ich spreche jeman­dem, der mit zwölf, drei­zehn Jahren DDR-Geschichte ‚89 dann in eine offene Gesell­schaft gehen konnte, gar nicht ab, dass er eine glück­li­che Kind­heit hatte. Aber das ist für mich nicht der Punkt. Für mich war die eigent­li­che Frage, warum wir uns so ein­rich­ten in diesen halben Erzäh­lun­gen, also in den Mär­chen­film-Vari­an­ten des Ostens. Denn wenn diese Erzäh­lun­gen stimmen würden, hätten wir das AfD-Problem heute nicht. Das hat keine Logik. Und ich habe ver­sucht, diese Alogik und damit ja auch unsere his­to­ri­sche und emo­tio­nale Schi­zo­phre­nie zu befra­gen. Wenn eine Genera­tion wie die Ein­heits­kin­der, in den 70er-Jahren geboren, ‚89 das Ende der Kind­heit erlebt, kommen wir doch nicht weiter, wenn jetzt vor­nehm­lich diese Genera­tion uns die DDR erklärt. Klar gibt es auch für diese Genera­tion einen har­schen Bruch, aber es braucht doch die beiden Genera­tio­nen vor ihr, um die reale Dik­ta­tur­er­fah­rung zu ver­ste­hen. Wir wissen doch, dass eine Gesell­schaft immer auch eine trans­ge­nera­tio­nelle Erzäh­lung ist und die Kriegs­kind-Genera­tion etwa die Mau­er­kin­der und die Ein­heits­kin­der unge­mein geprägt hat. Mein Versuch war es, das ein Stück weit zusam­men­zu­be­kom­men, um den schnel­len Ober­flä­chen­er­zäh­lun­gen zu ent­kom­men und einen voll­stän­di­ge­ren Blick zu erhalten.

Ralf Fücks: Es geht in Ihrem Buch auch um Ihre eigene Fami­li­en­ge­schichte. Sie hatten zwei Groß­vä­ter, beide in der SS, und einen Vater, von dem sich später her­aus­stellte, dass er 15 Jahre als Agent mit Spe­zi­al­auf­trä­gen im Westen ein­ge­setzt war. Und darüber wurde nicht gespro­chen. Das Schwei­gen über die Schuld im Natio­nal­so­zia­lis­mus und das Schwei­gen über die Betei­li­gung an der Repres­sion in der DDR – was macht dieses dop­pelte Beschwei­gen mit einer Gesellschaft?

Ines Geipel: Schwei­gen ist Macht. Wir sind immer noch sehr befasst mit der his­to­ri­schen Aus­wer­tung der Dop­pel­dik­ta­tur im Osten. Es geht mir aus­drück­lich nicht darum, eine Aus­lö­schungs­dik­ta­tur wie den Natio­nal­so­zia­lis­mus mit etwas gleich­zu­set­zen, sondern für den Osten fest­zu­hal­ten: Wenn der Natio­nal­so­zia­lis­mus in dieser Weise unter die DDR-Gesell­schaft wie in einen Eis­schrank gelegt wurde, die Geschich­ten in den Fami­lien nicht geklärt werden konnten, dann hat das ganz zwangs­läu­fig Folgen. Ich nehme den Osten aktuell als eine einzige Such­sta­tion wahr, was Geschichte, Fami­li­en­ge­schichte, Genera­ti­ons­ge­schichte angeht. Warum das so lange dauert? In meinen Augen spricht die Dauer für die Wucht der Erfah­run­gen. Wenn es einfach gewesen wäre, wäre das Schwie­gen auf­ge­bro­chen. Das Gegen­teil pas­siert: Der Osten rutscht in die Regres­sion. Fami­lien etwa sind Sank­tua­rien. Da geht es ums Ein­ge­machte. Wie oft ich das bei der Ein­heits­kin­der­ge­nera­tion erlebt habe: Der Vater war ZK-Mit­glied, und die Tochter sagt: Ja, das kläre ich alles mal, wenn der gestor­ben ist. Also diese Angst, die Eltern zu befra­gen du damit auch die Zeit ernst­haft zu befra­gen, die zieht sich im Osten durch alle Genera­tio­nen. Nun erlie­gen wir dem Kasper-Hauser-Syndrom.

Ralf Fücks: Diese Angst gab es im Westen in den 50er- und 60er-Jahren auch, als diese Geschich­ten sub­ku­tan in den Fami­lien präsent waren. Es gab zwar den poli­ti­schen Anti­fa­schis­mus der Stu­den­ten­be­we­gung, das „Nie wieder Faschis­mus, nie wieder Krieg!“. Aber das hieß nicht unbe­dingt, dass diese Aus­ein­an­der­set­zung auch in den Fami­lien aus­ge­tra­gen wurde. Sie wurde vor­nehm­lich auf der Straße oder im Hörsaal aus­ge­tra­gen, also abs­trakt. Dennoch gab es eine Ungleich­zei­tig­keit zwi­schen Ost und West: Die DDR war ja offi­zi­ell der Hort des Anti­fa­schis­mus und hatte sich damit dieser Geschichte ent­le­digt, während im Westen spä­tes­tens seit dem Ausch­witz-Prozess Schritt für Schritt eine Kon­fron­ta­tion mit der Geschichte des Natio­nal­so­zia­lis­mus und der Schuld­frage statt­ge­fun­den hat.

Ines Geipel: Genau. Und das ist doch absolut rele­vant. Der Schuld­druck im Westen war ab einem bestimm­ten Zeit­punkt so stark, dass er die Gesell­schaft ver­än­dert hat. Ich gebe Ihnen völlig Recht, wenn man sich in die Fami­lien im Westen hin­ein­fragt ist das meist auch nicht so dolle mit der Klärung. Trotz­dem ist der Umgang mit den Opfern ab einem bestimm­ten Zeit­punkt zur gesell­schaft­li­chen Nenn­größe gewor­den. Es gab eine Art von Konsens: Das geht, und das geht hier nicht mehr. Und das haben wir bisher im Osten nicht geschafft, das ist nicht da. Man kann in Plauen in einem Ein­fa­mi­li­en­haus beim Grillen sitzen und da schreit der Nachbar rüber: „Ich hau dir ‚nen Holz­scheit ins Hirn, du Scheiß­jude.“ Diesen inte­grier­ten Nazi, den wir im Osten haben, und zwar bis in den Alltag hinein, und in einer Mas­si­vi­tät und als Main­stream – der ist nicht hin­zu­neh­men. Das sickert in die Schulen, in den Alltag, in die gesell­schaft­li­chen Poren. Und das, was da über Jahr­zehnte unter der Decke vor sich hin­mo­derte, wird nun offen­siv, öffent­lich. Die wider­li­chen Dinge werden nicht nur gesagt, sie wollen sich in Aktio­nen ent­la­den. Da braucht es drin­gend eine andere poli­ti­sche Kultur.

Ralf Fücks: Ich komme noch mal auf das Paradox zurück zwi­schen offi­zi­el­lem Anti­fa­schis­mus und den gleich­zei­tig fort­wir­ken­den auto­ri­tä­ren, kol­lek­ti­vis­ti­schen, frem­den­feind­li­chen Ein­stel­lun­gen bis hin zum offenen Ras­sis­mus. Sie beschrei­ben sehr ein­drück­lich, dass der Rechts­ra­di­ka­lis­mus nicht erst nach dem Fall der Mauer in den Osten kam. Er war bereits da: 5.000 orga­ni­sierte rechts­ra­di­kale Skin­heads in 1980er Jahren.

Ines Geipel: Er war da, er wurde gedul­det und sogar beför­dert. Er ist Teil dieser instru­men­tel­len Geschichts­po­li­tik im Osten. Es waren häufig die Kinder der Stasi-Leute, die sich der­ar­tig radi­ka­li­siert haben.

Ralf Fücks: Aber woher kommt das, dass die sich nach rechts radi­ka­li­siert haben? Weil das die maxi­male Pro­vo­ka­tion war?

Ines Geipel: Das spielt auch eine Rolle. Ich glaube schon, dass die Jungs in den End-Acht­zi­ger­jah­ren, die in den Stasi-Fami­lien sozia­li­siert wurden, sich in der Skin­head-Kultur finden wollten. Diese Ver­lo­gen­heit, das ist doch etwas, mit der ich und viele andere groß gewor­den sind. Ich wusste als Mädchen, dass der Kom­mu­nis­mus im Kern eine Lüge ist, weil ich es jeden Tag zu Hause erlebt habe. Und ich glaube, das ist bei diesen Jungs genauso gewesen. Und das Dra­ma­ti­sche ist eben, dass mit denen nicht darüber gespro­chen wurde. Jeder blieb mit der Kälte und Bru­ta­li­tät der Her­kunft allein. Wir unter­schät­zen die Bin­nen­kul­tur oder den Bin­nen­kos­mos, den Ein­schluss­cha­rak­ter der DDR-Gesellschaft.

Ralf Fücks: Was da unter­schwel­lig los war, das brach ja zum ersten Mal richtig sicht­bar auf schon kurz nach der Einheit, 1991 Hoyers­werda und dann 1992 in Rostock-Lichtenhagen ...

Ines Geipel: ... und hörte nie mehr auf.

Ralf Fücks: Die Stoß­trupps, die da das Flücht­lings­heim ange­grif­fen haben, waren ja kei­nes­wegs iso­liert, sondern wurden getra­gen von der joh­len­den Zustim­mung zumin­dest eines rele­van­ten Teils der Bevölkerung.

Ines Geipel: Des­we­gen das Ding mit den Grillen. Daraus spricht ja nicht nur das Auto­ri­täre, sondern Ent­wer­tung, Ver­ach­tung, Hass. Es geht um Aus­lö­schung des Anderen. Der andere muss weg. Das ist der Gewalt­kern, der da drinsteckt.

Ralf Fücks: Kommt diese Gewalt­lust aus der Trau­ma­ti­sie­rung, aus der eigenen Gewalterfahrung?

Ines Geipel: Viel­fach. Aber es ist nicht nur die Gewalt in den Fami­lien. Ich denke, wir sollten endlich unbe­dingt über die struk­tu­relle Gewalt im Osten spre­chen. Was ist in den Kin­der­hei­men pas­siert, was in den Kin­der­gär­ten und Schulen, was im Sport? Ich sitze momen­tan im Mili­tär­ar­chiv in Frei­burg, mit der Frage, in welcher Weise sich das Militär in die Gesell­schaft hin­ein­ge­fräst hat. Man nannte das ja den mili­tä­risch-indus­tri­el­len Komplex. Was da alles geforscht auf kri­mi­nelle Weise wurde. Es ist, als würde man in den Kern des Systems schauen. Es hat etwas Unvor­denk­li­ches, Grau­en­vol­les. Und diesen Teil des Systems haben wir in dieser Ent­las­tungs­freude nach ‚89 nicht in den Blick genom­men. Da gibt es noch sehr Grund­sätz­li­ches zu heben.

Ralf Fücks: Ich springe am Schluss noch mal in die Gegen­wart. Wieso gelingt es der AfD, sich als Erbin der Bür­ger­re­vo­lu­tion von 1989 zu insze­nie­ren? So treten die ja auf: „Wir voll­enden die Wende“. Was ist das?

Ines Geipel: Der Trep­pen­witz der Geschichte. Aber inter­es­sant daran ist: Der Osten wird erst­mals nicht als Opfer­kol­lek­tiv ange­spro­chen. Das ist viel­leicht auch der Grund, warum es funk­tio­niert. Die perfide Nummer soll zur Eman­zi­pa­ti­ons­ge­schichte umge­schrie­ben werden. Die Idee soll heißen: Wir machen jetzt hier die Revo­lu­tion. Eine Revo­lu­tion ist halt auch bio­gra­fisch gesehen eine Rarität.

Ralf Fücks: Inwie­weit knüpft denn die AfD auch an bestimmte mentale Kon­ti­nui­tä­ten an? Zum Bei­spiel „das Kol­lek­tiv der Glei­chen als fort­wir­ken­des Ideal“ – das ist ein Zitat aus Ihrem Buch. Man kann zuge­spitzt sagen: von der Volks­ge­mein­schaft zur Volks­so­li­da­ri­tät und zurück. Und das wird heute wie­der­be­lebt, die Idee der homo­ge­nen Gemein­schaft, der natio­na­len Solidarität.

Ines Geipel: Wenn Sie sich die AfD-Pro­gramme in Sachsen und in Bran­den­burg anschauen, steckt da unwahr­schein­lich viel DDR-Kol­lek­tiv drin. Die AfD ist sehr geschickt darin, das ost­deut­sche Bin­nen­kol­lek­tiv neu zu beatmen. Und das funk­tio­niert auch über die Genera­tio­nen. Die abso­lute Kon­stante besagt: „Wir sind die bes­se­ren Deut­schen“. Das ist die ganz lange Linie aus der unmit­tel­ba­ren Nach­kriegs­zeit. Die schweißt zusam­men und hält wie Stahl­seile. Damit schafft sich die AfD ihre Main­stream-Geschichte. Und das ist schief und kom­plett gaga, aber wer will nicht mal eine Revo­lu­tion gemacht haben?

Ralf Fücks: Und was ist zu tun?

Ines Geipel: Gegen­hal­ten, kon­fron­tie­ren, ver­su­chen, den Mist auf­zu­bre­chen. Es geht doch nicht anders. Rein­ge­hen und Dresche kriegen. Klar gibt es unwahr­schein­lich viel Dresche. Aber es ist wichtig zu sagen: Nein, das geht nicht, es funk­tio­niert so nicht. Hier wird eine kom­plette poli­ti­sche Kultur an die Wand gefah­ren und nicht nur das.

Ralf Fücks: Vielen Dank für das Gespräch!

 

Ines Geipel: „Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass“. Klett-Cotta, 277 Seiten, 20 Euro