Das Welt­bild des Björn Höcke

Foto: Vincent Eisfeld [CC BY-SA 4.0]

2018 erschien ein Gesprächs­band mit Björn Höcke. Eine Rezen­sion in zwei Teilen geht seinem Welt­bild und seinen poli­ti­schen Visio­nen nach. Hier ist Teil 1: Das Welt­bild. Den zweiten Teil zu Höckes poli­ti­schen Visio­nen finden Sie hier.


Björn Höcke ist ein poli­ti­sches Schwer­ge­wicht in der Alter­na­tive für Deutsch­land (AfD). Der thü­rin­gi­sche Lan­des­vor­sit­zende steht als Kopf des „Flügels“ für eine radi­kale Aus­rich­tung der Partei. In den par­tei­in­ter­nen Macht­kämp­fen konnte er in ver­gan­ge­nen Monaten seine Macht gegen die Ver­tre­ter eines mode­ra­te­ren Kurses deut­lich aus­bauen. Vor allem in den ost­deut­schen Lan­des­ver­bän­den gilt er als unangefochten.

2018 erschien im Manu­scrip­tum-Verlag das Buch „Nie zweimal in den­sel­ben Fluss“, das Björn Höcke im Gespräch mit Stich­wort­ge­ber und Fra­gen­stel­ler Sebas­tian Hennig wider­gibt. Das Buch ist erkenn­bar darum bemüht, Höcke als tief­grei­fen­den Denker zu prä­sen­tie­ren, als Politik-Phi­lo­soph, der spie­lend über die abend­län­di­sche Geis­tes­tra­di­tion seit der Antike verfügt und über seine poli­ti­schen Ideen einen großen theo­re­ti­schen Bogen zu spannen vermag. Gleich­zei­tig umgeht Höcke mit dem Format eines Gesprächs­ban­des die Mühen, die eine Theo­re­ti­sie­rung seines Denkens in Form eines Buches bedeu­tet hätte. Ent­spre­chend eklek­ti­zis­tisch ist seine Bezug­nahme auf unter­schied­lichste Prot­ago­nis­ten und Denk­schu­len der Geis­tes­ge­schichte. Höcke nimmt Nietz­sche und Hei­deg­ger ebenso für sich in Anspruch wie den deut­schen Idea­lis­mus und Max Weber. Er schreckt auch nicht davor zurück, den libe­ra­len Phi­lo­so­phen Karl Popper oder den von den Natio­nal­so­zia­lis­ten ermor­de­ten Theo­lo­gen und Ver­tre­ter der Beken­nen­den Kirche, Diet­rich Bon­hoef­fer, zu vereinnahmen.

Das Buch ist ein erhel­len­des wie erschre­cken­des Zeugnis über das Welt­bild eines Mannes, der mit der libe­ra­len Demo­kra­tie hadert und ein anderes Deutsch­land will. Im ersten Teil dieser Buch­be­spre­chung geht es um die Welt­sicht, die Höckes Denken prägt. Ein zweiter Teil wird sich damit beschäf­ti­gen, welche Kon­se­quen­zen sich daraus ergeben und die poli­ti­schen Visio­nen von Höcke beleuchten.

Kul­tur­pes­si­mis­mus

Im Gespräch über seine Kind­heit prä­sen­tiert sich der Geschichts­leh­rer Höcke als erd­ver­bun­de­ner Natur­bur­sche, der im Gegen­satz zur zuneh­men­den Ent­frem­dung der tech­ni­sier­ten Moderne das Leben in der Natur in vollen Zügen aus­ge­kos­tet hat. Von früh bis spät habe er sich in Wäldern und auf Wiesen her­um­ge­trie­ben, keine Schürf­wunde gescheut und die Nähe zu den ein­fa­chen Leuten gesucht: „Ein Bauer hat seine Lieb­lings­kuh mit der Hand gemol­ken und uns dabei die warme Milch immer wieder in die offenen Münder gespritzt. Natür­lich sind wir auch manch­mal heim­lich auf Kühen gerit­ten, wurden aber schnell abge­wor­fen. Solche Epi­so­den könnte ich noch viele erzäh­len.“ (S. 43)

Solche Selbst­be­schrei­bun­gen, die bis­wei­len unfrei­wil­lig komi­sche Züge tragen, trans­por­tie­ren bereits eine Grund­bot­schaft Höckes. Er klagt über die Ent­frem­dung der Moderne und sieht sie im Nie­der­gang. Allent­hal­ben ent­deckt er Ver­fla­chung und Deka­denz, Auf­lö­sungs­er­schei­nun­gen, Krisen, eine Ato­mi­sie­rung der Gesell­schaft (S. 31) und die Auf­lö­sung von Wert­be­zie­hun­gen. Die kul­tu­relle Quellen Europas sieht er durch die „Schutt­hal­den der Moderne“ ver­schüt­tet. Höcke reiht sich damit in eine Denk­tra­di­tion des Kul­tur­pes­si­mis­mus ein, die vor allem nach dem Ersten Welt­krieg ver­brei­tet war und deren poli­ti­sche Gefah­ren Fritz Stern exem­pla­risch ana­ly­siert hat.

Wie die Vor­den­ker des Kul­tur­pes­si­mis­mus kri­ti­siert Höcke den ratio­na­len Zugriff der Moderne auf die Welt und schimpft über „ver­bohrte »Klotz­ma­te­ria­lis­ten«“ (S. 162). „Bei der Lektüre Hei­deg­gers fand ich auch meinen tief emp­fun­de­nen Anti­ma­te­ria­lis­mus bestä­tigt“. „Seine Kritik an der Tech­nik­gläu­big­keit und sein Ein­tre­ten für die Bewah­rung von Natur und Land­schaft – nicht irgend­ei­ner abs­trak­ten, dem Men­schen gegen­über ste­hen­den »Umwelt«, sondern ganz konkret der zu hegen­den Wälder, Wiesen, Felder, Tiere und Pflan­zen unserer Heimat – stehen für den kon­ser­va­ti­ven Anteil in meinem poli­ti­schen Denken.“ (S. 79)

Wie­der­ver­zau­be­rung der Welt

Björn Höcke will für die Politik  die große Per­spek­tive zurück­ge­win­nen und die Ent­zau­be­rung durch die Moderne über­win­den. Es gehe ihm um den „Anspruch, der kalten funk­tio­na­len Welt eine Seele ein­zu­hau­chen, indem wir wieder begin­nen, die fas­zi­nie­ren­den Dinge hinter den Dingen zu ent­de­cken. […] Es geht auch um die Wie­der­ver­zau­be­rung der Welt.“ (S. 163).

Höcke raunt von einer Rück­kehr zu mythi­schem Denken, in dem Begriffe wie Zauber, Staunen, Geheim­nis­vol­les und Rät­sel­haf­tes wieder zu ihrem Recht kommen. Er stellt sich gegen die Ent­my­tho­lo­gi­sie­rung der Moderne und damit in eine anti­ra­tio­nale Tra­di­tion, die in den Wei­ma­rer Jahren den aka­de­mi­schen Betrieb umwälzte. Die Exis­tenz­phi­lo­so­phie um Martin Hei­deg­ger ging in Oppo­si­tion zum ratio­na­len Wahr­heits­be­griff der eta­blier­ten posi­ti­ven Wis­sen­schaf­ten. Carl Schmitt, der die Begriffe der Staats­lehre als Ablei­tun­gen aus der Theo­lo­gie ver­stand, wollte der Politik wieder die (reli­giöse) Auto­ri­tät ver­lei­hen, die sie seiner Ansicht nach durch die Säku­la­ri­sie­rung ein­ge­büßt hatte.

Trotz aller Ratio­na­li­sie­run­gen in der Moderne hat der Logos den Mythos nicht ver­drän­gen können“, meint Höcke. „Wir sollten Mythen ganz prak­tisch als mög­li­che Kraft­quel­len und Ori­en­tie­rungs­hil­fen ansehen, die uns auch in schlech­ten Zeiten Hoff­nung und Zuver­sicht spenden. Man denke da nur an den Kyff­häu­ser-Mythos der Deut­schen…“ (S.159) Der Wahr­heits­ge­halt der Mythen sei „nicht das ent­schei­dende, sondern die bele­bende und iden­ti­täts­stif­tende Wirkung auf Men­schen und Völker – und das kann man empi­risch nicht bestrei­ten.“ (S. 159)

Mythi­sches Denken mit der Moderne versöhnen

Dabei gehe es ihm nicht um eine „Rolle rück­wärts“ oder „einen tech­ni­schen Rück­schritt“, sondern darum, „das Ganze auf eine neue, höhere Stufe zu stellen,“ um eine „not­wen­dige Über­win­dung der Moderne“ (S. 264).

Um diesen Spagat zwi­schen mythi­schem Denken und moder­ner Ratio­na­li­tät zu meis­tern, folgt er einem Weg, den vor ihm schon einige Denker der so genann­ten Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­tion gegan­gen sind. Ernst Jünger ver­suchte in seinem Haupt­werk „Der Arbei­ter“ von 1932 eine Ver­söh­nung von Mythos und Moderne. Mit dem Typus des „Arbei­ters“ erfand er eine in der Moderne ver­an­kerte Figur, die tat­kräf­tig und zugrei­fend die Welt formt, sich der Natur mit moderns­ter Technik bemäch­tigt und gleich­zei­tig einem grö­ße­ren Ganzen unter­ord­net. Indem er seinen Platz und seine Funk­tion in einem höheren System aner­kennt, wird unter einer mythi­schen Über­wöl­bung der ent­frem­de­ten Arbeit wieder Sinn gegeben. Ein Schlüs­sel­be­griff dieses Denkens ist das „Schick­sal“, das anzu­neh­men für den „Arbei­ter“ höchste Befrie­di­gung bedeu­tet. Dieses Sich-Fügen in eine höhere Macht ist eine Steil­vor­lage für ein dik­ta­to­ri­sches Herr­schafts­sys­tem, von dem Jüngers „Der Arbei­ter – Herr­schaft und Gestalt“ durch­drun­gen ist.

Volk als Mythos

Bei Höcke über­nimmt „das Volk“ die Funk­tion der „meta­phy­si­schen Wie­der­ver­an­ke­rung“. Es ist das geheime Zentrum, das wie jedes reli­giöse Geheim­nis nicht ratio­nal erklärt werden kann. Denn was das Volk ist, „das läßt sich nicht mit mathe­ma­ti­scher Exakt­heit sagen. Man kann das Phä­no­men des Volkes nur umschrei­ben, um es faß­ba­rer zu machen. Das heißt nicht, daß es nicht exis­tiert.“ (S. 127)

Der Mythos vom Volk erfüllt das Bedürf­nis nach mythi­scher Rück­bin­dung in der kalten Moderne. Das Volk ver­steht er als eine Gemein­schaft, „deren Ange­hö­rige in einer schick­sal­haf­ten, genera­ti­ons­über­grei­fen­den Ver­bin­dung stehen“. (S. 70) Wie Jünger geht es auch Höcke darum, sein „Schick­sal“ anzu­neh­men, sich der eigenen Vor­her­be­stim­mung zu fügen.

Es geht ihm um reli­giöse Gebor­gen­heit, Sehn­sucht nach grö­ße­ren Sinn­zu­sam­men­hän­gen, um die eigene Ver­or­tung: „Wenn die Moderne die Hei­mat­bin­dun­gen gekappt hat, gilt es, die Heimat als Raum der Gebor­gen­heit und Lebens­ent­fal­tung wie­der­zu­ent­de­cken. Wenn sie die Iden­ti­tä­ten – geschlecht­li­cher, kul­tu­rel­ler oder sonst­wel­cher Art – beschä­digt hat, geht es um eine Wie­der­her­stel­lung von Iden­ti­tä­ten.“ (S. 266)

Die schick­sal­hafte Ver­bin­dung zum Volk ermög­licht die Illu­sion, Teil einer sinn­stif­ten­den, höheren Macht zu sein. Höcke spricht vom Stolz, „Teil eines grö­ße­ren Ganzen zu sein. Als Teil einer Gemein­schaft, wie etwa als Ange­hö­ri­ger eines Volkes, kann jeder ein­zelne zu einem wich­ti­gen Glied einer langen his­to­ri­schen Kette werden.“ (S. 31) Das Volk nimmt die Funk­tion des Mythos ein, der dem ent­frem­de­ten Sein in der Moderne wieder Sinn gibt.

Der völ­ki­sche Mythos hilft, an moder­ner Technik und Natur­be­herr­schung fest­hal­ten zu können. Sie werden mythisch umge­deu­tet, indem sie zum Ausweis eines deut­schen Typus‘ erklärt werden – als ein ihm schick­sals­mä­ßig ein­ge­schrie­be­nes System.

Auto­ri­tä­rer Cha­rak­ter der Volksgemeinschaft

Die schick­sals­mä­ßige Ver­bun­den­heit mit dem Volk impli­ziert fol­ge­rich­tig ein auto­ri­tä­res poli­ti­sches Modell. Zwar wird die indi­vi­du­elle Tat­kraft als deut­sche Eigen­art betont, aber der Hand­lungs­rah­men wird durch die Schick­sals­ge­bun­den­heit ein­grenzt. Es ist eben nicht die Frei­heit des Indi­vi­du­ums gemeint. Die Unter­ord­nung unter das Volk als dem „Großen und Ganzen“ ist die über­ge­ord­nete Maxime. Dem ent­spricht eine auto­ri­täre Ordnung des Poli­ti­schen, in der die Ein­zel­nen sich als Teil der Volks­ge­mein­schaft ver­ste­hen.  Die Einheit des Volkes muss vor der „zer­set­zen­den“ Wirkung des Par­tei­en­streits und vor einem Rela­ti­vis­mus geschützt werden, der alles in Frage stellt.  Höcke befür­wor­tet Auto­ri­tät und Hier­ar­chie nicht „als Selbst­zweck, sondern nur dort, wo sie eine die­nende Funk­tion für ein Höheres haben.“ Dieses „Höhere“ ist die Bewah­rung der völ­ki­schen Schicksalsgemeinschaft.

Gesun­der Instinkt statt Werte

Mora­li­sche Prin­zi­pien und Werte werden als „ver­lo­gen“ („aufgeblasene[r] Wer­te­schaum“) abge­lehnt („mora­li­sche Over­kill-Kapa­zi­tä­ten“, S. 187). An ihre Stelle tritt ein intui­ti­ves, instinkt­ge­lei­te­tes Spüren und Führen: „Ein guter Poli­ti­ker und Staats­mann kann das [Gemein­wohl] intui­tiv erfas­sen und braucht dazu keine müh­se­lig her­ge­lei­te­ten Defi­ni­tio­nen von Poli­tik­wis­sen­schaft­lern.“ (S. 151). Am Ende würden „die Men­schen instink­tiv den inte­gren Füh­rungs­per­so­nen folgen“ (S. 155). Solch Hoch­hal­ten von „Instinkt gegen For­ma­lis­mus“, das er bei Nietz­sche und Hei­deg­ger bewun­dert (S. 77), lässt sich mit jeder belie­bi­gen Posi­tion füllen. Hier gibt es keine phi­lo­so­phisch abge­lei­tete Ethik oder ein ethisch begrün­de­tes Rechts­sys­tem, das sich argu­men­tie­ren, abwägen oder ver­än­dern ließe und das das Handeln jedes Ein­zel­nen und der Politik begrün­den kann. An seine Stelle tritt der poli­ti­sche Vol­un­ta­ris­mus der Füh­rer­fi­gu­ren und die mythi­sche Einheit von Volk und Führung.

Das Volk als Blutsbande

Für Höcke kommen uni­ver­selle Werte als Begrün­dungs­zu­sam­men­hang für Nation und Repu­blik nicht in Frage. Der Idee eines Ver­fas­sungs­pa­trio­tis­mus attes­tiert er zu „schwa­che Bin­dungs­kraft“ (S. 125). Loya­li­tät sei die ent­schei­dende Währung. Sie sei das stärkste Band zwi­schen Per­so­nen „und grund­sätz­lich erst einmal unab­hän­gig von Wer­te­fra­gen. Loya­li­tät und Treue sind hohe Güter im Leben des Men­schen … auch in der Ver­bin­dung zu einer poli­ti­schen Gemein­schaft wie dem Volk.“ (S. 126) Diese Loya­li­tät ent­steht vor allem durch bluts­mä­ßige Ver­bin­dung: „So funk­tio­niert Loya­li­tät aber nicht. Wenn bei­spiels­weise die eigenen Kinder nicht so gut geraten sind, wie die der Nach­bars­fa­mi­lie, so bliebe man ihnen doch lie­be­voll ver­bun­den und würde sie nicht gegen andere, ‚bessere‘ aus­tau­schen.“ (S. 125)

Höcke spricht von der anhal­ten­den Gül­tig­keit von „Fort­pflan­zungs­ge­mein­schaf­ten“ (S. 128). Dem Vorwurf einer bio­lo­gis­ti­schen Sicht­weise der völ­ki­schen Ein­stel­lung ent­geg­net er: „Die bio­lo­gi­schen Zeugung von Nach­kom­men ist nun einmal eine bio­lo­gi­sche Tat­sa­che.“ (S. 128) „Wir können den Körper nun einmal nicht von der Seele trennen und Körper haben nun einmal bestimmte Erschei­nungs­for­men.“ (S. 131)

Rechter Anti­ka­pi­ta­lis­mus

Höcke wendet sich ganz im Sinne der „Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­tion“ gegen die Werte der Auf­klä­rung, gegen Libe­ra­lis­mus und Uni­ver­sa­lis­mus. Sie sieht er als zer­set­zen­des Gift an der Volks­ge­mein­schaft: „Wir sollen abs­trakte, reine Men­schen werden, aus­ge­stat­tet mit uni­ver­sa­len Men­schen­rech­ten – mög­lichst ohne Ver­schmut­zung durch irgend­eine Volks­zu­ge­hö­rig­keit und natio­nale Tra­di­tio­nen.“ (S. 203)

Die Kritik an Auf­klä­rung und Moderne geht mit der Kritik am Kapi­ta­lis­mus einher, der als Aus­for­mung des moder­nen Indi­vi­dua­lis­mus ange­se­hen und für öko­no­mi­schen Ego­is­mus und die Ver­ein­ze­lung in der Mas­sen­ge­sell­schaft ver­ant­wort­lich gemacht wird. Höcke über­nimmt ein typi­sches Motiv der Kapi­ta­lis­mus­kri­tik von Rechts, indem er ähnlich wie Gott­fried Feder (Bre­chung der Zins­knecht­schaft, 1919) und Alfred Rosen­berg (Mythus des 20. Jahr­hun­derts, 1930), eine Teilung in „gutes“ und „schlech­tes“ Kapital vornimmt.

Mit Kapi­ta­lis­mus meine ich also nicht eine sinn­volle Markt­wirt­schaft, die in einer erneu­er­ten Volks­wirt­schaft ihren wich­ti­gen Platz haben wird, sondern die ein­sei­tige Domi­nanz und Extre­mi­sie­rung eines Pro­duk­ti­ons­fak­tors – des Kapi­tals – unter Ver­ein­nah­mung der beiden anderen: Arbeit und Boden. Man kann dieses System mit der Formel zusam­men­fas­sen: Geld regiert die Welt! Dagegen stellen sich völlig zurecht linke wie rechte Glo­ba­li­sie­rungs- und Kapi­ta­lis­mus­kri­ti­ker.“ (S.249)

Feder, Rosen­berg und andere natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Ideo­lo­gen ver­stan­den unter gutem – „schaf­fen­den“ – Kapital die ein­hei­mi­sche Real­wirt­schaft. Mit dem schlech­ten – „raf­fen­den“ – Kapital waren der global agie­rende Finanz­sek­tor und Bör­sen­han­del gemeint. Dieser wurde gemein­hin mit dem Juden­tum gleich­ge­setzt. Die gängige, anti­se­mi­ti­sche Ver­schwö­rungs­theo­rie behaup­tete, dass eine globale „Hoch­fi­nanz“ als Instru­ment einer jüdi­schen Welt­ver­schwö­rung fun­giere, die Politik und Wirt­schaft steuert und die Völker ins Ver­der­ben stürzt.

Glo­ba­li­sie­rung, „großer Aus­tausch“ und „Schuld­kult“ als Teil einer Verschwörung

Björn Höcke ist nicht der einzige, der heute an diese unse­lige, anti­se­mi­ti­sche Figur der glo­ba­len Finanz­elite anknüpft. Aber Höcke ver­knüpft die Glo­ba­li­sie­rungs­kri­tik mit einer wei­te­ren Ver­schwö­rungs­theo­rie: der­je­ni­gen vom großen Aus­tausch. Er behaup­tet, die Migra­ti­ons­ströme seien vom glo­ba­len Kapital gesteu­ert. Das Kapital ver­folge das Ziel, die Kul­tu­ren und Natio­nal­staa­ten zu zer­stö­ren. Denn kul­tu­relle Eigen­hei­ten und Lan­des­gren­zen störten das auf Maxi­mie­rung aus­ge­rich­tete Pro­fit­stre­ben der Kon­zerne. So habe sich eine „glo­ba­lis­ti­sche“ Elite zur Ver­nich­tung der Natio­nal­staa­ten ver­schwo­ren. „Dieser Prozeß ist schon seit vielen Jahren im Gange, ange­trie­ben von einem anti-natio­na­len Netz­werk aus pri­va­ten Stif­tun­gen, NGOs und supra­na­tio­na­len Insti­tu­tio­nen wie der EU. Das läuft auf eine Art globale Frei­han­dels­zone mit ent­or­te­ten und zer­split­ter­ten Men­schen­grup­pen hinaus, die dann umso leich­ter beherrsch­bar wären.“ (S. 207)

Auch die Behaup­tung von einem bestehen­den „Schuld­kult“ wird in diese Ver­schwö­rungs­theo­rie ein­ge­floch­ten. Dieser diene dem Ziel, die Wider­stands­kräfte des deut­schen Volks gegen seine Zer­stö­rung zu schwä­chen: „Die Legi­ti­mi­tät jeg­li­chen Wider­stands gegen eine wahn­wit­zige Politik [der Ein­wan­de­rung] wird uns Deut­schen mit dem Verweis auf unsere his­to­ri­sche Schuld abge­spro­chen.“ (S. 69)

Höckes Welt­sicht ist nicht nur dem klas­si­schen Kul­tur­pes­si­mis­mus ver­haf­tet. Das Hadern mit der Moderne geht Hand in Hand mit einer mythi­sche Auf­la­dung des Volks­be­griffs. Dabei folgt er einer bluts­mä­ßi­gen Vor­stel­lung von Volks­zu­ge­hö­rig­keit. Seine völ­ki­sche Glo­ba­li­sie­rungs­kri­tik und Rede vom „großen Aus­tausch“ sind aggres­sive Ver­schwö­rungs­theo­rien, die in den Aufruf zum Wider­stand gegen die Ver­nich­tung des deut­schen Volkes münden.


Lesen Sie hier den zweiten Teil der Rezen­sion: Poli­ti­sche Visionen

Hier können Sie die Rezen­sion als PDF herunterladen.

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