Monika Maron: Angst vor Überfremdung

Foto: Heike Huslage-Koch /​ CC BY-SA

In den letzten Jahren warnte Monika Maron immer wieder vor einer Isla­mi­sie­rung durch Zuwan­de­rung. Gleich­zei­tig sieht sie sich über­mäch­ti­gen Mei­nungs­kon­trol­leu­ren eines linken Main­streams aus­ge­setzt. Ihre jüngste Essay-Samm­lung ver­öf­fent­lichte die Schrift­stel­le­rin im Verlag des Dresd­ner Kul­tur­haus Losch­witz von Susanne Dagen, einem kul­tu­rel­len Sam­mel­punkt für Rechts­in­tel­lek­tu­elle. Wie ist es zu dieser Annä­he­rung gekom­men? Und wie spie­gelt sie sich im Werk von Monika Maron wider?

Am 4. Januar 2015 ver­öf­fent­lichte die Schrift­stel­le­rin Monika Maron in der Tages­zei­tung „Die Welt“ einen Bericht über einen vor­weih­nacht­li­chen Besuch in Dresden. Maron hatte an einer Demons­tra­tion der „Patrio­ti­schen Euro­päer gegen die Isla­mi­sie­rung des Abend­lan­des“ (PEGIDA) teil­ge­nom­men. Die Bewe­gung befand sich eben zum Jah­res­wech­sel 2014/​15 auf einem ersten Höhe­punkt ihrer Popu­la­ri­tät, beglei­tet von einer auf­ge­brach­ten media­len Debatte. Maron, bekannt nicht nur als Roman­au­torin, sondern auch als poli­ti­sche Intel­lek­tu­elle mit Freude an Pro­vo­ka­tion, ver­tei­digte die Demons­tran­ten. Kei­nes­wegs handle es sich vor­wie­gend um Neo­na­zis, viel­mehr um Bürger, deren Anlie­gen demo­kra­tisch legitim seien: „Nimmt man die Pegida-Anhän­ger beim Wort, dann halten sie es für unsere und ihre Pflicht, Kriegs­flücht­linge und poli­tisch Ver­folgte auf­zu­neh­men, abge­lehnte Asyl­be­wer­ber aber abzu­schie­ben, und sie fordern eine gesetz­lich gere­gelte Ein­wan­de­rung.“[1] Es gelte, sie nicht zu dif­fa­mie­ren, sondern mit ihnen in eine „offene Dis­kus­sion“[2] einzutreten.

So berech­tigt Marons For­de­rung war, die Demons­tran­ten nicht pau­schal zu ver­dam­men, so beschränkt war auch ihr eigener Blick. Sie igno­rierte in ihrer Schuld­zu­wei­sung an Politik und Medien, dass die PEGIDA-Anfüh­rer selbst es waren, die ihren Anhän­gern ver­bo­ten hatten, mit der „Lügen­presse“ oder poli­ti­schen Gegnern zu spre­chen oder zusam­men­zu­ar­bei­ten. Der eigen­nüt­zige Plan von Lutz Bach­mann war es offen­kun­dig von Anfang an, die Men­schen in eine Fun­da­men­tal­op­po­si­tion zum bun­des­deut­schen „System“ zu treiben. Maron verbot es sich aber selbst, die Absich­ten der Anfüh­rer kri­tisch zu hin­ter­fra­gen: „Ob sie das wirk­lich so meinen, kann und will ich nicht beur­tei­len.“[3] Die Radi­ka­li­sie­rung der Bewe­gung, die sich trotz allem Dialog vollzog, ist bekannt: Agi­ta­tion gegen mus­li­mi­sche „Inva­so­ren“, „Absaufen“-Sprechchöre gegen Flücht­linge auf dem Mit­tel­meer, Affen­ge­brüll gegen schwarze Men­schen. PEGIDA trug zu einer Ver­än­de­rung der poli­ti­schen Kultur in Deutsch­land bei, in deren Folge es zu Brand- und Bom­ben­an­schlä­gen gegen Flücht­lings­heime, Moscheen und Treff­punkte poli­ti­scher Gegner kam.

Wieso for­derte eine Autorin, die in ihren eigenen Pole­mi­ken, etwa gegen ost­deut­sche Lehrer, PDS-Wähler oder sozia­lis­ti­sche Uto­pis­ten, auch nicht immer fein­füh­lig und aus­ge­wo­gen urteilte, gerade für die „Patrio­ten“ eine mög­lichst dif­fe­ren­zierte, ja wohl­wol­lende Betrach­tung ein? Wieso ent­deckte sie bei PEGIDA nicht auch jene illi­be­rale und anti­west­li­che „Angst vor der Markt­wirt­schaft, Angst vor Drogen und Aids, Angst vor Aus­län­dern, Angst vor der Zukunft und dem Phantom der Frei­heit“[4] wieder, die sie selbst 1990 einem Teil der Ost­deut­schen kri­tisch attes­tiert hatte? Wieso störte sich die 1988 aus der DDR in den Westen Über­ge­sie­delte nicht an der bei PEGIDA all­ge­gen­wär­ti­gen Agi­ta­tion gegen „Wirt­schafts­flücht­linge“, nachdem sie 1989 noch jene Ost­deut­schen, die „wirt­schaft­li­che Gründe […] zur Flucht bewogen haben“ [5], ver­tei­digt hatte?

Der Erfolg von PEGIDA, den sich inzwi­schen die AfD ange­eig­net hat, beruhte auf ihrer Anzie­hungs­kraft für Unzu­frie­dene ganz ver­schie­de­ner Art. Während einige beson­ders die For­de­rung nach „Frieden mit Russ­land“ anzog, andere eher die Abrech­nung mit der Arro­ganz west­deut­scher „Eliten“, fes­selte wieder andere vor allem das Ver­spre­chen eines Kampfes gegen die „Isla­mi­sie­rung“ – so auch Monika Maron:

Isla­mi­sie­rung beginnt nicht erst, wenn der Islam in Deutsch­land Staats­re­li­gion gewor­den ist, sondern wenn er unsere rechts­staat­li­chen und zivi­li­sa­to­ri­schen Grund­sätze mit seinen reli­giö­sen Ansprü­chen unter­läuft. Man muß kein Anhän­ger von Pegida sein, um zu fordern, dass Regie­rung und Gesell­schaft die schwer erkämpfte Säku­la­ri­tät ver­tei­di­gen und einer Reli­gion, der die Auf­klä­rung noch bevor­steht, klare Grenzen zu ziehen.[6]

Die Kritik am Islam, die Maron im ver­gan­ge­nen Jahr­zehnt in zahl­rei­chen Reden und Essays geäu­ßert hat, speist sich ihrem eigenen Anspruch nach aus dem säku­la­ren und uni­ver­sa­lis­ti­schen Geist der Auf­klä­rung. Ihre Kritik gilt den

[…] deut­schen und euro­päi­schen Pro­pa­gan­dis­ten der Tole­ranz gegen­über der Into­le­ranz und der Gleich­wer­tig­keit aller Kul­tu­ren, die in der Auf­klä­rung offen­bar nichts anderes sehen als einen neuen reli­gi­ons­ähn­li­chen Fun­da­men­ta­lis­mus oder eine moderne Form des Kolo­nia­lis­mus. Kritik am Islam gleich Isla­mo­pho­bie gleich Ras­sis­mus – das ist die Formel, mit der sie die lebens­not­wen­dige Aus­ein­an­der­set­zung zu ersti­cken ver­su­chen.[7]

Maron sieht in der Debatte die poli­ti­schen Vor­zei­chen ins Gegen­teil verkehrt:

Wer die bis dahin selbst­ver­ständ­li­chen For­de­run­gen der Linken wie die Auf­klä­rung, den säku­la­ren Staat und die Frau­en­rechte ver­tei­digte, fand sich plötz­lich auf dem rechten Kampf­feld wieder; und meine linken, grünen Femi­nis­tin­nen aus Hamburg ver­tei­dig­ten ver­mut­lich lei­den­schaft­lich das isla­mi­sche Kopf­tuch und for­der­ten Ver­ständ­nis auch für die hart­ge­sot­tens­ten mus­li­mi­schen Frau­en­ver­äch­ter, was für mich bedeu­tet: sie waren zu Reak­tio­nä­rin­nen mutiert, also rechts.[8]

Maron fordert hin­ge­gen ein Bündnis gerade mit den libe­ra­len Mus­li­men und Ex-Mus­li­men ein, die für eine auf­ge­klärte, demo­kra­ti­sche Gesell­schaft eintreten:

Wir brau­chen die Soli­da­ri­tät und Freund­schaft aller, die für ein frei­heit­li­ches, säku­la­res Europa strei­ten, unab­hän­gig von ihrer Her­kunft und ihrem Glauben. Unser Bei­stand gilt denen, die um eine Frei­heit kämpfen müssen, die zu den Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten unseres Lebens gehört und die wir zu ver­tei­di­gen haben.[9]

Marons Posi­tion ent­spricht also pro­gram­ma­tisch nicht der Islam­feind­schaft von rechts­ra­di­ka­len Agi­ta­to­ren wie Götz Kubit­schek und AfD-Poli­ti­kern wie Björn Höcke, die – wie etwa der His­to­ri­ker und Publi­zist Volker Weiß gezeigt hat[10] – den auto­ri­tä­ren und patri­ar­cha­li­schen Islam durch­aus bewun­dern, so lange er nur Europa fern bleibt. Diese völ­ki­schen Islam­feinde ver­tre­ten aus rechter Warte eben den anti-auf­klä­re­ri­schen Kul­tur­re­la­ti­vis­mus, dessen „linke“ Vari­ante Maron – durch­aus zurecht – aus­dau­ernd geißelt.

Es stellt sich aller­dings die Frage: Warum betont Maron selbst diesen Unter­schied nicht? Ein Grund hierfür ist wohl, dass Marons Kritik am Islam eben doch oft ins Res­sen­ti­ment kippt:

Die meisten Muslime sind fried­lich, heisst es. Das stimmt. Und trotz­dem frage ich mich seit einiger Zeit bei jeder Frau, die mir kopf­tuch­be­wehrt ent­ge­gen­kommt: Was willst du mir damit sagen? Dass du anders bist als ich? Dass du besser bist als ich? Dass meine Enkel­toch­ter eines Tages auch so rum­lau­fen wird? Das habe ich mich vor fünf­zehn oder zwanzig Jahren, als die Kopf­tü­cher eher selten waren, noch nicht gefragt. Dass die meisten Muslime fried­lich sind, ist keine Garan­tie für ihre frei­heit­li­che oder gar säku­lare Gesin­nung.[11]

Das Kopf­tuch wird hier als mili­tä­ri­sche Pan­ze­rung ima­gi­niert und als Zeichen der Aggres­sion ver­stan­den. Auf diese Weise wird doch jede Muslima zum poten­zi­el­len Feind erklärt. Als Kritik an Fun­da­men­ta­lis­mus oder poli­ti­sier­ter Reli­gion kann dieser Gene­ral­ver­dacht nicht mehr aus­ge­ge­ben werden. Statt mit der Fremden ins Gespräch zu kommen, unter­stellt ihr Maron aus der Ferne böse Absich­ten – eine ver­knif­fene Aggres­si­vi­tät, die eher dem Kli­schee­bild des ost­deut­schen Pro­vinz­lers entspricht.

Solches Res­sen­ti­ment ver­wun­dert ebenso wie die Selbst­stig­ma­ti­sie­rung, mit der Monika Maron sich seit einiger Zeit als Tabu­bre­che­rin und Opfer von über­mäch­ti­gen Mei­nungs­kon­trol­leu­ren insze­niert. Das Ver­fah­ren ist – nicht zuletzt als Stra­te­gie des Eigen­mar­ke­tings – bekannt von Thilo Sar­ra­zin. Maron fühlt sich von der bun­des­deut­schen Gegen­wart inzwi­schen – ähnlich wie ihr Kollege Uwe Tell­kamp – an DDR-Ver­hält­nisse erin­nert. Zwar ist sie sich der his­to­ri­schen Unter­schiede bewusst, doch als Beleg bleibt das per­sön­li­che „Gefühl“[12] – gegen das ratio­nal kein Ein­spruch möglich ist. Maron scheint nicht auf­zu­fal­len, dass sie sich in solcher Pose bedenk­lich dem „Bild vom grei­nen­den und gekränk­ten Ost­deut­schen“ nähert, das sie selbst früher in Bei­trä­gen wie Im Osten nichts als Opfer? ver­spot­tet hatte.[13]

Doch sind es nur Gefühle, die für Maron eine Brücke zum rechten Ufer bilden? Texte aus den ver­gan­ge­nen Jahren, in denen Kul­tur­pes­si­mis­mus und natio­na­les Gemein­schafts­den­ken sich ver­bin­den, wecken Zweifel. So etwa die selt­same Rede zum Höl­der­lin-Preis aus dem Jahr 2003, in der Maron klagt:

Mich inter­es­siert, warum jede öffent­li­che Ange­le­gen­heit nur noch als Geld­an­ge­le­gen­heit ver­han­delt wird, warum jede Tra­di­tion, jede Ein­rich­tung und jede Ver­ein­ba­rung unter einen kurz­fris­ti­gen Ren­ta­bi­li­täts­zwang geraten ist, warum und wie Wissen, Nähe, Für­sorge, Schön­heit, Kunst unter der Mess­latte des Geldes ihren eigenen Wert ver­lo­ren haben.[14]

Diese Klage über die ver­derb­li­che All­macht des Mammons über­rascht aus dem Mund einer beken­nen­den FDP-Wäh­le­rin. Linke Gesell­schafts­kri­ti­ker dürften schmun­zeln ange­sichts Marons Ver­wun­de­rung darüber, dass in einer kapi­ta­lis­tisch orga­ni­sier­ten Gesell­schaft alle Bezie­hun­gen dazu ten­die­ren, sich in Ver­hält­nisse des Waren­tauschs zu ver­wan­deln. Maron stößt in ihrer Rede bei der Suche nach Schul­di­gen auf das „Diktat der glo­ba­len Wirt­schaft“[15] und ver­wan­delt ihren idea­lis­ti­schen Anti­ka­pi­ta­lis­mus so in einen natio­na­len. Rettung erhofft sie von einer „für­ein­an­der ein­ste­hen­den Gemein­schaft“, in der die Bürger sich im Geiste des Gemein­wohls zusam­men­fin­den, statt sich durch „dege­ne­rierte, unfä­hige Par­teien“ regie­ren oder in „Min­der­hei­ten“ spalten zu lassen.[16] Unwill­kür­lich denkt man an die Warnung Ralf Dah­ren­dorfs, gerade die Kon­flikt­scheu und die Idee der Volks­ge­mein­schaft speis­ten die illi­be­ra­len Sehn­süchte der Deut­schen.[17]

Monika Maron, „Kind von Kom­mu­nis­ten“[18] und doch nach ihren bio­gra­fi­schen Erfah­run­gen in der DDR strenge Anti­so­zia­lis­tin, findet für den Protest gegen die in ihren Augen deso­la­ten Ver­hält­nisse offen­bar keinen anderen Aus­gangs­punkt als den einer natio­na­len Oppo­si­tion. Während sie als Für­spre­che­rin der Wie­der­ver­ei­ni­gung 1989/​90 nach eigenem Bekun­den noch mit dem natio­na­len Denken frem­delte, ist es inzwi­schen offen­bar zur Prä­misse ihrer poli­ti­schen Welt­an­schau­ung gewor­den. Des­we­gen lehnt sie auch alle Ver­glei­che von ost­deut­schen Flücht­lin­gen mit solchen aus anderen Ländern als „unlau­ter und absurd“[19] ab. Wenn Maron andern­orts die angeb­lich unter Angela Merkel „sperr­an­gel­weit geöff­ne­ten Grenzen“ auch des­we­gen ver­ur­teilt, weil die „soziale Gerech­tig­keit“ ent­schei­dend durch die „illegal Ein­ge­wan­der­ten“[20] bedroht werde, dann sind zumin­dest die ersten Schritte getan auf dem Weg zum „solidarische[n] Patrio­tis­mus“[21], den Björn Höcke zum Pro­gramm der AfD erhoben hat und zur Reha­bi­li­ta­tion der natio­na­len „Sou­ve­rä­ni­tät“[22] im Namen des Sozia­len bei Sahra Wagenknecht.

In Marons jüngs­tem Zeit­ro­man Munin oder Chaos im Kopf (2018) gewin­nen ihre poli­ti­schen Äuße­run­gen in der Figur der Icher­zäh­le­rin lite­ra­ri­sche Gestalt. Die Prot­ago­nis­tin des Romans, die Jour­na­lis­tin Mina Funk, hat ähnlich unan­ge­nehme Begeg­nun­gen mit Kopf­tuch­frauen wie ihre Schöpferin:

Klopfte diese Angst nicht längst in meinem Kopf, wenn ich die abwei­sen­den Gesich­ter der kopf­tuch­tra­gen­den Frauen sah, die sich selbst in unserer Gegend mit jedem Tag, wie mir schien, ver­mehr­ten; oder wenn ich ihren Männern auf dem Gehweg aus­wei­chen musste, weil ich fürch­tete, sie würden mich sonst über den Haufen rennen; oder wenn ich auf dem Spiel­platz an der Ecke fast nur noch schwarz­haa­rige Kinder sah und mir aus­malte, wie die Stadt aus­se­hen würde, wenn sie alle erwach­sen wären und selbst wieder Kinder hätten? War es nicht so, dass die hun­derte Mil­lio­nen Söhne uns längst den Krieg erklärt hatten, und wir glaub­ten immer noch, sie ließen sich beschwich­ti­gen oder wir könnten sie besie­gen?[23]

Mina Funk fürch­tet sich vor dem, was in der Sprache neu­rech­ter Agi­ta­tion zurzeit als „Umvol­kung“ bezeich­net wird. Wenn sie sich ange­sichts von Kriegen, Ter­ror­an­schlä­gen und Ver­bre­chen auch in Deutsch­land in einer „Vor­kriegs­zeit“[24] wähnt, erin­nert dies an den Kul­tur­pes­si­mis­mus im rechts­in­tel­lek­tu­el­len Lager. Mina Funks Befürch­tung, die Deut­schen seien inzwi­schen zu gut­her­zig und zu fried­fer­tig, um den ver­meint­li­chen Angriff des Islams zurück­zu­schla­gen, ent­spricht der Warnung, die Botho Strauß in seiner Bekennt­nis­schrift Anschwel­len­der Bocks­ge­sang schon 1993 aus­ge­spro­chen hatte.[25] Ver­stärkt werden die Ängste der Jour­na­lis­tin noch dadurch, dass sie für einen Beitrag zu einer Fest­schrift die Geschichte des Drei­ßig­jäh­ri­gen Krieges recher­chiert und dabei viele Ähn­lich­kei­ten mit der Gegen­wart ent­deckt. Ihr Beitrag wird – wie in Zeiten ein­ge­schränk­ter Rede­frei­heit nicht anders zu erwar­ten – am Ende von den Her­aus­ge­bern unterdrückt.

Die Hand­lung des Romans ist schmal. Erzählt wird von einer geistig ver­wirr­ten Frau, die vom Balkon ihrer Wohnung aus die Nach­bar­schaft mit unschö­nem, aber lautem Gesang stört. Statt sich gemein­sam gegen den Lärm zu wehren, zer­strei­ten sich die Nach­barn in zwei Lager. Die Partei der wohl­ha­ben­den Alt­bau­be­woh­ner plä­diert mit bes­ser­wis­se­ri­scher Moral für Mensch­lich­keit und rechts­staat­li­che Normen. Die Mieter der Neu­bau­woh­nun­gen wollen die Sän­ge­rin hin­ge­gen mit fast allen Mitteln los­wer­den. Die Jour­na­lis­tin Mina Funk steht, obwohl eigent­lich zur bür­ger­li­chen Gesell­schaft gehörig, auf der Seite der ein­fa­chen, aber ehr­li­chen Leute, die im Zeichen des Pro­tests schwarz-rot-goldene Flaggen aus ihren Fens­tern hängen und deut­sche Volks­lie­der singen. Es ist keine allzu subtile Inter­pre­ta­tion nötig, um diese Geschichte als alle­go­ri­sche Dar­stel­lung der „Flücht­lings­krise“ und der Rolle von Monika Maron in der poli­ti­schen Debatte zu erkennen.

Einige Rezen­sio­nen legten nahe, man dürfe die Prot­ago­nis­tin des Romans nicht mit seiner Autorin ver­wech­seln. Die Figur der geheim­nis­vol­len, reden­den Nebel­krähe Munin, bei der Mina Funk im Gespräch Trost findet, erfülle die Funk­tion, die Per­spek­tive von Mona zur rela­ti­vie­ren und so das Zustan­de­kom­men von Res­sen­ti­ments vor­zu­füh­ren. Das Buch erzähle von der Gefahr, dif­fu­sen Ängsten freien Lauf zu lassen, und hebe sich deshalb wohl­tu­end von den ärger­li­chen, ste­reo­ty­pen Äuße­run­gen der Autorin ab.[26] Ob Autorin und Roman­prot­ago­nis­tin derart zu trennen sind, wird letzt­lich nur Monika Maron erklä­ren können. Jedoch findet sich im Text wenig Anhalt für eine solche Deutung. Die Krähe Munin, die wohl so etwas wie die höhere Ver­nunft der Natur ver­kör­pern soll, mildert die dif­fu­sen Ängste ihrer mensch­li­chen Freun­din nicht, sondern for­mu­liert sie eher noch dras­ti­scher. Einige ihrer Rat­schläge stammen aus dem Tra­di­ti­ons­fun­dus des Sozialdarwinismus:

Das dümmste Tier weiß, dass es nicht mehr Nach­kom­men haben darf, als es ernäh­ren kann. Ihr wisst das viel­leicht auch, aber euer Mensch­sein hindert euch, die sim­pels­ten Not­wen­dig­kei­ten ein­zu­se­hen. Und dann wundert ihr euch, wenn ihr immer wieder im Krieg landet.[27]

Auch die Erzäh­lung als Ganze weckt kaum Zweifel an der Welt­an­schau­ung der Heldin oder kon­fron­tiert sie mit glaub­wür­di­gem Wider­spruch. Die Befürch­tun­gen bewahr­hei­ten sich am Ende des Romans sogar, als in der Nach­bar­schaft kol­por­tiert wird, zwei Männer von „südländische[m] Typ“[28] hätten ver­sucht, eine Frau zu ver­ge­wal­ti­gen und dabei ihren kleinen Hund ermor­det. Mina Funk fühlt sich einmal mehr in ihrem Wunsch bestä­tigt, die „Mil­lio­nen“ von „jungen Männern“, die als Flücht­linge nach Deutsch­land gekom­men seien, wieder abzu­schie­ben. Als Indi­vi­duen tauchen diese Flücht­linge im ganzen Roman nicht auf. Sie bleiben – nach dem ras­sis­ti­schen Prinzip der kol­lek­ti­ven Dämo­ni­sie­rung – eine anonyme, feind­li­che Masse. Spä­tes­tens mit diesem Schluss erreicht Marons Roman ein frag­wür­di­ges lite­ra­ri­sches Niveau und nähert sich ihren res­sen­ti­ment­ge­la­de­nen publi­zis­ti­schen Äuße­run­gen an, etwa der über „die ein­ein­halb oder zwei Mil­lio­nen (so genau weiss es ja keiner) jungen Männer, die in den letzten drei Jahren ein­ge­wan­dert sind“[29].

Es ist nicht unpas­send, dass Monika Maron sich die Nebel­krähe zum Wap­pen­tier erkoren hat. Bildet doch für deren Popu­la­tion die Elbe eine Grenze wie einst für den Ost­block. Marons jüngste Samm­lung von Essays aus drei Jahr­zehn­ten unter dem Titel Krumme Gestal­ten, vom Wind gebis­sen ist im Verlag des Buch­hau­ses Losch­witz in Dresden erschie­nen, das sich in den ver­gan­ge­nen Jahren zum Begeg­nungs­zen­trum der rechts­in­tel­lek­tu­el­len Szene des Ostens ent­wi­ckelt hat. Maron hat die Essays, in denen sie sich früher kri­tisch mit der ost­deut­schen Men­ta­li­tät beschäf­tigt hatte, in den neuen Sam­mel­band nicht mehr auf­ge­nom­men. Gerade mit dem absto­ßends­ten Teil der neu­er­dings pro­pa­gier­ten „Ost­iden­ti­tät“, der natio­na­lis­ti­schen Bor­niert­heit, scheint sie im Alter ihren Frieden gemacht zu haben. Sie hat ihre „Zono­pho­bie“[30] über­wun­den – doch nur, um sich nun mit Stolz zu einer Angst vor dem Islam zu beken­nen, die leider oft dem Hass ähnelt.


[1] Monika Maron: Pegida ist keine Krank­heit, Pegida ist das Symptom. https://www.welt.de/debatte/kommentare/article135973630/Pegida-ist-keine-Krankheit-Pegida-ist-das-Symptom.html, 4.1. 2015.

[2] Ebenda.

[3] Ebenda.

[4] Monika Maron: Das neue Elend der Intel­lek­tu­el­len. In: Zwei Brüder. Gedan­ken zur Einheit 1989–2009. Mit Foto­gra­fien von Jonas Maron. Frank­furt am Main: S. Fischer, 2010, S. 43–55, hier S. 54 [zuerst in: taz, 6.2. 1990].

[5] Monika Maron: Warum bin ich selbst gegan­gen? In: Zwei Brüder, S. 33–39, hier S. 38 [zuerst in: Der Spiegel, 14.8. 1989].

[6] Maron: Pegida ist keine Krankheit.

[7] Monika Maron: Rede zum Lessing-Preis 2011 des Frei­staa­tes Sachsen. In: Krumme Gestal­ten, vom Wind gebis­sen. Essays aus drei Jahr­zehn­ten. Dresden: edition buch­haus losch­witz, 2020, S. 81–91, hier S. 89f.

[8] Maron: Unser gal­li­ges Geläch­ter. In: Krumme Gestal­ten, vom Wind gebis­sen. Essays aus drei Jahr­zehn­ten. Dresden: edition buch­haus losch­witz, 2020, S. 101–108, hier S. 105 [zuerst in: NZZ, 7.11. 2019].

[9] Ebenda, S. 91.

[10] Vgl. Volker Weiß: Die auto­ri­täre Revolte. Die Neue Rechte und der Unter­gang des Abend­lan­des. Stutt­gart: Klett-Cotta, 2017.

[11] Monika Maron: Links bin ich schon lange nicht mehr. https://www.nzz.ch/feuilleton/bundestagswahl-links-bin-ich-schon-lange-nicht-mehr-ld.1303513, 30.6. 2017.

[12] Maron: Unser gal­li­ges Geläch­ter, S. 107. Das „Gefühl“ taucht noch viel­fach auch in anderen Bei­trä­gen Marons zum Thema auf.

[13] Monika Maron: Im Osten nichts als Opfer? In: quer über die gleise. Artikel, Essays, Zwi­schen­rufe. Frank­furt am Main: S. Fischer, 2000, S. 131–138, hier S. 137 [zuerst in: Ber­li­ner Zeitung, Mai 1998].

[14] Monika Maron: Rede zum Höl­der­lin-Preis. In: Zwei Brüder, S. 187–195, hier S. 188.

[15] Ebenda, S. 190.

[16] Ebenda, S. 194f.

[17] Vgl. Ralf Dah­ren­dorf: Gesell­schaft und Demo­kra­tie in Deutsch­land. München: Piper, 1965.

[18] Monika Maron: Ich war ein anti­fa­schis­ti­sches Kind. In: Zwei Brüder, S. 7–29, hier S. 7.

[19] Monika Maron: Genau die Kanz­le­rin, die die Deut­schen woll(t)en.  https://www.welt.de/debatte/kommentare/article147213299/Genau-die-Kanzlerin-die-die-Deutschen-woll-t-en.html, 5.10. 2015.

[20] Maron: Links bin ich schon lange nicht mehr.

[21] Nie zweimal in den­sel­ben Fluss. Björn Höcke im Gespräch mit Sebas­tian Hennig. Mit einem Vorwort von Frank Böckel­mann. Lüding­hau­sen und Berlin: Manu­scrip­tum, 2. Aufl. 2018, S. 246.

[22] Sahra Wagen­knecht: Cou­ra­giert gegen den Strom. Über Goethe, die Macht und die Zukunft. Nach­ge­fragt und auf­ge­zeich­net von Florian Rötzer. Frank­furt am Main: Westend, 2017, S. 156.

[23] Monika Maron: Munin oder Chaos im Kopf. Roman. Frank­furt am Main: S. Fischer, 4. Aufl. 2018.

[24] Ebenda, S. 188.

[25] Vgl. Botho Strauß: Anschwel­len­der Bocks­ge­sang. In: Heimo Schwilk, Ulrich Schacht (Hg.): Die selbst­be­wusste Nation. „Anschwel­len­der Bocks­ge­sang“ und weitere Bei­träge zu einer deut­schen Debatte. Frank­furt am Main: Ull­stein, 3., erw. Aufl. 1995 [zuerst 1994], S. 19–40 [zuerst in: Der Spiegel, 8.2. 1993].

[26] Julia Encke, Neuer Roman von Monika Maron, Die Angst in ihrem Kopf, FAZ, 10.03.2018 https://www.faz.net/-gr0-97ycu

[27] Maron: Munin, S. 161.

[28] Maron: Munin, S. 207.

[29] Maron: Links bin ich schon lange nicht mehr.

[30] Vgl. Maron: Zono­pho­bie. In: Zwei Brüder, S. 79–89.