Falsche Feinde – Isla­mis­ten und Neue Rechte folgen den­sel­ben Vordenkern

Sayyid Qutb, Carl Schmitt, Alexis Carrel, Bild: aus Mate­rial von Olivier Carré et Gérard Michaud/​Gen. Stab. Lit. Anst.(CC BY-SA 4.0 ), via Wiki­me­dia Commons

Die Neue Rechte behaup­tet, west­li­che Werte gegen den poli­ti­schen Islam ver­tei­di­gen zu wollen. Dabei bezie­hen sich beide Bewe­gun­gen auf die­sel­ben Vordenker.

Das Poli­ti­sche am Islam ist die Scharia. Das ist ein Geset­zes­werk, das über Staats­auf­bau, Frau­en­rechte, demo­kra­ti­sche Gesell­schaft bestimmt und befin­det und das ist rund­her­aus mit unserem Wer­te­sys­tem nicht vereinbar.“

Wann immer Alex­an­der Gauland so etwas kon­sta­tiert, zitiert er gern auch einen pro­mi­nen­ten Zeugen: Den ira­ni­schen Revo­lu­ti­ons­füh­rer Kho­meini. Hat der den Kurs nicht selbst fest­ge­legt mit seinem Diktum: „Der Islam ist ent­we­der poli­tisch oder er ist nicht“? Im Gespräch zeich­net der AfD-Grande ein düs­te­res Bild von einer Reli­gion, die expan­diere. Von einem Land, das sich vor­aus­ei­lend unter­werfe, sich selbst aufgebe. Dessen maß­geb­li­che Reprä­sen­tan­ten, noch immer unter dem Schock von Ausch­witz, sich nicht trauten, ihre urei­gens­ten Inter­es­sen zu schüt­zen. Das nutzten die Muslime aus, ver­such­ten eine Über­nahme. Isla­mis­ten wie Erdogan ver­heim­lich­ten es nicht einmal mehr, dass sie mit­hilfe der Demo­kra­tie den Westen unter­wan­dern wollen. Geht es darum, die Ursache für den Auf­schwung des Islam zu ergrün­den, folgt Gauland den Thesen eines seiner Lieb­lings­schrift­stel­ler: Ernst Jünger – mit dem er selbst des Öfteren gespro­chen habe. Jünger, so unter­streicht er, beschreibe richtig den Abstieg, der einer Gesell­schaft blühe, in der es keine gelebte Spi­ri­tua­li­tät mehr gibt.

Kron­zeu­gen des Westens

Ob Denker wie der deut­sche Autor und Front­kämp­fer Jünger, der Phi­lo­soph Martin Hei­deg­ger oder der Staats­recht­ler Carl Schmitt: kon­ser­va­tive Autoren der 1920er und 1930ere Jahren stehen bei der Neuen Rechten wieder hoch in Kurs. Nicht nur in Deutsch­land. Auf einem Bil­dungs­kon­vent vor der letzten fran­zö­si­schen Prä­si­dent­schafts­wahl warnten Päd­ago­gen um die rechts­na­tio­nale Kan­di­da­tin Marine Le Pen vor einer „Isla­mi­sie­rung“ von Schulen und Uni­ver­si­tä­ten. Um Frank­reichs Über­le­ben willen, priesen sie als Gegen­mit­tel das Konzept des Eli­tis­mus an, der Her­an­bil­dung einer Meri­to­kra­tie – ori­en­tiert an den Ideen Alexis Carrels, eines 1944 gestor­be­nen fran­zö­si­schen Medi­zi­ner, Popu­lär­wis­sen­schaft­lers und Vichy-Kol­la­bo­ra­teurs. Was Alex­an­der Gauland, Marine Le Pen und ihren poli­ti­schen Freun­den anschei­nend nicht auf­fällt: Die Denker, die ihnen und anderen als die Ver­tei­di­ger west­li­cher Werte gelten, haben west­li­che Werte stets bekämpft.

Ernst Jünger sah in der Fran­zö­si­schen Revo­lu­tion, dem Verlust des Got­tes­gna­den­tums, die Ursünde der Neuzeit. Und ein Blick in Alexis Carrels Best­sel­ler ‚Der Mensch, das unbe­kannte Wesen‘ offen­bart dessen Klage über den Säku­la­ris­mus. Frauen wollten, ent­ge­gen den Natur­ge­set­zen, die Männer imi­tie­ren, statt Kinder zu erzie­hen. Die Jugend ver­weich­li­che indes­sen durch Demo­kra­tie und Libe­ra­lis­mus und zu viel Weiß­brot. Bald werde sie in ihrer Deka­denz akti­ve­ren, här­te­ren Völkern hilflos aus­ge­lie­fert sein. Zur Rettung emp­fiehlt er: Kampf- und todes­be­reite junge Euro­päer sollten sich in kleinen Zellen von der deka­dent gewor­de­nen Gesell­schaft iso­lie­ren und sie im nächs­ten Schritt, wenn nötig, durch Gewalt und Terror auf den rechten Weg zurückzwingen.

Kron­zeu­gen des Ostens

Dass das mit west­li­chen Werten nichts zu tun hat, ist anderen ganz deut­lich auf­ge­fal­len. Jenen nämlich, die die Neuen Rechten zu ihren schlimms­ten Feinden zählen: Den Vor­den­kern des poli­ti­schen Islam. Zum Bei­spiel Sayyid Qutb, Beamter im ägyp­ti­schen Bil­dungs­mi­nis­te­rium, Mus­lim­bru­der und Jour­na­list. 1962 ver­öf­fent­licht er sein Buch „Der Islam und die Pro­bleme der moder­nen Zivi­li­sa­tion“. Darin ruft er den Dschi­had gegen all jene ara­bi­schen Regie­run­gen aus, die das Got­tes­gna­den­tum auf­ge­ben – Qutb spricht von der Sou­ve­rä­ni­tät Gottes – und sich der unhei­li­gen „Volks­herr­schaft“ unter­wer­fen. Zwar bezieht er sich dabei auf den Koran und andere isla­mi­sche Quellen. Vor allem ist sein Buch aber gespickt mit Zitaten Alexis Carrels – für ihn ein Kron­zeuge öst­li­cher Werte. Die Zivi­li­sa­ti­ons­kri­tik des Medi­zi­ners belegt in seinen Augen, dass selbst gefei­erte Natur­wis­sen­schaft­ler des Westens ihre Gesell­schaf­ten auf dem Weg zum Abgrund sehen. Frei nach Carrel ruft der Mus­lim­bru­der die Gläu­bi­gen auf, kleine, welt­ab­ge­schie­dene Zellen zu bilden, die die ungläu­big gewor­dene Gesell­schaft auf den rechten Pfad zurück­bringt. Dafür lässt das Nasser-Régime ihn 1968 hinrichten.

Qutbs Bruder Moham­med lehrt die Thesen seines hin­ge­rich­te­ten Bruders in den 1970er Jahren an der Uni­ver­si­tät von Dschidda weiter – wo einer seiner Stu­den­ten namens Osama Bin Laden die Idee der kleinen, kampf­be­rei­ten Ter­ror­zel­len ver­nimmt. Alexis Carrel wird auch für Ali Scha­riati zum Idol. Der Iraner, der in Paris stu­diert hat, ent­wi­ckelt sich zwi­schen 1960 und 1970 zum Theo­re­ti­ker der isla­mi­schen Revo­lu­tion. In seinen Ver­öf­fent­li­chun­gen greift Scha­riati die Idee vom Kampf gegen den Säku­la­ris­mus auf und ver­quickt sie mit dem Mär­ty­rer­kult der schii­ti­schen Theologie.

Das isla­mi­sche 1968: Hei­deg­ger-Hype in Teheran

Das, was Carrel und andere west­li­che Anti­west­ler als Schreck­ge­spenst an die Wand malen – die Selbst­ver­nich­tung des Abend­lan­des – ist 1968 für viele ira­ni­sche Intel­lek­tu­elle schon längst gesche­hen: Der Orient hat sich abge­schafft. Die Geist­li­chen: igno­riert, bespöt­telt, an den Rand gedrückt. West­li­che Moden sind all­ge­gen­wär­tig. Kinos, Radio und kurze Röcke. Technik und Mate­ria­lis­mus erset­zen Glauben und ange­stammte Werte.

Doch Hoff­nung naht: „Ich sehe (...) im Wesen der Technik den ersten Vor­schein eines sehr viel tie­fe­ren Gescheh­nis­ses, das ich ‚das Ereig­nis‘ nenne“, hört der ira­ni­sche Phi­lo­soph Ahmad Fardid bei Martin Hei­deg­ger und ist fas­zi­niert. Das Ereig­nis, also die Besin­nung einer Gesell­schaft auf sich selbst und ihre ange­stamm­ten kul­tu­rel­len Wurzeln, trägt für Fardid und viele andere bald einen Namen: Ruhol­lah Kho­meini. Fardid gehört zu den Begrün­dern der ira­ni­schen Hei­deg­ger-Schule. Am Vor­abend der ira­ni­schen Revo­lu­tion bricht unter den Geis­tes­wis­sen­schaft­lern ein regel­rech­ter Hype um den Phi­lo­so­phen aus. Wer Hei­deg­ger ablehnt, wird 1968 in Teheran oft nie­der­ge­brüllt. Die „Mao-Bibel“ der isla­mi­schen Revo­lu­tion hat da bereits der Jour­na­list Al-e-Ahmed unter dem Namen ‚Ver­west­gif­tung‘ geschrie­ben. Ent­stan­den ist das Werk, wie Ahmed selbst berich­tet, durch die Beschäf­ti­gung mit Ernst Jünger, genauer: mit dessen Demokratie‑, Libe­ra­lis­mus- und Technik-Kritik. Der deut­sche Tra­di­tio­na­list begeis­tert Al-e-Ahmed derart, dass er ihn mit­hilfe eines befreun­de­ten Ger­ma­nis­ten ins Per­si­sche über­setzt. Unter Kho­mei­nis Gefolgs­leu­ten wird ‚Ver­west­gif­tung‘ zur Pflichtlektüre.

Der Scharia-Islam sei nicht mit unserem Wer­te­sys­tem ver­ein­bar, sagt Alex­an­der Gauland und bezieht sich dabei auf Kho­meini. Der Aya­tol­lah hätte sicher zuge­stimmt. Und womög­lich sogar Gau­lands Lieb­lings­au­tor zitiert, etwa Ernst Jüngers Klagen über den west­li­chen Athe­is­mus, den Säku­la­ris­mus, die Fran­zö­si­sche Revolution.

Was aber würde Jünger selbst dazu sagen? Viel­leicht wie­der­ho­len, was er schon gesagt hat:

In einem athe­is­ti­schen Staats­we­sen gibt es nur eine Sorte von Eiden, die gültig sind, das sind die Mein­eide. Alles andere ist Sakri­leg. Dem Türken dagegen kann man schwö­ren und mit ihm Eide wech­seln; das ist Tausch ohne Betrug.“


Für eine Ver­tie­fung mit dem Thema emp­feh­len wir ein ein­stün­di­ges Radio-Feature des Autors, das unter dem Titel „Rechts­pop und Dschi­had – Die gemein­sa­men Quellen von Islam­hassern und Isla­mis­ten“ beim WDR gesen­det wurde.