Feind­bild „Gender“ – Angriff auf die Vielfalt

Eine Demons­tra­tion gegen „Gender-Ideo­lo­gie“ im Juni 2014 in Stutt­gart. Foto: Demo für Alle, CC BY-SA 2.0

Das Feind­bild „Gender“ ver­bin­det neu­rechte und rechts­ex­treme mit bür­ger­li­chen Akteur*innen. Dabei wird der Begriff ver­schwö­rungs­theo­re­tisch zur Ideo­lo­gie erhoben und als Chiffre für libe­rale Geschlech­ter­po­li­ti­ken zurückgewiesen.

Die Infra­ge­stel­lung und Libe­ra­li­sie­rung einst stren­ger Geschlech­ter­nor­men diente anti­li­be­ra­len Akteu­ren seit jeher für Pole­mi­ken gegen eine angeb­lich wider­na­tür­li­che Ordnung der Geschlech­ter (siehe etwa Planert 1998; Dohm 1902). Die Agi­ta­tion der ver­gan­ge­nen zwei Jahr­zehnte ist geprägt von Angrif­fen gegen „Gender“ und erfand den Begriff des „Gen­de­ris­mus“. Anfein­dun­gen kommen aus unter­schied­li­chen poli­ti­schen und welt­an­schau­li­chen Rich­tun­gen – das Thema eint Kon­ser­va­tive, reli­giöse Fundamentalist*innen, Neue Rechte und Rechts­ex­treme –, ähneln sich dabei jedoch in Argu­men­ta­tion und rhe­to­ri­schen Figuren. Ins­be­son­dere der zum Feind­bild erklärte Begriff „Gender“ erfuhr eine unge­heure Pro­mi­nenz in den Debat­ten – als Con­tai­ner­be­griff für die Ableh­nung gesell­schaft­li­cher Libe­ra­li­sie­run­gen der ver­gan­ge­nen fünf Jahrzehnte.

Die Gender-Ideo­lo­gie und die damit ver­bun­dene Früh­se­xua­li­sie­rung, staat­li­che Aus­ga­ben für pseu­do­wis­sen­schaft­li­che ‚Gender-Studies‘, Quo­ten­re­ge­lun­gen und eine Ver­un­stal­tung der deut­schen Sprache sind zu stoppen.“ (AfD-Grund­satz­pro­gramm, Juni 2016)

Dabei steht der Begriff „Gender“ in den Sozi­al­wis­sen­schaf­ten zunächst ledig­lich für die Vor­stel­lung der sozia­len Gewor­den­heit von Geschlecht. Geschlecht ist damit nichts „natur­haft“ gege­be­nes, sondern wird macht­voll und im jewei­li­gen sozia­len und his­to­ri­schen Kontext immer wieder auf ein Neues hergestellt.

Gender“ als Chiffre ent­springt jedoch nicht etwa der neu­rech­ten Theo­rie­pro­duk­tion. Erste feind­bild­ge­son­nene Debat­ten­bei­träge kamen aus Rich­tung der katho­li­schen Kirche, die sich an der Ver­ab­schie­dung von Gender Main­strea­ming zur För­de­rung der Gleich­stel­lung der Geschlech­ter auf der Pekin­ger Welt­frau­en­kon­fe­renz 1995 sowie im Rahmen des Ams­ter­da­mer Ver­trags störte. So heißt es in einem Schrei­ben des Papstes an die Bischöfe:

Diese Anthro­po­lo­gie, die Per­spek­ti­ven für eine Gleich­be­rech­ti­gung der Frau fördern und sie von jedem bio­lo­gi­schen Deter­mi­nis­mus befreien wollte, inspi­riert in Wirk­lich­keit Ideo­lo­gien, die zum Bei­spiel die Infra­ge­stel­lung der Familie, zu der natur­ge­mäß Eltern, also Vater und Mutter, gehören, die Gleich­stel­lung der Homo­se­xua­li­tät mit der Hete­ro­se­xua­li­tät sowie ein neues Modell poly­mor­pher Sexua­li­tät fördern.“ (Schrei­ben an die Bischöfe der katho­li­schen Kirche über die Zusam­men­ar­beit von Mann und Frau in der Kirche und in der Welt, Mai 2004)

Gender“ wird unter­stellt, die ‚natür­li­che‘, hier got­tes­ge­wollte Ordnung der Geschlech­ter zu zer­stö­ren, Unfrie­den zwi­schen den Geschlech­tern zu stiften und Sexu­al­nor­men zu ver­let­zen. Die Ver­tre­ter der katho­li­schen Kirche trafen und treffen sich mit ihrer Argu­men­ta­tion mit Kritiker*innen unter­schied­li­cher poli­ti­scher Pro­ve­ni­enz (ver­tie­fend hierzu: Frey et al 2014). Der Kon­ser­va­tive Volker Zastrow etwa ver­fasste im Juni 2006 einen dis­kurs­prä­gen­den Beitrag in der FAZ. Unter dem Titel „Gender Main­strea­ming. Die poli­ti­sche Geschlechts­um­wand­lung“ nahm er vieles von dem vorweg, was in den fol­gen­den Jahren „Gender“ zur Last gelegt wurde: Intrans­pa­rent, durch die Hin­ter­tür, solle ver­sucht werden, Geschlech­ter­iden­ti­tä­ten auf­zu­lö­sen und Men­schen macht­voll in ‚wider­na­tür­li­che‘ Rollen zu erzie­hen. Später waren es ins­be­son­dere katho­li­sche Fundamentalist*innen wie Gabriele Kuby und Inge Thür­kauf, die den Begriff des „Gen­de­ris­mus“ prägten. Er soll die Omni­po­tenz und vor allem die plan­volle Durch­drin­gung sämt­li­cher Lebens­be­rei­che durch eine angeb­li­che „Gender-Ideo­lo­gie“ beschreiben.

Die Gegner*innen sexu­el­ler und geschlecht­li­cher Viel­falt ver­bin­den Gender gleich mit dem Schreck­ge­spenst der Auf­lö­sung ganzer Gesell­schafts­ord­nun­gen: „Die Gender-Ideo­lo­gie (...) zer­stört das Wer­te­fun­da­ment unserer Gesell­schaft. (...) dann ist der Kul­tur­ver­fall unaus­weich­lich“, heißt es bei einem Bündnis „Besorg­ter Eltern“ aus Köln, die damit gegen staat­li­che Bil­dungs- und Gleich­stel­lungs­po­li­ti­ken demons­trie­ren. Es sind Anlässe rund um die Sicht­bar­keit geschlecht­li­cher und sexu­el­ler Viel­falt und Selbst­be­stim­mung, die den Gegner*innen pro­gres­si­ver Geschlech­ter­po­li­ti­ken in den ver­gan­ge­nen Jahren zur Mobi­li­sie­rung dienten: die Ver­an­ke­rung sexu­el­ler und geschlecht­li­cher Viel­falt in den Bil­dungs­plä­nen der Länder, die Ver­ab­schie­dung der Ehe für alle, die Libe­ra­li­sie­rung der Para­gra­phen 218 und 219a (Schwan­ger­schafts­ab­bruch). Nicht immer wird die Ableh­nung offen kom­mu­ni­ziert. So wird bei­spiels­weise die Ver­tei­di­gung der hete­ro­se­xu­el­len Familie betont, statt laut­stark andere Lebens­for­men abzu­leh­nen. (vgl. Notz 2015) Ihnen gelin­gen klei­nere Ach­tungs­er­folge, etwa wenn Geset­zes­vor­ha­ben ver­zö­gert werden oder ein Minis­te­rium eine Bro­schüre vom Markt nimmt, nachdem pro­mi­nente Vielfaltsgegner*innen der Publi­ka­tion die „Früh­se­xua­li­sie­rung“ von Kindern vor­ge­wor­fen hatten (vgl. Lang 2019).

Über poli­ti­sche Lager hinweg wird hier ein Diskurs über die Ordnung der Geschlech­ter, die recht­li­che Aner­ken­nung gleich­ge­schlecht­li­cher Part­ner­schaf­ten sowie nicht-nor­ma­tive Lebens­wei­sen geteilt und gespeist. Den Vertreter*innen der Neuen Rechten dient der Anti-„Genderismus“ indes­sen dazu, sich als Teil eines breiten gesell­schaft­li­chen Bünd­nis­ses zu wähnen. Eine Selbst­in­sze­nie­rung, die die Anschluss­fä­hig­keit rechter Dis­kurse und Poli­ti­ken an eine bür­ger­li­che Mitte vor­an­trei­ben soll.

Lite­ra­tur:

Dohm, Hedwig (1902): Die Anti­fe­mi­nis­ten. Ein Buch der Ver­tei­di­gung. Berlin.

Frey, Regina/​ Gärtner, Marc/​ Köhnen, Manfred/​ Scheele, Sebas­tian (2014): Gender, Wis­sen­schaft­lich­keit und Ideo­lo­gie. Argu­mente im Streit um Geschlech­ter­ver­hält­nisse, Hein­rich-Böll-Stif­tung, Schrif­ten des Gunda-Werner-Insti­tuts, Berlin. https://www.gwi-boell.de/sites/default/files/gender_wissenschaftlichkeit_und_ideo logie_2aufl.pdf (Abruf: 12.9.2019).

Lang, Juliane (2019): Geschlecht als Kampf­arena. Beitrag im Rahmen des „weiterdenken“-Dossiers „Politik im auto­ri­tä­ren Sog“. URL: https://www.gwi-boell.de/de/2019/07/03/geschlecht-als-kampfarena (Abruf: 12.9.2019).

Notz, Gisela (2015): Kritik des Fami­lis­mus. Theorie und soziale Rea­li­tät eines ideo­lo­gi­schen Gemäl­des. Stutt­gart: Schmet­ter­ling Verlag.

Planert, Ute (1998): Anti­fe­mi­nis­mus im Kai­ser­reich. Diskurs, soziale For­ma­tion und poli­ti­sche Men­ta­li­tät. Göttingen.