Ernst Jünger und Joseph Wulf: Was nicht gesagt wurde

Die Brief­freund­schaft zwi­schen Ernst Jünger und Joseph Wulf gehört zu den unge­wöhn­li­che­ren Schrift­ver­keh­ren der Nach­kriegs­zeit. Der nun ver­legte Brief­wech­sel ist nicht nur eine wich­tige Quelle zur Geschichte der Bun­des­re­pu­blik der 1960er und 1970er Jahre, er trägt auch zum Ver­ständ­nis des „Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­tio­närs“ Jünger bei.

Die Brief­freund­schaft zwi­schen dem Vor­den­ker der Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­tion und völ­kisch-natio­na­lis­ti­schen Schrift­stel­ler Ernst Jünger und dem jüdi­schen Ausch­witz-Über­le­ben­den und Pionier der his­to­ri­schen Erfor­schung der Shoah, Joseph Wulf, gehört zu den unge­wöhn­li­che­ren Schrift­ver­keh­ren der Nach­kriegs­zeit. In der Wulf-Bio­gra­phik durch­aus bekannt, hat der Brief­wech­sel in der Jünger-For­schung keinen großen Ein­druck hin­ter­las­sen. Des­we­gen ist es umso erfreu­li­cher, dass der Schrift­ver­kehr jetzt in einer eigenen Edition vor­liegt. Der fol­gende Beitrag stellt einige Über­le­gun­gen zum Umgang von Ernst Jünger mit Joseph Wulf an, und stellt die Frage, was sich aus der Aus­ein­an­der­set­zung der beiden über Jünger ablesen lässt.

Zur Ent­ste­hung lässt sich sagen, dass der Kontakt von Wulf gesucht wurde. Wulf ver­ehrte Jüngers lite­ra­ri­sches Werk und meinte in dem aris­to­kra­tisch-faschis­ti­schen Schrift­stel­ler einen auf­rech­ten und, wie er häufig schreibt, sou­ve­rä­nen Mann vor­zu­fin­den, der seiner poli­ti­schen Gesin­nung zum Trotz sich nicht dem Natio­nal­so­zia­lis­mus ange­schlos­sen hatte. Wulf war der Über­zeu­gung, dass dies auf­grund der cha­rak­ter­li­chen Stärke Jüngers der Fall gewesen sei. Die Gründe, warum Jünger sich trotz seiner deut­li­chen Sym­pa­thien für den Natio­nal­so­zia­lis­mus diesem dann doch nicht anschloss, hin­ter­fragt Wulf nicht. Die Ver­eh­rung des Schaf­fens Jüngers über­trug sich auch auf dessen Person, wie aus dem Brief­wech­sel ver­schie­dent­lich her­vor­geht. Ange­sichts des Text­an­teils lässt sich ver­mu­ten, dass Wulf mehr am Kontakt zu Jünger lag, als umge­kehrt. Während Wulf aus­führ­lich und relativ lange Briefe schreibt, die von Begeis­te­rung und Hoch­ach­tung vor Jünger nur so strot­zen, fallen Jüngers Ant­wor­ten hin­ge­gen knapp und sach­lich aus. Wulf redet Jünger immer wieder mit „lieber, ver­ehr­ter Herr Jünger“ an, umge­kehrt spricht Jünger ihn nur mit „lieber Herr Wulf“ an. Zwar bekun­det er immer wieder Inter­esse an der Arbeit Wulfs, die eine geschichts­wis­sen­schaft­li­che Pio­nier­leis­tung auf dem Feld der Erfor­schung der Ver­nich­tung der euro­päi­schen Juden dar­stellt. Die Arbei­ten Wulfs sind umso bemer­kens­wer­ter, wenn man bedenkt, dass er diese als Pri­vat­ge­lehr­ter leis­tete und nicht als Teil eines Insti­tu­tes oder Lehr­stuhls. Es finden sich keine aus­führ­li­che­ren Äuße­run­gen zu den Arbei­ten oder Fragen seitens Jüngers, und wenn, dann will er wissen, was denn gegen Werner Best, den Ver­tre­ter Rein­hard Heyd­richs, „vor­liege“.

Wulf stellt Jünger immer wieder Fragen zu dessen Ein­schät­zun­gen, wie er bei­spiels­weise über die Person Hitler nach­denke. Jünger ant­wor­tet lapidar, dass ihm zu Hitler nichts ein­falle, und ihn die Ereig­nisse der Ver­gan­gen­heit auch immer unwich­ti­ger erschie­nen. Aller­dings gesteht er Wulf zu, dass dieser das ange­sichts seiner Bio­gra­phie und seines Berufs als „Doku­men­ta­tor“ wohl anders sehe. Schreibt Wulf bestürzt, dass die Ohr­feige Beate Klars­felds gegen Kurt Georg Kie­sin­ger wohl mehr zur Auf­ar­bei­tung der deut­schen Ver­gan­gen­heit bei­tra­gen würde als all seine Bücher, ver­steht Jünger auch dies als Reak­tion des nicht-deut­schen Juden, der keinen posi­ti­ven Blick auf Deutsch­land haben könne. Während Wulf immer wieder ver­sucht, die Auf­ar­bei­tung der Shoah als Uni­ver­sa­lie zu sichern, zieht sich Jünger auf sein Deutsch­sein zurück, das es ihm ver­bie­ten würde, bei­spiels­weise das Ver­hal­ten der deut­schen Gene­ra­li­tät im Zweiten Welt­krieg kri­tisch zu betrach­ten. Mehr noch sei es sein sol­da­ti­sches Selbst­bild, das hier unre­flek­tiert aus ihm spräche.

Es scheint, als ob Jünger jeden kri­ti­schen Impuls Wulfs abweh­ren müsse. Die Fragen, Anmer­kun­gen und Anre­gun­gen, die Wulf anbringt, seien, so Jünger, in Brief­form gar nicht zu behan­deln. Er leugnet die Ereig­nisse nicht, redet sie nicht klein oder rela­ti­viert sie – er spricht gar nicht erst über sie. Zu Beginn des Brief­wech­sels ver­si­chert er Wulf, dass sie sich in der Beur­tei­lung einig seien. Dabei bleibt es aber. Es gibt keine Aus­füh­run­gen dazu, worüber man sich einig sei. Jünger erwähnt die Ver­nich­tung der euro­päi­schen Juden mit keinem Wort. Liest man Jüngers Ant­wor­ten auf die Briefe Wulfs und dessen her­aus­for­dernde Fragen, so kann man sich des Ein­drucks nicht erweh­ren, dass Jünger der Auf­fas­sung ist, dass ihn das im Grunde alles gar nichts anginge. Jünger insze­niert sich in den Briefen als der sou­ve­räne Solitär, der weder im Fern­se­hen auf­tre­ten will, weil er das Medium ver­achte, noch Zeit habe, sich mit Hitler aus­ein­an­der­zu­set­zen. Wulf selbst musste sich als ein­sa­mer Strei­ter wahr­neh­men, erfuhr er doch kaum Unter­stüt­zung bei seiner Arbeit. Wulf erkannte wohl in der Rolle des Außen­sei­ters eine Ähn­lich­keit zwi­schen sich und Jünger.

Es ist an dieser Stelle zwar spe­ku­la­tiv, aber man könnte die These auf­stel­len, dass Jünger sich auf die Dis­kus­sion nicht ein­lässt, weil er seinen Teil dazu bei­getra­gen hat, den intel­lek­tu­el­len Nähr­bo­den für den Unter­gang der Wei­ma­rer Repu­blik mit zu berei­ten, und damit dem Auf­stieg des Natio­nal­so­zia­lis­mus gehol­fen hat, auch wenn er sich diesem nicht ange­schlos­sen hatte. All dem geht Jünger immer wieder aus dem Weg. Statt­des­sen betont er, dass es viel wich­ti­ger sei, dass die beiden sich im Mensch­li­chen ange­nehm seien. Worin diese mensch­li­che Nähe bestan­den hat, geht aus den Briefen Jüngers nicht hervor. Schreibt Wulf aber bei­spiels­weise über die Ver­nich­tung seiner gesam­ten Familie in Ausch­witz und ange­sichts dessen über die Freude, eine Enkelin zu haben, „eine leben­dige Wulf“, geht Jünger mit keiner Silbe auf diese Stellen ein.

Jünger akzep­tiert Wulfs diver­gie­rende Hal­tun­gen und respek­tiert, dass Wulf als Über­le­ben­der von Ausch­witz anders auf die unmit­tel­bare Ver­gan­gen­heit blickt, als er, der Ver­fas­ser von anti­se­mi­ti­schen Schrif­ten und Denker des anti­li­be­ra­len, auto­ri­tä­ren Gemein­we­sens. Mit Wulf ein Opfer dieses Denkens zu kennen, löst bei Jünger keine Refle­xion oder deut­lich selbst­kri­ti­schen Äuße­run­gen aus. Ganz im Sinne des Dezisio­nis­mus ist Wulf eben ein anderer sou­ve­rä­ner Solitär, der dem eigenen fremd gegen­über­steht, den man aber respek­tie­ren muss. Wulf musste aus seiner Recher­che über die Kultur und Schrift­stel­ler im „Dritten Reich“ wissen, welche Schrif­ten Jünger ver­fasst hatte („Über Natio­na­lis­mus und Juden­frage“), und in welchen Kon­tex­ten Jünger publi­zierte („Die Stan­darte“, „Armi­nius“, „Die Kom­men­den“, „Vor­marsch – Blätter der natio­na­lis­ti­schen Jugend“). Dass Jünger trotz seines unmiss­ver­ständ­lich vor­ge­tra­ge­nen Hasses auf die Demo­kra­tie und die libe­rale Moderne im Natio­nal­so­zia­lis­mus nicht mittat, sondern diesen als „zu flach“ ablehnte, musste für Wulf aus­ge­reicht haben. Es stellt sich die Frage, ob Wulf bei all der Ver­eh­rung für Jünger ent­gan­gen ist, dass er es im Grunde mit einem Natio­nal­so­zia­lis­ten avant la lettre zu tun hatte, der sich elitär von der Bewe­gung absetzte, weil er dort mit seinem aris­to­kra­ti­schen Selbst­bild keinen rechten Anschluss finden konnte. Wulf, so fasst es sein Bio­graph Klaus Kempter zusam­men, ließ sich von Jünger nicht nur blenden, er wollte sich auch blenden lassen. Wulf empfand es als schick, den streit­ba­ren Lite­ra­ten Jünger zu kennen. Mit diesem Umstand scho­ckierte er immer wieder gerne seine links­li­be­ra­len Freunde.

Der Brief­wech­sel ist eine wich­tige Quelle zur Geschichte der Bun­des­re­pu­blik der 1960er und 1970er Jahre. Zum einen lässt sich an den Briefen Jüngers ablesen, in welcher Unbe­schol­ten­heit ein Vor­den­ker des Natio­nal­so­zia­lis­mus in Deutsch­land leben konnte, und welche Ver­eh­rung ihm zuteil­wurde. Wulf ist bei weitem nicht der einzige gewesen, der nach Wil­fin­gen „pil­gerte“, wo Jünger seinen Alters­sitz hatte. Auf der anderen Seite wird an der Person deut­lich, welchen Stand die Auf­ar­bei­tung der Ver­nich­tung der euro­päi­schen Juden in Deutsch­land hatte. Es war lange Zeit die Arbeit von iso­lier­ten Ein­zel­gän­gern wie Wulf.

Ernst Jünger – Joseph Wulf: Der Brief­wech­sel 1962–1974. Hrsg. von Anja Keith und Detlev Schött­ker. Vit­to­rio Klos­ter­mann, Frank­furt a.M. 2019, 168 S., 29,80 Euro.