Corona-Pro­teste: Eine Quer­front gegen die Vernunft

Bill Gates avan­cierte zum Lieb­lings­feind der Corona-Leugner. Foto: Jonas Fedders

Vom Netz auf die Straße: In Berlin ver­sam­meln sich Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker, um gegen die „Corona-Dik­ta­tur“ aufzubegehren. 

Es ist eine bemer­kens­werte Mélange, die sich seit einigen Wochen jeden Samstag in Berlin ver­sam­melt: Da treffen sich alte Linke, die Rosa Luxem­burgs Andenken hoch­hal­ten wollen und „Nie wieder Faschis­mus“ skan­die­ren, Anhän­ger von Trump und der AfD, aber auch Chris­ten in Jute­sä­cken. Sie alle wähnen sich im Wider­stand gegen die „Corona-Dik­ta­tur“. Auf T‑Shirts und Pla­ka­ten sieht man Slogans wie „Impf­ter­ro­ris­mus“, „No war“ oder „Lieber Tiere frei­las­sen als Men­schen ein­sper­ren“. Und, auch das darf nicht fehlen: „Ami go home“.

Beglei­tet wird die Demons­tra­tion von einer Viel­zahl „alter­na­ti­ver Medien“, dar­un­ter Compact-TV und KenFM. Dazu gesel­len sich AfD-nahe You­tuber wie Carolin Matthie oder der „Digi­tale Chro­nist“, die per Live­stream ihren Anhän­gern Ein­drü­cke vom Kampf an der Corona-Front ver­mit­teln. Auch der wegen Holo­caust­leug­nung ver­ur­teilte Neonazi Nikolai Nerling, der mit seinem Youtube-Kanal „Der Volks­leh­rer“ einige Berühmt­heit erlangte, schaute ver­gan­ge­nen Samstag vorbei. Er halte sehr viel von den Corona-Maß­nah­men, sagt er im Inter­view mit KenFM. Denn da die Men­schen zuhause bleiben müssten, hätten sie Zeit, sich Gedan­ken zu machen und „auf­zu­wa­chen“. Gleich­zei­tig befürchte er, mit den Pro­tes­ten in Berlin könne eine „gesteu­erte Oppo­si­tion“ auf­ge­baut werden.

Russia Today berich­tet eben­falls regel­mä­ßig über die Ver­samm­lung am Rosa-Luxem­burg-Platz, letzten Samstag war zudem der rus­si­sche Erste Kanal (Perwy kanal) vor Ort. Der in Russ­land popu­läre Fern­seh­sen­der hat sich in der Ver­gan­gen­heit unter anderem mit Falsch­mel­dun­gen über den „Fall Lisa“ als Kreml-nahes Pro­pa­ganda- und Des­in­for­ma­ti­ons­or­gan hervorgetan.

Hinter der Ver­samm­lung steht der Dra­ma­turg Anselm Lenz und sein neu gegrün­de­ter Verein „Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stelle Demo­kra­ti­scher Wider­stand“. Im Online-Magazin Rubikon, das sonst auch schon mal AIDS-Leug­nern eine Platt­form bietet, breitet er seine Welt­sicht aus: Bei Covid-19 handele es sich um eine „ver­gleichs­weise milde Infekt­welle“, so Lenz. „Mit einiger Sicher­heit kann mitt­ler­weile gesagt werden, dass es sich bei Covid-19 nicht um einen Virus handelt, der Hun­dert­tau­sende Men­schen dahin­raf­fen kann.“ Jeden­falls recht­fer­tige das Virus nicht das „de facto-dik­ta­to­ri­sche Not­stands­re­gime“ und die „maßlose Faschi­sie­rung des zivilen Lebens“. Hinter den Maß­nah­men zur Ein­däm­mung von Corona ver­mu­tet Lenz wahl­weise einen „Kom­plott glo­ba­ler Kon­zerne“ oder „Panik­at­ta­cken über­al­te­ter Eliten“: „Im Grunde ver­si­chern sich die Eliten noch einmal ihrer eigenen Macht, indem sie den Aus-Knopf drücken“.

Lenz bezeich­net sich selbst als links und nennt die Pro­teste „anti­fa­schis­tisch“. Tat­säch­lich zieht die Ver­samm­lung aller­dings zuneh­mend Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker jeg­li­cher Couleur an. Ganz ohne Wider­spruch bleibt das nicht, aber der gemein­same Feind ist stärker: Als eine Teil­neh­me­rin sich ver­gan­ge­nen Samstag beschwert, dass auf der Ver­an­stal­tung rechte Medien wie die Compact bewor­ben würden, wird ihr ent­ge­gen­ge­hal­ten: „Wir haben keine Zeit mehr, über rechts und links zu diskutieren!“

Der rechts­ex­treme „Volks­leh­rer“ im Gespräch mit KenFM. Foto: Jonas Fedders

Die krude Mischung erin­nert an die „Mahn­wa­chen für den Frieden“, die 2014 bun­des­weit auf die Straße gingen, um vor­geb­lich für den Frieden in der Ukraine zu demons­trie­ren. In Wahr­heit bildete sich auch dort von Beginn an eine anti-west­li­che Quer­front. Auch damals legten viele Teil­neh­mer Wert darauf, nicht rechts und nicht links zu sein – ihnen galt die Ein­tei­lung in poli­ti­sche Lager als Mittel der „Herr­schen­den“, um das Volk zu spalten. Nicht wenige Beob­ach­ter sahen in den „Mahn­wa­chen“ einen Weg­be­rei­ter für die spä­te­ren Pegida-Demons­tra­tio­nen. Es ist damals wie heute das anti­auf­klä­re­ri­sche Res­sen­ti­ment, das die ver­schie­de­nen poli­ti­schen Lager vereint: gegen „die da oben“, gegen die Medien, gegen die libe­rale Demo­kra­tie, gegen die Vernunft.

Wer am ver­gan­ge­nen Samstag den Gesprä­chen der auf­ge­brach­ten Demons­tra­ti­ons­teil­neh­mer zuhört, bekommt eine ganze Menge Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen zu hören. Manche glauben, alles sei eine große Lüge, das Virus exis­tiere gar nicht. Andere gehen davon aus, dass das Virus jeden­falls nicht beson­ders gefähr­lich sei („wie die Grippe“). Und wieder andere nehmen das Virus durch­aus ernst, möchten aber nicht an Zufälle glauben. Immer wieder fällt dabei ein Name: Bill Gates. Er avan­cierte in den ver­gan­ge­nen Wochen zum Lieb­lings­feind der Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker. Die ver­brei­tete Erzäh­lung lautet, dass das Virus nicht in China seinen Ursprung habe, sondern aus einem Labor des Mul­ti­mil­li­ar­därs stamme. Er habe es erschaf­fen, um von der Ent­wick­lung eines Impf­stof­fes finan­zi­ell zu profitieren.

All diese Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gien sind nicht neu, sie wurden in den ver­gan­ge­nen Wochen viel­fach im Netz ver­brei­tet – über die Kanäle jener „alter­na­ti­ver Medien“, You­tuber und rus­si­scher Pro­pa­gan­da­sen­der, die sich nun all­wö­chent­lich in Berlin ein Stell­dich­ein geben. Dabei gehört die pseudo-inves­ti­ga­tive Frage cui bono? (Wem nutzt das?) zum Stan­dard­re­per­toire eines jeden Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­kers – und mit ihr bereits die Prä­misse, dass jemand hinter etwas stecken müsse. Wer genau das sein soll, darüber mag Unei­nig­keit herr­schen (allzu oft sind es „die Juden“), aber dass dort jemand ist, der im Gehei­men die Geschi­cke der Welt lenkt und „das Volk“ nach Strich und Faden belügt – drüber herrscht eben jene Einig­keit, die eine solche Quer­front trotz aller Dif­fe­ren­zen zusam­men­zu­hal­ten vermag.

Das Gene­ral­miss­trauen gegen­über den Insti­tu­tio­nen der libe­ra­len Demo­kra­tie, der Presse und der Wis­sen­schaft hat ebenso wie das popu­lis­ti­sche Eliten-Bashing in den ver­gan­ge­nen Jahren ins­be­son­dere durch den Auf­stieg der Neuen Rechten massiv zuge­nom­men. Aktuell sind die Umfra­ge­werte für die AfD zwar gesun­ken – der Partei ist es bislang schlicht nicht gelun­gen, ein­deu­tige Ant­wor­ten und Stra­te­gien auf die Corona-Krise zu for­mu­lie­ren. Dass von einer Ent­war­nung aber nicht die Rede sein kann, macht nicht zuletzt der Quer­front-Auf­marsch der Corona-Skep­ti­ker in Berlin deut­lich. Es gilt, auch diese Gegner der offenen Gesell­schaft im Auge zu behalten.

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