Die eigenen Leute

Ein PEGIDA-Demons­trant schwenkt die Flagge des König­reichs Sachsen. Foto: strassenstriche.net/flickr, CC BY-NC 2.0

Der Meißner Theo­loge und eins­tige Bür­ger­recht­ler Frank Richter befragt sich und seine Sachsen zu den Gründen wach­sen­der Demo­kra­tie­ferne. Ideen, was zu tun ist, liefert er gleich mit. Eine Rezension.


Gehört Sachsen noch zu Deutsch­land? Aber ja, lautet die Antwort auf diese Frage, klar gehört das Land Sachsen, gehören die Säch­sin­nen und Sachsen zu diesem Land. Die Frage jedoch, die Frank Richter mit dem Titel seines bei Ull­stein erschie­ne­nen Essays über seine Heimat auf­wirft, kann auch anders ver­stan­den werden. Ver­ste­hen sich die Sachsen selbst noch als Bürger dieses Landes? Oder sind sie längst auf dem Weg hinaus aus der Demo­kra­tie und hinein in den Obrig­keits­staat? Und: Wie geht es Leuten wie Richter, die ihr Land lieben und poli­tisch für es ein­tre­ten – und dennoch erleben müssen, wie ihnen das Ver­trauen in ihre eigenen Leute abhandenkommt?

Frank Richter weiß, wovon er schreibt. Der 59 Jahre alte Theo­loge kommt aus der so schönen wie mitt­ler­weile arg rechten Stadt Meißen. In der Wen­de­zeit gehörte er als Jugend­seel­sor­ger zu einem Kreis mutiger Bür­ger­recht­ler, im wie­der­ver­ei­nig­ten Deutsch­land war er Pfarrer, ab 2009 leitete er die Lan­des­zen­trale für poli­ti­sche Bildung. Als sich 2014 in Dresden Pegida bildete, suchte er das Gespräch, damals war noch von unzu­frie­de­nen Bürgern die Rede, von man­geln­der Bildung im abge­häng­ten Osten. Richter, dem Dünkel fremd ist, ver­suchte zu ver­mit­teln. Die Welt nannte ihn sei­ner­zeit „Pegida-Ver­ste­her“; Richter wei­gerte sich, dies als Her­ab­set­zung zu ver­ste­hen. Dem Theo­lo­gen ging es stets um Versöhnung.

In seinem nun erschie­nen Buch ist nicht mehr viel zu spüren von Rich­ters eins­ti­gem Ver­trauen in die Kraft des Dialogs. Mitt­ler­weile zwei­felt er ernst­haft an seinen Leuten. „Woher kommt die Ver­ach­tung der Politik, der offenen Grenzen, der Mei­nungs- und der Pres­se­frei­heit?“, fragt er ein­gangs. „Tickt der Osten anders? Wenn ja, warum?“ Es ist ein Tasten dorthin, wo es weh tut in diesem Land. Man spürt: Die Ver­än­de­run­gen im Osten, sie schmer­zen ihn auch per­sön­lich. Rich­ters Buch ist ein kluges Nach­den­ken über den Hei­mat­be­griff in stür­mi­schen Zeiten.

Gehört Sachsen noch zu Deutsch­land?“ kommt zur rechten Zeit. Im Herbst wählen die Sachsen ihren neuen Landtag. Nach Lage der Dinge könnte die rechts­po­pu­lis­ti­sche Alter­na­tive für Deutsch­land stärkste poli­ti­sche Kraft werden. Jeder vierte Wahl­be­rech­tigte zeigt sich in Umfra­gen bereit, der Partei die Stimme zu geben. Das bedeu­tet nicht, dass die AfD dann den Minis­ter­prä­si­den­ten stellt. Was aber pas­sie­ren könnte, ist der poli­ti­sche Tabu­bruch. Teilen der säch­si­schen CDU wird durch­aus zuge­traut, für den eigenen Macht­er­halt mit den Rechten gemein­same Sache zu machen. Ein Putsch gegen den Lan­des­vor­sit­zen­den Michael Kret­schmer – und der Weg wäre frei. „Bedroht sind die Demo­kra­tie, die Huma­ni­tät und die Frei­heit“, mahnt Frank Richter. Er selbst, das sei der guten Ordnung halber erwähnt, war bis 2017 Mit­glied der säch­si­schen CDU; zur Land­tags­wahl tritt er für die SPD an.

Dass eine Allianz von CDU und AfD über­haupt denkbar ist in Sachsen – dem eins­ti­gen Mus­ter­land der deut­schen Wie­der­ver­ei­ni­gung – hat natür­lich Gründe. Richter ver­sucht, sie auf 128 Seiten her­aus­zu­ar­bei­ten. Er macht es sich und seinen Lands­leu­ten nicht leicht. Richter negiert nicht die bis heute nach­wir­ken­den sozi­al­öko­no­mi­schen Umwäl­zun­gen der Wen­de­zeit, aber er lässt den Ost­deut­schen ihren Frem­den­hass und das Ein­rich­ten im Opfer­sta­tus nicht durch­ge­hen. Er kitzelt seine Sachsen bei ihrer Obrig­keits­hö­rig­keit, ver­bun­den mit dem Hang zum Pri­va­ti­sie­ren in der gemüt­li­chen Opferecke.

Ein­drück­lich beschreibt er Begeg­nun­gen mit Bür­ge­rin­nen und Bürgern, schil­dert deren „Ver­bit­te­rungs­stö­rung“. Eine tref­fende Beschrei­bung jener Ver­fas­sung, die bei immer mehr, meist älteren Ost­deut­schen zu kon­sta­tie­ren ist. Aus Erschüt­te­rung folgten Ver­let­zun­gen, aus Ver­let­zun­gen Krän­kun­gen, aus diesen wie­derum jene umfas­sende Ver­bit­te­rung, geklei­det in Hass, den die Abend­nach­rich­ten aus Dresden, Chem­nitz oder Meißen zeigen. Die Resi­gna­tion der abge­häng­ten Alten findet ihren Wider­hall in der besorg­nis­er­re­gend ins Anti­de­mo­kra­ti­sche, mit­un­ter Extre­mis­ti­sche kip­pen­den Nach­wen­de­ge­ne­ra­tion, die für ihre Eltern und Groß­el­tern die „Wende“ zu voll­enden meinen.

Der Osten tickt anders“, rekla­miert Richter für seine Leute und benennt Ursa­chen. „In bestimm­ten Dörfern und peri­phe­ren Gebie­ten sollte man die staat­li­che Daseins­für­sorge ehr­li­cher­weise als poli­ti­sche Ster­be­hilfe bezeich­nen.“ Es ist dies jener Zustand, den flüch­tig Durch­rei­sende nicht zu erken­nen ver­mö­gen. Der Osten ist in manchen Land­stri­chen ein mil­li­ar­den­teuer durch­sa­nier­tes Idyll, dem die Zukunft abhan­den­ge­kom­men ist. Frank Richter bleibt die Zahlen nicht schul­dig, er erklärt, wie der mil­lio­nen­fa­che Wegzug zu Über­al­te­rung und öko­no­mi­scher Schmal­brüs­tig­keit führen, zu miesen Gefüh­len aus der Kate­go­rie Unter­le­gen­heit und Zweitklassigkeit.

Alles in allem ist „Gehört Sachsen noch zu Deutsch­land?“ die nie­der­drü­ckende Zustands­be­schrei­bung eines Herzens-Sachsen. Frank Richter, der Theo­loge, Päd­agoge, Welt­erklä­rer, bietet aber auch Ideen für einen Neu­start an. Seine sieben Thesen machen dieses Buch zu einer Ideen­ma­schine für ver­zagte Demo­kra­ten. Als guter Pre­di­ger führt er seine Lese­rin­nen und Leser aus dem Ana­ly­ti­schen ins Kon­krete. Er kitzelt die Politik bei ihrer Ehre und ermu­tigt sie, auch irreale Ängste der Bür­ge­rIn­nen ernst zu nehmen, um sie nicht mit den Rechten allein zu lassen. Er fordert einen starken Staat auf der Basis gel­ten­den Rechts und nach­hal­tige Wirt­schafts­hilfe auch für abge­le­gene Gegen­den. Nur so kann der Osten wieder jünger und pro­gres­si­ver werden. Er ermu­tigt zu regio­na­len Wirt­schafts­kreis­läu­fen und Stär­kung des bür­ger­schaft­li­chen Engagements.

Es sind gute Wünsche für ein Land, zusam­men­ge­tra­gen von einem, der Sachsen und seine Men­schen kennt und liebt. Frank Richter ist einer von ihnen; ganz offen­bar möchte er weiter zu Deutsch­land gehören.

Frank Richter: „Gehört Sachsen noch zu Deutsch­land? Meine Erfah­run­gen in einer fra­gi­len Demo­kra­tie“. Ull­stein, 128 Seiten, 15 Euro

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