Das Inter­net hat uns dümmer gemacht“

Foto: Alex­an­der Schank

In seinem Vortrag machte Timothy Snyder libe­rale Demo­kra­tien selbst für die anti­li­be­rale Revolte ver­ant­wort­lich. Politik der Alter­na­tiv­lo­sig­keit und naiver Technik-Opti­mis­mus hätten den Auf­stieg der Popu­lis­ten ermög­licht. Das Inter­net habe einen wesent­li­chen Anteil daran. Und: den euro­päi­schen Natio­nal­staat gibt es eigent­lich nicht. Hedwig Richter und Ralf Fücks wollten nicht allen Thesen Snyders folgen. Ein Veranstaltungsbericht.


„The Future is gone…“: Seit Mitte des 18. Jahr­hun­derts wurde nicht mehr derart hoff­nungs­los in die Zukunft geblickt wie heute. Wir leben in einer Zeit, die von der Ver­gan­gen­heit bestimmt ist. Und: Die Digi­ta­li­sie­rung hat uns dümmer gemacht. Diese depri­mie­rende Gegen­warts­be­schrei­bung prä­sen­tierte Timothy Snyder in seinem Vortrag zur dritten Ver­an­stal­tung im Rahmen des Pro­jekts „Geg­ner­ana­lyse – Die libe­rale Demo­kra­tie und ihre Gegner“ am 15. Mai 2019 in Berlin.

Aber wie ist es dazu gekom­men, dass der Zukunfts­op­ti­mis­mus seine Strahl­kraft ein­ge­büßt hat? Der an der Yale Uni­ver­sity leh­rende His­to­ri­ker und Autor viel beach­te­ter Bücher wie „Bloo­d­lands“, „Über Tyran­nei“ und „Der Weg in die Unfrei­heit“ macht für die ver­gan­ge­nen Jahren eine his­to­ri­sche Periode aus, in der ein grund­le­gen­der Wandel statt­ge­fun­den habe. Wir erleben den Vor­marsch der anti­li­be­ra­len Popu­lis­ten, in Russ­land hat sich ein auto­ri­tä­res poli­ti­sches System als Alter­na­tive zur west­li­chen Demo­kra­tie eta­bliert und in der Aus­ein­an­der­set­zung um den Krieg in der Ukraine hat sich der Westen erst­mals ver­letz­bar gezeigt.

Für den Auf­stieg des anti­li­be­ra­len Denkens seien die libe­ra­len Demo­kra­ten aber selbst ver­ant­wort­lich. Die Fehler der Demo­kra­tien ermög­li­chen erst die Fehler, die nun von Popu­lis­ten began­gen werden. Timothy Snyder beschreibt zwei unter­schied­li­che poli­ti­sche Kon­zepte, wie sich libe­rale Demo­kra­ten von Popu­lis­ten unter­schei­den. Während libe­rale Politik dem Prinzip der Unaus­weich­lich­keit ver­haf­tet ist, kreisen Popu­lis­ten um die Idee der Ewig­keit. Und in der libe­ra­len Politik der Unaus­weich­lich­keit besteht für Snyder das ent­schei­dende Problem.

Dieser Glauben an die Unaus­weich­lich­keit war in der Ver­gan­gen­heit die domi­nante Haltung. Hier gibt es nur eine Zukunft. Es gibt keine Alter­na­ti­ven. Andere Ideen oder Details zählen nicht. Und Pro­bleme, die dem ent­ge­gen­ste­hen, gelten als über­wind­bar und im Sinne der einen Zukunft auf­lös­bar. Auch der Techno-Opti­mis­mus – der Glaube an die Seg­nun­gen des tech­no­lo­gi­schen Fort­schritts – ist Teil dieser Haltung. Jedoch wird im Glauben an die Unaus­weich­lich­keit nicht mehr die Frage nach dem gestellt, was eigent­lich gut und was schlecht ist. Denn die Zukunft ist ja bereits bekannt.

Die Über­zeu­gung von der Unaus­weich­lich­keit macht angreif­bar und berei­tet den Weg für Popu­lis­ten. Wenn die per­sön­li­che Wahr­neh­mung der Men­schen nicht mehr dem Glauben an eine gute Zukunft ent­spricht und gesell­schaft­li­che Pro­bleme her­un­ter­ge­spielt werden, können Popu­lis­ten erfolg­reich sein. Sie bieten die Nation als Schutz­raum und das Konzept der Ewig­keit an, in der es weder Zukunft noch Ver­gan­gen­heit gibt. Hier ist kein Platz für das, was Geschichte aus­macht: Fakten, unter­schied­li­che Per­spek­ti­ven, das Uner­war­tete und das Wissen darum, dass sich Geschichte vor­wärts bewegt.

Das heutige Russ­land steht exem­pla­risch für diese Politik der Ewig­keit. Die rus­si­sche Führung will nicht, dass die Bevöl­ke­rung über die Zukunft nach­denkt. Denn die auf Ölaus­beu­tung basie­rende Wirt­schaft steht Zukunfts­fra­gen wie dem Kli­ma­wan­del ent­ge­gen. Wenn das System stark von einem cha­ris­ma­ti­schen Des­po­ten abhängt, darf nicht über eine unge­klärte Nach­folge nach­ge­dacht werden. Der Kreml muss der Bevöl­ke­rung weis­ma­chen, dass es keine bes­se­ren Alter­na­ti­ven gibt. Weil das rus­si­sche System mit den west­li­chen Demo­kra­tien nicht kon­kur­renz­fä­hig ist, muss der Kreml den Westen schwä­chen, um Augen­höhe zu errei­chen. Dies ist das Motiv für die Ein­fluss­nahme des Kreml zur Dis­kre­di­tie­rung demo­kra­ti­scher Pro­zesse und Insti­tu­tio­nen des Westens. Deshalb ver­sucht er, die gesell­schaft­li­che Spal­tung zu ver­tie­fen. Russ­land hat die Schwach­punkte des Westens iden­ti­fi­ziert und nutzt sie aus.

Ein Schwach­punkt des Westens ist unre­gu­lier­ter Kapi­ta­lis­mus, wie er sich in der Digi­ta­li­sie­rung zeigt. Algo­rith­men, wie sie von Face­book und Twitter ein­ge­setzt werden, funk­tio­nie­ren besser für Popu­lis­ten wie Trump, als für dif­fe­ren­zierte poli­ti­sche Posi­tio­nen. Die Algo­rith­men kennen die poli­ti­schen Nei­gun­gen ihrer Nutzer. Sie können den Bestä­ti­gungs­feh­ler (Con­fir­ma­tion Bias) der Men­schen – die Neigung, bestimmte Infor­ma­tio­nen so aus­zu­wäh­len und zu inter­pre­tie­ren, dass sie den eigenen Erwar­tun­gen ent­spre­chen – immer wieder bedie­nen. Und da mit der Digi­ta­li­sie­rung die poli­ti­sche Debatte nicht mehr im öffent­li­chen, sondern im per­so­na­li­sier­ten Raum statt­fin­det, können Algo­rith­men unter­schied­li­chen Wäh­ler­grup­pen wider­sprüch­li­che Bot­schaf­ten prä­sen­tie­ren, ohne dass diese Wider­sprü­che bemerkt werden. Im ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­dent­schafts-Wahl­kampf 2016 wurde far­bi­gen Ame­ri­ka­nern weis­ge­macht, Hillary Clinton sei Ras­sis­tin, während weißen Ras­sis­ten erklärt wurde, Clinton ver­trete die Inter­es­sen far­bi­ger Wäh­le­rin­nen und Wähler. Die Men­schen bemer­ken die Mani­pu­la­tio­nen nicht. Es wird auch kaum jemand ein­ge­ste­hen wollen, poli­ti­sche Ent­schei­dun­gen auf­grund von Mani­pu­la­tio­nen getrof­fen zu haben.

Der Glaube an den Fort­schritt durch das Inter­net ist deshalb naiv. Das Inter­net macht dumm. Wir merken es nur nicht. Face­book macht Psy­cho­lo­gie und nicht Geschichte. Algo­rith­men ver­su­chen, das Denken vor­her­sag­bar zu machen. Sie ver­su­chen, das Uner­war­tete aus­zu­schlie­ßen. Das Uner­war­tete aber zeich­net Demo­kra­tie und Geschichte aus. Algo­rith­men ent­spre­chen viel­mehr den Popu­lis­ten, die um eine unver­än­der­bare Ewig­keit kreisen. Es ist kein Wunder, dass popu­lis­ti­sche Par­teien ihre Erfolge stets mit­hilfe digi­ta­ler Kam­pa­gnen erzielen.

Amerika glaubt mehr noch als Europa an das Heil der Rede­frei­heit. Die Demo­kra­tie wird redu­ziert auf die Mög­lich­keit, alles sagen zu dürfen, auch wenn es sich um Lügen handelt. Es gibt gera­dezu eine Obses­sion für die Rede­frei­heit. Aber soll die Rede­frei­heit auch für Algo­rith­men gelten? Algo­rith­men lügen per­so­na­li­siert, ohne dass die Lüge durch Wider­spruch ent­larvt werden kann.

Schließ­lich wies Snyder auf einen Denk­feh­ler der Euro­päer hin. Die Popu­lis­ten bedie­nen diesen Denk­feh­ler mit ihrem Bezug auf alt­ehr­wür­dige Natio­nen und deren stolze Geschichte. Die euro­päi­schen Staaten seien aber keine Natio­nen, sondern nahezu durch­gän­gig ehe­ma­lige Impe­rien mit kolo­nia­ler Ver­gan­gen­heit. Und die Euro­päi­sche Union sei mit­nich­ten der Zusam­men­schluss kleiner Natio­nal­staa­ten, die sich als Lehre aus den Ver­hee­run­gen des 20. Jahr­hun­derts zusam­men­ge­schlos­sen haben. Europa mache sich dadurch kleiner, als es ist. Viel­mehr müsse man die EU als Ersatz für die ver­lo­re­nen Impe­rien ver­ste­hen. Die euro­päi­schen Impe­rien sind die ein­zi­gen in der Geschichte, dir ihren eigenen Zusam­men­bruch über­lebt und zu einer nach­ko­lo­nia­len Ordnung gefun­den haben. Europa hat über 500 Jahre die Welt domi­niert und nach dem Zusam­men­bruch der Impe­rien einen grö­ße­ren öko­no­mi­schen Ein­fluss­be­reich als zuvor. Es ist die einzige Macht, die weiß, was nach dem Impe­rium kommt. Europa kann deshalb auch die ent­schei­den­den Zukunfts­fra­gen angehen: Digi­ta­li­sie­rung, Kli­ma­wan­del, Olig­ar­chie. Europa ist die einzige Antwort auf das Problem der Imperien.

Hedwig Richter, His­to­ri­ke­rin am Ham­bur­ger Insti­tut für Sozi­al­for­schung, forscht über Demo­kra­ti­sie­rungs­ge­schichte und war ein­ge­la­den, die Thesen von Timothy Snyder zu kom­men­tie­ren. Sie setzte der eher pes­si­mis­ti­schen Gegen­warts­be­schrei­bung Snyders eine posi­tive Sicht ent­ge­gen. Zwar teilte sie seine Sicht, dass wir heute ver­stärkt in die Ver­gan­gen­heit blicken. Auch die Linke glo­ri­fi­ziert die Ver­gan­gen­heit als eine Zeit, in der Demo­kra­tie noch funk­tio­niert habe. Aber Krisen und Pro­bleme der Demo­kra­tie seien kein neues Phä­no­men. Die Demo­kra­tie ist heute gefes­tig­ter, als manche befürch­ten. Fake News gab es auch früher in Form von Lug und Trug. Deshalb haben die demo­kra­ti­schen Systeme seit 1800 ein kom­ple­xes System aus Checks and Balan­ces ent­wi­ckelt. Deshalb ist es heute nicht möglich, dass die Mehr­heit Ent­schei­dun­gen gegen eine Min­der­heit ein­sei­tig durch- oder sich über Men­schen­rechts­stan­dards hin­weg­set­zen kann. Demo­kra­tie ist komplex und insti­tu­tio­nell ein­ge­bun­den. Deshalb ist Bildung so wichtig. Deshalb ist es falsch, kom­plexe poli­ti­sche Fragen wie den Brexit in Ple­bis­zi­ten mit Ja-Nein-Ent­schei­dun­gen lösen zu wollen. Es besteht aber keine Not­wen­dig­keit, die Gegen­wart als Dys­to­pie zu beschreiben.

Die Nation habe im Gegen­satz zu Snyder sehr wohl eine wich­tige und auch posi­tive Rolle gespielt. Für die Her­aus­bil­dung der Demo­kra­tien sind Natio­nen wichtig gewesen, weil sie Gemein­sinn stif­te­ten. Auch wenn der erstarkte Natio­na­lis­mus in den ersten Welt­krieg führte, ist die Nation kein grund­sätz­li­ches Problem. Länder mit weniger zen­tra­lis­ti­scher Staat­lich­keit wie Deutsch­land kennen das Neben­ein­an­der meh­re­rer Iden­ti­tä­ten – zum Bei­spiel als Bayer oder Würt­tem­ber­ger, als Deut­scher und Euro­päer. Deshalb fällt es wohl Deut­schen leich­ter als Fran­zo­sen, sich mit der EU zu identifizieren.

Gast­ge­ber Ralf Fücks vom Zentrum Libe­rale Moderne bezwei­felte zumin­dest für Europa die von Snyder behaup­tete Fort­schritts­gläu­big­keit. Hier müsse man eher von Techno-Skep­ti­zis­mus spre­chen. Aber Snyders Beschrei­bung, dass das Zukunfts­ver­spre­chen zer­bro­chen ist, sei nach­voll­zieh­bar. Bemer­kens­wert sei Snyders Tech­nik­kri­tik. Die ent­schei­dende Frage sei jedoch nicht, ob wir für oder gegen Technik sind. Denn die Digi­ta­li­sie­rung ist nicht auf­zu­hal­ten. Viel­mehr müssen wir fragen, wie wir auf die tota­li­täre Tendenz der Digi­ta­li­sie­rung, die damit ver­bun­dene Aus­schal­tung von Zufäl­len und der indi­vi­du­el­len Per­sön­lich­keit ant­wor­ten können. Auch fragte Ralf Fücks, ob Snyder die Rolle Russ­lands nicht über­be­werte. Sicher nutzt Russ­land die Schwä­chen west­li­cher Demo­kra­tien aus. Aber gibt es nicht auch innere Pro­bleme und Span­nun­gen, die die Ein­fluss­nahme Russ­lands erst ermög­li­chen? Zudem sei China stra­te­gisch die viel größere Her­aus­for­de­rung. Denn China schafft es, die Moderne, tech­ni­sche Inno­va­tion und öko­no­mi­schen Fort­schritt mit einem auto­ri­tä­ren Modell zu ver­bin­den, das fast totale Kon­trolle ausübt.

Timothy Snyder stellte abschlie­ßend klar, dass er nicht grund­sätz­lich gegen Technik sei. Das Inter­net sei eine ähn­li­che gesell­schaft­li­che Revo­lu­tion wie die Erfin­dung des Buch­drucks. Nur haben wir nicht wie damals 150 Jahre Zeit, uns an die Aus­wir­kun­gen anzu­pas­sen. Das Inter­net ist nicht selbst­re­gu­lie­rend. Es geht nicht um ein Für oder Wider, sondern um ein bes­se­res Internet.


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