Entgegnung auf Daniel-Pascal Zorns Kritik meiner Analyse von Heideggers “Sein und Zeit”

Foto: LibMod/Alexander Schank

Auf Facebook hatte sich eine Debatte über den Essay von Micha Brumlik zu Martin Heidegger entwickelt, die Sie unter diesem Link nachlesen können. Wir dokumentieren hier die Replik von Micha Brumlik auf die Kritik von Daniel-Pascal Zorn.

  1. Persönliche Vorbemerkung

Daniel-Pascal Zorn, Co-Autor des 2017 erschienen Buches „Mit Rechten reden“ gilt als wichtiger Akteur in der Auseinandersetzung mit neurechten Ideologien, weshalb seine Kritik an meinen Überlegungen zu Heidegger eine Widerlegung verdient. Zuvor: Leider ist es bei einer fachlichen Auseinandersetzung zwar unerfreulich, aber doch unerlässlich, auch unzutreffende Aussagen zur eigenen Person richtig zu stellen. So schreibt Zorn:

Auffällig ist dabei, dass Brumlik selbst kein Philosoph ist und dennoch Aussagen trifft, die in der philosophischen Forschung viele Jahrzehnte akribisch diskutiert und überprüft wurden“.

Diese Behauptung ist falsch: Tatsächlich bin ich promovierter Philosoph und 1977 in Frankfurt am Main von Rüdiger Bubner, Herbert Schnädelbach sowie Karl Otto Apel mit einer Arbeit zu Kants „Kritik der Urteilskraft“ im Fach Philosophie promoviert worden. Doch nun zur Sache und damit zu von der Forschung „akribisch diskutierten und überprüften Annahmen.“

  1. Existenzphilosophie, Begriffspolitik

Doch nun zur Sache: Bei Zorns Kritik an meinen „ideologiekritischen“ Überlegungen lässt er sich stark vom apologetischen Selbstverständnis Heideggers leiten, das er weitgehend übernimmt – beginnend mit seiner Zurückweisung meiner Behauptung, Heideggers Frühwerk gehöre zur Existenzphilosophie – dass Heidegger Existenzialist sei, habe ich demgegenüber nie behauptet. Diese in der Fachwelt breit akzeptierte Eingliederung sieht den frühen Heidegger sehr wohl in diesem Rahmen, wie etwa das weithin anerkannte, von Joachim Ritter und Karlfried Gründer herausgegebene „Historische Wörterbuch der Philosophie“ beweist, wo im dritten Band unter dem Stichwort „Existenzphilosophie“ zu lesen ist:

Heideggers Unterscheidung von „existenzial“ (eine Struktur des Menschen als Dasein ausmachend, aber in neuem Sinn ontologisch gemeint) und „existenziell“ (eine konkrete Haltung des Menschen, auf Grund einer existenzialen Struktur ausdrückend) legte die Bezeichnung als „Existenzialphilosophie“ nahe, zur Unterscheidung von einer nicht auf ontologische Auslegung [….] abzielenden, sondern „existenziell“, auf den einzelnen Menschen in seiner Situation abstellenden und dabei nicht zu Ontologie verfestigten E.“ (S. 863)

Auch Ekkehard Martens und Herbert Schnädelbach merken dazu in ihrem „Grundkurs Philosophie“ aus dem Jahr 1985 an, dass Heidegger

„über Jean Paul Sartre unfreiwillig zum Mitbegründer des französischen Existenzialismus“ wurde und dabei „den Rivalen Karl Jaspers und dessen ‘Existenzphilosophie’, die sich ihrerseits vor allem auf Sören Kierkegaard zurückbezog“ überflügelte. (S. 15)

Man sieht: die Rezeptionsverhältnisse sind so komplex, dass kein begründeter Anlass für Daniel-Pascal Zorns schulmeisterliche Intervention besteht. Vor allem aber: Spätestens seit Gadamers „Wahrheit und Methode“ kann als gesicherte hermeneutische Einsicht gelten, dass AutorInnen selbst keineswegs über die besten Deutungen und Einordnungen ihres Werks verfügen – so auch in der Frage, ob Heideggers Frühwerk, zumal „Sein und Zeit“ der „Existenzphilosophie“ zuzurechnen ist oder nicht.

  1. „Sein und Zeit: § 74“

Indes geht es vor allem um die Frage, ob und in welchem Sinn in „Sein und Zeit“ der Nationalsozialismus bereits zum Ausdruck kommt, was nach der Überzeugung zahlreicher internationaler Forscher eindeutig der Fall ist. Ich begnüge mich im folgenden mit dem Verweis auf mehrere von Zorn offenbar nicht zur Kenntnis genommene Texte, die keineswegs nur „ideologiekritisch“ intendiert sind, sondern an und in der philosophischen Sache Heideggers Nationalsozialismus belegen.

So hat Victor Farías in einem von Jürgen Habermas eingeleiteten –  1987 bereits auf Französisch erschienenen – Band „Heidegger und der Nationalsozialismus“ (1989) unter Berufung auf Karl Löwith und Ernst Tugendhat mit Blick auf den § 74 von „Sein und Zeit“ festgestellt:

„Mit der Vorstellung einer (so verstandenen) Gemeinschaft des Volkes in seiner Überlieferung gerät Heidegger in die Nachbarschaft von Auffassungen, die zur Zeit des Nationalsozialismus (wenn auch in spezifisch rassistischer Weise) hoch im Kurs standen.“ (S.112)

Zorn scheint auch nicht die 1999 auf Englisch und 2014 auf Deutsch publizierte Analyse von Johannes Fritsche rezipiert zu haben, die unter dem Titel „Geschichtlichkeit und Nationalsozialismus in Heideggers Sein und Zeit“ erschien und in der Fritsche treffend feststellt, dass Heidegger das bürgerliche Subjekt dazu aufruft, „seinen Begriffsrahmen von Vernunft, Subjektivität, Individualität und Autonomie durch die von Geschick und Gemeinschaft zu ersetzen.“ (S.102)

Bei alledem räumt Fritsche durchaus ein, dass § 74 von „Sein und Zeit“ ein brillanter und sehr klarer Text ist.

„Auf nur fünf Seiten“ so Fritsche „fasst Heidegger das Motiv zusammen, das die Gruppen und Parteien auf der revolutionären Rechten in ihrem Kampf gegen Linke, Liberale und nostalgische Rechte vereinte.“ (S. 181)

Schließlich kommt auch der von Zorn selbst erwähnte Emmanuel Faye mit Blick auf „Sein und Zeit“ zu keinem anderen Schluss: In der auf Französisch 2005, auf Deutsch 2009 publizierten Studie „Heidegger. Die Einführung des Nationalsozialismus in die Philosophie. Im Umkreis der unveröffentlichten Seminare zwischen 1933 und 1935“ finden sich im ersten Kapitel – es trägt den Titel „Vor 1933. Der Radikalismus Heideggers, die Zerstörung der philosophischen Tradition und der Ruf des Nationalsozialismus“ – folgende Bemerkungen zu „Sein und Zeit“:

An dieser Stelle des Paragraphen 74 [die Erörterung des „Geschicks“, M.B.] …. sind die Begriffe, die zu den Grundlagen des Nationalsozialismus gehören, bereits gegenwärtig: Schicksalsgemeinschaft und Volksgemeinschaft. Sogar das biologische Motiv wird im Rückgriff auf die Generation im selben Paragraphen angedeutet.“ (S. 33)

Eine abschließende Sottise zu Zorns Kritik an meiner Heidegger-Interpretation will ich mir nicht verkneifen: Wer als „Rechter“ solche Gegner wie Daniel-Pascal Zorn hat, braucht keine Freunde mehr.