Projekt “Gegneranalyse” – Die langen Linien der antiliberalen Revolte

Foto: LibMod

Ralf Fücks zum Auftakt des Projekts “Gegneranalyse – Die liberale Demokratie und ihre Gegner”.

Die heutige Veranstaltung ist eine Premiere: Sie markiert den Auftakt unseres neuen Projekts „Die liberale Demokratie und ihre Gegner“, kurzgefasst auch „Gegneranalyse“.

Das Zentrum Liberale Moderne verfolgt mit diesem Projekt vor allem zwei Ziele: Erstens wollen wir die langen Linien der „antiliberalen Gegenrevolution“ von der Weimarer Republik bis heute aufzeigen. Die „Neue Rechte“, die sich gegenwärtig überall in Europa formiert, ist in weiten Teilen eine Neuauflage der völkischen, nationalistischen und autoritären Strömungen des frühen 20. Jahrhunderts.

Wie damals leben wir auch heute in einer Umbruchzeit, in einer Phase beschleunigter Modernisierung, die eine große Zahl von Menschen in Unruhe versetzt. Wenn nichts bleibt, wie es war, steigt das Bedürfnis nach Halt, nach Eindeutigkeit, Sicherheit und Gemeinschaft. Gleichzeitig wächst die Angst vor der Zukunft. Kulturpessimismus, Abstiegsängste, Suche nach Sicherheit in der Volksgemeinschaft – das ist der Boden, auf dem auch heute die Revolte gegen die liberale Demokratie wächst.

Es ist kein Zufall, dass die Neue Rechte die Denker wiederentdeckt, die damals die geistigen Ziehväter der Fundamentalopposition gegen die Weimarer Republik waren: Oswald Spengler, Ernst Jünger, Carl Schmitt, Martin Heidegger sind heute in den Zirkeln um den Antaios-Verlag, die Junge Freiheit und die diversen nationalkonservativen bis rechtsextremen Netzwerke wieder en vogue.

Auch die heutigen Vordenker der völkisch-nationalistischen Rechten wie der russische Philosoph Alexander Dugin oder der Kopf der Nouvelle Droite, Alain de Benoist, berufen sich auf diese Ahnengalerie.

So verschieden sie als Theoretiker und politische Personen auch sein mögen, eines ist ihnen gemeinsam: die wütende Ablehnung des Liberalismus als politische Philosophie und Lebensform, des Kosmopolitismus und der modernen Konsumgesellschaft, die sie vor allem in den USA verkörpert sehen – und im Judentum. Antiliberalismus, Antiamerikanismus und Antisemitismus bilden seit jeher ein unheiliges Dreieck.

Die kritische Auseinandersetzung mit diesen Großmeistern antidemokratischen Denkens ist aber kein Selbstzweck.

Das zweite Ziel des Projekts „Gegneranalyse“ ist deshalb, aus dieser historischen Aufarbeitung Einsichten für die geistige und politische Auseinandersetzung von heute zu gewinnen. Die neue Rechte hat sehr gut verstanden, dass vor der angestrebten Machtergreifung der Kampf um „kulturelle Hegemonie“ steht. Es geht um die Interpretation der Wirklichkeit, um die Leitbegriffe, Sprachbilder und Narrative, die das Denken und Handeln von Menschen prägen.

Die Weimarer Republik hat lange vor ihrer politischen Niederlage die geistige Auseinandersetzung mit den Feinden der demokratischen Republik verloren. Das soll uns heute nicht wieder passieren. Das ist, in einem Satz, der Sinn und Zweck unseres Projekts.

Ich möchte mich bei allen sehr herzlich bedanken, die dieses Projekt möglich gemacht haben. Dazu zählen das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und die Bundeszentrale für politische Bildung, aber auch die zahlreichen Autorinnen und Autoren, deren wissenschaftliche Expertise dieses Unternehmen trägt.


Leicht gekürzte Rede von Ralf Fücks gehalten am 6. Dezember 2018 in Berlin zur Auftaktveranstaltung: „Gegneranalyse. Antiliberales Denken von Weimar bis heute.“