Gewalt, Schmerz und Heroismus

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Während allent­hal­ben vom „post­he­roi­schen Zeit­al­ter“ die Rede ist, huldigt das anti­li­be­rale Denken einem neuen Hero­is­mus. Die Zivi­li­sa­ti­ons­leis­tung der Befrie­dung der Gesell­schaft gilt ihm als Frevel und Ent­frem­dung vom ursprüng­li­chen Sein. Der beschwo­rene Hel­den­mut ver­bin­det Gewalt­be­reit­schaft mit Lei­dens­fä­hig­keit – zwei Aspekte die Wie­der­sinn­ge­bung in einer sinn­ent­leer­ten Moderne versprechen.

Die Kritik an der libe­ra­len Moderne macht sich seit jeher auch an der Krise des Mannes fest. Beklagt wird der Verlust von Männ­lich­keit. Der moder­nen Gesell­schaft wird vor­ge­wor­fen, sie ver­leugne die Natur des Mannes, in dem sie die ihm gege­bene Aggres­sion zu zügeln ver­su­che. Zwar hätten mit Zivi­li­sa­tion, Ratio­na­li­tät und Tech­ni­sie­rung das Leben beque­mer, ein­fa­cher und siche­rer werden lassen. Im Gegen­zug seien aber Lei­den­schaft und Opfer­be­reit­schaft auf der Strecke geblie­ben. Der Mensch sei durch seine Zivi­li­sie­rung der Natur­ver­bun­den­heit beraubt worden. Ver­bin­dun­gen zur Natur seien gekappt, Instinkt, Triebe und Aggres­sion aus dem gesell­schaft­li­chen Raum ver­bannt worden.

Sowohl der Mann als auch die Gesell­schaft seien durch Fort­schritt, Komfort und zivi­li­sierte Kon­ven­tio­nen ver­weich­licht und ver­weib­licht, wenn nicht sogar ent­mannt worden. Es gebe keine echten Gefah­ren und Her­aus­for­de­run­gen mehr. Eins­tige Tugen­den wie Rit­ter­lich­keit – die hel­den­hafte Ver­tei­di­gung des „schwa­chen Weibs“ – sowie Ehre und Stolz – die es not­falls im Duell eben­falls zu ver­tei­di­gen gilt – hätten an Bedeu­tung verloren.

Im Ergeb­nis bedeute das moderne Leben nicht nur Natur­ent­frem­dung, sondern auch schlicht Lan­ge­weile. Das moderne Leben führe zu all­ge­mei­ner Ver­fla­chung, das zivi­li­sierte Dasein sei zur Belang­lo­sig­keit ver­dammt. Als Beleg für diese inner­li­che Leere des moder­nen Lebens werden typi­sche Ver­drän­gungs­ta­ten ange­führt. Kon­su­mis­mus und mate­ri­el­len Streben gelten als – psy­cho­lo­gisch gespro­chen – Fehl­leis­tun­gen, die das Gefühl der inneren Leere betäu­ben sollen.

Haltung statt Inhalt

Als The­ra­pie gegen diesen bedau­er­ten Zustand wird ein neues Hel­den­tum emp­foh­len. Die The­ra­pie behan­delt jedoch nur die Sym­pto­ma­tik. Nur das, was wirk­lich Opfer oder gar Todes­mut ver­langt, genießt in diesem Denken die Weihen eines höheren Anspruchs und ver­spricht damit Sinn­stif­tung im sinn­ent­leer­ten Dasein. Der Gegen­stand, für den Opfer­be­reit­schaft ver­langt wird, ist nicht ent­schei­dend, oft auch aus­tausch­bar. Wich­ti­ger als das „Wofür?“ ist eine bestimmte Haltung. Sie genügt bereits als Ausweis für einen höher­ste­hen­den Idea­lis­mus, ist man doch schließ­lich bereit, für eine Sache alles zu geben, not­falls das eigene Leben. Idea­lis­mus ist hier nicht mit der phi­lo­so­phi­schen Epoche des Deut­schen Idea­lis­mus zu ver­wech­seln. Es geht ledig­lich um eine inhalt­lich nicht defi­nierte Haltung: die Bereit­schaft, alles Tun, Wollen und das Leben einer Idee unterzuordnen.

Über­stei­gerte Männ­lich­keit gegen die „weib­lich-jüdi­sche Moderne“

Die Moderne führte und führt zu gesell­schaft­lich tief­grei­fen­den Umwäl­zun­gen und stellt auch Geschlech­ter­iden­ti­tä­ten in Frage. Dies führte in der Gegen­re­ak­tion zu über­stei­ger­ten Männ­lich­keits­bil­dern. Nach 1900 ent­stan­den über­zo­gene Vor­stel­lun­gen von hyper­vi­ri­ler Männ­lich­keit als Wider­stand gegen ver­meint­li­che Bedro­hun­gen durch eine Kultur der Moderne, die als ‚weib­lich‘ und zugleich ‚jüdisch‘ ange­se­hen wurde. Der Phi­lo­soph Otto Wei­ni­ger setzte in seinem Best­sel­ler „Geschlecht und Cha­rak­ter“ (1903) das Männ­li­che mit dem „Ari­schen“ gleich. Seiner Dar­stel­lung nach wirke im Mann das Prinzip eines idea­lis­ti­schen Welt­zu­gang. Er sie­delte den Mann über der Frau an, die er mit dem Bild eines mate­ria­lis­ti­schen, auf Genuss aus­ge­rich­te­ten Juden­tums identifizierte.

Ulrike Bru­notte beschreibt anhand der Schrif­ten des Psy­cho­lo­gen Hans Blüher („Die Rolle der Erotik in der männ­li­chen Gesell­schaft“, 1917/​19), wie mit der Dis­kus­sion um Männ­lich­keit im frühen 20. Jahr­hun­dert das Ideal vom „wilden Krieger“ und stam­mes­ge­schicht­li­che Initia­ti­ons­ri­ten an Bedeu­tung gewin­nen und zu Män­ner­bund­mo­del­len führen, wie sie in der Wan­der­vo­gel­be­we­gung, aber auch in SA und SS zum Aus­druck kamen.

Kriegs­be­geis­te­rung bei Ernst Jünger: Der Mann als Krieger

Ver­druss über die Ver­fla­chun­gen der Moderne ist mög­li­cher­weise einer der Gründe für die ver­brei­tete Kriegs­be­geis­te­rung, die mit dem Beginn des Ersten Welt­kriegs 1914 ein­setzt. Die Kriegs­be­geis­te­rung spie­gelt ein sei­ner­zeit ver­brei­te­tes Bedürf­nis, sich endlich für eine höhere Sache echten Gefah­ren aus­set­zen und Opfer­be­reit­schaft bewei­sen zu können.

Der Essay­ist Ernst Jünger ver­tritt mit seinem Leben und Werk wie kein anderer die Hul­di­gung des hel­den­haf­ten Wag­nis­ses und der Todes­ver­ach­tung. Er entfloh als Min­der­jäh­ri­ger der Lan­ge­weile des Abiturs, um sich der fran­zö­si­schen Frem­den­le­gion anzu­schlie­ßen. Nachdem sein Vater ihn von dort zurück­ge­holt hatte, zog er 1914 als Kriegs­frei­wil­li­ger in den Ersten Welt­krieg. Irmela von der Lühe erkennt in Jüngers Kriegs­es­says („In Stahl­ge­wit­tern“, 1920; „Der Kampf als inneres Erleb­nis“, 1922) die Begeis­te­rung für einen Krieg, der „befreit und erlöst aus einer ereig­nis­lo­sen und doch deka­den­ten, tech­ni­sier­ten und doch mono­to­nen Wirk­lich­keit; im Krieg wachen die Urkräfte des Men­schen (vor allem des Mannes!) endlich wieder auf, er stiftet wahre Gemein­schaft, er akti­viert ein brach­lie­gen­des Trieb­le­ben.“ Gleich­wohl ist Jünger vom Krieg auch des­il­lu­sio­niert. Tech­ni­sie­rung, Stel­lungs­krieg und Gift­gas­ein­satz degra­die­ren den sol­da­ti­schen Helden zum Kano­nen­fut­ter. Eine rit­ter­li­che Begeg­nung im Kampf Mann gegen Mann ist unmög­lich geworden.

Jüngers Ver­ach­tung für bür­ger­li­che Gefah­ren­ab­wehr und Konfliktscheu

Jünger ver­ab­scheut die moderne bür­ger­li­che und demo­kra­ti­sche Gesell­schaft mit ihren Gleich­heits­idea­len und Sicher­heits­den­ken: „Welche Meinung man immer von dieser Welt der Kran­ken­kas­sen, Ver­si­che­run­gen, phar­ma­zeu­ti­schen Fabri­ken und Spe­zia­lis­ten haben möge: stärker ist jener, der auf alles ver­zich­ten kann“ („Der Wald­gang“, 1951). In seinem Haupt­werk „Der Arbei­ter“ (1932) ent­wirft Jünger die Vision eines auto­ri­tär-impe­ria­len Staats, „der mit dem bür­ger­li­chen Sicher­heits­den­ken, mit seinem Ver­nunft- und Moral­ver­ständ­nis auf­ge­räumt haben … wird. … Im ‚Arbei­ter‘ kehrt der Mensch zu wahrem Aben­teuer, zur Kon­fron­ta­tion mit den Gefah­ren zurück und eben darin folgt er den dämo­ni­schen Trieben seines Herzens und seiner Natur“, beschreibt Irmela von der Lühe Jüngers Großessay.

Martin Hei­deg­ger: mit heroi­scher Phi­lo­so­phie gegen die Sinn­lo­sig­keit des Lebens

Mit „Sein und Zeit“ legt Martin Hei­deg­ger 1927 eine Exis­tenz­phi­lo­so­phie vor, die der Erkennt­nis über die Sinn­lo­sig­keit des Lebens wage­mu­tig ins Auge schaut. Er sieht die Men­schen in ihrer all­täg­li­chen Sorge, ihrem Besorgt­sein und der Für­sorge aus­wei­chen vor der unan­ge­neh­men Wahr­heit, dass das Ziel eines jeden Lebens letzt­lich der Tod ist und es keinen Sinn für das Dasein gibt. Dieser Blick in den Abgrund ist die heroi­sche Haltung, die er ein­for­dert, und von der er glaubt, dass wir ohne sie unsere Exis­tenz ver­wir­ken. Er beklagt die „Not der Not­lo­sig­keit“ und fordert, mit „Ent­schlos­sen­heit“ sich dem eigenen „Sein zum Tode“ zu stellen, es anzu­neh­men und vom „unei­gent­li­chen“ ins „eigent­li­che“ Leben zu treten. Pierre Bour­dieu cha­rak­te­ri­siert Hei­deg­gers Denken als „heroi­sche Phi­lo­so­phie der Ver­ach­tung des Todes“ („Die poli­ti­sche Onto­lo­gie Martin Hei­deg­gers“, 1975). In seiner heroi­schen Todes­ver­ach­tung trifft sich Hei­deg­ger mit Jünger, dessen Essay „Der Arbei­ter“ er als wich­ti­ges Werk seiner Epoche lobte.

Carl Schmitt: Politik als Krieg, wider die Belang­lo­sig­keit des Liberalismus

Der Staats­recht­ler und „Kron­ju­rist des Dritten Reichs“, Carl Schmitt, pro­pa­giert ein Politik- und Staats­ver­ständ­nis, das er bezeich­nen­der­weise in Begrif­fen des Kriegs beschrieb. Die Unter­schei­dung in Freund und Feind macht er zum Grund­prin­zip alles Poli­ti­schen. Den Krieg sieht er gar als Höhe­punkt des Poli­ti­schen. Er kri­ti­sierte „alles libe­rale Pathos“, das sich gegen Gewalt und Unfrei­heit wende („Begriff des Poli­ti­schen“, 1927). Jens Hacke schreibt über Schmitt, er sehe „keinen Sinn für das von Kelsen und anderen betonte Ver­dienst der libe­ra­len Demo­kra­tie: den sozia­len Frieden zu sichern und Kon­flikte pro­ze­du­ral aus­zu­tra­gen. Aus Schmitts Sicht vermag es der Libe­ra­lis­mus hin­ge­gen nicht mehr, eine klare Unter­schei­dung von Krieg und Frieden zu treffen, und der eigent­lich not­wen­dige Kampf wird in Dis­kus­sion und Kon­kur­renz auf­ge­löst. … Das mochte Schmitt nur als zivi­li­sa­to­ri­sche Ver­weich­li­chung verstehen.“

Leo Strauss beklagt die „kas­trierte Moderne“

Auch heute wird an den Uni­ver­si­tä­ten wieder Aggres­sion und unge­bän­digte Männ­lich­keit ver­tei­digt gegen ihre Ein­he­gung durch moderne Zivi­li­sa­tion und die Kom­pro­miss­kul­tur des demo­kra­ti­schen Libe­ra­lis­mus. Der Karls­ru­her Phi­lo­soph Peter Slo­ter­dijk reak­ti­vierte den Begriff des „Thymos“ für die poli­ti­sche Theorie. Bruno Qué­len­nec hat beschrie­ben, wie der antike Thymos-Begriff in den 1920er Jahren im Umfeld der Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­tion für die moderne Phi­lo­so­phie wie­der­ent­deckt wurde. Der Hei­deg­ger-Schüler Leo Strauss stieß auf die ver­ges­sene Denk­fi­gur in seiner Aus­ein­an­der­set­zung mit Carl Schmitt. Strauss behaup­tet, die moderne poli­ti­sche Phi­lo­so­phie habe die krie­ge­ri­sche Moral zuguns­ten einer bür­ger­li­chen Moral ver­drängt. Ver­nunft habe die Lei­den­schaft bekämpft. Emp­fin­dun­gen wie Stolz, Ehre, Ehrgeiz, Hero­is­mus, Tap­fer­keit und Hoch­sin­nig­keit würden in der Welt der Bour­geoise nicht länger als Tugen­den ange­se­hen und durch farb­lose Wohl­stands­wah­rung ersetzt. Der Thymos sei abge­wer­tet worden. Strauss beschreibt eine „kas­trierte Moderne“: Die moderne Gesell­schaft ist entmannt.

Peter Slo­ter­di­jks wirbt für die Reha­bi­li­tie­rung „thy­mo­ti­scher Energien“

Slo­ter­dijk griff den Thymos-Begriff in seinem Buch „Zorn und Zeit“ (2006) wieder auf. Er wirbt für eine Reha­bi­li­tie­rung „thy­mo­ti­scher Ener­gien“ als wahre Trieb­fe­der geschicht­li­cher Ent­wick­lun­gen. Die form­lose Mitte mit ihren Lang­wei­lern, den Unter­händ­ler des Aus­gleichs, ließe hin­ge­gen jede Welt­idee ver­mis­sen. Dagegen gelte es, den Zorn als poli­ti­sche Kraft wieder ins Recht zu setzen. Gleich­wohl distan­ziert sich Slo­ter­dijk von Faschis­mus und Kom­mu­nis­mus, die er als fehl­ge­lei­tete Zorn­po­li­tik ansieht, weil sie vor­ran­gig vom Res­sen­ti­ment getrie­ben seien.

Marc Jongen: Wut­bür­ger als thy­mo­ti­sche Bewegung

Ebenso distan­zierte sich Slo­ter­dijk von seinem ehe­ma­li­gen wis­sen­schaft­li­chen Assis­ten­ten Marc Jongen, der den Begriff des „Thymos“ als poli­ti­sches Ideal wei­terträgt und inzwi­schen für die AfD im Bun­des­tag sitzt. Der in Prince­ton leh­rende Poli­tik­wis­sen­schaft­ler Jan-Werner Müller machte darauf auf­merk­sam, wie Jongen die Demons­tra­tio­nen von PEGIDA als „thy­mo­ti­sche Bewe­gung“ auf­wer­tete. Nach Jongen habe Deutsch­land nach dem Zweiten Welt­krieg wegen des Kalten Kriegs und des ame­ri­ka­ni­schen Schutz­schirms die Bedeu­tung von Krieg, Polizei und krie­ge­ri­schen Tugen­den ver­ges­sen – das was die Grie­chen als „Thymos“ bezeich­net hätten. Deutsch­land sei thy­mo­tisch unter­ver­sorgt. In dieser Sicht­weise Jongens wird der res­sen­ti­ment­ge­la­de­nen „Wut­bür­ger“ als Rück­kehr des Thymos phi­lo­so­phisch überhöht.

Ellen Kositza beklagt Männlichkeitsverlust

Die aktu­elle Neue Rechte ven­ti­liert Vor­stel­lun­gen gestei­ger­ter Männ­lich­keit, von mili­tä­ri­schem Schneid, Zucht und Hero­is­mus und kri­ti­siert die Ver­weich­li­chung und Ver­weib­li­chung der moder­nen Gesell­schaft. Wie in der Wei­ma­rer Zeit zeigt sich hierin eine Gegen­be­we­gung zur Auf­lö­sung tra­di­tio­nel­ler Geschlechterrollen.

Für Ellen Kositza, selbst sie­ben­fa­chen Mutter und Frau des ein­fluss­rei­chen neu­rech­ten Ideo­lo­gen Götz Kubit­schek, ist die Rück­be­sin­nung auf tra­di­tio­nelle Geschlech­ter­rol­len ein zen­tra­les Thema ihrer publi­zis­ti­schen Tätig­keit. Ihre Sicht beschreibt die Zeit-Redak­teu­rin Mariam Lau wie­folgt: „Frauen und Männer sind [bei ihr] nicht gleich; es bedeu­tet etwas, dass Frauen Kinder kriegen können; das Aggres­sive, Krie­ge­ri­sche gehört zum Mann­sein, hat nicht domes­ti­ziert zu werden. ‚Gender ohne Ende – was vom Manne übrig blieb‘ lautet der Titel ihres 2008 ver­öf­fent­lich­ten ersten Buches.“

Kositza steht stell­ver­tre­tend für eine Haltung der Neuen Rechten, die den vor­geb­li­chen Verlust von Männ­lich­keit in der moder­nen Gesell­schaft beklagt. 2016 schrieb sie in einer Kolumne: „Ich habe geschwie­gen, als das Dro­ge­rie­re­gal für Her­ren­kos­me­tik breiter als zwei Meter wurde. Ich habe geschwie­gen, als rosa Her­ren­hem­den Mode wurden. Ich habe sogar Männer mit Tra­ge­tuch ver­tei­digt. Aber zu den der­zei­ti­gen Heer­scha­ren von Männern mit Dutt kann ich nicht schwei­gen. Es muss raus: Ihr Mode­op­fer, ihr Lack­äff­chen, ihr Stutzer, ihr Schwim­mär­mel­trä­ger, ihr Strom­li­ni­en­för­mi­gen, ihr Grazien! Ihr seht voll­kom­men beknackt aus.“

Die Klage von Ellen Kositza erfolgt auf zwei Ebenen. Zum einen geht es um tra­di­tio­nelle Geschlech­ter­rol­len, deren Auf­lö­sung kri­ti­siert wird. Zum anderen wird das Krie­ge­ri­sche als männ­li­che Eigen­schaft beschwo­ren. Es geht also um Gewalt als gesell­schaft­lich legi­ti­mier­tes Mittel der Kon­flikt­lö­sung. Die Gewalt des Mannes als Krieger ist dabei nicht nötiges Übel, sondern zu bewah­rende Wesens­art. Sie soll gerade nicht domes­ti­ziert und durch gewalt­freie Kon­flikt­lö­sung zivi­li­siert werden.

Gewalt­be­reit­schaft als Brücke zur ursprüng­li­chen Natur des Menschen

Selbst in der Popu­lär­kul­tur erfah­ren archai­sche Männ­lich­keit, Aggres­sion und zornige Lei­den­schaft neue Begeis­te­rung. Die zeigt sich nicht nur am enormen Erfol­gen von Netflix-Serien wie „Games of Thrones“ oder „Out­lan­der“, deren mit­tel­al­ter­li­chen Insze­nie­rung von Intri­gen, Ehr­ver­let­zun­gen und blu­ti­gen Schä­del­spal­te­reien welt­weit Mil­lio­nen gleich­sam absto­ßen und fas­zi­nie­ren. Es gibt einen Bedarf an Stoffen, die rohe Gewalt als Ausweis von Lei­den­schaft zeigen.

Ins gleiche Horn stößt auch die Mit­tel­al­ter-Band „Heilung“, die auf selbst­ge­bau­ten Instru­men­ten scha­ma­nisch anmu­ten­den Eso­te­rik-Sound für die moderne Welt­flucht vor der Zivi­li­sa­tion anbie­tet. Die Musiker sehen ihre Bot­schaft ganz­heit­lich, ihr Tun nicht auf das Musi­ka­li­sche beschränkt. Das Band­mit­glied Kai-Uwe Faust sagt im Inter­view mit dem Deutsch­land­funk, man wolle die Leute „an einen Punkt bringen, wo sie sich selber anneh­men und ihr wahres Wesen akzep­tie­ren. … Das ist ein Zustand, den man durch Medi­ta­tion oder Trance errei­chen kann.“ In ihren Kon­zer­ten gehe es darum, ein Tor zu öffnen. Die Band will zeigen, dass die Men­schen der Bron­ze­zeit nicht dem fried­lie­ben­den Ideal der Flower Power-Anhän­ger ent­sprä­chen: „Das sind halt Men­schen gewesen, die haben eine Ein­stel­lung gehabt, die Mord absolut tole­riert hat. Das ist heut­zu­tage nicht mehr Usus. Wir morden nicht mehr. Du sollst nicht töten.“ Die Band zieht daraus Lehren auch für heute: „Gewalt­be­reit­schaft ist ein Teil des Mensch­seins. Ganz viele Men­schen, die spi­ri­tu­ell arbei­ten, neigen dazu, die Augen zu ver­schlie­ßen vor dem Schat­ten. Es ist unheim­lich wichtig auch in der Licht­ar­beit den Schat­ten anzu­er­ken­nen und zu umarmen, zu akzep­tie­ren, zu sagen, ja, du bist da, du bist dunkel, du bist böse, ja, du hast die Fähig­keit zu töten. Wir alle haben die.“ Auch hier geht es darum, die Fäden des Men­schen zur Natur und Ursprüng­lich­keit neu zu knüpfen. Gewalt gilt dabei als Brücke zum ver­lo­ren geglaub­ten Wesens­kern unserer selbst. Sie soll helfen, die zivi­li­sa­to­ri­sche Ent­frem­dung von der Natur und der eigenen Natur zu überwinden.

Trieb­haf­tig­keit als Reflex auf die „Domes­ti­zie­rung“ des Menschen

Es scheint, als würde die zivi­li­sa­to­ri­sche Leis­tung der Befrie­dung der Gesell­schaft gleich­zei­tig eine Sehn­sucht nach neuem Hel­den­tum her­vor­ru­fen. Die Zähmung zer­stö­re­ri­scher Triebe, des Zorns und der Gewalt wird in diesem Denken als „Domes­ti­zie­rung“ abgewertet.

Anti­li­be­ra­lis­mus als männ­li­che Domäne

Weil die libe­rale Moderne die tra­di­tio­nelle Rolle des Mannes in der Gesell­schaft grund­le­gend ver­än­dert und in Frage gestellt hat, ist es kaum ver­wun­der­lich, dass der Anti­li­be­ra­lis­mus vor­wie­gend eine männ­li­che Domaine ist – aber nicht nur, wie das Bei­spiel Ellen Kositza und das anderer anti­fe­mi­nis­ti­scher Frauen aus der neu­rech­ten Bewe­gung zeigen. Männer haben in der Moderne etwas zu ver­lie­ren, nicht zuletzt ihre Selbst­ge­wiss­heit. Die Wähler von Trump und AfD sind nicht ohne Grund über­wie­gend Männer.

Gewalt­be­reit­schaft und Lei­dens­fä­hig­keit zeich­nen den Helden aus

Die For­de­rung nach einem neuen Hero­is­mus hat zwei wesent­li­che Aspekte. Zum einen wird Gewalt als gesell­schaft­lich legi­ti­mierte Ver­hal­tens­weise reha­bi­li­tiert. Gewalt erfährt Auf­wer­tung und Recht­fer­ti­gung. Es geht hierbei um die Über­win­dung der Ent­frem­dung und Künst­lich­keit der Moderne, um die Resti­tu­tion der Affekte gegen unter­kühlte Ratio­na­li­tät. Der Krieg „akti­viert ein brach­lie­gen­des Trieb­le­ben“. Ernst Jünger wollte das aus­drück­lich positiv ver­stan­den wissen, obwohl und gerade weil es „dämo­ni­sches Trieb­le­ben“ ist. Dahin­ter steht der Wunsch nach einer Rück­kehr zur Natur und einer Wie­der­an­bin­dung an Ursprüng­lich­keit. Der Zugang zu Ursprüng­lich­keit ver­spricht, wieder Eins zu werden mit dem grö­ße­ren Ganzen, das als gehei­mes Zentrum ein mys­ti­sches Element darstellt.

Zum zweiten wirkt der Hero­is­mus auf der Ebene des Leids. Wo Gewalt Teil des nor­ma­len gesell­schaft­li­chen Umgangs ist, kann Schmerz­ver­mei­dung nicht länger sinn­voll lei­ten­des Hand­lungs­prin­zip sein. Leid und Schmerz ver­spre­chen viel­mehr eine Wie­der­sinn­ge­bung einer als sinnlos emp­fun­den Moderne. Das Leben in der ratio­na­li­sier­ten Moderne erscheint in diesem Denken nur noch als Dahin­ve­ge­tie­ren, als Erfül­lung einer inhalt­lich ent­leer­ten Funk­tion. Wer aber für ein Sache bereit ist, Leid und Schmerz zu erdul­den, der gibt dem eigenen Sein einen höheren Sinn.

Die Figur des Helden vereint die beiden Eigen­schaf­ten der Gewalt­be­reit­schaft und Lei­dens­fä­hig­keit in sich. Er scheut nicht den blu­ti­gen Kampf und ist gleich­zei­tig in der Lage, ohne Klage hel­den­haft Schmer­zen zu ertragen.

Wider das staat­li­che Gewaltmonopol

Die Legi­ti­ma­tion von Gewalt im anti­li­be­ra­len Denken könnte ein Grund dafür sein, dass in Teilen Gesell­schaft, die für solches Denken zugäng­lich ist, die Gewalt rechts­ex­tre­mer Gruppen mit­un­ter nicht als Ent­glei­sung emp­fun­den und ver­ur­teil wird, solange die poli­ti­sche Inten­tion der Gewalt den eigenen Ansich­ten nahe steht.

In der Legi­ti­ma­tion von Gewalt, die der Hero­is­mus in sich birgt, steckt gesell­schaft­li­ches Spreng­po­ten­zial. Sie stellt das staat­li­che Gewalt­mo­no­pol in Frage und rich­te­tet sich gegen den Rechts­staat. An seine Stelle tritt das „Recht des Stär­ke­ren“. Gerech­tig­keit wird in die Recht­schaf­fen­heit die Figur des Helden inter­na­li­siert, ist von seiner Inte­gri­tät abhän­gig. Der Held wird zum Richter und Voll­stre­cker in einer Person. Bes­ten­falls folgt der Held bestimm­ten Über­zeu­gun­gen oder einem mora­li­schen Wer­te­ka­non. Er ist dabei jedoch ein­s­er­seits beein­fluss­bar und ande­rer­seits nicht kon­trol­lier­bar. Seine Recht­schaf­fen­heit ist nicht durch Ver­fah­ren, Gewal­ten­tei­lung oder andere Mecha­nis­men von checks and balan­ces sicher­zu­stel­len. Der For­de­rung nach neuem Hero­is­mus ist mit Rechts­staat­lich­keit kaum ver­ein­bar und mit der Gefahr von Willkür verbunden.

Ulrich Bröck­ling hat darauf hin­ge­wie­sen, dass die Geschich­ten vom Helden als Pro­blem­an­zei­ger zu ver­ste­hen sind: „Sie sind ein Index dessen, was die Gesell­schaft dem Ein­zel­nen abver­langt. Auch wenn die heroi­schen Selbst- und Fremd­in­sze­nie­run­gen das Gegen­teil sug­ge­rie­ren, sind Helden eher ein Symptom der Krise als eine Instanz, die sie löst.“ (Ulrich Bröck­ling, Post­he­roi­sche Helden, Suhr­kamp Verlag, Berlin 2020, S. 17)