Neo­pa­ga­nis­mus: die Rück­be­sin­nung auf Naturreligion

Zeit­schrift „Theo­so­phi­sche Kultur“ (1915, Aus­schnitt), Bild: Von Charweg – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0

Der Neo­pa­ga­nis­mus, oder Neu­hei­den­tum wird durch anti­li­be­rale Strö­mun­gen in vie­ler­lei Hin­sicht in Anspruch genom­men. Die Prot­ago­nis­ten bedie­nen sich aus einem Tra­di­ti­ons­be­stand, der im Kern auf reli­giöse Vor­stel­lun­gen des 19. Jahr­hun­dert zurück­geht und im Natio­nal­so­zia­lis­mus als Kata­ly­sa­tor für die Ver­klä­rung von Rasse, Natio­nal­stolz und Men­schen­bild genutzt wurde.

Neo­pa­gane Ten­den­zen finden sich heute z.B. bei der vom Neonazi Jürgen Rieger seit Anfang der 1980er Jahre gepräg­ten „Art­ge­mein­schaft“ (Ger­ma­ni­sche Glau­bens-Gemein­schaft wesens­ge­mä­ßer Lebens­ge­stal­tung e. V.), bei Alain de Benoist, dem „Thule Seminar“ und der „Ger­ma­ni­schen Glau­bens­ge­mein­schaft“. Ins­be­son­dere bei der Kon­struk­tion von Männ­lich­keit und Rol­len­bil­dern ins­ge­samt werden neo­pa­gane Vor­stel­lun­gen gern bemüht. Auch die Nutzung paganer Sym­bo­li­ken wie Runen oder Insi­gnien nor­di­scher Götter dienen in der Mode, als Auf­druck, Kör­per­schmuck oder Tattoo als Iden­ti­fi­ka­ti­ons­mar­ker für rechte Gesinnung.

Ent­ste­hung und Idee des Neuheidentums

Der Paga­nis­mus ist zunächst ein neu­zeit­li­cher wis­sen­schaft­li­cher Begriff, der die aktive Rekon­struk­tion und Bele­bung von reli­giö­sen Tra­di­tio­nen außer­halb der abra­ha­mi­ti­schen Reli­gio­nen beschreibt. Grund­sätz­lich sind die Selbst­be­schrei­bung von Gruppen als pagan und die pole­mi­sche Fremd­zu­schrei­bung zu unterscheiden.

Der Paga­nis­mus ist in der euro­päi­schen Reli­gi­ons­ge­schichte behei­ma­tet und seine Prot­ago­nis­ten stellen sich in der Mehr­zahl zunächst in Abgren­zung gegen das eta­blierte Chris­ten­tum dar. Der Paga­nis­mus greift lokale tra­di­tio­nelle Reli­gi­ons­be­stände auf und über­führt sie auf der Basis des erreich­ba­ren Wis­sens­stan­des, oder den Inten­tio­nen der Initia­to­ren ent­spre­chend, in eine Form erleb­ba­rer Reli­gio­si­tät. Pagane Bewe­gun­gen zeich­nen sich in der Regel durch Poly­the­is­mus und Natur­re­li­gio­si­tät aus und sind im Rahmen folk­lo­ris­ti­scher Inhalte oft geo­gra­phisch begrenzt. Die pagane Zuschrei­bung des Chris­ten­tums als eine raum­fremde, auf­ge­zwun­gene Reli­gion, die der Natur der jewei­li­gen Ethnie wider­spre­che, ist eine häufige Fest­stel­lung im euro­päi­schen Nati­vis­mus und der völ­ki­schen Religion.

Neo­pa­gane Bewe­gun­gen ent­ste­hen in Europa ab dem späten 19. Jahr­hun­dert und pro­fi­tie­ren von dem Bedeu­tungs­ver­lust des Chris­ten­tums durch Spät­auf­klä­rung und Säku­la­ri­sie­rung. Ebenso beför­dern die natur­mys­ti­schen Ansich­ten der Roman­ti­ker und die in Mode gekom­mene Samm­lung von Folk­lore und lokaler Mytho­lo­gie eine poly­the­is­ti­sche Geis­tes­lage. Früh ver­bin­den sich diese Vor­stel­lun­gen auch mit der Ras­sen­lehre und der Klage über die zuneh­mende Ent­frem­dung durch die auf­kom­mende Indus­tria­li­sie­rung und Ver­dich­tung des Lebens in den Städten. Sie wandeln das ursprüng­lich nega­tive Ste­reo­typ des Heiden zu einer posi­ti­ven Selbst­be­stim­mung. Auch wenn sich heute aktive neo­pa­gane Gruppen vehe­ment gegen eine Ver­ein­nah­mung ihrer Lehren durch neo­fa­schis­ti­sche Kreise wehren, zeigt ein Blick in die Ideen­ge­schichte des Neo­pa­ga­nis­mus eine frühe Anzie­hungs­kraft für die ent­ste­hende völ­ki­sche Bewe­gung und den deutsch­spra­chi­gen Nationalsozialismus.

Vor­den­ker des Neuheidentums

Diese ideen­ge­schicht­li­che Anzie­hungs­kraft geht zu einem Gutteil auf Helena Petrovna Bla­va­t­sky (1831–1891) zurück. Sie grün­dete 1875 die „Theo­so­phi­sche Gesell­schaft“ und unter­nahm in den Jahren davor ris­kante Reisen u.a. nach Tibet und Indien. Hier hatte sie nach eigener Angabe Zugang zu Geheim­schrif­ten, die ihr erlaub­ten, einen Gegen­ent­wurf gegen die dar­win­sche Lehre von der Abstam­mung des Men­schen zu ent­wi­ckeln. In ihrer Lehre stammen die Men­schen­ge­schlech­ter von einer Rasse von am Nordpol auf die Erde her­ab­ge­stie­ge­nen rie­sen­haf­ten „Schat­ten der Götter“ ab, deren Nach­hall wir heute noch in den Erzäh­lun­gen von Atlan­tis, der Edda, den Hyper­borä­ern und der Nor­di­schen Göt­ter­welt hören. Die Stein­fi­gu­ren der Oster­in­seln und Stone­henge gelten ihr als Über­reste dieser Hoch­kul­tur, die in Natur­ka­ta­stro­phen unter­ge­gan­gen sei. In ihrem Haupt­werk: Die Geheim­lehre (1888), beschreibt sie wie ein Teil dieser Rasse durch Völ­ker­wan­de­rung über­lebte und die arische Rasse grün­dete. Bla­va­t­sky baute diese Vor­stel­lun­gen zu einem System aus, das vielen der heu­ti­gen Ethnien auf der Erde ver­schie­de­nen Formen der Dege­ne­ra­tion zuschrieb. Gilt Bla­va­t­sky als eine der schil­lernds­ten Per­sön­lich­kei­ten dieser Zeit, for­mier­ten sich in ihrem Umfeld eine Viel­zahl von wei­te­ren Gruppen, von denen hier nur einige genannt werden, die der Ent­ste­hung der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen, völ­ki­schen Ideo­lo­gie zuge­spielt haben.

Als zweiter Stich­wort­ge­ber für die Ent­wick­lung neo­pa­ga­ner Vor­stel­lun­gen ist Guido von List (1848–1919) zu nennen, der als Begrün­der der ras­sisch-okkul­ten Ario­so­phie gilt. List war Schrift­stel­ler und erforscht zunächst ger­ma­ni­sche Spuren in Öster­reich. Er wan­derte aus­ge­dehnt und hoffte auf reli­giöse Erfah­rung in der Natur. Er iden­ti­fi­zierte die Ger­ma­nen mit den Ariern, wie sie bei Bla­va­t­sky beschrie­ben werden. Auf List geht auch maß­geb­lich die Fas­zi­na­tion der völ­ki­schen Bewe­gung für Runen zurück. Er selbst gab an, dass ihm im Zuge einer zeit­wei­sen Erblin­dung das mys­ti­sche Wissen über die Bedeu­tung der Runen und ihre Anwen­dung mit­ge­teilt wurde. Seine Arbei­ten zum Thema sind wis­sen­schaft­lich nicht haltbar, hatten aber von Anfang an eine starke Strahl­kraft. Seine Vor­stel­lun­gen spitzen sich immer mehr zu einer völ­ki­schen Ideo­lo­gie zu, die die Befrei­ung der ger­ma­ni­schen Rasse von Fremd­ein­flüs­sen fordert.

Adolf Lanz (1874–1954) gehört auch in diese Reihe, auch wenn er dem Chris­ten­tum zunächst näher Stand. Er grün­dete den Neu­temp­ler Orden (1900), der sich als Zusam­men­schluss ras­se­be­wuss­ter Deutsch-Öster­rei­cher ver­stand und lan­cierte eine arisch-christ­li­che Ras­sen­kult­re­li­gion. Er trieb die Ver­or­tung der Arier im Ger­ma­nen­tum weiter. Die „Dunklen Völker des Südens“ galten ihm als Abkömm­linge einer Fort­pflan­zung der Arier mit Tieren. Diese Lehren bün­delte er in einer von ihm so benann­ten „Theo­zoo­lo­gie“. Seine Über­zeu­gun­gen teilte er über die Zeit­schrift „Die Ostara“ mit, die er ab 1905 her­aus­gab. Auch Hitler gehörte zu den Lesern. Als Novum tritt bei Lanz noch die obses­sive Beschäf­ti­gung mit dem Mythos vom Hei­li­gen Gral dazu.

Rudolf von Sebot­ten­dorf (1875–1945) ergänzte diese Gemenge­lage noch um den Mythos von Thule. Er tritt zunächst dem Ger­ma­nen­or­den bei und grün­dete wenig später (1918) aus dessen Mün­che­ner Loge die Thule-Gesell­schaft, die in Über­ein­stim­mung mit den Vor­stel­lun­gen von Lanz und List den Ursprungs­ort der „Her­ren­men­schen“ im hohen Norden loka­li­siert. Demo­kra­tie und Sozia­lis­mus beschei­nig­ten sie „zer­set­zen­den Ein­fluss“, machten hierfür das Juden­tum ver­ant­wort­lich und atta­ckier­ten es ent­spre­chend scharf. Als Antwort auf den Ausruf der Räte­re­pu­blik (1918) unter Kurt Eisner (1867–1919) formte er den „Kampf­bund Thule“, den Sebot­ten­dorf in den Stra­ßen­kampf schickte, um die Räte­pu­blik zu stürzen. Auch Rudolf Hess (1894–1987) war Teil dieses Kampf­bun­des. Hitler grün­dete aus einem Sei­ten­zweig der Thule-Gesell­schaft später die NSDAP.

Fried­rich Nietz­sche (1844–1900) und Richard Wagner (1813–1883) sind weitere schil­lernde Per­sön­lich­kei­ten, die die pagane Gemüts­lage der Zeit ent­schei­dend mit­ge­prägt haben und viele der teils kruden Vor­stel­lun­gen zwar nicht selbst ent­wi­ckelt, aber in die bür­ger­li­che Welt getra­gen haben. Auch die Arbeit von Rudolf Steiner (1861–1925) nimmt Anteil an neo­pa­ga­nen Vor­stel­lun­gen im Rück­griff auf Helena Bla­va­t­sky. Er leitete von 1902 bis 1913 die „Deut­sche Sektion der Theo­so­phi­schen Gesell­schaft“ und nimmt in Publi­ka­tio­nen Bezug auf Bla­va­t­skys Geheimlehre.

Im Natio­nal­so­zia­lis­mus

Den so in die Welt gesetz­ten hoch­syn­kre­tis­ti­schen Mythos einer „Deut­schen Glau­bens­be­we­gung“, einer zur Rei­ni­gung der Welt beru­fe­nen Her­ren­rasse über­le­ge­ner Arier, deren Erben in den ger­ma­ni­schen Völker loka­li­siert werden, griff der Natio­nal­so­zia­lis­mus in ganzer Breite auf. Er ver­folgte mit unbe­ding­tem Willen das Ziel, die Poten­tiale der mys­ti­schen Geis­tes­lage seiner Zeit für alle Lebens­be­rei­chen aus­zu­schöp­fen: in Reli­gion, Politik, Archi­tek­tur, Sym­bo­lik oder Wis­sen­schaft. Als pro­mi­nen­teste Akteure, die in der Hoch­zeit des Natio­nal­so­zia­lis­mus an diesem Mythos wei­ter­ar­bei­te­ten und ihn zu einem kriegs­trei­ben­den uti­li­ta­ris­ti­schen Kern ver­eng­ten, gehören Alfred Rosen­berg (1893–1946) mit seinem „Mythus des 20. Jahr­hun­derts“, Hein­rich Himm­lers (1900–1945) und Herman Wirths (1885–1981) „For­schungs­ge­mein­schaft Deut­sches Ahnen­erbe“, Karl Maria Wil­li­gut (1866–1946) als Leiter des „Rasse- und Sied­lungs­haupt­amts“ und Albert Speer (1905–1981) als Archi­tekt des neuen ger­ma­ni­schen Deutsch­lands. Das so zur poli­ti­schen Ideo­lo­gie umge­baute Neu­hei­den­tum des Natio­nal­so­zia­lis­mus hatte jedoch keinen Bedarf an den kleinen aktiven, reli­giö­sen Gruppen und grenzte diese auch zuneh­mend aus.

Auch die Neue Rechte schöpft aus dem neu­pa­ga­nen Fundus

Auch heute schöp­fen anti­li­be­rale Denker und die Neue Rechte aus diesem neo­pa­ga­nen Fundus. Die Natur­nähe und Kraft-Meta­pho­rik, die um die neo­pa­ga­nen Mythen kreisen, spielt dem Men­schen­bild und der Vor­stel­lung von Männ­lich­keit anti­li­be­ra­ler Kreise in ihrer Ableh­nung einer post­he­roi­schen Grund­hal­tung zu. Auf der Suche nach reduk­tio­nis­ti­schen und die Kom­ple­xi­tät welt­po­li­ti­scher Mecha­nis­men negie­ren­den, ein­fa­chen natio­nal­staat­li­chen Lösun­gen greifen sie auf diese Figuren und Über­zeu­gun­gen zurück, die der beschrie­be­nen mythisch-reli­giö­sen Vor­stel­lungs­welt ent­stam­men. Ent­spre­chend schwer haben es natur­my­thisch ver­an­lagte, neo­pa­gane Gruppen jün­ge­rer Zeit, sich dem rechts-okkul­tis­ti­schen Ein­fluss zu entziehen.