Uner­war­tete Alli­an­zen: Coro­n­a­pro­teste und der Kampf gegen Gender

Menschen halten ein Transparent gegen die Ehe für Alle
Ver­samm­lung des fun­da­men­tal­christ­li­chen Bünd­nis­ses „Demo für Alle“ gegen die Ehe für alle – und „Gender“

Mit der Coro­na­pan­de­mie ent­stan­den uner­war­tete Alli­an­zen. Anti-Gen­de­ris­mus, eine res­sen­ti­ment­be­la­dene Ableh­nung von Themen rund um Gender, diente dabei vielen als argu­men­ta­tive Klammer. Dabei ging es selten um eine poli­ti­sche Debatte. Statt­des­sen wird „Gender“ pau­schal abge­wehrt und dient als Pro­jek­ti­ons­flä­che für die Ableh­nung einer inklu­si­ven Gesell­schaft, die auf Chan­cen­ge­rech­tig­keit basiert.

Auf einer Demons­tra­tion gegen die Coro­na­schutz­maß­nah­men aus dem „Querdenken“-Umfeld wurde im Sep­tem­ber 2020 auf der Bühne vor der Wiener Karls­kir­che eine Regen­bo­gen­fahne, Symbol für LGBTIQ, zer­ris­sen. „Ihr seid kein Teil unserer Gesell­schaft“, rief die Red­ne­rin unter dem Applaus der Demons­trie­ren­den. Neben den übli­chen Reden gegen eine angeb­li­che „Corona-Dik­ta­tur“ wurden die Teil­neh­men­den mit Bezug auf die Regen­bo­gen­fahne dazu auf­ge­ru­fen, ihre Kinder vor „Kin­der­schän­dern“ zu schüt­zen. [1]

Dass sich Corona-leug­nende und anti-gen­de­ris­ti­sche Posi­tio­nen im öffent­li­chen, digi­ta­len und poli­ti­schen Diskurs ver­mi­schen, war in den ver­gan­ge­nen Monaten viel­fach zu beob­ach­ten. Aber was genau ver­bin­det diese Posi­tio­nen? Der nicht lange zurück­lie­gende 8. März, Inter­na­tio­na­ler Frauentag/​ FLINTA-Kampf­tag, und die bis vor kurzem andau­ern­den Coro­n­a­pro­teste sind für uns Anlass, einen Blick auf diesen bisher wenig beach­te­ten Aspekt der Coro­n­a­pro­teste zu werfen. [2]

Mit Beginn der Coro­na­pan­de­mie ent­stan­den uner­war­tete Alli­an­zen – sowohl auf der Ebene von Akteur_​innen als auch deren Argu­men­ta­ti­ons­mus­ter betref­fend. Ein seit Jahr­zehn­ten ins­be­son­dere unter Kon­ser­va­ti­ven und Rechtspopulist_​innen ver­brei­te­ter Anti-Gen­de­ris­mus wurde dabei mit inhalt­li­chem Bezug auf die Coro­na­pan­de­mie in aktu­elle Debat­ten über­führt und mit Argu­men­ten und Behaup­tun­gen aus dem Umfeld der Coro­n­a­pro­teste ver­knüpft. So wurde Anti-Gen­de­ris­mus poten­zi­ell für einen brei­te­ren Bevöl­ke­rungs­teil anschlussfähig.

Was ist Anti-Genderismus?

Doch was ist über­haupt „Anti-Gen­de­ris­mus“? Der zweite Teil des Begriffs bezieht sich auf den eng­li­schen Begriff „gender“, der sich mit „sozia­les Geschlecht“ ins Deut­sche über­set­zen lässt [3]. Gemeint ist damit das sozial kon­stru­ierte, in sozia­len Aus­hand­lun­gen her­ge­stellte Geschlecht – im Gegen­satz zum bio­lo­gisch begrün­de­ten Geschlecht, dem eng­li­schen „sex“. Konkret bedeu­tet das zum Bei­spiel, dass sich Ver­hal­ten, Klei­dung, Frei­zeit­tä­tig­kei­ten oder die Berufs­wahl an dem ori­en­tiert, was gesell­schaft­lich als weib­lich oder männ­lich und damit als passend oder unpas­send für männ­lich oder weib­lich gele­sene Per­so­nen ver­stan­den wird. Und dass Men­schen sich selbst, und auch andere in dieser Hin­sicht regle­men­tie­ren oder sank­tio­nie­ren, nach dem Muster: zu männ­lich oder zu feminin, nicht weib­lich oder nicht männ­lich genug.

Mit dem Begriff „Gender“ werden auch weitere Kon­zepte und Instru­mente ver­bun­den und in regel­mä­ßi­gen Abstän­den hitzig dis­ku­tiert: „Gendern“ (geschlech­ter­ge­rech­tes Sprach­han­deln), Gleich­stel­lungs­po­li­ti­ken, Gender Main­strea­ming (ein Ver­wal­tungs­in­stru­ment, das die Gleich­be­hand­lung aller Geschlech­ter in Pro­zes­sen und Ent­schei­dun­gen sicher­stel­len soll), sowie die wis­sen­schaft­li­che Aus­rich­tung in Form von Gender Studies und Gen­der­for­schung. Unter „Anti-Gen­de­ris­mus“ wird ent­spre­chend die Ableh­nung von allem, was dem Begriff oder Konzept „Gender“ unter­stellt wird, ver­stan­den [4]. Dabei werden auch ein­zelne Per­so­nen und Per­so­nen­grup­pen ange­grif­fen, die sich mit Gen­der­the­ma­ti­ken beschäf­ti­gen und gleich­stel­lungs­po­li­tisch enga­gie­ren wie bei­spiels­weise Aktivist_​innen, Politiker_​innen und Wissenschaftler_​innen. Bemer­kens­wert ist, dass es dabei selten zu einer Aus­ein­an­der­set­zung mit kon­kre­ten Inhal­ten kommt. Statt­des­sen wird der Begriff „Gender“ pau­schal abge­wehrt und dient als Pro­jek­ti­ons­flä­che für die Ableh­nung einer inklu­si­ven Gesell­schaft, die auf Grund­sät­zen wie Chan­cen­ge­rech­tig­keit und Gleich­heits­be­stre­bun­gen, aber auch auf Ver­trauen in Wis­sen­schaft und unab­hän­gige Medien basiert.

Sowohl Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen als auch anti-gen­de­ris­ti­sche Ideo­lo­gien erfül­len in Zeiten der Ver­un­si­che­rung ein Bedürf­nis nach Ori­en­tie­rung an Alt­her­ge­brach­tem wie tra­di­tio­nel­len und größ­ten­teils über­kom­mene Rol­len­mo­del­len oder Geschlech­ter­zu­schrei­bun­gen, an klaren gut-böse/­rich­tig-falsch-Zuord­nun­gen“

Die Coro­na­pan­de­mie ging und geht mit einer starken Ver­un­si­che­rung einher: neue Wis­sens­be­stände sind im Ent­ste­hen und müssen noch gesi­chert werden, der Alltag gerät durch­ein­an­der und hinzu kommt die Sorge um die eigene Gesund­heit und die Gesund­heit anderer. Diese Ver­un­si­che­rung bringt eine größere Bereit­schaft mit sich, an Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen zu glauben. Ent­spre­chend haben sich Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen und Fake News, die eine rigo­rose Ableh­nung von Pan­de­mie-Schutz­maß­nah­men oder ein Anzwei­feln der Gefähr­lich­keit oder Exis­tenz des Virus beinhal­ten, stark ver­brei­tet.  An dieser Stelle zeigen sich argu­men­ta­tive, ideo­lo­gi­sche und instru­men­telle Ver­knüp­fun­gen zum Anti-Gen­de­ris­mus. Anti-gen­de­ris­ti­sche Hal­tun­gen pro­fi­tie­ren von Ver­un­si­che­rung, indem sie Ver­un­si­cher­ten eine (ver­meint­li­che) Ein­deu­tig­keit und Kon­ti­nui­tät in Bezug auf Geschlecht anbie­ten und alles bekämp­fen was außer­halb hete­ro­nor­ma­ti­ver und binärer Nor­mie­run­gen liegt [5]. Sowohl Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen als auch anti-gen­de­ris­ti­sche Ideo­lo­gien erfül­len in Zeiten der Ver­un­si­che­rung ein Bedürf­nis nach Ori­en­tie­rung an Alt­her­ge­brach­tem wie tra­di­tio­nel­len und größ­ten­teils über­kom­mene Rol­len­mo­del­len oder Geschlech­ter­zu­schrei­bun­gen, an klaren gut-böse/­rich­tig-falsch-Zuord­nun­gen sowie eine Iden­ti­täts­funk­tion durch die Ver­or­tung auf der Seite des Guten und Rich­ti­gen. Hinzu kommt Macht­er­halt durch die Abwer­tung von anderen Posi­tio­nen, Per­spek­ti­ven und Iden­ti­tä­ten und die Auf­wer­tung der eigenen Posi­tion und des eigenen Selbstverständnisses.

Die argu­men­ta­tive Ver­knüp­fung von Pan­de­mie und anti-gen­de­ris­ti­schen Themen lässt sich seit 2020 bei ganz unter­schied­li­chen gesell­schaft­li­chen Akteur_​innen, und nicht nur in Deutsch­land, beob­ach­ten: von Politiker_​innen der CDU/CSU-nahen Wer­te­union und der AfD über rechts­kon­ser­va­tive Vereine wie „Demo für Alle“ oder „Verein Deut­sche Sprache e.V.“ sowie reich­wei­ten­star­ken Autor_​innen bis hin zu kon­ser­va­ti­ven Eltern­or­ga­ni­sa­tio­nen wie „Eltern stehen auf“ und reli­giö­sen Vertreter_​innen unter­schied­li­cher Kon­fes­sio­nen wie die christ­li­che Publi­zis­tin Gabriele Kuby oder Ali Erbas, einem pro­mi­nen­ten mus­li­mi­schen Theologen.

The­ma­ti­sche und argu­men­ta­tive Verknüpfungen

The­ma­ti­sche und inhalt­li­che Ver­knüp­fun­gen gesche­hen auf ver­schie­de­nen Ebenen und treffen nur vor­geb­lich Aus­sa­gen über das adres­sierte Thema, wie die Unter­fi­nan­zie­rung von Wis­sen­schaft, das Kin­des­wohl oder sexu­elle Selbst­be­stim­mung. Zu Beginn der Coro­na­krise im Früh­jahr 2020 zeigte sich die Ver­knüp­fung in Deutsch­land zunächst in der Neu­auf­lage einer klas­si­schen anti-gen­de­ris­ti­schen Behaup­tung: Gender Studies und Gen­der­for­schung seien im Gegen­satz zu Natur- und Tech­nik­wis­sen­schaf­ten gesell­schaft­lich nicht rele­vant, keine „echten“ Wis­sen­schaf­ten, und ihre Finan­zie­rung darum Geld­ver­schwen­dung. Neu war aller­dings, dass nun zusätz­lich eine globale Pan­de­mie in die Waag­schale gewor­fen wurde – dadurch erschien die Finan­zie­rung von Phar­ma­zie und Viro­lo­gie dring­li­cher denn je. Gender Studies und Gen­der­for­schung wurden als direkte Kon­kur­renz um Gelder und impli­zit als Ursache für die ver­meint­li­che oder tat­säch­li­che Unter­fi­nan­zie­rung der Natur­wis­sen­schaf­ten und des Gesund­heits­sys­tems dar­ge­stellt. So schreibt etwa der Lehrer und Autor Josef Kraus auf dem kon­ser­va­tiv-popu­lis­ti­schen Portal Tichys Ein­blick im April 2020: „Es gibt in Deutsch­land offen­bar mehr Gender-Pro­fes­su­ren als solche für Phar­ma­zie. Man kann nur hoffen, dass Corona bei aller Tragik und bei allen Schäden, die dieses Virus anrich­tet, die Politik, die Medien und vor allem die Bürger darauf zurück­be­sinnt, was wirk­lich wichtig ist.“ [6] Statt struk­tu­relle gesell­schaft­li­che Pro­bleme zu ana­ly­sie­ren und lösen (zum Bei­spiel Pfle­ge­kräf­te­man­gel oder feh­lende For­schungs­gel­der), wird hier ein „Strohmann“-Argument mit Bezug auf die Gender Studies auf­ge­baut. Hinzu kommt, dass Zahlen falsch inter­pre­tiert werden, um die eigene Argu­men­ta­tion zu stützen. [7]

Auch im poli­ti­schen Diskurs wurde diese argu­men­ta­tive Ver­knüp­fung auf­ge­grif­fen. Die AfD-Poli­ti­ke­rin­nen Beatrix von Storch und Alice Weidel sowie die „Wer­te­union“ schlu­gen in die­selbe Kerbe. So twit­terte von Storch im März 2020: „Große Krisen schaf­fen auch Klar­heit: wir brau­chen Kran­ken­schwes­tern und keine Diver­sity-Berater, Natur­wis­sen­schaft­ler und keine Gen­der­gaga-Exper­ten“. [8] Hier zeigt sich eine zen­trale Stra­te­gie des Anti-Gen­de­ris­mus: Gen­der­sen­si­ble Ansätze und deren Vertreter_​innen werden abge­wer­tet, indem sie und ihr Anlie­gen sprach­lich ins Lächer­li­che gezogen werden – unter anderem, indem Gegen­sätze wie Vernunft/​ Nüch­tern­heit auf der einen Seite (Naturwissenschaftler_​innen) und Unvernunft/​ Ver­rückt­heit auf der anderen Seite (Genderexpert_​innen) impli­ziert werden.

Pro­mi­nent wurden im wei­te­ren Verlauf der Pan­de­mie auch Erzäh­lun­gen, in deren Mit­tel­punkt die Sorge um das (ver­meint­li­che) Wohl von Kindern und Fami­lien steht. Das bedeu­tet, auch der Schutz der Kinder und Fami­lien funk­tio­niert als ver­bin­den­des Element von „Corona“ und „Gender“. Dies wurde bei ver­schie­de­nen Eltern­or­ga­ni­sa­tio­nen deut­lich, etwa beim Akti­ons­bünd­nis „Demo für Alle“, das sich unter dem Slogan „Stoppt Gender-Ideo­lo­gie und Sexua­li­sie­rung unserer Kinder“ seit Jahren auch ganz konkret gegen die „Ehe für alle“ und eine Gleich­be­hand­lung von hetero- und homo­se­xu­el­len Bezie­hun­gen ein­setzt. Der Kampf gegen eine ver­meint­li­che „Gender-Ideo­lo­gie“ ist dabei der Haupt­an­satz. Durch die Ver­wen­dung des Begrif­fes „Ideo­lo­gie“ ent­ste­hen Asso­zia­tio­nen mit tota­li­tä­ren Sys­te­men und es werden Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen einer ver­meint­li­chen, groß­an­ge­leg­ten Agenda, vor­an­ge­trie­ben durch ein aka­de­misch-linkes Milieu, kon­stru­iert. Hier­durch wird gen­der­sen­si­blen Ansät­zen ihre Wis­sen­schaft­lich­keit und Legi­ti­ma­tion abgesprochen.

Die Bot­schaft ist deut­lich: Den Fami­lien selbst kommt die Aufgabe zu, ihre Kinder vor ver­meint­li­cher Gefahr, wie sie angeb­lich von staat­li­chen Schutz­maß­nah­men wie dem Impf­an­ge­bot ausgehe, zu schüt­zen. Dabei zeigt sich, dass neben tra­di­tio­nel­len Fami­lien- und Geschlech­ter­vor­stel­lun­gen, auch anti-eta­tis­ti­sche Hal­tun­gen trans­por­tiert werden.“ 

Mitte 2021 wurde auf dem Youtube-Kanal des Vereins „Demo für Alle“ ein Video unter dem Titel „Kein Corona-Impf­zwang für Kinder“ [9] ver­öf­fent­licht und auf der Home­page bewor­ben [10]. Das Video zeigt einen kleinen Jungen, dem sich Per­so­nen mit Sprit­zen in der Hand und Masken, auf denen die Gesich­ter von Angela Merkel, Jens Spahn und Lothar Wieler – klas­si­sche Feind­bil­der im Umfeld von Querdenker_​innen und Impfskeptiker_​innen – abge­bil­det sind, auf bedroh­li­che Weise nähern. In der Schluss­szene sind die Eltern zu sehen, die schüt­zend an der Seite ihres Sohns stehen. Die Bot­schaft ist deut­lich: Den Fami­lien selbst kommt die Aufgabe zu, ihre Kinder vor ver­meint­li­cher Gefahr, wie sie angeb­lich von staat­li­chen Schutz­maß­nah­men wie dem Impf­an­ge­bot ausgehe, zu schüt­zen. Dabei zeigt sich, dass neben tra­di­tio­nel­len Fami­lien- und Geschlech­ter­vor­stel­lun­gen, auch anti-eta­tis­ti­sche Hal­tun­gen trans­por­tiert werden. Diese sind vor allem im Quer­den­ken­spek­trum ver­brei­tet, wo die Mas­ken­pflicht und das Impf­an­ge­bot (vor allem für Kinder) als nicht zu tole­rie­ren­der Ein­griff des Staates in die per­sön­li­che Frei­heit gelten. Für einige stellen dabei die Coro­na­schutz­maß­nah­men den Beweis für eine angeb­li­che Dik­ta­tur dar. Der Staat wird als über­grif­fig erlebt, ähnlich wie beim Thema „Sexu­al­auf­klä­rung“ in Kitas und Schulen, wo bloße Auf­klä­rung als Indok­tri­nie­rung skan­da­li­siert wird.

Während die „Demo für Alle“ ursprüng­lich gegen die gleich­ge­schlecht­li­che Ehe und unter dem Begriff „Früh­se­xua­li­sie­rung“ gegen eine Sexu­al­päd­ago­gik der Viel­falt ins­be­son­dere an Schulen mobi­li­sierte, grün­dete sich im Laufe der Coro­na­pan­de­mie die der Quer­den­ken­szene nahe­ste­hende Initia­tive „Eltern stehen auf“. Auch ihr selbst­er­klär­tes Ziel ist der (angeb­li­che) Schutz von Kindern, wobei auch hier der Schutz der Kinder vor dem Staat und den Coro­na­schutz­maß­nah­men gemeint ist, denn die Initia­tive setzt sich sowohl gegen eine Test­pflicht an Kitas und Schulen als auch gegen die Mas­ken­pflicht für Kinder und die Impfung von Kindern ein. [11] Dies wurde von zwei­fel­haf­ten Metho­den beglei­tet – etwa dem Dra­pie­ren von Kuschel­tie­ren und Grab­lich­tern vor Schulen als poli­ti­sches State­ment. Während dabei schein­bar die Coro­na­pan­de­mie und ihre Aus­wir­kun­gen auf Fami­lien und Kinder im Vor­der­grund stehen, ver­weist die Initia­tive auf ihrer Home­page, ihrer Face­book-Seite und in ihrem deutsch­land­wei­ten Tele­gram­ka­nal beim Thema „Kin­der­rechte“ [12] expli­zit auf die „Demo für Alle“.

Die mit­un­ter sehr emo­tio­na­len Themen, spre­chen einer­seits rechts­po­pu­lis­ti­sche und ver­schwö­rungs­ideo­lo­gi­sche Kreise an, errei­chen aber auch durch Corona ver­un­si­cherte und besorgte Eltern.“ 

Es werden neben trans­pho­ben Arti­keln der „Demo für Alle“ auch Videos des, unter Ver­schwö­rungs­gläu­bi­gen belieb­ten, Online-TV-Sender Auf1.TV wei­ter­ge­lei­tet, die zum Bei­spiel vor einer „Gender-Umer­zie­hung unserer Kinder“ [13] warnen – womit neben gen­der­sen­si­bler Päd­ago­gik auch eine viel­falts­ori­en­tierte Sexu­al­auf­klä­rung ver­un­glimpft wird. Auch bei dieser Initia­tive zeigt sich eine Skepsis gegen­über bzw. eine Ableh­nung staat­li­cher Insti­tu­tio­nen, zum Bei­spiel, wenn Schulen als Orte einer ver­meint­li­chen Ideo­lo­gi­sie­rung von Kindern dis­kre­di­tiert oder Coro­na­schutz­maß­nah­men grund­sätz­lich abge­lehnt werden. Und so ist es nicht ver­wun­der­lich, dass „Eltern stehen auf“ ver­schie­de­nen Orga­ni­sa­tio­nen, die Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen und Fake News zu Corona ver­brei­ten, nahe steht [14]. Die Instru­men­ta­li­sie­rung von Kindern im Zusam­men­hang mit Pan­de­mie­ver­harm­lo­sung oder ‑leug­nung geht bei diesen Eltern­or­ga­ni­sa­tio­nen Hand in Hand mit der Ver­brei­tung anti-gen­de­ris­ti­scher und anti­fe­mi­nis­ti­scher Hal­tun­gen. Die mit­un­ter sehr emo­tio­na­len Themen, spre­chen einer­seits rechts­po­pu­lis­ti­sche und ver­schwö­rungs­ideo­lo­gi­sche Kreise an, errei­chen aber auch durch Corona ver­un­si­cherte und besorgte Eltern.

Anti-Gen­de­ris­mus und Pan­de­mie­ver­harm­lo­sung oder ‑leug­nung sind also im öffent­li­chen, digi­ta­len und poli­ti­schen Diskurs mit­ein­an­der ver­bun­den – durch ver­schie­dene Akteur_​innen und über die argu­men­ta­tive Ver­knüp­fung der Themen, aber auch durch Metho­den wie der Ver­brei­tung von Fake News oder gezielte Abwer­tung von ein­zel­nen Akteur_​innen oder ganzen Gruppen. Dass oftmals auch noch ver­schwö­rungs­ideo­lo­gi­sche Ele­mente – etwa die Rede von einem angeb­lich auto­ri­tä­ren Staat, der mit einem unwich­ti­gen Thema wie „Gender“ von der Impf­flicht ablen­ken wolle – ver­wen­det werden, macht diese Ver­bin­dun­gen beson­ders gefähr­lich. Das Schüren von Ver­un­si­che­rung und Skepsis gegen­über Politik oder Wis­sen­schaft während der Coro­na­krise beför­dert neben der Ver­brei­tung anti-gen­de­ris­ti­scher Posi­tio­nen, auch die Ver­brei­tung grup­pen­be­zo­ge­ner Men­schen­feind­lich­keit, wie etwa Anti­se­mi­tis­mus und Ras­sis­mus. Was sich hier zeigt, ist die Gefahr trag­fä­hi­ger neuer Alli­an­zen, die demo­kra­ti­sche Werte und Eman­zi­pa­ti­ons­be­stre­bun­gen gefähr­den. Seit kurzem deutet sich dabei eine neue Ent­wick­lung im Quer­den­ken­mi­lieu an: eine Befür­wor­tung von Putins poli­ti­schen Hand­lun­gen und seinem Angriffs­krieg auf die Ukraine basie­rend auf Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen, der Ver­brei­tung fal­scher Nach­rich­ten und Abwer­tung ein­zel­ner Gruppen von Men­schen. Umso wich­ti­ger ist es, poten­zi­elle neue Bünd­nisse im Blick zu behalten.

Stand: Mai 2022

Anti-Gen­de­ris­mus

Gender“ wird mit „sozia­les Geschlecht“ ins Deut­sche über­setzt, in Abgren­zung zum „bio­lo­gi­schen Geschlecht“ (eng­lisch: „sex“). „Gender“ meint das sozial kon­stru­ierte Geschlecht, das sich etwa auf Ver­hal­ten, Klei­dung, Frei­zeit­tä­tig­kei­ten oder Berufs­wahl aus­wirkt. Der Begriff „Gender“ wird auch ver­bun­den mit „Gendern“ (geschlech­ter­ge­rech­tes Sprach­han­deln), der Gleich­stel­lung von Frauen* und LGBITQA+-Personen, Gender Studies sowie Gender Main­strea­ming und Gender Budgeting.

Anti-Gen­de­ris­mus bezeich­net die Ableh­nung aller Ansätze und Wis­sens­be­stände, die mit dem Begriff Gender ver­knüpft oder diesem unter­stellt werden.
Dabei geht es selten um eine Aus­ein­an­der­set­zung mit kon­kre­ten Inhal­ten. Der Begriff Gender dient als Pro­jek­ti­ons­flä­che für die Ableh­nung einer inklu­si­ven Gesell­schaft, die auf Grund­sät­zen wie Chan­cen­ge­rech­tig­keit und Gleich­heits­be­stre­bun­gen, aber auch auf Ver­trauen in Wis­sen­schaft und unab­hän­gige Medien basiert.
Anti-Gen­de­ris­mus richtet sich häufig gegen Per­so­nen aus den Berei­chen der Gen­der­for­schung, Gender Studies, Gleich­stel­lung und gegen alle Akteur_​innen, die sich für gen­der­sen­si­ble Ver­än­de­run­gen ein­set­zen. Oft wird dabei auf gezielte Hass­rede, offline und online, sowie kon­krete Bedro­hun­gen gesetzt.

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Fußnoten

[1] Vgl. Redak­ti­ons­Netz­werk Deutsch­land, 06.09.2020, URL: https://www.rnd.de/politik/wien-querdenken-demonstrantin-zerreisst-regenbogenfahne-und-beschimpft-homosexuelle-als-kinderschander-5YIRNEJMMVDTFDNDAAL4AZNACY.html [zuletzt auf­ge­ru­fen am 25.03.2022].
[2] Inzwi­schen werden die Coro­n­a­pro­teste nach und nach abge­löst durch Quer­den­ken-Demons­tra­tio­nen, auf denen Sym­pa­thien mit Putin und dessen Angriffs­krieg bekun­det werden.
[3] Nina Degele (2008): Gender/​Queer Studies. Eine Ein­füh­rung. Wilhelm Fink GmbH & Co. Verlags-KG. UTB.
[4] Vgl. Sabine Hark, Paula-Irene Villa (2015): Anti-Gen­de­ris­mus. Sexua­li­tät und Geschlecht als Schau­plätze aktu­el­ler poli­ti­scher Auseinandersetzungen
[5] Vgl. Rebekka Blum, Judith Rahner (2020): Anti­fe­mi­nis­mus in Deutsch­land in Zeiten der Corona-Pan­de­mie. In: Triumph der Frauen? Das weib­li­che Antlitz des Rechts­po­pu­lis­mus und ‑extre­mis­mus in aus­ge­wähl­ten Ländern. Friedrich-Ebert-Stiftung.
[6] https://www.tichyseinblick.de/kolumnen/josef-kraus-lernen-und-bildung/vergesst-corona-studiert-gender/
[7] So unter­schei­det Kraus nicht zwi­schen Voll- und Teil­de­no­mi­na­tio­nen für Gender Studies. Vgl. hierzu auch die Anmer­kun­gen von Dr. Ulla Bock zur Daten­samm­lung zu Gen­der­pro­fes­su­ren in Deutsch­land: https://mvbz.org/anmerkungen-zur-datensammlung.php [zuletzt auf­ge­ru­fen am 10.05.2022].
[8] https://twitter.com/Beatrix_vStorch/status/1242164879106154499
[9] https://youtu.be/lVHavcAbHjI
[10] https://demofueralle.de/2021/05/25/aufruettelnder-demofueralle-clip-eltern-wehren-sich-gegen-corona-impfzwang-fuer-kinder/
[11] Vgl. https://elternstehenauf.de/flyer/.
[12] ®INFOKANAL Eltern­Ste­hen­Auf e.V. auf Telegram.
[13] Wei­ter­ge­lei­tete Nach­richt von Auf1.TV bei Tele­gram, ®INFOKANAL Eltern­Ste­hen­Auf e.V., 3. Dezem­ber 2021.
[14] Vgl. Netz­werk für Extre­mis­mus­for­schung in Nord­rhein-West­fa­len (Hg.) (2020): Pan­de­mie-Leug­nung und extreme Rechte in Nord­rhein-West­fa­len, S. 14.

Über die Autorinnen

Dr. Lucia Killius ist Sozio­lo­gin und frei­be­ruf­li­che Refe­ren­tin, Dozen­tin und Lehr­be­auf­tragte. Ihre Schwer­punkte sind die Themen Gender/​ Diver­sity, Diver­sity-Didak­tik, Anti­fe­mi­nis­mus und (Care-)Arbeit.

Kathrin Peltz ist Sozio­lo­gin, Kul­tur­wis­sen­schaft­le­rin und Social Justice und Diver­sity Trai­ne­rin. Sie arbei­tet an der Hoch­schule Rhein­Main zu „Gender in der Lehre“ sowie frei­be­ruf­lich als Dozen­tin und Lehr­be­auf­tragte zu den Themen Gender und Diversität.

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