Entfremdung

Filmszene aus “Metropolis” (1927) von Fritz Lang, Foto: Flickr (Public Domain)

Begriff der Entfremdung „bezeichnet ganz allgemein – auf das Subjekt bezogen – einen Zustand des eigenen Fremdseins in einer bestimmten Umgebung oder das Gefühl, es mit fremden Menschen, Gegenständen oder Einrichtungen zu tun zu haben“ (Peter V. Zima). Antiliberale Argumentationen nutzten die Funktionsweise der Vorstellung von Entfremdung, um Existenzängste und Unzufriedenheit in der Bevölkerung auf gewählte Ursachen zu fokussieren und in einen Erlösungszusammenhang zu stellen.

Jede Rede von der Entfremdung bedarf im Kern einer Konstruktion. Diese Konstruktion imaginiert einen reinen Ursprung, von dem sich eine Person bzw. die Gesellschaft selbstverschuldet entfernt, oder aber von dem sie durch bestimmte Kräfte gelöst wird. Sie trägt auch immer eine Erlösungsidee in sich. Ein Blick in die Religionsgeschichte zeigt, dass vielen geoffenbarten Religionen gemein ist, dass sie einen vorbildlichen Ursprung kennen, von welchem der Mensch durch eigenes Vergehen, oder aber durch Mächte des Bösen getrennt wurde. Dieser konstruierte Urzustand ist die angemessenste, natürlichste und erstrebenswerteste Daseinsform für den Menschen und sein Umfeld. Das Leben soll individuell als defizitär, als Mangel und Krankheit wahrgenommen, sobald es von diesem Idealzustand geschieden ist. Es trägt letztlich pathologische Züge, die den Menschen und die Gesellschaft kontinuierlich zerstören.

Diesen Ursprungsmächten, der Urwirklichkeit und damit jeder Vorstellung vom Ursprung, haftet eine besondere Qualität an. Die Unverfügbarkeit der Reinheit des Ursprungs und der behauptete Mangel im Geschiedensein von ihm, machen empfänglich für eine mythische Geisteslage. Die Qualitäten des Ursprungs müssen geglaubt werden, weil dessen Zuschreibungen nicht überprüfbar sind. Ein Bewusstsein über den eigenen Stand der Entfremdung vom Ursprung, ein Set an Qualitäten, die den Urzustand ausmachen, als auch das Gefühl einer genealogischen Verbindung zu den Urgestalten und deren Geisteshaltung, bilden einen starken Antrieb zur Verankerung innerweltlicher Ziele. Die Legitimation und Sinngebung der Ziele speisen sich aus der vermeintlichen Entfremdung vom Ursprung und durch Benennung der feindlichen Kräfte.

Die Rede von der Entfremdung erzählt also eine Geschichte des Abfalls und diagnostiziert in verschiedener Intensität die Krise des menschlichen Daseins im Jetzt, mit einem dramatisch-existenzbedrohenden Ausblick auf den Fortschritt. Individuelle Symptome wie beispielsweise Regression, Frustration, Burnout und Narzissmus gelten als Ausweis für diese Krise. Als gesellschaftliche Phänomene werden unter anderem Vereinzelung (Atomisierung), der Verlust von Zusammenhalt und Zersplitterung angeführt. Als Ausweg fungiert die Rückbesinnung und Herbeiführung eines idealtypischen Naturzustands, eben als einzige Form des vorbildlichen Daseins. Hierbei kann die Argumentation sowohl auf Einzelpersonen, Familie, Gruppen oder ganze Gesellschaften abzielen. Der Wert der Arbeit gegen die Entfremdung soll nicht in Abrede gestellt werden. Die hier erfolgte Herleitung dient dazu, das Terrain und die Axiome zu zeigen, die im Modus des Glaubens fußen.

Die historisch prominenteste Rede von der Entfremdung geht auf Karl Marx zurück und betrachtet die entfremdete Arbeit unter den Aspekten von Tauschwert, Indifferenz und Verdinglichung. Hierbei setzt Marx den Menschen als einen von Natur aus schaffendes und produktives Lebewesen, das die Entscheidung zur Arbeit aus freiem Willen heraus trifft und dem die schaffende Arbeit wesentlich ist. Im sich entfaltenden Kapitalismus seiner Zeit sieht er durch industrialisierte Massenfertigung, Arbeitsteilung und Besitzverhältnisse die Haltung des Menschen zur Arbeit gestört und diagnostiziert eine unausweichliche Verarmung an Körper, Geist und Seele. Die Fabrikarbeiter*in produziert nicht mehr zur eigenen Bedürfnisbefriedigung und kann sich weder zum Produkt, der Tätigkeit oder der Natur ins Verhältnis setzen. Zwangsarbeit, Verelendung, Vereinzelung und Raubbau an der eigenen Gesundheit führen die Gesellschaft, die sich von der Natur des Menschen entfremdet hat, kontinuierlich an den Rand des Zusammenbruchs und möglicherweise in die Revolution. Das Bürgertum wiederum fühlt sich in dieser Entfremdung recht wohl.

Aktuelle wissenschaftliche Positionen der Soziologie, Sozialphilosophie, Psychologie und Psychoanalyse fokussieren den Entfremdungsbegriff vor allem auf Dysfunktionen in Arbeitswelt, Familie, Konsumsphäre und Psyche. Sie machen hauptsächlich die soziale Beschleunigung (Harmut Rosa) für die Entfremdung verantwortlich und haben zuerst therapeutischen Anspruch. Genauso werden aber auch kommerzialisierte Medienwelt und eine korrumpierte politische Klasse als Marker für wachsende Entfremdung untersucht. Es werden objektiv zugerechnete und subjektiv empfundene Entfremdung unterschieden.

Die antiliberalen Argumentationslinien deutscher Prägung attestieren den Deutschen eine Entfremdung auf mehreren Ebenen. Als Folie für die Diagnose fungiert vor allem Herrschaftsstil, Ethnie, Wirtschaftsform zusammen mit Industrialisierung, Technisierung und Globalisierung. Religion, Säkularisierung, Traditionsbestand und Kultur sind weitere Marker. Die Aufweichung der Geschlechterrollen und des traditionellen Familienbildes, als auch der fehlende Nationalstolz und Opferbereitschaft sind in der Argumentation stark artikuliert.

Die meisten Vorstellungen zur Entfremdung sind aber schon vor den Weimarer Jahren in Stellung gebracht und bedürfen nicht unmittelbar der Kritik der Herrschaftsform. So etwa bei Jean-Jacques Rousseau, mit dem Naturzustand, bei Georg Wilhelm Friedrich Hegel und dem Konzept der Selbstentfremdung, oder eben bei Karl Marx. Auch die Soziologie als neues Werkzeug zur Beschreibung gesellschaftlicher Phänomene erklärt einen Teil der Lust an der Entfremdung. Max Weber beschrieb 1917 die zunehmende Intellektualisierung und Rationalisierung im Zuge des wissenschaftlichen Fortschritts als „Entzauberung der Welt“. Als Stichwortgeber zum Verständnis der aktuellen Debatten um Entfremdung im antiliberalen Denken seien hier Martin Heidegger und Ernst Jünger angezeigt.

Pierre Bourdieu beschreibt den Krisendiskurs der Weimarer Zeit, der dazu beigetragen hat, „die tieferliegende Thematik und Problematik Heideggers zu schmieden“ (Die politische Ontologie Martin Heideggers, Frankfurt/M. 1988, S. 43), als eine Lebenssicht und Gestimmtheit, die in ihrer Vielstimmigkeit schwer zu fassen ist: rassistische Theorien und Rede vom Germanentum, völkische Romanschreiber und Blut-und-Boden-Literatur, „mit denen das Provinzleben, die Natur und die Rückkehr zur Natur in neuem Glorienschein erstrahlen, esoterische Zirkel wie die ‚Kosmiker‘ … und alle nur denkbaren Formen der Suche nach spirituellen Erfahrung, … vor allem die Heimatkunde, jene Schwärmerei für das angestammte Land“ (Ebd., S. 44).

Jene Zeit ist laut Bourdieu geprägt von einer „Jugendbewegung“, „die das Ende der ‚Entfremdung‘ – eines der Schlüsselworte der Epoche, allerdings synonym mit ‚Entwurzelung‘ verwendet – durch die ‚Verwurzelung‘ im Heimatboden, im Volk (uns seiner Geschichte) und in der Natur (mit Waldgängen und Bergtouren) proklamieren, die die Tyrannei des Intellekts und des Rationalismus anprangern, der taub sei gegen die freundschaftlichen Stimmen der Natur, die schließlich die Rückkehr zur Bildung und Innerlichkeit, d.h. den Bruch mit der materialistischen und gemeinen bürgerlichen Jagd nach Komfort und Profit, predigen.“ (Ebd., S. 43, Fußnote 61)

In dieser Gestimmtheit gebe es ein „Gesamt an Fragen und Infragestellungen, anhand derer sich die Epoche bedenkt. Fragen … nach Technik, den Arbeitern, der Elite, dem Volk, nach Geschichte und Vaterland.“ (Ebd., S. 44) Dies Problematik finde ihren emblematischen Ausdruck im Film: „in den Massenszenen von Lubitsch oder den Menschenschlangen in den Filmen von Pabst oder mit jenem Kondensat gleichsam aller Problem-Phantasmen: Metroplis von Fritz Lang…“ (Ebd., S. 44 ff.). Der Fortschritt der Moderne wird in diesem Denken also nicht mehr positiv als Erweiterung der Möglichkeiten und Erleichterung der Lebensverhältnisse angesehen, sondern als Abfall von einem idealen, natürlichen Urzustand verstanden.

Martin Heidegger (1889-1976), der sein Leben in weitgehender Ablehnung der Großstadt und abseits von Menschenmengen geführt hat und diesen ausgedehnte Wanderungen in der Natur, seine ländliche Hütte und einen frühen Nachtschlaf entgegenhielt, sieht den Menschen durch Geburt in eine Entfremdung geworfen. Die Bedürfnisse des täglichen Lebens in einer industrialisierten städtischen Gesellschaft, die vorgefundenen sozialen Verhältnisse und gelebten Traditionen verdecken das eigentliche Sein, das Bewusstsein lebendig zu sein und mit allen anderen Lebewesen in Verbindung zu stehen. Sie lassen den Menschen in einer Uneigentlichkeit dahinwesen, aus der er nur in den seltenen Momenten der Vereinzelung auftauchen kann. So zum Beispiel allein in der Natur oder in langer Krankheit. Wenn der Mensch also mit dem Nichts konfrontiert werden kann. Die Qualität der Seinsvergessenheit bei Heidegger, die Wesensverfassung, ist so angelegt, dass der Vorgang des gehalten sein ins Nichts angstbelegt ist. Das nicht Sein ist eben das genaue Gegenteil vom Sein: der Tod. Indem der Mensch aber die Auseinandersetzung mit der Endlichkeit sucht und sich seiner eigenen Endlichkeit stellt, kann er sich aus der Entfremdung vom Sein befreien und findet zu einer neuen und eigentlichen Form des menschlichen Zusammenlebens, weg von der Uneigentlichkeit hin zur Eigentlichkeit, zu einem Leben für sich selbst und im Horizont der Endlichkeit. Das Andienen Heideggers an den Nationalsozialismus ist am besten in seiner Freiburger Rektoratsrede von 1933 belegt und zuletzt in der Auswertung der Schwarzen Hefte untermauert worden. Sein Ablehnen eines rationalistischen Weltverständnisses und der abendländischen Geistestradition berauben ihn der bestehenden ethischen Koordinatensysteme und machen ihn so für antiliberales Denken ausbeutbar. Das verstellt den Blick auf sein Anliegen zur Überwindung von Entfremdung, der durchaus bedenkenswert ist.

Ernst Jüngers (1895-1998) Beitrag im Blick auf den Zustand der Entfremdung muss auf zwei Ebenen in den Blick genommen werden. Da ist zunächst seine Person und ihre Biographie, die von ihm selbst auf das sorgsamste instrumentiert wurde. Daneben steht das Substrat eines Männlichkeitsbildes, das sich aus seinem Willen zur Selbstdarstellung und der Destillation eines Idealtypus des „deutschen Mannes“ aus einer heroischen Grundhaltung speist. Seine theoretischen Ausführungen bleiben dabei auch immer im Orbit des Persönlich-Biographischen. Für Jünger hat die moderne Gesellschaft mit ihrem Bemühen um Komfort (Dekadenz!), Sicherheit (Monotonie!) und Konfliktvermeidung (ereignislos!) den Zugang zum „Elementaren“ verloren. Die Lösung sucht er in heroischer Haltung, der todesmutigen Konfrontation mit der Gefahr. Der Krieg gilt ihm als elementares Naturschauspiel. In der Zwischenkriegszeit wurde er so zum Abziehbild eines zu sich gekommenen heroischen „deutschen Mannes“, der sich für einen Gutteil der geistigen Wiederbewaffnung in den Vortagen der Nazidiktatur verantwortlich zeichnen darf. Jüngers Texte und seine Biografie bildeten bis dahin eine derartige Steilvorlage eines souveränen Herrenmenschen, dass die Nationalsozialisten ihn nur zu gern als Prototyp des neuen „deutschen Mannes“ propagierten – als einen, der zu verloren geglaubter Männlichkeit zurückkehrt, aus der Fremdbestimmung und der Entfremdung seiner Natur auftaucht und heroische Geschichte schreibt. Diese Eindimensionalität wird Jünger nicht gerecht. Bald ging er zum Nationalsozialismus auf Distanz. Dennoch bildet das Heroische einen großen Anteil seiner Persönlichkeit und wird bis heute in antiliberalen Kreisen in Beschlag genommen.

Auf der Folie auch dieser Denker propagiert die Neue Rechte eine Rückkehr zu spezifisch „deutschen Werten“, einem unvermischten deutschen Volkskörper als Teil des propagierten Ethnopluralismus, eine Überwindung der postheroischen Haltung des deutschen Mannes und überhaupt die Besinnung auf klassische Geschlechterrollenzuweisungen. Große Teile der Entfremdungserfahrung moderner Gesellschaften werden von der Neuen Rechten als Folge der Entfremdung der Deutschen von sich selbst gedeutet. Für diesen Zustand wird die Fremdbestimmung „deutscher Kultur“ durch raumfremde Mächte (Carl Schmitt) verantwortlich gemacht. Dabei wird die heutige Mangelerfahrung auf die Vergangenheit projiziert und ein völkisch reiner Urzustand imaginiert, von dem die Deutschen entfremdet seien. Im völkischen Antikapitalismus, der eine raumorientierte Wirtschaftspolitik propagiert, sehen wir eine weitgehende Übernahme der Argumente Marxens. Auch bei Karl Marx findet sich Beispielsweise die Favorisierung einer nationalen Wirtschaft und den Verzicht auf die Einfuhr und Verarbeitung von Rohstoffen aus dem Ausland.

Als aktuelle antiliberale Antwort der Neuen Rechten auf die vorgebliche Entfremdung des deutschen Volks wird ein politischer Systembruch propagiert. Politiker wie Björn Höcke (AfD) gehen davon aus, dass das deutsche Volk in seiner jetzigen Verfasstheit von sich selbst entfremdet ist. Er übt Kritik an Ichbezogenheit, Technisierung, Konsumismus und dem allgemeinen Verlust von diffus beschriebenen „deutschen Werten“ (Nie zweimal in denselben Fluss, Lüdinghausen und Berlin 2018). Den diagnostizierten Zerfall der Gesellschaft lastet er Liberalismus und Universalismus und damit Werten der Aufklärung an. Die liberale Demokratie will er deshalb überwinden.

Mit der Wiederverzauberung der Welt (Ebd., S. 163) als Programm hofft Höcke, mit dem Verweis auf die Heimatliebe und einer Gemengelage aus Antiparlamentarismus, Rückbesinnung auf einstige Größe und eine politische Einheit, die sich zuerst aus dem Volksgedanken und der Volkseinheit ableitet, einen Weg aus der Entfremdung zu weisen.

Als Fortsetzung der Religion mit ästhetischen Mitteln sitzt Höcke hierbei einer Form Politischer Theologie auf, wie sie von Carl Schmitt durchdekliniert wurde und entleiht sich einen Naturbegriff, wie er etwa bei Hans Blüher und in der Blut und Boden-Metaphorik zu finden ist. Es finden sich Parallelen zum Neopaganismus und zur Ariosophie. Auch der Wunsch nach einer Beschränkung des politischen Handelns allein auf den nationalen Horizont ist bereits in der völkerrechtlichen Großraumordnung Carl Schmitts angelegt und betreibt eine Komplexitätsreduzierung, die den Erfordernissen einer globalisierten Welt und den anstehenden, die Menschheit betreffenden, Zukunftsentscheidungen nicht gerecht werden will.

Die Diagnose der Entfremdung bei Götz Kubitschek kommt inhaltlich zu einer vergleichbaren Grundhaltung wie Höcke, enthält sich aber einer naturmystischen Aufladung der Szenerie. Die Widernatürlichkeit der Situation würde allgemein gespürt werden und nur durch Konsumismus und warme Wohnzimmer gedeckelt. Kubitschek versteht es dabei, die großmaßstäbliche politische Dimension leer zu lassen und stattdessen eine Haltung der Provokation und Übertretung zu propagieren, die sich etwa am Konzept der Zelle, oder aber einem individuellen Entwurf zur Lebensführung orientiert. Dieses Lebenskonzept entzieht sich dem entfremdeten Leben, verlässt die Komfortzone zugunsten der Authentizität, generiert sich heroisch und spontan. Entlang seiner Gegenwartsbeschreibung als Phase des Vorbürgerkriegs richtet sich Kubitschek vornehmlich an ein Publikum, das sich seiner Entfremdung im Sinne der Neuen Rechten bewusst und für Handlungsanleitungen zur Überwindung von Duldung und Zögern dankbar ist. Insofern er die Gesellschaft im Vorbürgerkrieg gehalten sieht, empfiehlt er Nonkonformität, Provokation sowie gezielte Regelverstöße als politische Kunst, wie er sie in Aktionen der „Identitären Bewegung“ sicher vorbildlich ausgeführt sieht, um den gesellschaftlichen Zustand einem Kipppunkt näher zu bringen und Mitstreiter zu rekrutieren.