Blutiger Kampf gegen das Weibliche

Klaus Theweleit. Foto: Schorle/Wikipedia, CC BY-SA 4.0

Vor mehr als 40 Jahren veröffentlichte Klaus Theweleit mit „Männerphantasien“ eine Untersuchung über die psychologischen Ursachen des Nationalsozialismus, die bis heute aktuell ist. Nun wurde das Buch neu verlegt und durch ein umfangreiches Nachwort ergänzt. Eine Rezension.

Es ist ein Brocken, immer noch. Noch mehr vielleicht sogar als vor mehr als 40 Jahren, als „Männerphantasien“ zum ersten Mal erschien. Und nicht nur, weil Klaus Theweleit dieser Neuauflage ein umfangreiches Nachwort hinzugefügt hat. Nein, diese mehr als tausend Seiten, die die psychologischen Ursachen des „Tausendjährigen Reichs“ klären wollten, sind heute womöglich noch schwerer zu verdauen. Nicht, weil sie schwer zu lesen wären, sondern weil die Zeiten andere sind und die Analyse noch aktueller, ja bedrohlicher.

Damals 1977 und 1978, als jeweils der erste und zweite Band der „Männerphantasien“ erschienen, war die Bundesrepublik eine kommode, wohl geordnete Gesellschaft, die in der Folge von 1968 langsam begonnen hatte, ihr faschistisches Erbe aufzuarbeiten. Theweleit gab dazu vor allem den Linken, den Post-68ern, den ehemaligen Spontis und angehenden Sozialkundelehrern ein vollkommen neues Rüstzeug an die Hand, indem er den Nationalsozialismus im Speziellen und den Faschismus im allgemeinen nicht – wie bis dahin nahezu exklusiv üblich – historisch oder ökonomisch zu erklären versuchte, sondern mit vor allem psychoanalytischen Mitteln.

Dazu analysierte Theweleit die Selbstzeugnisse der Soldaten jener Freikorps, die in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg die Arbeiteraufstände und Räterepubliken blutig niedergeschlagen hatten. Er studierte Romane, Autobiografien, Tagebücher – und las sie eben nicht, wie es Historiker vor ihm getan hatten, als Primärquellen auf Fakten hin, denn Fakten waren in dieser meist der Propaganda dienenden Literatur eh kaum vorhanden. Theweleit nahm die zum großen Teil unerträglichen Selbstbeweihräucherungen, das Blut-und-Boden-Geschwafel aber trotzdem ernst, ernster als es jemals zuvor jemand genommen hatte, als Zeugnis der Psyche des, wie er ihn nennt, „soldatischen Mannes“. Denn, so fasst es Theweleit in seinem neuen Nachwort selbst zusammen: „Faschismus ist keine Ideologie. Faschismus ist eine zerstörerische Art und Weise, die Realität herzustellen.“

Die Freikorps erleiden zwar mit dem gescheiterten Kapp-Putsch 1920 und spätestens mit dem ebenfalls nicht erfolgreichen Hitler-Putsch 1923 scheinbar eine Niederlage. Aber in diesen fünf Jahren hatten sie die ideologischen und zum Teil auch systemischen Grundlagen für 1933 gelegt, um sich dann selbst zu den „ersten Soldaten des Dritten Reichs“ ernennen zu können. Die Psychologie des soldatischen Mannes setzt sich schließlich durch, führt zur sogenannten Machtergreifung und zum Untergang der Weimarer Republik.

Diese Psychologie funktioniert – sehr verkürzt – so: Der „Freikorpskiller“, der faschistische Mann generell, muss die weiblichen Anteile in sich selbst, Leidenschaft, Erotik, Weichheit, vor allem auch die sexuelle Lust eliminieren, um den eigenen, nur „fragmentierten Körper“ wieder als Ganzes erfahrbar zu machen. Mit Hilfe der Aufspaltung in Hure („Spartakistenweiber“ oder „Kommunistenfotzen“) und Heilige (die keusche Gräfin, die edle Mutter, die unantastbare Schwester des Kameraden), die Theweleit bis zu Homers „Ilias“ zurückverfolgt, wird der eigentliche Feind identifiziert: Das Weibliche, das nicht mehr nur Objekt sein will, das für Lust, Freiheit und Vaterlandslosigkeit steht – und deshalb ruhig umgebracht werden kann.

Folgerichtig ist „Männerphantasien“ auch ein feministisches Standardwerk. Denn Theweleit weist nach: Kapitalistische, hierarchische Gesellschaften sind auch immer Gesellschaften, in denen Frauen geopfert werden. Das Frauenopfer sichert die Herrschaft der, heute würde man sagen: alten weißen Männer gegenüber dem revolutionären Sturm und Drang der unterdrückten Klassen, jungen Männer, unterjochten Völker und – eben – Frauen.

Der Faschismus liefert für diesen blutigen Kampf gegen das Weibliche weniger die Motivation als eine ideologische Ausrede und verspricht zudem Straffreiheit. Die Rettung Deutschlands vor der „roten Flut“ ist nur ein Vorwand zu töten, um sich selbst zumindest in diesem, in der Freikorpsliteratur oft als tranceartig beschriebenen Moment wieder als Ganzes zu fühlen.

In den „Männerphantasien“ geht Theweleit dieser Psychologie nach mit damals – und auch heute noch – für den akademischen Betrieb ungewöhnlichen Methoden. Dermaßen ungewöhnlich, dass Theweleit heute behaupten kann, dass sein Buch, längst eines der grundlegenden Werke der Männerforschung, eigentlich ein Kunstwerk ist. Denn zwar war „Männerphantasien“ die Ausarbeitung und Fortschreibung seiner Doktorarbeit über die Freikorpsliteratur, aber eben, wie er im neuen Nachwort gesteht, „immer auch Autobiografie, verborgen in der Hülle einer Dissertation“, weil Theweleit seine eigene Familiengeschichte, seinen schlagenden Vater als Teil seines Forschungsgegenstandes verstand. Und weil Theweleit als SDS-Aktivist in den späten Siebzigerjahren eine akademische Laufbahn sowieso versperrt geblieben wäre, schrieb er von vornherein weniger für Lehrstuhlinhaber, sondern für die Öffentlichkeit.

Und bei der schlug das Buch ein, wie es vermutlich noch nie ein Buch mit solchem Anspruch, solcher intellektueller Tiefe und, ja auch, einer solchen Länge getan hatte. Die 68er hatten sich ausführlich an ihren Nazi-Eltern abgearbeitet, am Abendbrottisch, auf der Straße und in den Lehrsälen, in wissenschaftlichen Arbeiten, in Filmen und in Romanen. „Männerphantasien“ führte das alles zusammen und gab ihm nicht nur eine zeitgemäße, postmoderne Form, sondern auch neue Ideen und gewagte Denkansätze. „Was das Buch zuallererst entwickeln wollte, war ein anderer Ton“, schreibt Theweleit im Nachwort der Neuauflage, ein Ton wie der von John Coltrane auf dem Saxophon, einen neuen Rhythmus wie der von Charlie Mingus und seinem Bass.

Dazu gehörte, dass Theweleit immer wieder seine Frau Monika Kubale zu Wort kommen ließ, die als Kinder-Psychologin viel zur theoretischen Grundlage der „Männerphantasien“ beitrug. Dazu gehörte ein assoziatives Schreiben, das Theweleit in seinen späteren Werken, allen voran den drei Bänden des „Buch der Könige“, zum scheinbar freien, intellektuell abenteuerlichen Flottieren der Gedanken weiter trieb. Dazu gehörte, dass „Männerphantasien“ nicht nur aus Wörtern besteht, sondern Hunderte von Fotos, Gemälde und andere Abbildungen im Text verteilt sind, die eben nicht – oder nur im seltenen Fall – den Text bebildern, sondern weitere Assoziationen auslösen, neue Denkrichtungen eröffnen.

Darauf musste man (vor allem: Mann) sich erst einmal einlassen. Dann fanden es viele konfus, andere genial. Viele erkannten den Vater wieder, Frauen den eigenen Lebensgefährten, einige Männer sogar sich selbst. Kaum ein sich links verstehender Mann, der die „Männerphantasien“ nicht im Regal stehen hatte; beim Spiegel rezensierte der Herausgeber Theweleits Werk höchstselbst auf acht Seiten. Kaum eine Feministin, die bei Theweleit nicht Munition fand – außer Alice Schwarzer, deren „Emma“ das Buch, so behauptete Theweleit jedenfalls kürzlich in einem Interview, bis heute ignoriert. Das Buch wurde vielleicht nicht immer gänzlich durchgearbeitet, aber an WG-Küchentischen ebenso diskutiert wie in Studierzirkeln. Das konnte auch deshalb gelingen, weil Theweleit sich um eine verhältnismäßig einfache, eher am amerikanischen Wissenschaftsbetrieb orientierte, unakademische Sprache bemühte, weil er fröhlich nicht nur viele der verfügbaren wissenschaftlichen Diskurse, Literaturwissenschaft, Soziologie und Philosophie, Sexualgeschichte, Kulturwissenschaft und die Psychoanalyse natürlich, anzapfte, sondern auch die Künste. „Männerphantasien“ war mehr als nur Buch, war ein utopisches Projekt, das Grenzen einreißen wollte, Genregrenzen, Grenzen zwischen Wissenschaft und Populärkultur, Geschlechtergrenzen.

Ein Projekt, das sich zudem dem Zeitgeist entsprechend als diskursiv verstand. Auch wenn Theweleit die inflationäre Verwendung des Begriffs Diskurs heute beklagt, hatte er doch die damals extrem angesagten modernen französischen Denker gelesen, Deleuze und Guittari, Foucault natürlich, und selbstverständlich kann man „Männerphantasien“ auch verstehen als zwar hoffnungslosen, aber lachend um diese Hoffnungslosigkeit wissenden Versuch, Ordnung in die vielen widerstreitenden Diskurse der damaligen Zeit zu bringen.

Dass sich die Zeiten verändert haben, macht diesen Versuch heute vielleicht sogar noch wertvoller. Denn heute kann man die „Männerphantasien“ aufschlagen – gern auch einfach mittendrin, denn so, nicht immer stringent, aber dafür gedankenabenteuerlich, sind sie geschrieben – und schnell Schnittpunkte mit dem Heute finden. Eine Tatsache, die natürlich dem Autor selbst auch nicht verborgen geblieben ist. Schon 2015 hat er in „Das Lachen der Täter“, anknüpfend an seine Dissertation, die Breiviks und deren „Tötungslust“ beschrieben. Im neuen Nachwort zu den „Männerphantasien“ erklärt er nun, inwiefern der Attentäter von Christchurch aus dem März 2019, die Mörder von NSU bis IS und andere Terroristen dieselbe psychologische Struktur wie die Freikorpskiller besitzen, er zitiert aus einer Parteitagsrede von Björn Hocke und beschreibt, dass die neuen Nazis das Internet genauso freudig für sich erobern wie die originalen einst das Radio. „Männerphantasien“, so Theweleit, sollte „zeigen, dass, wer in Deutschland 1920 oder 1930 ‚Kultur‘ sagt oder ‚Nation“ sagt, damit auch ‚Mord“ sagt“. Ein Satz, der auch 2019 noch gültig ist.

Denn Theweleit mag dem soldatischen Mann auf die Schliche gekommen sein, heute sitzt der faschistische Typus für rechtspopulistische Parteien – und das nicht nur in Deutschland – in Stadträten, Parlamenten und auf Präsidentensesseln. Die Neue Rechte, schreibt Theweleit, „tönt in vieler Hinsicht ähnlich, wie die in ‚Männerphantasien‘ beschriebene Freikorps- und Nazi-Rechte“. Auch Fake News haben die Freikorpssoldaten damals schon als Kampfbegriff erfunden. Die Übertragung ins Heute hat natürlich auch ihre Grenzen: Die Incel-Kultur und andere neuere Phänomene der „Manosphere“ lassen sich nicht immer exakt erklären mit dem psychologisch-philosophischen Werkzeug, das Theweleit damals entwickelt hat, aber man kann ihnen doch ein gutes Stück näher kommen. Es lohnt sich also, auch heute noch einmal den Brocken zu wälzen.

 

Klaus Theweleit: Männerphantasien, Matthes & Seitz, 1278 S., 42,- Euro